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Bildungsforscher Klemm: Es gibt eine Gruppe von Abgehängten – „die auszubilden, ist wirklich schwierig“

ESSEN. Das Kompetenzniveau bei den Ausbildungsanfängern ist insgesamt gestiegen, die Lage am Arbeitsmarkt ist gut. Doch die Ansprüche der Wirtschaft sind in den vergangenen Zeiten gestiegen. Noch immer fehlen manchen Jugendlichen nach der Schule grundlegende Kompetenzen. Immer noch finden Zehntausende Jugendliche keinen Ausbildungsplatz. Woran das liegt, erläutert der Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm im Interview.

Wieso schaffen jedes Jahr rund 80.000 Jugendliche den Schritt in die Ausbildung nicht?

Klemm: Man muss differenzieren. Wir haben Regionen, in denen es nach wie vor deutlich mehr Ausbildungsbewerber als -plätze gibt. Das gilt etwa für das Ruhrgebiet. Hier kommen auf einen Lehrstellensuchenden im Schnitt 0,7 Plätze. Da ist das Angebot einfach zu knapp. In München sieht das anders aus. Da kommen auf einen Suchenden im Schnitt 1,7 Plätze. In den Regionen mit zu wenigen Plätzen muss man schauen: Kann man die Wirtschaft mobilisieren, dass sie mehr Jugendliche ausbildet? Und wenn nicht: Kann man mehr überbetriebliche Ausbildungsplätze anbieten? Dann gibt es aber auch Jugendliche, die nach der Schule nicht genug können, um eine Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Hier muss man schauen: Was kann man zur Unterstützung machen?

Die meisten modernen Ausbildungsberufe stellen hohe Anforderungen. Die einfachen Berufe nehmen immer weiter ab. Foto: Karl-Heinz Laube / pixelio.de

Die meisten modernen Ausbildungsberufe stellen hohe Anforderungen. Die einfachen Berufe nehmen immer weiter ab. Foto: Karl-Heinz Laube / pixelio.de

Manche Betriebe klagen, Jugendliche seien nicht ausbildungsreif. Versagen die Schulen?

Klemm: Generell können wir nicht bestätigen, dass das Kompetenzniveau bei den Ausbildungsanfängern sinkt. Bildungsstudien wie PISA zeigen eher etwas anderes. Die Gruppe der Risikoschüler – das sind Jugendliche, die ein bestimmtes Kompetenzniveau nicht erreichen – ist in den letzten 15 Jahren nicht größer geworden, sondern kleiner.

Trotzdem beklagen manche Betriebe mangelnde Ausbildungsreife. Woran liegt das?

Klemm: Die Wirtschaft hat sich sehr daran gewöhnt, sich die besten Bewerber aussuchen zu können. Die Banken sagten irgendwann: Ich will nur noch Bewerber mit Abitur. Sie können aber auch Jugendliche mit einem anderen Abschluss ausbilden, wenn sie sich etwas bemühen. In vielen Fällen ist bei den Betrieben beim Ausbilden von Schwächeren Luft nach oben. Dann gibt es aber Jugendliche, die tatsächlich nicht ausbildungsfähig sind, weil sie zum Beispiel die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Die auszubilden, ist wirklich schwierig. Da ist unser Problem, dass die einfachen Berufe abnehmen.

Gibt es so etwas, wie eine abgehängte Gruppe am Arbeitsmarkt?

Klemm: Ja, wir haben Leute, die im Ausbildungssystem nicht erfolgreich sind. Sie schließen weder eine Ausbildung noch ein Studium ab. Manche sind tatsächlich lernschwach, anderen fehlt es an Eigenschaften wie Durchhaltevermögen, Verlässlichkeit und Pünktlichkeit. Diese Gruppe ist in hohem Maß gefährdet, sozial abgehängt zu werden. Sie hat ein großes Risiko, arbeitslos zu werden. Und wenn sie Arbeit hat, wird sie deutlich schlechter bezahlt. In der Gruppe der 20- bis 30-Jährigen gibt es etwa 1,2 Millionen Ungelernte. Viele von ihnen gehören zu dieser abgehängten Gruppe. Interview: Kristin Kruthaup, dpa

Zur Person

Prof. Klaus Klemm hat von 1977 bis zu seiner Emeritierung 2007 an der Universität Duisburg-Essen im heutigen Fachbereich Bildungswissenschaften gelehrt. Der Bildungsforscher war bis Ende 2006 Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der PISA-Studien. Außerdem war er an der Erstellung mehrerer Bildungsberichte beteiligt – zuletzt 2016.

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3 Kommentare

  1. Die Wirtschaft forderte Auszubildende mit Abitur, die Schulen liefern viele Abiturienten, die allerdings — oh Wunder — an die Uni gehen. Übrigens ist das Abitur nur eine Studierberechtigung. Mit Studierbefähigung oder Ausbildungsreife hat das nur entfernt zu tun. Der MSA ist aber auch nicht wirklich aussagekräftig.

  2. Herr Klemm scheint mir mit dem Unterschied zwischen absoluten Zahlen und Prozentsätzen zu spielen, um das darzustellen, was er haben will. „Ruhrgebiet. Hier kommen auf einen Lehrstellensuchenden im Schnitt 0,7 Plätze. “ Könnte das am Mangel an Arbeitsplätzen liegen?

    • Nein, die Zahl der Ausbildungsstellen ist ausreichend, – Es müssen nur eben viele, die kein Studium beginnen, aus dem Pott wegziehen, dann verbessert sich auch die Relation Ausbildungsstellen zu Bewerbern.
      Kommt noch hinzu, dass HK und IHK angehörige Betriebe oftmals Ausbildungsstellen melden, die lediglich auf dem Papier existieren, um den Markt zu testen. Kommt dann eine Bewerbung, die sich exorbitant von den anderen abhebt, dann …
      Ansonsten ist das wie bei den Stellenangeboten, viele dienen dazu den Markt zu beobachten.
      Warum Jugendliche ein Interesse daran haben könnten, nicht bei einer renomierten Firma eine Ausbildung zu starten sondern bei deren Personaldienstleistungsgesellschaft, ist mit ohnehin schleierhaft. Aber die Firmen können so vermelden, dass sie über Bedarf ausbilden.

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