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„Habe alle belogen und betrogen“: Wie ein Lehrer es geschafft hat, 100.000 Euro an seiner Schule zu veruntreuen

BENSHEIM. Der Fall dürfte einmalig sein: Es geht um mehr als 100.000 Euro einer Schule im hessischen Bensheim. Die soll ein Lehrer veruntreut haben. Vor Gericht gibt er das zu und erklärt sein Handeln mit finanziellen Problemen.

Dem angeklagten Lehrer droht eine empfindliche Strafe. Foto: Florentine / pixelio.de

Dem angeklagten Lehrer droht eine empfindliche Strafe. Foto: Florentine / pixelio.de

Der Raum 227 im Amtsgericht Bensheim ist an diesem Mittwoch bis auf den letzten Platz besetzt. Unter anderem ist eine ganze Schulklasse gekommen, um einen nicht alltäglichen Prozess gegen einen Lehrer zu verfolgen. Es geht um einen 51 Jahre alten Pädagogen im Vorruhestand, der mehr als 100 000 Euro einer Bensheimer Schule veruntreut haben soll. Das gibt er im Saal auch zu. Er spricht von finanziellen Sorgen und Depressionen.

Er wolle «grundsätzlich eingestehen», zwischen den Jahren 2011 und 2014 mehr als 100.000 Euro veruntreut zu haben, sagt der wegen gewerbsmäßiger Untreue angeklagte, eloquent wirkende 51-Jährige im Gerichtssaal. An der Schule verantwortete er das Budget für das Ganztagesangebot. Die Anklage spricht von 231 Fällen, in denen Geld vom Konto der Schule auf seine privaten Konten überwiesen haben soll – darunter Geld, das Eltern der Schule gaben sowie Landeszuschüsse.

Im Winter 2014 fiel dann auf, dass Geld nicht dort ankam, wo es hingehörte. Der Mann zeigte sich selbst beim Schulamt und bei der Polizei an. Vor Gericht erklärt er, dass er Häuser besessen und seine finanzielle Belastung von Jahr zu Jahr gestiegen sei. Er habe mit hohen Sanierungskosten gekämpft – und mit Mietern, die nicht gezahlt hätten. Die monatlichen Verpflichtungen seien auf etwa 4500 Euro geklettert, die Banken hätten schließlich Geld sehen wollen.

Schule bei der Kontrolle zu nachlässig?

Er habe darüber nachgedacht, seine Familie um finanzielle Hilfe zu bitten. «Aber ich habe mich geschämt einzugestehen, dass ich mich verkalkuliert hatte», schildert er. «Ich habe alle belogen und betrogen. Auch meine Ehefrau.» Die sitzt auch im Gerichtssaal und hört zu. Das Paar lebt nach 20 Jahren Ehe getrennt, wartet nach eigenen Angaben auf den Scheidungstermin. Sie sagt: «Er hat mir Kreditverträge vorgelegt, die ich im gegenseitigen Vertrauen unterschrieben habe.» Das  «Kleingedruckte» habe sie nicht gelesen, nun drohe auch ihr der finanzielle Abstieg.

Ein eingeleitetes Disziplinarverfahren gegen den Mann ruht derzeit. Wegen seelischer Erkrankungen sowie eines Herz- und eines Nierenleidens ist er im Vorruhestand. Vor Gericht erzählt er von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die bei ihm diagnostiziert worden sei. Seine Ehefrau hält das für plausibel. Sein Anwalt, Thomas Stiegler, betont, die Schule sei bei der Kontrolle des Mannes zu nachlässig gewesen.

Der 51-Jährige muss mit ernsten Konsequenzen rechnen. Wenn ein Beamter in einem Strafverfahren zu einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr verurteilt werde, ende das Beamtenverhältnis mit Rechtskraft des Urteils, heißt es im Kultusministerium. Auch bei einer geringeren Freiheitsstrafe oder bei einer Geldstrafe wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder könne ein Disziplinarverfahren zur «Entfernung aus dem Dienst» oder – bei einem Ruhestandsbeamten – zur Aberkennung des Ruhegehalts führen. Der Prozess wird am 30. Januar fortgesetzt. Von Stephen Wolf, dpa

 

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