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Expertin auf der „didacta“: Was Schulen tun können, um ihren Lehrkräften (möglichst) gute Arbeitsbedingungen zu bieten

STUTTGART. Klar, Lehrkräfte stehen allesamt unter Druck; die Herausforderungen mit der Inklusion, mit der Integration von Flüchtlingskindern, mit Erziehungsdefiziten und mit immer wieder neuen ministeriellen Vorgaben sind enorm. Und trotzdem gelingt es an manchen Schulen besser, die Kollegien standhalten zu lassen, als an anderen. Was ist das Geheimnis solchermaßen erfolgreicher Schulen? Wir sprachen darüber mit Prof. Dr. Monika Buhl, Professorin für Schulpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg und als Leiterin des Regionalteams Süd in der Jury des Deutschen Schulpreises zuständig für die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern und Hessen, am Rande der Bildungsmesse „didacta“ in Stuttgart. 

Schulen brauchen ein eigenes Leitbild, meint Prof. Monika Buhl. Foto: Messe Stuttgart

Schulen brauchen ein eigenes Leitbild, meint Prof. Monika Buhl. Foto: Messe Stuttgart

Frau Prof. Buhl, gute Bildung braucht gute Lehrkräfte. Was brauchen Lehrkräfte, um gut arbeiten zu können?

Buhl: Lehrerinnen und Lehrer brauchen gute Arbeitsbedingungen, um guten Unterricht und gute Schule machen zu können. Gleichzeitig ist es ihr zentraler Arbeitsauftrag, für gute Bildung zu sorgen. Das ist das wesentliche Berufsziel. Voraussetzung hierfür ist aus meiner Sicht eine sehr gute fachliche Ausbildung, umfangreiches pädagogisches, didaktisches und diagnostisches Wissen sowie die Fähigkeit zur Selbstorganisation und Selbstreflexion, weil es ein Beruf mit großen Freiheiten ist.

Für das berufliche Handeln lassen sich allgemeine Rahmenbedingungen formulieren, die Engagement und Einsatzbereitschaft fördern. Ich zitiere hier sehr gerne die Selbstbestimmungstheorie von Edward L. Deci und Richard M. Ryan, in der drei menschliche Grundbedürfnisse formuliert werden, die für die Entwicklung intrinsischer Motivation bedeutsam sind: das Erleben von Autonomie, Kompetenz und sozialer Einbindung. Für Lehrkräfte ist es in diesem Sinne wichtig, dass sie Freiräume haben, wie sie ihre Arbeit gestalten können. Ebenso braucht es Rückmeldesysteme, beispielsweise durch die Schulleitung, die Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen. Häufig wird auch Feedback von den Schülerinnen und Schülern oder durch Kolleginnen und Kollegen im Kontext von Hospitationen eingeholt. All das unterstützt das Kompetenzerleben. Auch für die soziale Einbindung ist es wichtig, im Team zu arbeiten und sich auszutauschen.

Eine Umfrage des Didacta Verbands im Sommer 2016 hat ergeben, dass sich Lehrkräfte bessere Rahmenbedingungen wünschen. Dazu zählen eine fachliche Unterstützung bei pädagogischen Aufgaben oder eine bessere Ausstattung mit modernen IT-Geräten. Warum sind diese Bedingungen oftmals nicht gegeben?

Buhl: An Schulen haben sich in den letzten Jahren die Anforderungen stark verändert, vor allem ist viel Neues dazugekommen. Nach dem PISA-Schock wurden zum Beispiel die Bildungsstandards eingeführt, was mit regelmäßigen Vergleichsarbeiten und zentralen Leistungsüberprüfungen einhergeht. Zudem gibt es neue Herausforderungen, beispielsweise im Bereich des Ausbaus von Ganztagsschulen, der Inklusion, der Integration und insgesamt durch einen bewussteren Umgang mit Vielfalt. Ich habe den Eindruck, dass manche Schulen unter Druck geraten, wenn sie auf alle Anforderungen gleichzeitig reagieren möchten. Das überträgt sich dann auf die Lehrerinnen und Lehrer. Da gilt es gar nicht so sehr, die Rahmenbedingungen zu verändern, sondern ein schulspezifisches Leitbild zu entwickeln, entsprechende Schwerpunkte zu setzen und konkrete Pläne für deren Realisierung zu entwerfen. Wenn es eine Vision und ein Ziel gibt, gelingt es in der Regel auch, die Rahmenbedingungen entsprechend zu gestalten.

Was raten Sie Schulen, die selbst tätig werden wollen, um Lehrkräften ein optimales Arbeitsumfeld zu bieten?

Buhl: Ich denke, sie sollten sich an ihrer Schulgemeinde, an den Kindern und Eltern sowie an ihrem lokalen Umfeld orientieren und – unter Einbezug aller – zentrale Ziele definieren. Hilfreich kann es sein, sich mit anderen Schulen zu vernetzen und sich darüber auszutauschen, wie verschiedene Anforderungen angegangen werden können. Nicht selten zeigen sich dabei ungewöhnliche und originelle Lösungen. In diesem Kontext möchte ich gerne auf die Schulen hinweisen, die beim Deutschen Schulpreis erfolgreich waren. Das sind eher selten toll ausgestattete, neu gebaute Schulen, sondern oftmals Schulen, die in einer Krise gesteckt haben. Aus dieser schwierigen Situation heraus wurden dann Ziele formuliert und kontinuierlich in diese Richtung gearbeitet. Das braucht neben Durchhaltevermögen vor allem eine starke Schulleitung, die das Kollegium unterstützt, Visionen zu entwickeln und anzugehen.

Die Preisträgerschulen, die als Vorbild dienen können, sind in der Deutschen Schulakademie vernetzt. Welche Konzepte verfolgt die Schulakademie in der Schulentwicklung?

Buhl: Die zentrale Idee der Schulakademie ist, gute Schule zu fördern. Dafür wird die Expertise der Preisträgerschulen genutzt und in die Breite getragen. Die Preisträgerschulen haben recht unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte und Stärken. In der Akademie werden diese Erfahrungen gebündelt, dokumentiert und für andere nutzbar gemacht. Im aktuell erschienenen „Handbuch Gute Schule“ wurden beispielsweise die Erfahrungen aus zehn Jahren Deutscher Schulpreis zusammengefasst. Darüber hinaus gibt es Kongresse, Workshops und Lernforen, die sowohl regional als auch bundesweit veranstaltet und inhaltlich durch die Preisträgerschulen gestaltet werden. Die Veranstaltungen bieten die Möglichkeit zum Austausch und zur Vernetzung. Noch intensiver wird in den Pädagogischen Werkstätten zusammengearbeitet. Das sind Fortbildungsprogramme, die in der Regel über ein bis zwei Jahre laufen und von mehreren Lehrkräften einer Schule besucht werden. Das ermöglicht zwischen den Fortbildungsbausteinen, erste Ansätze des Gelernten in der eigenen Schule auszuprobieren und die Erfahrungen bei der nächsten Fortbildung zu reflektieren. So wird kontinuierlich an einem Thema gearbeitet, wie zum Beispiel dem Umgang mit Heterogenität oder der Leistungsbeurteilung.

Hier geht es zum „Teachers Guide“ von News4teachers zur didacta.

Auf der didacta 2017 in Stuttgart diskutiert Prof. Monika Buhl mit weiteren Experten über die Entwicklung von Schulen beim:

Forum didacta aktuell
Schulentwicklungsland Deutschland?
Prof. Dr. Monika Buhl, Universität Heidelberg
Verena Appelshäuser, Grundschule Lambrecht
Claudia Rugart, Regierungspräsidium Stuttgart
Moderation: Jan Hofer, ZDF
17. Februar 2017
14:00 bis 14:45 Uhr
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

3 Kommentare

  1. „Ich zitiere hier sehr gerne die Selbstbestimmungstheorie von Edward L. Deci und Richard M. Ryan,“ etc. pp.

    Da Frau Buhl weder den Lehrerberuf über eine Ausbildung zur Lehrerin erfahren hat, noch über irgendwelche tatsächliche praktische Berufserfahrung in diesem hochkomplexen Beschäftigungsfeld hat, bleibt ihr eben nichts anderes übrig, als mit Zitaten zu werfen und seltsame Wörter wie „Kompetenzerleben“ zu verwenden…

    Nur so erklärt sich dieses entsetzliche Konvolut an Sprechblasen und Puddingbegriffe auf die klare Frage nach den Rahmenbedingungen, bei der jeder Fachmann oder jede Fachfrau sofort weiß, was gemeint ist und auch aufgrund von Sachkenntnis zu Kommentaren in der Lage ist. Bei Buhl reicht es in der Quintessenz dann nur zu einem albernen „Wenn es eine Vision und ein Ziel gibt, gelingt es in der Regel auch, die Rahmenbedingungen entsprechend zu gestalten.“

    Oder diese Zumutung hier: „Was raten Sie Schulen, die selbst tätig werden wollen, um Lehrkräften ein optimales Arbeitsumfeld zu bieten?

    Buhl: Ich denke, sie sollten sich an ihrer Schulgemeinde, an den Kindern und Eltern sowie an ihrem lokalen Umfeld orientieren und – unter Einbezug aller – zentrale Ziele definieren. “

    Das ist kein Rat, das ist der PR-Talk eines Schulministeriums, das sich aus der Verantwortung herausreden will, selber zur Verbesserung von Rahmenbedingungen beizutragen…

    Teil der Schwierigkeiten des Lehrerberufs ist, dass es im Laufe der letzten Jahrzehnte im schulischen Kontext immer mehr in Vergessenheit geraten ist, dass zu fachlichem Sachverstand erhebliche praktische Erfahrung gehört. In der Vergötterung der „Wissenschaft“ in der universitären Didaktik ist in Vergessenheit geraten, dass der Lehrerberuf ein handwerklicher Beruf ist und Schulen Systeme, die in eine Vielzahl von finanziellen, praktischen und rechtlichen Faktoren eingebunden sind. DAS sind die Rahmenbedingungen, wie jeder richtige Lehrer weiß, und man muss diese Rahmenbedinungen genau kennen um zu wissen, wie und wie weit man wirken kann. Für die Verhandlungen mit einem Schulträger, was die Ausstattung angeht oder für den Umgang mit der Bezirksregierung bei Stellenfragen ist das ideologisierte Gewäsch Buhls ohne jede Bedeutung.

    So etwas wie dieses Interview hier ist wirklich nur in unserem Schulsystem möglich. Wir sind als Berufsstand noch zu sehr eine Laienspieltruppe, so dass wir uns so als Lehrer bieten lassen. Man stelle sich einmal vor, ein völliger Laie ohne medizinische Ausbildung, der bestenfalls mal ein paar Jahre lang Studien über Kliniken gelesen hat, würde sich auf einer medizinischen Fachtagung hinstellen und einem Raum voller Ärzte erklären wollen, was die „best practice“ in der Chirurgie ist und wie man die Arbeitsbedingungen in einer Krankenhausabteilungen verbessern kann.

    Aus dem Saal gebuht würde so ein „Experte“.

    Zu Recht.

    • Sie haben vollkommen recht mit Ihrem Kommentar, bis auf eine kleine Ausnahme:

      Den völligen Laien, der einige Studien über Kliniken gelesen hat, gibt es im Krankenhaussektor tatsächlich. Er heißt Unternehmensberater und empfiehlt, die Pflege (=Gewinn) im Krankenhaus zu verbessern, indem Personal abgebaut und falsch bzw. kreativ abgerechnet wird. Verpackt wird das ganze aber in Form von Worthülsen auf Flipcharts.

  2. Ja, das kommt dabei heraus, wenn Leute den Lehrerberuf beurteilen, die nicht als Lehrer arbeiten.

    Wir brauchen dringend:

    – ein geringeres Stundendeputat (1. Schritt: Absenkung um 2 Stunden)

    – kleinere Klassen (Ziel: 18 Kinder maximal)

    – weniger Bürokratie und sonstige Formalitäten, Dokumentationspflichten u.dgl.

    – Rückhalt bei Schulleitungen, Schulaufsichten, Politik, Justiz ggüb. schwierigen Eltern

    – klare, rasche Sanktionsmöglichkeiten bei Disziplinverstößen und das gemeinsame Ringen um mehr Disziplin

    u.a.

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