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Streit beigelegt: Weihnachten kann am Istanbul Lisesi nun doch stattfinden – AKP-Politiker wirft deutschen Lehrern trotzdem „Propaganda“ vor

ISTANBUL. Die Kontroverse um Weihnachten an einem deutsch-türkischen Gymnasium hat die Emotionen in Deutschland hochkochen lassen. Nun steht fest: Weihnachten wird nicht aus dem Unterricht verbannt. Ein prominenter Abgeordneter der Regierungspartei AKP gießt aber weiter Öl ins Feuer.

Der Weihnachtsstreit am Istanbul Lisesi schlägt in Deutschland hohe Wellen. Foto: Jeremy Vandel / Flickr (CC BY 2.0)

Der Weihnachtsstreit am Istanbul Lisesi schlägt in Deutschland hohe Wellen. Foto: Jeremy Vandel / Flickr (CC BY 2.0)

Im Streit um Weihnachten an der deutsch-türkischen Elite-Schule Istanbul Lisesi kann das christliche Fest nun doch im Unterricht behandelt werden. «Nach gemeinsamer Sitzung zwischen der türkischen Schulleitung und der Leitung der Deutschen Abteilung kann ich Ihnen mitteilen, dass kein Verbot „Weihnachten“ im Unterricht zu besprechen vorliegt», hieß es am Montag in einer E-Mail der deutschen Abteilungsleitung an die Lehrer. Berichte über ein Weihnachtsverbot an dem von Deutschland geförderten Gymnasium hatten in der Bundesrepublik einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Kein formelles Weihnachtsverbot

Die Kontroverse geht auf ein Schreiben der türkischen Schulleitung an die Leitung der deutschen Abteilung vom vergangenen Dienstag zurück, das der dpa vorliegt. Die Schulleitung erlässt darin kein formelles Weihnachtsverbot. Sie fordert aber eine Erklärung dafür, dass «intensiv Geschichten über Weihnachten und das Christentum» im Unterricht behandelt würden. Zugleich könnten «Fragen von Schülern zu Vokabeln der türkisch-islamischen Zivilisation von den deutschen Lehrern nicht beantwortet werden». Der Direktor warnt mit Blick auf Weihnachten vor «Manipulationen» und erinnerte an «nationale moralische Werte» der Schule.

Die Leitung der deutschen Abteilung am Istanbul Lisesi schrieb daraufhin am selben Tag an die deutschen Lehrer: «Es gilt nach Mitteilung durch die türkische Schulleitung eben, dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird.»

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Der prominente Abgeordnete Mustafa Sentop von der Regierungspartei AKP warf den deutschen Lehrern «Missionierung» vor. «Missionierung in staatlichen Schulen kann nicht erlaubt werden», teilte der Vorsitzende der Verfassungskommission im Parlament auf Twitter mit. «Reißt euch zusammen. Das hier ist die Türkei. In einer Staatsschule kann die religiöse/politische Propaganda des deutschen Staates gegenüber Kindern dieses Landes nicht gestattet werden.»

Die Bundesregierung stellt die Entsendung deutscher Lehrer an die Schule trotz der Kontroverse nicht in Frage. Der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer, sagte, er gehe davon aus, dass an der traditionsreichen Schule auch in Zukunft im Unterricht über deutsche Weihnachtsbräuche gesprochen werden könne. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, der Fall eigne sich nicht als Ausgangspunkt für eine Debatte über die Türkei-Politik der Bundesregierung.

Vom Bildungsministerium ernannt

Die derzeit 35 deutschen Lehrer des Istanbul Lisesi werden von der Bundesrepublik entsandt und aus Steuermitteln bezahlt, was auf eine jährliche Förderung in Millionenhöhe hinausläuft. Das Elite-Gymnasium wird ausschließlich von türkischen Schülern besucht und ist eine staatliche türkische Schule, die aber zugleich als deutsche Auslandsschule anerkannt ist. Der türkische Schulleiter wird direkt vom Bildungsministerium in Ankara ernannt. Ihm untersteht der Leiter der deutschen Abteilung.

Grundlage der personellen Unterstützung durch die Bundesrepublik ist ein Zusatzvertrag von 1986 zum Kulturabkommen zwischen Berlin und Ankara, wonach Deutschland bis zu 80 deutsche Lehrer an bestimmte türkische Schulen entsendet. Das Kulturabkommen von 1957 besagt: «Die Vertragsparteien werden bemüht sein, sich gegenseitig dabei zu unterstützen, ihren Völkern die Kenntnis der Kulturgüter des anderen Landes zu vermitteln.»

Der deutsch-türkische AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroglu sprach von einem «totalen Versagen der Journalisten» in Deutschland bei dem Thema. Ein Weihnachtsverbot habe es nie gegeben. Zu den Reaktionen teilte er mit: «Man stelle sich mal die Empörungswelle vor, wenn in Bayern ein aus der Türkei entsandter Lehrer von einer rein christlichen Schülerschaft unterrichtsfremd erwarten würde, Ramadanlieder zu singen und islamisch/religiöse Themen nach der Vorstellung der Lehrer zu behandeln.»

Ein reines Missverständnis also? Dagegen spricht die Absage der Teilnahme des Schulchors am Weihnachtskonzert im deutschen Generalkonsulat am vergangenen Dienstag. Nachdem Tage später die Weihnachts-Kontroverse hochkochte, veröffentlichte die türkische Schulleitung am Sonntagabend eine Mitteilung. Dort heißt es, der Leiter der deutschen Abteilung habe gesagt, «dass er dieses religiöse Konzert nicht befürworte und für eine weltanschaulich neutrale Bildung sei». Das Konzert sei «seitens der zuständigen deutschen Lehrer aus für uns nicht nachvollziehbaren Gründen abgesagt» worden.

Die deutschen Lehrer sagen nach wochenlangen Proben die Teilnahme ihrer Schüler am Weihnachtskonzert ab – und brechen mit einer jahrelangen Tradition? Das wäre umso bemerkenswerter, da der Leiter der deutschen Abteilung und seine Stellvertreterin das Konzert im Generalkonsulat besuchten, das dann ohne ihre Schüler stattfinden musste. Die deutsche Sicht der Dinge ist denn auch eine andere.

Aus Kreisen der deutschen Lehrerschaft heißt es, die türkische Leitung habe sich angesichts der Teilnahme an einer christlichen Veranstaltung «besorgt um den Ruf» der Schule gezeigt. Schüler seien für Proben nicht vom Unterricht freigestellt worden. Am Ende sei die Teilnahme zwar nicht untersagt worden. Das Konzert mit dem Chor – einer im Schulprogramm verankerten Arbeitsgemeinschaft – sei aber zu einer außerschulischen Veranstaltung deklariert worden, und zwar ohne Versicherungsschutz. Deswegen hätten die deutschen Lehrer schließlich erklärt, dass die Teilnahme aus ihrer Sicht nicht möglich sei.

Deutsche Lehrer des „Istanbul Lisesi“ bestätigten „Spiegel online“ zudem, dass es Anweisungen gegeben habe, auf Weihnachtslieder und Adventsfeiern verzichten – ebenso die Aufforderung, Adventskalender aus den Räumen in der Schule zu entfernen. Da es ein Verbot für alle Lehrer gebe, mit der Presse zu sprechen, wollte niemand namentlich genannt werden.

News4teachers / mit Material der dpa

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