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Flüchtlingskinder – Trotz aller Kritik: Auch das Modell “Willkommensklasse” kann funktionieren. Ortsbesuch in einer Gesamtschule

WIESBADEN. Verfehlen Willkommensklassen ihr Ziel, Flüchtlingskinder möglichst schnell zu integrieren? Eine aktuelle Studie, über die News4teachers berichtet hat, legt das nahe. Gestern haben wir dann einen Erfahrungsbericht eines Grundschullehrers gebracht, der mit der sofortigen Aufnahme von Flüchtlingskindern in den Regelunterricht gute Erfahrungen macht. Heute bringen wir einen Bericht aus Wiesbaden, der zeigt, dass auch das Modell “Willkommensklassen” durchaus funktionieren kann. Ortsbesuch an der Wiesbadener Riehl-Schule, einer Gesamtschule, an der Kinder vieler Nationen in sogenannten Intensivklassen gemeinsam Deutsch lernen. Mit Händen und Füßen – aber auch bei Gesprächen über ernste Themen. Und eine Zukunft in Deutschland.

Flüchtlingskinder zu unterrichten, stellt die Schulen vor große Herausforderungen. Foto: DFID / flickr  (CC BY 2.0)

Flüchtlingskinder zu unterrichten, stellt die Schulen vor große Herausforderungen. Foto: DFID / flickr (CC BY 2.0)

Der 14-jährige Montasar ist mit seiner Familie aus dem Irak geflüchtet. Seit neun Monaten lebt er in Deutschland. Inzwischen reichen seine Deutschkenntnisse schon eindeutig aus, um selbstbewusst von seinen Plänen für die Zukunft zu erzählen: «Ich liebe Fußball. Ich möchte Fußballer werden.» Profi wohlgemerkt. Auch seine zwölfjährige Klassenkameradin Lena aus Serbien hat sehr konkrete Ziele: Immobilienmaklerin – «und Volleyballspielen».

Montasar und Lena besuchen die Deutsch-Intensivklasse der Wiesbadener Wilhelm-Heinrich-von-Riehl-Schule. Dort sitzen am Morgen acht Kinder aus sieben Nationen in einer kleinen Gruppe im Kreis. Die Schüler stammen unter anderem aus dem Iran, Griechenland oder Polen. Ihre Lehrerin Silke Knorr hat ein durchaus brisantes Thema aufgerufen: Es geht um gleiche Rechte für Frauen und Männern. Knorr sagt ihre Meinung dazu: «Dass in manchen Ländern für Mädchen fast alles verboten ist, und für Jungs erlaubt, das ist nicht in Ordnung. Alle Menschen sind gleich.» Die Kinder nicken.

Bestürzende Studie: „Willkommensklassen“ für Flüchtlingskinder machen eine Menge Probleme – Lehrkräfte müssen sich durchwursteln

«Es gibt für mich nichts Schöneres, als mit der Gruppe morgens den Tag zu besprechen», sagt Knorr. Eine gute Gesprächskultur sei das wichtigste, auch gegen Vorurteile. Innerhalb der bunt gemischten Gruppe gebe es – außer den üblichen Reibereien unter Schülern – keine Konflikte, sagt Knorr. Im Gegenteil. «Ich beobachte einen großen Zusammenhalt.»

Den Eindruck bestätigt auch Direktor Thomas Schwarze. An der Riehl-Schule lernen Kinder aus mehr als 40 Staaten. Natürlich gibt es Streit oder Mobbing über Internetplattformen. «Den Nationalitätenmix sehe ich aber dafür als vernachlässigbar an», sagt Schwarze. Seine Schule hat bereits seit mehr als 20 Jahren Erfahrungen mit Deutsch-Intensivklassen. «Früher saßen dort überwiegend Einwandererkinder aus EU-Ländern.» Das wichtigste Ziel sei es, die Zuwanderer in die Regelklasse zu übernehmen, betont der Direktor. Normalerweise klappe das nach etwa einem halben Jahr.

Ganz gleich, ob die Schüler aus einer Zuwandererfamilie stammen oder nicht: Von den Kindern der Riehl-Schule machen nur wenige Abitur. «Viele haben kaum Unterstützung aus dem Elternhaus», sagt Schwarze. Aber auch wenn es bei den schulischen Leistungen manchmal hapert – «ganz stark sind viele unserer Kinder im Miteinander und im Emotionalen».

Was mag die Lehrerin Silke Knorr besonders an ihren Deutsch-Intensivklassen? «Die Freude, mit der die Schüler in die Schule kommen. Und die Offenheit.» In ihrer Deutsch-Stunde müssen die Kinder auch mal aufstehen und sich bewegen. «Vor dem Gesicht, neben den Ohren, auf dem Kopf», ruft Knorr – und die Kinder zeigen die Bedeutung der Vokabeln mit ihren Händen.

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«Ich möchte Deutsch lernen, schreiben lernen», erzählt Montasar. Inzwischen klappt es schon einigermaßen mit den lateinischen Buchstaben. Aber sie sehen ein bisschen verschnörkelt aus, erinnern an die Schriftzeichen, die Montasar in der Schule im Irak gelernt hat. Lena hatte schon in ihrer serbischen Heimat Deutsch-Unterricht. Stolz berichtet sie: «Ich kann jetzt Englisch, Deutsch, ein bisschen Russisch und Serbisch.»

Wie sieht Silke Knorr die Zukunft ihrer Schüler? «Man sollte nicht immer nur an das Abitur denken», für viele könnte sie sich gut einen Job im Handwerk vorstellen. Außerdem brächten die Kinder oft Qualitäten mit, die in Deutschland teilweise etwas aus dem Blick geraten seien. «Die meisten jungen Menschen sind sehr gut erzogen, sehr freundlich.» Denn in den Familien gebe es oft einen großen Zusammenhalt und liebevolle Unterstützung, sagt die Lehrerin. Von Andrea Löbbecke, dpa

2 Kommentare

  1. Beim Lesen diesen positiven Fallbeispiels muss ich an einen Artikel aus der WAZ denken.
    In diesem wurde eine Schule vorgestellt, die seit Jahren ein erfolgreiches Konzept der Inklusion angewandt hat. Sie hatten mit Personal und harter Arbeit etwas tolles geschaffen. Die Ironie daran war die Umsetzung der verbindlichen Inklusion in NRW, durch die alles zerstört worden ist. Plötzlich wurden, damit alle Schulen über personelle und finanzielle Mittel verfügten, Kürzungen vorgenommen, weshalb das bis dato funktionierende Konzept nicht länger realisierbar war. Trotz Beschwerden und Protesten erhielt man von der Schulbehörde nur die Auskunft, dass man alle möglichen Mittel zur Verfügung gestellt hat und dies reichen würde.
    Um auf diesen Artikel zurückzukommen muss man nur die Schlüsselworte lesen:
    – “Dort sitzen am Morgen acht Kinder aus sieben Nationen”
    – “Seine Schule hat bereits seit mehr als 20 Jahren Erfahrungen mit Deutsch-Intensivklassen.”
    – “Von den Kindern der Riehl-Schule machen nur wenige Abitur.”

    Wie sieht denn im Kontrast dazu die Realität aus?
    Die Vorlaufzeit vieler Schulen betrug nicht mal ein halbes Jahr, um eine Willkommensklasse einzurichten.
    Geeignete Lehrkräfte mit DAZ standen vielen nicht zur Verfügung und auch heute ist noch nicht geklärt, ob alle Willkommensklassen eine solche Lehrkraft ihr eigen nennen dürfen.
    Lerngruppen von 8 Kindern sind sicher schön, aber auch nicht die Regel. (Auch im Hinblick darauf, dass die Kinder häufig aus gleichen Nationen stammen, kann man Gruppenbildung unterstellen und – hart ausgedrückt – nicht die Notwendigkeit deutsch sprechen zu müssen.)
    Im Bezug auf das Abitur und Gesamtschulen werden Willkommensklassen auch an Gymnasien mit G8 und dem Ziel Abitur eingeführt – ob überhaupt eine Selektion nach Vorwissen oder Fähigkeiten zwischen den Schulformen stattfindet, bezweifle ich ebenfalls.
    In diesem Zusammenhang halte ich die Geschichte dieses Artikels für sehr schön, aber im Hinblick auf die Situation vieler Schulen mehr demotivierend als aufbauend.

  2. Beim Lesen diesen positiven Fallbeispiels muss ich an einen Artikel aus der WAZ denken.
    In diesem wurde eine Schule vorgestellt, die seit Jahren ein erfolgreiches Konzept der Inklusion angewandt hat. Sie hatten mit Personal und harter Arbeit etwas tolles geschaffen. Die Ironie daran war die Umsetzung der verbindlichen Inklusion in NRW, durch die alles zerstört worden ist. Plötzlich wurden, damit alle Schulen über personelle und finanzielle Mittel verfügten, Kürzungen vorgenommen, weshalb das bis dato funktionierende Konzept nicht länger realisierbar war. Trotz Beschwerden und Protesten erhielt man von der Schulbehörde nur die Auskunft, dass man alle möglichen Mittel zur Verfügung gestellt hat und dies reichen würde.
    Um auf diesen Artikel zurückzukommen muss man nur die Schlüsselworte lesen:
    – „Dort sitzen am Morgen acht Kinder aus sieben Nationen“
    – „Seine Schule hat bereits seit mehr als 20 Jahren Erfahrungen mit Deutsch-Intensivklassen.“
    – „Von den Kindern der Riehl-Schule machen nur wenige Abitur.“

    Wie sieht denn im Kontrast dazu die Realität aus?
    Die Vorlaufzeit vieler Schulen betrug nicht mal ein halbes Jahr, um eine Willkommensklasse einzurichten.
    Geeignete Lehrkräfte mit DAZ standen vielen nicht zur Verfügung und auch heute ist noch nicht geklärt, ob alle Willkommensklassen eine solche Lehrkraft ihr eigen nennen dürfen.
    Lerngruppen von 8 Kindern sind sicher schön, aber auch nicht die Regel. (Auch im Hinblick darauf, dass die Kinder häufig aus gleichen Nationen stammen, kann man Gruppenbildung unterstellen und – hart ausgedrückt – nicht die Notwendigkeit deutsch sprechen zu müssen.)
    Im Bezug auf das Abitur und Gesamtschulen werden Willkommensklassen auch an Gymnasien mit G8 und dem Ziel Abitur eingeführt – ob überhaupt eine Selektion nach Vorwissen oder Fähigkeiten zwischen den Schulformen stattfindet, bezweifle ich ebenfalls.
    In diesem Zusammenhang halte ich die Geschichte dieses Artikels für sehr schön, aber im Hinblick auf die Situation vieler Schulen mehr demotivierend als aufbauend.

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