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Umfrage: Nur die Hälfte der Jugendlichen empfindet das Schulsystem als gerecht

ESSEN. Um die Chancengleichheit im deutschen Bildungswesen steht es nach Meinung von Schülern schlecht. Auch hinsichtlich der Integrationsfähigkeit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund überzeugt das Schulsystem nur eine Minderheit, allerdings gibt es Fortschritte. Diese beiden zentralen Ergebnissen einer aktuellen Umfrage flankieren allerdings Befunde, die zunächst paradox anmuten: So empfinden gerade diejenigen mit geringem Bildungsgrad weniger Ungerechtigkeit. Zugleich schätzen fast 90 Prozent den Einfluss der Eltern auf die eigenen Bildungschancen als hoch ein, doch nur etwa jeder Dritte glaubt, dass die Herkunft großen Einfluss habe.

Mehr als die Hälfte der befragten 14- bis 21-Jährigen glauben nicht an Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem (52 Prozent). Das entspreche in etwa dem Vorjahreswert, so die Autoren der Studie, erstellt im Auftrag des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft, der SOS-Kinderdörfer weltweit und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Dabei variieren die Einschätzungen deutlich. Besonders jüngere Befragte mit geringerem Bildungsgrad zeigen sich weniger skeptisch. So schätzen mehr als zwei Drittel der Haupt- und Realschüler die Bildungschancen aller als gleich ein.

Die Jugendlichen in Deutschland gehen bei der Flüchtlingsintegration mit gutem Beispiel voran, findet SOS-Kinderdörfer-Vorstand Wilfried Vyslozil, angesichts der Umfrageergebnisse. Foto: Metropolico.org /flickr CC BY-SA 2.0)

Die Jugendlichen in Deutschland gehen bei der Flüchtlingsintegration mit gutem Beispiel voran, findet SOS-Kinderdörfer-Vorstand Wilfried Vyslozil, angesichts der Umfrageergebnisse. Foto: Metropolico.org /flickr CC BY-SA 2.0)

Entscheidend für die eigenen Bildungschancen sind aus Sicht der Jugendlichen vor allem die eigene Motivation (92 Prozent), die Zuwendung und Unterstützung der Eltern (88 Prozent) sowie die Qualität der Schule und Lehrer (87 Prozent). Dass die Herkunft einen großen Einfluss hat, glauben hingegen nur 31 Prozent der Befragten.

Hinsichtlich der Integrationsfähigkeit des Schulsystems wächst angesichts der Erfahrungen mit der Flüchtlingsintegration offenbar das Vertrauen der Jugendlichen. Allein im vergangen Jahr galt es im Rahmen der Flüchtlingskrise rund 300.000 Kinder in deutschen Schulen aufzunehmen. Dass das Bildungssystem gut auf diese Herausforderung vorbereitet ist, glauben mittlerweile 37 Prozent der Befragten. Das sind mehr als noch im Vorjahr (24 Prozent). Auch, wenn der Großteil noch immer nicht von den Integrationsbemühungen der deutschen Schulen überzeugt ist, zeige diese Steigerung, dass sie eine bessere Integrationsarbeit leisten als ihnen zugetraut wurde. Dabei seien besonders die Lehrkräfte gefragt.

Schüler glauben deutlich häufiger an die Integrationsfähigkeit des Bildungssystems (43 Prozent) als Erwerbstätige (28 Prozent) und Studenten (28 Prozent). In der Gruppe der Haupt- und Realschüler zeigt sich der größte Vertrauenszugewinn: Über die Hälfte hält das deutsche Bildungssystem für gut oder sogar sehr gut vorbereitet (56 Prozent). Das sind 21 Prozentpunkte mehr als in 2015. Während noch im Vorjahr insbesondere Befragte mit Migrationshintergrund und vielen ausländischen Mitschülern dieser Meinung waren, zeigen sich heute alle Jugendlichen gleich zuversichtlich.

„Die Resultate zeigen, dass wir auf einem guten Weg sind. Allerdings dürfen wir in unseren Bemühungen auf bessere Bildungschancen auch weiterhin nicht nachlassen“, sagt Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes. Die Befragten, die Kritik äußerten, nannten hierfür konkrete Verbesserungsvorschläge. Der häufigste: ein höherer Betreuungsschlüssel (32 Prozent). Jeder Vierte sieht zudem einen Bedarf bei der Schulung von Lehrkräften im Umgang mit Flüchtlingskindern – 14 Prozentpunkte mehr als 2015. Zusätzliche Sprachförderung für Schüler mit Migrationshintergrund halten lediglich 18 Prozent für relevant.

Wenig Verbesserungsbedarf scheint es in Bezug auf das Miteinander an deutschen Schulen zu geben. Die überwiegende Mehrheit gab an, gut oder sehr gut mit ihren Mitschülern mit Migrationshintergrund auszukommen (89 Prozent). Wilfried Vyslozil, Vorstand der SOS-Kinderdörfer weltweit: „Die Jugendlichen in Deutschland gehen mit gutem Beispiel voran. Toleranz und Weltoffenheit sind zentrale Voraussetzungen für mehr Bildungschancen – hier und weltweit.“ Auch die Kommunikation in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram trägt zum interkulturellen Austausch bei. So nutzt mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) Social Media, um mit Menschen aus anderen Ländern oder Kulturkreisen in Kontakt zu sein. Jeder Vierte ist sogar Mitglied in einer speziellen Gruppe, in der sich Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. (pm)

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18 Kommentare

  1. Zitat: „Entscheidend für die eigenen Bildungschancen sind aus Sicht der Jugendlichen vor allem die eigene Motivation (92 Prozent), die Zuwendung und Unterstützung der Eltern (88 Prozent) sowie die Qualität der Schule und Lehrer (87 Prozent). Dass die Herkunft einen großen Einfluss hat, glauben hingegen nur 31 Prozent der Befragten.“

    Ich ergänze den Satz noch durch die genetische Veranlagung. Wieso sind die Jugendlichen realistischer als die ganzen linksgrünen Einheitsschul-AbiturFürAlle-Befürworter?

    • Weil es das Abitur – gemeint ist die AHR – nicht gibt.
      Gesamtschulen bieten die Möglichkeit innerhalb einer Schulform die AHR zu erwerben, das heißt aber noch lange nicht, dass das von allen SuS auch erreicht wird.

      Sie verwechseln die generelle Möglichkeit (Chancengerechtigkeit) mit der individuellen Möglichkeit, die von den Faktoren abhängt, die die Jugendlichen klar benennen. Die Tatsache, dass jedem die Möglichkeit eingeräumt wird, heißt eben nicht, dass diese Möglichkeit auch Realität wird. Ferner ist anzumerken, dass ein erheblicher Teil der Schülerschaft einen höherwertigen Abschluss erreicht als ihm am Ende der Grundschulzeit vorausgesagt worden ist.

      Prognosen sind eben immer dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen.

    • Ja, die Jugendlichen sind in ihrer Sicht tatsächlich realistischer als die ganzen “ Einheitsschul-AbiturFürAlle-Befürworter“.
      Dass sie nur zu 31Prozent in ihrer Herkunft einen großen Einflussfaktor auf die Bildungschancen sehen, grenzt an ein Wunder, wenn man die ständigen Schuldzuweisungen der Bildungsexperten und -journalisten an das so „ungerechte“ Schulsystem bedenkt, das die Herkunft der Schüler angeblich zum Entscheidungsfaktor Nr.1 und überragenden Kriterium für Erfolg und Nicht-Erfolg macht.

      Chancengleichheit bedeutet nicht, wie „dickebank“ ganz richtig sagt, dass jedem Schüler das Abitur garantiert wird, sondern dass ihm die Möglichkeit gegeben wird, es zu erlangen. Ein bisschen anstrengen muss er sich dafür schon selbst.
      Wahre Chancengleichheit schließt eigene Anstrengung und Verantwortung nicht aus, sondern ein. Dieser Aspekt kommt mir bei dem ganzen Gedöns um Gleichheit und Gerechtigkeit viel zu kurz.

  2. Fähigkeiten/Intelligenz und sonst noch andere tolle Dinge sind in der Gesellschaft Normalverteilt. Viele wollen das nicht wahrhaben und propagieren deswegen lieber den Einheitsbrei für alle. Aber nicht mit mir. Ich lasse mir das nicht mehr länger gefallen.

    • bei den heutigen Abiturquoten (Zielwert 50-60%) reicht schon ein IQ von 90 oder maximal 95 aufwärts. Die Lehrpläne und die Abituraufgaben werden den Vorgaben angepasst, die Universitäten müssen mit dementsprechend vielen eigentlich ungeeigneten Studenten umgehen (lernen). Sie werden sie wahrscheinlich und vollkommen zurecht hauptsächlich aussieben. Wir Lehrer können das nicht und schaffen das auch nicht, wenn wir uns an den Lehrplan halten.

      • @ XXX: Also, an den allgemeinbildenden Gymnasien in BaWü muss jede/r pflichtmäßig in Deutsch, Mathematik, einer Fremdsprache und einem weitern Fach ins schriftliche Abitur gehen. Dazu kommt noch ein mündliches Prüfungsfach und in der Sprache eine Konverstionsprüfung, bei Kunst, Musik und Sport zusätzlich praktische Prüfungen. Hier ein Hinweis auf das Matheabi:
        file:///C:/Users/Pocahonta/AppData/Local/Microsoft/Windows/INetCache/IE/I1OKKVFO/Ãœbersicht_Abituraufgaben_2004_bis_2016.pdf

        Wie es in den beruflichen Gymnasien aussieht, weiß ich nicht.

        • Nachtrag: Ablauf der schriftlichen Abiturprüfung 2017 und 2018

          ##Die Prüfungszeit beträgt 270 Minuten.
          ##Im Wahlteil wird die bisher zugelassene Formelsammlung durch eine Merkhilfe ersetzt (siehe Download-Liste oben)
          ##Der Lehrer erhält für den Pflichtteil 1 Aufgabensatz – bestehend aus ca. 7 kleineren Aufgaben der Analysis, Analytischen Geometrie und der Stochastik. Der Lehrer hat keine Wahlmöglichkeit. Es ist damit zu rechnen, dass die Analysis ca. 10 VP, die Analytische Geometrie ca. 8 VP und die Stochastik ca. 2 VP umfassen wird.
          ##Der Lehrer erhält für den Analysis – Wahlteil 2 Aufgabenvorschläge und wählt einen davon aus. Hier können 20 VP erzielt werden.
          ##Der Lehrer erhält für den Geometrie – Wahlteil 2 Aufgabenvorschläge und wählt einen davon aus. Hier können 10 VP erzielt werden.
          ##Der Lehrer erhält für den Stochastik – Wahlteil 2 Aufgabenvorschläge und wählt einen davon aus. Hier können 10 VP erzielt werden.
          ##Der Schüler erhält zu Beginn alle Aufgaben (Pflichtteil und Wahlteil). Er bearbeitet zunächst den Pflichtteil ohne Hilfsmittel. Dann gibt er den Pflichtteil ab und erhält die Hilfsmittel (Taschenrechner und Merkhilfe) für den Wahlteil.
          ##Insgesamt können 60 Verrechnungspunkte in der Prüfung erzielt werden, 20 Punkte im Pflichtteil und 40 im Wahlteil.

          • aufgabenanzahl und zeiten sagen natürlich nichts über das niveau aus. letzteres wird der creme leider immer ähnlicher. das verbot der formelsammlung und des gtr ist zumindest ein schritt in die richtige Richtung.

          • file:///C:/Users/Pocahonta/AppData/Local/Microsoft/Windows/INetCache/IE/YPX0C0DK/Musteraufgaben_2017.pdf

            …vielleicht hier

          • Nicht wirklich, weil falscher Link. Die Musteraufgaben für 2019 habe ich aber anderweitig gefunden. NRW kann nahezu mithalten, wenngleich die ganz-rationalen Funktionen aus NRW durch einfache gebrochen-rationale bzw. trigonometrische Funktionen ersetzt wurden. Wenigstens ist die Pseudo-Modellierung nicht so extrem ausgeprägt wie in NRW.

          • @mississippi: Soll das mit den Links witzig sein? Das ist ein Diskussionsforum, da muss man nicht unbedingt andere verarschen (weshalb auch immer).

          • war wohl eher ein versehen, weil er sich die datei heruntergeladen hat.

          • Aus meiner Sicht ist es dann aber grenzwertig, gleichzeitig Mathelehrer und digitaler Analphabet zu sein. Das schreit ja nun wirklich nach einer Fortbildung.

  3. Diese Umfrage berücksichtigt eine ganz entscheidende menschliche Komponente nicht: Es ist schön einfach, die Schuld für mangelnden schulischen Erfolg „dem System“ zu geben und nicht der eigenen Faulheit oder Unfähigkeit.

    • @KüstenFuchs: Das sollte nicht witzig sein und ich wollte auch niemanden verarschen. Das mit den links hat nicht geklappt. Ich wollte eigentlich nur sagen, dass ich nicht finde, dass im Abitur nichts mehr verlangt wird. Ich musste z.B. in Mathematik überhaupt keine Prüfung machen, weil ich nur in den Leistungskursen und im mündlichen Prüfungsfach Abiturprüfungen hatte. das ist heute anders (hier zumindest). Und die Anforderungen finde ich nicht so unter Niveau, wie hier immer getan wird. Bei uns machen auch nicht 50-60% eines Jahrgangs Abitur. Aber vielleicht ist das ja woanders anders.

  4. Gab es eigentlich vor 30 Jahren auch Umfragen dazu, wie gerecht das Schulsystem empfunden wurde? Was sagten die Schüler damals, oder was hätten sie gesagt? Nur so zum Vergleich.

    • An solche Umfragen kann ich mich nicht erinnern, Ihre Frage aus realem Rückblick also nicht beantworten.

      Was sie gesagt HÄTTEN, geht da schon eher. Meiner Meinung nach wären sie irritiert gewesen, hätten mit der Frage nichts anfangen können und verlegen dreingeschaut. Wahrscheinlich hätten sie zuerst etwas rumgedruckst und dann wissen wollen, was mit der Frage denn gemeint sei.
      Der eine oder andere hätte vielleicht auch gesagt, er fände die Hausaufgaben ungerecht oder dass ihn irgendein Lehrer strenger behandle als andere. Hier wäre die Frage im Sinne von „Was stört oder ärgert dich an der Schule?“ verstanden worden.

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