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«Weiße Flecken» im Umgang mit der DDR-Geschichte – Thüringens Bildungsministerium will Lehrer befragen

ERFURT. 26 Jahre nach dem Ende der DDR ist in Thüringen längst eine Schülergeneration angekommen, die das Regime nur noch vom Hörensagen kennt. Schulen fällt damit eine besondere Verantwortung zu. Doch Mitarbeiter von Gedenkstätten und Aufarbeitungsinitiativen beklagen eklatante Wissenslücken. Vorgaben für die Behandlung des Themas gibt es nur Wenige. Das will das Bildungsministerium nun ändern.

Thüringen untersucht nun flächendeckend, wie oft und in welcher Form die DDR im Schulunterricht zur Sprache kommt. Nach Angaben des Instituts für Lehrerfortbildung sind entsprechende Fragebögen verschickt worden, die nun zurückerwartet und bis März ausgewertet werden sollen.

Wie die DDR an thüringischen Schulen behandelt wird, weiß so genau derzeit niemand. (Grenzstreife der DDR am Bethaniendamm in Berlin-Kreuzberg 1986 - Foto: Noir/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Wie die DDR an thüringischen Schulen behandelt wird, weiß so genau derzeit niemand. (Grenzstreife der DDR am Bethaniendamm in Berlin-Kreuzberg 1986 – Foto: Noir/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

«Wir müssen unbedingt systematisch untersuchen, was in den Schulen im Unterricht stattfindet», sagte die für Aufarbeitung zuständige Staatssekretärin Babette Winter. «Es wird sich wohl zeigen, dass es weiße Flecken gibt.» Nach Einschätzung der SPD-Politikerin wird das Thema DDR nicht überall im Freistaat gleich intensiv behandelt.

In den Fragebögen sollen die Lehrer zum Beispiel angeben, wie viele Unterrichtsstunden sie der DDR widmen. Außerdem sollen sie aufschreiben, welche Schwerpunkte sie setzen, ob sie etwa die Rolle der SED, die Ursachen für die Spaltung Deutschlands, das Bildungssystem, die Opposition oder Gründe für den Niedergang der DDR näher beleuchten. Das betrifft vor allem die Fächer Geschichte und Sozialkunde. Gefragt wird auch danach, ob Schulklassen Gedenkstätten oder Grenzmuseen besuchen.

Nach Auswertung der Antworten wird erwartet, dass sich das Bildungsministerium positioniert und Empfehlungen ausspricht. «Ich möchte nicht verhehlen, dass ich mir diese Initiative des Bildungsministeriums schneller gewünscht hätte», erklärte Winter, die seit langem darauf dringt, dass die DDR eine größere Rolle im Unterricht spielen sollte. «Für jeden Schüler einer Regelschule oder eines Gymnasiums sollte es bis zur Klasse 10 wenigstens eine Unterrichtseinheit zum Thema DDR geben», forderte sie.

«Bislang kennen wir nur Stimmungsbilder von Lehrern nach dem Motto: „Wir machen doch schon etwas“. Oder die anderen, die sagen, wir können nicht mehr machen, weil wir nur eine Unterrichtsstunde pro Woche haben», sagte Winter. Außerdem gibt es nach ihren Worten Hinweise von Gedenkstätten und Aufarbeitungsinitiativen, die zum Teil eklatante Wissenslücken bei der jungen Generation beklagten. «Mit einer objektiven Auswertung wird es mehr Fairness in der Debatte geben», glaubt die Staatssekretärin aus der Staatskanzlei.

«Es passiert schon unglaublich viel», entgegnete der Sprecher des Lehrerfortbildungsinstituts, Rigobert Möllers. Er verwies etwa darauf, dass jedes in Thüringen zugelassene Geschichtsbuch für Schulen ab der Klassenstufe neun die DDR-Historie zum Inhalt habe. Außerdem könnten die Schulen auf ein wachsendes Angebot an digitalen Materialien zum Thema Aufarbeitung der SED-Diktatur zurückgreifen. Sie sind über das «Thüringer Schulportal» abrufbar.

Nach Ansicht von Winter sollen auch angehende Lehrer bereits während ihres Studiums für das Thema sensibilisiert werden. Sie begrüßte deshalb eine für das zweite Halbjahr geplante Veranstaltung der Universitäten Erfurt und Jena, die Lehrer ausbilden. Dabei solle es darum gehen, ob und wie die DDR-Geschichte und Aufarbeitungsthemen in die Ausbildung von Lehramtsstudenten aufgenommen werden könnten, erklärte sie. «Sie soll sich an Studenten richten und Schwerpunkte wie DDR, Aufarbeitung und Diktatur beinhalten.»

Linke, SPD und Grüne hatten sich 2014 in ihrem Koalitionsvertrag dazu verpflichtet, die Aufarbeitung des Unrechtssystems in der DDR voranzubringen. «In Sachen Aufarbeitung gibt es noch viel zu tun», befand die Staatssekretärin erneut.

Nach ihren Angaben gab es 2016 eine erste Fortbildung für Mitarbeiter aus den Sozialämtern der Kreise und kreisfreien Städte, die zum Beispiel Verfahren zur Anerkennung von DDR-Unrecht betreuen. Ziel es gewesen, die Mitarbeiter zu sensibilisieren. «Opfer fühlen sich mitunter allein durch den Gang zum Amt erniedrigt», sagte Winter. Es habe dazu auch Beschwerden von Bürgern gegeben. 27 Mitarbeiter aus Verwaltungen nahmen an der Schulung teil. Winter hofft nun auf weitere solcher Fortbildungen. (dpa)

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2 Kommentare

  1. Da haben wir es wieder: Wissenslücken. Wissen braucht man doch heutzutage nicht mehr, kann doch alles gegoogelt werden – so kompetent wie alle sind.

  2. Wenn man Unrechtsregime und Revolutionen exemplarisch behandelt – z.B. am Nationalsozialismus und der franz. Rev. – reicht das denn nicht?? Ist das andere nicht stures Pauken von Stoff?
    …Nein, ich meine das nicht im Ernst!

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