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Wenn die Schule digital wird – woher kommen denn dann die digitalen Inhalte? Zu fürchten ist: Lehrer müssen (mal wieder) allein klarkommen

MAINZ. Noch liegen Laptop, Tablet oder Smartphone in Deutschlands Schulen nicht überall gleichberechtigt neben Zirkel und Geodreieck. Das ändert sich zunehmend. Spätestens, wenn das von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) angekündigte Fünf-Milliarden-Paket vom Bund für die digitale Ausstattung ausgeschüttet wird, steht die IT-Revolution vor der Schultür. Woher aber kommen eigentlich die Inhalte für die digitalen Lernmittel? Das Beispiel Rheinland-Pfalz zeigt: Bislang kommt vor allem Gratis-Material zum Einsatz. Das aber birgt Risiken.

Wer zahlt eigentlich künftig für die Inhalte digitalen Unterrichts? Foto: Vancouver Film School / flickr (CC BY 2.0)

Wer zahlt eigentlich künftig für die Inhalte digitalen Unterrichts? Foto: Vancouver Film School / flickr (CC BY 2.0)

In der Realität steht William Lindlahr in einem Vorlesungssaal der Uni Mainz, virtuell befindet er sich in einem Klassenzimmer mit Kacheln auf dem Boden und physikalischen Geräten auf dem Tisch. Lindlahr wischt auf seinem Tablet herum. Im Programm zieht er so mit einer Spritze Salzsäure auf, lässt sie durch eine Kapsel mit radioaktivem Material laufen und misst die Flüssigkeit dann mit einem Geigerzähler. «Versuche mit radioaktiven Präparaten sind nicht mehr an allen Schulen möglich», sagt der Physik-Doktorand der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Sein Virtual-Reality-Experiment wird ab diesem Jahr auch in Schulen in Rheinland-Pfalz eingesetzt. «Wir wollen reale Experimente nicht ersetzen», betont er. «Aber wenn es Gefahren gibt, machen virtuelle Experimente Sinn.» Auch könnten Schüler sie dann Zuhause nachmachen, so oft sie wollten. Dabei ist Lindlahr wichtig, dass die digitalen Versuche auch schiefgehen können, so etwa wird bei falscher Bedienung ein Kurzschluss produziert. Und wer sich beim Strahlen-Experiment keine Handschuhe angezogen hat, erntet vom Programm Kritik.

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Digitale Lernmaterialien halten zunehmend Einzug an Deutschlands Schulen. Beispiel Rheinland-Pfalz: Nach Angaben des Bildungsministeriums in Mainz sind schon an vier Fünfteln der weiterführenden Schulen und an zwei Dritteln der Grundschulen interaktive Präsentationsmöglichkeiten wie Whiteboards, also digitale Tafeln, im Einsatz. Für ihre Hausaufgaben nutzen Schüler ohnehin ständig Youtube-Videos, Wikipedia-Artikel und Blog-Einträge. Was die Frage aufwirft, wer sich um die Lieferung der digitalen Inhalte kümmert.

Mehr als 600.000 kostenlose Angebote

Forschungsprojekte an Unis wie das von Lindlahr stellten im deutschsprachigen Raum nur einen geringen Anteil, sagt die Pädagogin Eva Matthes von der Universität Augsburg nun bei einer Tagung zu digitalen Schulmaterialien. Rund 611.000 kostenlose Angebote fänden sich im Internet. Rund drei Viertel davon würden auf Plattformen von Lehrern für Lehrer zur Verfügung gestellt. Vereine und Stiftungen machten zehn Prozent des Materials aus, Unternehmen drei Prozent. «Damit wird zwar zumindest nicht direkt Geld verdient, aber doch gezielt Werbung oder eine spezifische Sichtweise in Schulen hinein gebracht.»

Die Mainzer Lehrerin Sybille Manthey nutzt die mit dem Internet verbundene digitale Tafel in ihrer Schule gerne im Unterricht. Darauf surft sie aber nicht wild herum, sondern zeigt  Erklärfilme, Bilder und Karten aus den digitalen Schulbüchern, manchmal spielt sie auch ein Hörspiel ab oder zeigt Lösungsvorschläge für die Übungsaufgaben. «Digital kann ich das Schulbuch viel intensiver ausbeuten», sagt sie.

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Lisa Winter, die in Mainz gerade ihr Referendariat macht, setzt auch ausgewählte Youtube-Videos im Unterricht ein. «Ich spreche mit den Schülern darüber, wie geeignet die Videos sind, damit sie sich kritisch damit auseinander setzen», sagt sie. Die Nutzung von Youtube-Videos kann allerdings urheberrechtlich problematisch sein, wie das Medienzentrum des Rhein-Sieg-Kreises informiert – nach herrschender Rechtsprechung ist sie als Internetstream (nicht als Download) zwar vor einer Schulklasse erlaubt, nicht aber in Differenzierungskursen. Auch die Speicherung auf frei zugänglichen Schulservern ist verboten.

Studien zeigen laut Professorin Matthes, dass 80 Prozent der Lehrer schon einmal kostenloses Lehrmaterial aus dem Internet gezogen haben. Nach Ansicht des Vorsitzenden der Lehrergewerkschaft GEW in Rheinland-Pfalz, Klaus-Peter Hammer, herrscht bei Lehrern aber große Unsicherheit in Bezug auf rechtliche Probleme, die mit der Nutzung einhergehen. Das Kultusministerium habe dazu zwar eine Broschüre herausgegeben, damit sich die Lehrer nicht strafbar machen. «Aber so ganz klar ist es noch immer nicht.» Er wünscht mehr Schulungen für die Lehrer – sowohl für die Inhalte, als auch die Geräte.

Hjalmar Brandt, Landesgeschäftsführer des Verbands Bildung und Erziehung in Rheinland-Pfalz, hätte gerne eine Ausstattung mit digitalen Geräten und Inhalten für alle Schulen – und sogar für Kindergärten. «Wenn sie in der Schule in der Steinzeitwelt leben, und die Kinder leben außerhalb in einer Hightech-Welt, dann können Sie nicht mehr viel ausrichten.»

Medienportal Omega

Das Bildungsministerium in Mainz will das Lehren und Lernen mit digitalen Mitteln als Standard an allen weiterführenden Schulen umsetzen. Im seit 2007 bestehenden Programm «Medienkompetenz macht Schule» würden Lehrer fit für den Umgang und der Auswahl digitaler Medien gemacht. Und auf dem landeseigenen Medienportal Omega stünden den Lehrern mehr als 15.000 Medienbausteine kostenlos zur Verfügung – von Experten des Bildungsministeriums auf Korrektheit und Wert geprüft. (Die meisten der Materialien sind allerdings nur für rheinland-pfälzische Schulen zugänglich).

Das Angebot scheint erfolgreich zu sein: In einer – allerdings nicht repräsentativen – Länderstudie im Auftrag der Deutschen Telekom Stiftung nimmt Rheinland-Pfalz bei der Digitalisierung der Schule einen Spitzenplatz ein. Die Mainzer Lehrerin Manthey meint, ihre Schüler wüssten gute Lernmaterialien sehr wohl zu schätzen. So vergleich sie im Unterricht auch mal das digitale Schulbuch mit einem Wikipedia-Eintrag. Die Schüler sagten dann: «Das Buch entspricht viel mehr unserer Sprache. Und es ist viel kompakter.» Und es ist auch seriöser, weil nicht jeder – wie im Prinzip bei Wikipedia – darin herumschreiben kann. Allerdings: Es kostet auch Geld. Von Doreen Fiedler, dpa

Hier geht es zum Materialangebot von „Omega“.

3 Kommentare

  1. Natürlich müssen die Lehrer die digitalen Unterrichtsmaterialien selbst erstellen. Wer macht es denn sonst??? Auf brauchbare Materialien „von außen“ warten Lehrer seit Jahrzehnten vergeblich – nicht nur im digitalen Bereich.

    • Für die Sek I gibt es noch halbwegs viele Applets, Simulationen, dynamische Arbeitsblätter. Für die Sek II wird es sehr schnell sehr dünn, was auch am Druck aufgrund des Zentralabiturs liegt. In der Sek I kann man viel mehr experimentieren und das Risiko des Scheiterns spielt eine geringere Rolle. Externe Materialien sind sehr schnell sehr teuer und unpassend für die spezifische Lerngruppe.

  2. Ich suche seit Wochen vergebens einen brauchbaren, kostenlosen, offline nutzbaren digitalen Trainer für’s Kopfrechnen. Wieso hat den das Bildungsministerium nicht schon längst schreiben und verbreiten lassen?

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