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Altmeister der Angstforschung geht in Rente – „Jeder neunte Bürger leidet unter Angst“

GÖTTINGEN. Wenn es um Angst geht, wird Borwin Bandelow gefragt. Der Göttinger Angstforscher und Psychiatrie-Professor hat das Thema populär gemacht.

Talkshows, Interviews, Podiumsdiskussionen – Borwin Bandelow hat längst aufgehört, die Zahl seiner öffentlichen Auftritte zu zählen. Spätestens seit er im Jahr 2004 das populärwissenschaftliche «Angstbuch» auf den Markt gebracht hat, ist der Psychiatrie-Professor und Angstforscher aus Göttingen ein gefragter Gesprächspartner. Er gibt Antworten bei terroristischen Anschlägen, Naturkatastrophen oder schweren Unglücksfällen und über deren Auswirkung auf das Seelenleben der Menschen.

Bandelow zähle «zu den am meisten interviewten Medizinern in Deutschland», schreibt die Göttinger Universitätsmedizin. Sie ehrt den Wissenschaftler am Freitag zum 65. Geburtstag und dem bevorstehenden Ruhestand mit einem wissenschaftlichem Symposium unter dem Motto: «Angst am Freitag, den 13». Seinen Geburtstag feierte er am 28. Dezember.

Das Thema «Angst» beschäftige ihn seit mehreren Jahrzehnten, sagt Bandelow. Als junger Arzt habe er bei der Arbeit in der psychiatrischen Ambulanz festgestellt, «dass etwa zwei Drittel der Patienten, die zu uns kamen, unter Angststörungen litten». Die Behandlungsmethoden seien damals noch wenig differenziert gewesen. Auch deshalb habe er begonnen, neue Verfahren für die Therapie krankhafter Ängste zu entwickeln.

Angststörungen seien eindeutig «die häufigste Erkrankung, mit der die Psychiatrie zu tun hat», sagt der Forscher, der auch ein fleißiger Schreiber ist. Inzwischen hat er zahlreiche Werke zu seinem Spezialgebiet veröffentlicht, unter anderem über Flugangst, den Umgang mit Schüchternheit oder Panik. «Etwa jeder neunte Bundesbürger leidet mindestens einmal im Leben unter einer Angststörung», sagt der verheiratete Familienvater. Krankhafte Angst sei damit «häufiger als Depressionen oder Alkoholabhängigkeit». Für die Betroffenen sei dies ein echtes Problem: «Menschen mit Panikstörungen bekommen wie aus heiterem Himmel einen Anfall mit Herzrasen, Zittern und Schwindel. Sie haben das Gefühl, dass sie keine Luft kriegen, einen Herzinfarkt bekommen oder gar und sterben müssen.»

Auslöser dafür sind nach Bandelows Worten zu jeweils etwa 50 Prozent Umwelt- und genetische Faktoren. «Angststörungen werden zum Teil vererbt», sagt der Forscher. «Betroffene fragen sich dann manchmal, warum bekomme ich so etwas, obwohl ich doch sonst keine Probleme im Leben habe.»

Im Prinzip sei Angst aber etwas ganz Natürliches und sehr Nützliches, sagt Bandelow. «Angst leitet uns elegant durchs Leben, jeden Tag. Wenn wir keine Angst hätten, wären wir schnell tot.» Wer sich zum Beispiel aufs Fahrrad setze und an der Ampel bei Rot nicht weiterfahre, mache das unbewusst vor allem aus Angst, dass ihm etwas passieren könnte. «Die Angst arbeitet meistens unbemerkt im Gehirn und leitet uns, ohne dass wir darüber nachdenken. Sie verhindert in der Regel, dass wir etwas Gefährliches machen», sagt Bandelow. Dabei sei die Grenze, ab der Angst krankhaft werde, schwer festzumachen».

Angstforscher Borwin Bandelow ist Professor für Angstforschung.

Angstforscher Borwin Bandelow ist – nach eigener Ausssage – eher der ängstliche Typ. (Foto: Cumin2/Wikimedia CC-BY-SA 4.0)

Terroristische Anschläge, Naturkatastrophen oder Unglücke wie Flugzeugabstürze führen nach Bandelows Erfahrung eher nicht zu Angststörungen. «Es gibt da einen Vier-Wochen-Rhythmus», sagt der Forscher. «Nach einem Anschlag, einem Unglück oder dem Auftauchen eines neuen Virus regt sich vielfach Angst in der Bevölkerung.» Diese Angst lege sich dann meistens aber nach vier Wochen. Sicher sei, dass «die Angststörungen der Patienten, die wir behandeln, nichts mit Terrorismus oder auch der Zahl der Flüchtlinge zu tun haben», sagt der Psychiater, der auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Angstforschung ist.

Von einem Angstforscher dächten «die Leute und besonders viele Journalisten, dass er gar keine Angst hat», sagt Bandelow. Er habe sich deshalb bei Fernseh-Interviews auch schon auf das Dach von Hochhäusern ohne Geländer oder auf einem Zehn-Meter-Turm im Freibad stellen sollen, obwohl im Becken kein Wasser war. «Oder ich sollte Vogelspinnen auf den Kopf nehmen», erinnert sich der Arzt. Geheuer seien ihm solche Dinge aber nicht. «Denn ich bin eher ein ängstlicher Typ.»

Angst vor dem nahen Ruhestand hat der in Göttingen geborene und aufgewachsene Sohn einer Bibliothekarin und eines Oberstudienrates allerdings nicht. Er werde weiter Bücher schreiben, Vorträge halten und Gutachten erstatten – natürlich über Angst. Matthias Brunnert, dpa

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