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Wie sich aus einem banalen Schülerstreit eine Art Krieg zwischen jungen Deutschen und Flüchtlingen entwickelt – der von außen geschürt wird

LEIPZIG. Die Geschichte beginnt als Alltagsrangelei unter zwei Schülern – und hat sich zu einer Story um „Polizeikontrollen, schlimme Gerüchte und Eltern in Angst“ (Leipziger Volkszeitung) entwickelt. Fakt ist: Ein Streit zwischen einem deutschen Schüler und einem jugendlichen Flüchtling an einer Leipziger Schule ist derart eskaliert, dass es zu einer Prügelei zwischen 20 Jugendlichen kam, und zwar zwischen deutschen auf der einen Seite und Asylbewerbern auf der anderen. Der Fall zeigt auf erschreckende Weise, wie aufgeheizt das politische Klima derzeit selbst an Schulen zu sein scheint. Und er macht anschaulich, wie schnell sich via Internet im Zeitalter des „Postfaktischen“ eine Geschichte von ihrem gesicherten Kern entfernt.

Die Situation an der Leipziger Oberschule ist eskaliert. (Symbolbild). Foto: Metropolico.org / flickr (CC BY-SA 2.0)

Die Situation an der Leipziger Oberschule ist eskaliert. (Symbolbild). Foto: Metropolico.org / flickr (CC BY-SA 2.0)

Der Auslöser, so berichtet die „Leipziger Volkszeitung“, war eine „zunächst eher banale Auseinandersetzung zwischen zwei Schülern“. Am Mittwoch voriger Woche waren auf dem Schulhof laut Bericht ein deutscher Schüler und ein so genannter „unbegleiteter minderjähriger Asylbewerber“ aneinandergeraten. Angebliche Ursache: ein böser Blick. Nach Angaben der Polizei schlichtete ein Lehrer den Streit. „Das war ein Gerangel, bei dem es auch eine Backpfeife gab“, sagte ein Vertreter des Kultusministeriums gegenüber dem Blatt. „Mehr war nicht. Es floss kein Blut, es gab keine Knochenbrüche.“ Also ein minderschwerer Fall. Zunächst.

Dann aber eskalierte die Situation nach Schulschluss. Im Umfeld der Schule sollen sich rund zwanzig Teenager zwischen 15 und 17 Jahren geprügelt haben – etwa zehn Deutsche und zehn junge Flüchtlinge. Laut Polizei kamen bei der Prügelei Gürtel zum Einsatz.  Von anderen Schlagwerkzeugen sei nichts bekannt. „Nach unseren Erkenntnissen gab es einen Leichtverletzten“, erklärte ein Polizeisprecher der Zeitung. Einen Tag später tauchte in der Nähe der Schule erneut eine Gruppe ausländischer Jugendlicher auf. Die Polizei überprüfte die Personalien. „Es wurden Platzverweise ausgesprochen“, erklärte der Polizeisprecher, „Waffen wurden aber auch da nicht gefunden.“

Brodelnde Gerüchteküche

Die Gerüchteküche allerdings brodelte – und spuckte anderes aus. Das Märchen, die  Beamten hätten eine 50-köpfige Horde Männer gestoppt, die mit Waffen und Eisenstangen, sogar einer Pistole unterwegs zur Schule waren, kursierte. Dann wurde über soziale Netzwerke die falsche Nachricht verbreitet, dass bewaffnete Asylbewerber am Montagmorgen die Schule stürmen wollten. Der Unterricht, hieß es, falle deshalb aus. Eine sich fast selbst erfüllende Prophezeihung: Wegen der „Fake News“ marschierten tatsächlich Einsatzkräfte der Polizei am Montagmorgen in Mannschaftsstärke vor der Schule auf. „Aufgrund der Nachricht in den sozialen Netzwerken hat ab 6.40 Uhr ein Einsatz an der Schule stattgefunden“, erläuterte der Polizeisprecher. „Es sind Einlasskontrollen durchgeführt worden. Außerdem hat der Revierführer mit der Schulleitung gesprochen.“ Gefunden wurde wieder: nichts. Immerhin: Der Unterricht konnte stattfinden.

Das Klima ist allerdings extrem vergiftet, wozu auch verzerrende Medienberichte beitragen. „Flüchtlingskinder prügeln auf Schüler ein“, so titelt beispielsweise die österreichische (!) Nachrichtenseite oe24 in einer eigenwilllig einseitigen Darstellung. Und berichtet: „Dass es dabei nicht gerade zimperlich zugeht, darüber geben die dabei eingesetzten Waffen Auskunft. Offenbar sind mittlerweile sämtliche Hemmungen gefallen. Die Bild berichtet von Eisenstangen, Schlagringen und sogar Schusswaffen, so zumindest die Gerüchte.“ Dass die Gerüchte falsch sind, erfährt der Leser nicht.

Weiter heißt es: Die betroffene Schule (sie wird namentlich genannt) „gilt derzeit als Horror-Schule. Die Flüchtlingskinder gelten als unbegleitete minderjährige Asylsuchende und werden dort in Deutsch als Zweitsprache unterrichtet. Die Situation ist alarmierend. Die Eltern sind sogar so sehr um das Wohl ihr Sprösslinge besorgt, dass sie nicht einmal in den Unterricht schicken.“

Der Schulleiter steht fassungslos der Situation gegenüber. Er beteuert gegenüber der Leipziger Volkszeitung: „Wir haben es hier nicht mit einem Hotspot der Gewalt zu tun. Die Schule hat kein Sicherheitsproblem.“ Nur: Es hört ihm offenbar keiner zu. Agentur für Bildungsjournalismus

13 Kommentare

  1. Ich würde mein Kind aber auch nicht auf eine Schule schicken, wo bestimmte Individuen sich von einem Blick provoziert fühlen und dann eine Gruppe damit droht jederzeit die Schule zu stürmen. Von daher kann ich die Eltern voll verstehen die ihre Kinder lieber zu Hause lassen. Und das mehrere Polizisten erforderlich sind um die Sicherheit und den Unterricht zu garantieren ist ein Armutszeugnis für Deutschland. Ich will ja nicht sagen, dass damit zu rechnen war. Aber es war nur eine Frage der Zeit bis diese Zustände auftreten. Sehr traurig.

    • „Nun sind sie hat mal da!“ Zitat ???

      • Sehr geehrter Erich, sehr geehrter Jürgen,

        Sie haben die Story offenbar nicht verstanden. Niemand wollte die Schule stürmen, und wer Auslöser des Streits war (die deutschen Jugendlichen?), ist völlig unklar. Klar ist allerdings, dass Gerüchte und Kommentare wie die Ihren in diesem Fall erkennbar dazu beigetragen haben, das Klima an der Schule zu vergiften – und das ist Thema des Beitrags: Wie falsche und verzerrende Darstellungen im Internet dazu beitragen, junge Menschen gegeneinander aufzuhetzen und Gewalt zu schüren.

        Mit freundlichem Gruß

        Andrej Priboschek
        Herausgeber News4teachers

    • Ich bin jetzt nicht ganz im Bilde, woher Sie wissen, wer denn wem den bösen Blick zugeworfen habe.

    • Entschuldigen Sie, Erich, aber haben Sie den Beitrag gelesen? Es steht nicht fest, wer sich von dem bösen Blick provoziert gefühlt hat und die Schule hat, wie der Schulleiter versucht mitzuteilen, überhaupt kein Sicherheitsproblem. Der Einsatz der Polizisten war zudem überhaupt nicht erforderlich, wie es im Artikel heißt, da es sich lediglich um ein im Netz verbreitetes Gerücht handelte, dass Asylbewerber die Schule stürmen wollen, das sich als falsch herausstellte.

      • Die Polizei musste sehr wohl eingreifen und stellte bei der ersten Auseinandersetzung laut regionalen Presseberichten die Identität von 11 UMAs fest und bestätigte einen Leichtverletzten, sah aber keinen Anlass, bei deutschen Schülern die Identität festzustellen. Damit dürften die Frage geklärt sein, von wem die Gewalt ausging.

  2. Eine Fake-Nachricht über einen Fake.

  3. Wenn es den Menschen haupsächlich darauf ankommt, bei allem , was auch immer geschieht, hauptsächlich ihre Ideologie abzusichern, je nachdem, links oder rechts, dann können sie der jeweiligen Wahrheit nicht ins Auge sehen, weil sie zu sehr weh tut. Sie müssten sonst ihre heilige Ideologie in Frage stellen. Manche entscheiden sich dann dafür, wegzuschauen.

  4. Was ist ein böser Blick? Wer deutet einen Blick als böse? Soll das heißen, dass man willkürlich eine Berechtigung zum Draufschlagen haben darf? Wer hat hier wen des bösen Blicks beschuldigt?

  5. Die regionale Presse meldete: „Der Auslöser soll gewesen sein, dass sich einer der Ausländer auf dem Pausenhof ’schief angeschaut‘ gefühlt habe. Die Polizei bestätigt aber nur einen Leichtverletzten (15) und die Identitätsfeststellung von elf minderjährigen Asylbewerbern.“
    Tatsache ist also wohl: Ein Ausländer nahm einen Blick als Anlass, Gewalt anzuwenden („Was guckst du“) und wurde von mehreren anderen Ausländern dabei unterstützt. Dies ist ein Beispiel für unhaltbare Zustände. Wenn später unrichtige Darstellungen kursiert haben, ändert das nichts an dem schlimmen Übergriff der UMAs.

    • Nach wessen Maßstäben war das ein schlimmer Übergriff? Vielleicht wäre es nach dem Maßstab deutscher Schulhöfe von 1970 eine normale Prügelei mit glimpflichem Ausgang gewesen? Vielleicht haben sich eher die Gewaltdefinitionen der Sozialarbeiter geändert als die Hormonlage der Jugendlichen? Aber um das alles zu beantworten, müsste man es genauer wissen.

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