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Hilfsorganisation terre des hommes wird 50 – „Kriege gibt es noch immer, aber auch die Gewissheit, dass sich etwas ändern kann“

OSNABRÜCK. Vor 50 Jahren schockierten Bilder aus dem Vietnam-Krieg viele Menschen – eine Folge war die Gründung des Kinderhilfswerks terre des hommes. Kriege gibt es noch immer, aber auch die Gewissheit, dass sich etwas ändern kann, wenn sich viele für eine Sache einsetzen.

Ein Mensch, der 50 Jahre alt wird, hat viel erlebt. Kindheit, Jugend, erste Liebe, das Älterwerden – in einem halben Menschenleben kommt viel zusammen. Das ist bei Organisationen nicht anders. Seit 50 Jahren kümmert sich die deutsche Sektion des Kinderhilfswerks terre des hommes um Kinder in aller Welt, gibt ihnen eine Stimme – und ist auch an den Aufgaben gewachsen. Am 8. Januar 1967 gründete der gelernte Schriftsetzer Lutz Beisel in einer Stuttgarter Waldorfschule mit 40 Mitstreitern terre des hommes.

Am Wochenende feiert das Hilfswerk in Osnabrück, wo es seit 1969 seinen Sitz hat, das Jubiläum. Und von Midlife-Crisis keine Spur: Mit einer Kampagne, die speziell junge Menschen ansprechen soll, will das Hilfswerk fünf Millionen Euro sammeln – und fragt dazu im Internet: «Wie weit würdest du gehen?»

Wie viele damals verzweifelte Gründer Beisel an Berichten und Bildern, die die Zeitungen und das Fernsehen über den Krieg in Vietnam verbreiteten. «Als der Vietnam-Krieg in den Medien stattfand, wollte ich irgendwo anpacken, wusste aber nicht, wo», erinnert sich der heute 79-Jährige. «Man müsste etwas tun, aber was kann ich schon tun?». Das sei ihm durch den Kopf gegangen.

Die Jugendlichen in Deutschland gehen bei der Flüchtlingsintegration mit gutem Beispiel voran, findet SOS-Kinderdörfer-Vorstand Wilfried Vyslozil, angesichts der Umfrageergebnisse. Foto: Metropolico.org /flickr CC BY-SA 2.0)

Die Arbeit mit Flüchtlingen ist die Kernaufgabe von terre des hommes. Foto: Metropolico.org /flickr CC BY-SA 2.0)

Per Zufall hörte er von Schweizern, die mit Air France ausgehandelt hatten, dass kranke und verletzte Kinder in die Schweiz geflogen werden konnten. «Ich dachte, die haben dasselbe Gefühl wie ich, die denken wie ich.» Beisel fuhr nach Lausanne, zum Journalisten Edmond Kaiser. «Ich habe die Stafette übernommen und nach Deutschland geholt.»

Die Arbeit des Hilfswerkes hat sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten stark gewandelt. Von der ursprüngliche Idee, Kinder aus dem Kriegsgebiet herauszuholen und in Deutschland zu behandeln oder Kriegswaisen zur Adoption zu vermitteln, ist terre des hommes inzwischen abgekommen. «Die letzte Adoption haben wir 1998 vermittelt», sagt Sprecher Wolf-Christian Ramm. Etwa 2800 Kinder aus verschiedenen Ländern hatte das Hilfswerk bis dahin mit deutschen Eltern zusammengebracht. «In der damaligen Zeit war das sicherlich richtig, aber die Zeit hat sich geändert.»

Die Welt sei komplexer geworden, sagt Vorstandssprecher Jörg Angerstein. 15 Millionen Kinder aus aller Welt hätten von terre des hommes profitiert. Heute setze das Hilfswerk darauf, dass die Lage der Kinder in Asien, Afrika, Südamerika und auch Europa verbessert werde. «Wir wissen, dass Bildung der beste Weg ist, um Kinder aus der Armut und dem Elend herauszuholen.» Für 60 Euro pro Jahr könne einem Kind in Indien ein Jahr lang die Schule finanziert werden.

Angerstein betont auch: «Wie wir hier leben, hat auch Einfluss auf das Leben in anderen Ländern.» Die Migration von Menschen sei daher keine «Eintagsfliege», auch wenn manche hierzulande es so sähen. Mit Sorge sehe er, wie die Rufe nach einfachen Lösungen weltweit lauter würden.

Der Klimawandel führe dazu, dass viele Menschen in ihren eigenen Ländern nicht mehr in der Lage seien, sich zu ernähren – auch deshalb werde Deutschland ein Einwanderungsland bleiben: «Wir haben eine humanitäre Verantwortung, auch für unser eigenes Handeln.» Politische Arbeit in Berlin sei daher für terre des hommes wichtig. Zum 1. Februar werde das Hilfswerk sein Berliner Büro neu besetzen, um seine Positionen gegenüber der Politik klar zu vertreten. «Wir treten aber nicht als Wehklager auf, sondern als Ratgeber.» Aus den Projektländern bringe terre des hommes gute Ideen mit, wie andernorts mit Problemen umgegangen werde.

Beisel ist seit 1979 nicht mehr hauptamtlich bei terre des hommes tätig, aber dem Hilfswerk noch immer verbunden. Heute setzt er sich darüber hinaus mit seiner Frau für Flüchtlinge in seinem Wohnort Tuttlingen ein. «Wir betreuen die größte syrische Flüchtlingsfamilie in Süddeutschland, zwei Erwachsene und elf Kinder.» Zum Glück seien er und seine Frau Rentner. «Das ist eine sehr intensive Arbeit, aber der Erfolg ist wunderschön, wenn man sieht, wie die Leute hier hineinwachsen», sagt Beisel. Auch das sei eine Lehre aus der Gründung von terre des hommes: «Wenn man sich für etwas einsetzt in dieser Gesellschaft, kann man auch etwas erreichen.» Elmar Stephan, dpa

Hier geht es zur terre des hommes-Seite für Lehrerinnen und Lehrer

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