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G9, weniger Inklusion und Schulartempfehlung – CDU stößt mit schulpolitischen Vorschlägen auf Kritik

KIEL. „…der Oppositionsführer orientiert sich offenbar an dem Führungsstil von Donald Trump“: Selbst Wunschpartner FDP distanziert sich offen von den schulpolitischen Vorschlägen der CDU für die Zeit nach der kommenden Landtagswahl im Mai. Spitzenkandidat, Daniel Günther kündigte nicht weniger als eine schulpolitische Wende an.

Die schleswig-holsteinische CDU will im Fall eines Wahlsiegs bei der Landtagswahl das Abitur nach neun Jahren wieder verbindlich an Gymnasien einführen. Die Argumente, mit denen sich auch die Union vor Jahren für das G-8 Abitur einsetzte, seien heute nicht mehr aktuell, begründete der CDU-Landesvorsitzende und designierte Spitzenkandidat, Daniel Günther die schulpolitische Wende. Als Aufkündigung des Schulfriedens und unnötige Strukturdebatte lehnten die Regierungsfraktionen SPD, Grüne, SSW und Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) den Vorstoß ab.

Auch die oppositionelle FDP, Wunschpartner der CDU im Falle eines Wahlsieges, ging auf Distanz – ebenso die Bildungsgewerkschaft GEW. Dagegen begrüßte der Philologenverband die CDU-Pläne als «eine überfällige Korrektur zum Wohle» der Schüler.

Die Wehrpflicht sei entfallen und der sogenannte Bologna-Prozess habe zu kürzeren Studienzeiten geführt, sagte Günther. Daher dauere es in Deutschland im europäischen Vergleich nicht mehr zu lange, bis junge Menschen ins Berufsleben starteten. Im Vordergrund müsse jetzt stehen, die Gymnasiasten mit einer längeren Gymnasialzeit wieder fit für die Uni zu machen, sagte Günther. Derzeit gebe es hier große Defizite: «Es kann nicht sein, dass Abiturienten nach acht Jahren Schulzeit Eingangskurse an den Universitäten machen, um dort Rechnen, Schreiben und Lesen zu lernen.»

Von der Lehrerausbildung bis zur Inklusion. Die Bildungspolitik war ein umstrittenes Thema in der aktuellen Legislaturpersiode. Wie es scheint, wird es auch nach der kommenden Landtagswahl so weitergehen.Foto: Jirka Matousek / flickr (CC BY 2.0)

Von der Lehrerausbildung bis zur Inklusion. Die Bildungspolitik war ein umstrittenes Thema in der aktuellen Legislaturpersiode. Wie es scheint, wird es auch nach der kommenden Landtagswahl so weitergehen.Foto: Jirka Matousek / flickr (CC BY 2.0)

In Schleswig-Holstein ist das G9 zurzeit Standard an den Gemeinschaftsschulen. Fast alle Gymnasien haben G8, elf noch G9 und vier Gymnasien bieten beide Optionen an.

Die schulpolitische Wende der CDU sieht außerdem die Wiedereinführung von Schulartempfehlungen vor. Diese sollen aber nicht verbindlich sein, sondern den Eltern jede Freiheit lassen, erläuterte ein CDU-Sprecher auf Nachfrage. Unter der jetzigen Regierung von SPD, Grünen und SSW wurde die Schulartempfehlung durch ein obligatorisches Elterngespräch über den Leistungsstand ihres Kindes ersetzt.

Das gemeinsame Lernen von Kindern ohne und mit Behinderung an den Schulen hat sich nach Auffassung der CDU nicht überall bewährt. Lehrer und Kinder seien in manchen Fällen überfordert. Daher sollten wieder mehr Kinder mit Behinderungen in Förderzentren unterrichtet werden, wo sie mit Fachpersonal bessere Chancen hätten, sagte Günther und fügte hinzu: «Wenn dadurch die Inklusionsquote insgesamt sinkt, halte ich dies für hinnehmbar.»

Auch bei der Lehrerausbildung will die CDU zurück zur früheren Gymnasiallehrer-Ausbildung. So soll an der Universität Kiel wieder eine reine Gymnasiallehrer-Ausbildung eingeführt werden. Dort ist geplant, im Wintersemester 2017/18 die Ausbildung auf schulartübergreifende Stufenlehrer umzustellen (Sekundar- I und Sekundarstufe II).

«Die CDU kündigt den Schulfrieden auf», kritisierte SPD-Fraktionschef Ralf Stegner. «Jetzt beginnt wieder eine Debatte um das Schulsystem – nicht im Dialog mit der Basis, sondern auf Ansage von oben – der Oppositionsführer orientiert sich offenbar an dem Führungsstil von Donald Trump.» FDP-Landtagsfraktionschef Wolfgang Kubicki betonte: «Wir bleiben dabei, dass wir es Eltern, Schülern und Lehrern überlassen wollen, welches Modell sie an ihren Gymnasien – G8, G9 oder G-Y – für das richtige halten.»

Bildungsministerin Ernst äußerte Unverständnis: «Die Schulen in Schleswig-Holstein brauchen keine neue Strukturdebatte.» Priorität habe die Unterrichtsversorgung und die Gewinnung guter Lehrkräfte für alle Regionen des Landes. Die Qualität des Unterrichts sei gestiegen. Die aktuelle IQB-Schulleistungsstudie bescheinige den Schülern im Norden «teilweise Spitzenergebnisse im Ländervergleich».

Lars Harms (SSW) meinte, die Menschen in Schleswig-Holstein seien nun gewarnt, «welch bildungspolitischer Blindflug ihnen mit der CDU droht ­ und können den Schulfrieden am 7. Mai schon an der Wahlurne verteidigen.»

Anke Erdmann (Grüne) hielt der CDU in der Bildungspolitik einen Schlingerkurs vor. «Offenbar geht es der CDU gar nicht um Inhalte, sondern sie sucht krampfhaft nach einem Wahlkampf-Thema.»

Die GEW-Landesvorsitzende Astrid Henke sagte, «G8/G9 ist zurzeit an den Schulen kein Thema. Die meisten Gymnasien haben sich mit G8 arrangiert. Da würde eine Rückkehr zu G9 an den Schulen nur unnötige Unruhe bringen. Wir können doch nicht von Wahlperiode zu Wahlperiode das Bildungssystem in elementaren Punkten grundlegend umkrempeln. Wichtiger als ein Wechsel von G8 zu G9 sind bessere Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte und bessere Lernbedingungen für Schülerinnen und Schüler.» (dpa)

Ein Kommentar

  1. In Niedersachsen regiert Rot/Grün.

    Aus der heutigen Pressemitteilung des Philologenverbandes SH:

    „Die Umstellung in Niedersachsen zeigt, dass die Rückkehr zu G9 leichter zu bewerkstelligen ist und weniger curricularen Umstellungsaufwand erfordert, als die G8-Protagonisten der Koalition glauben machen wollen. Wenn man einen Fehler nicht korrigiert, macht man einen noch größeren Fehler“, konstatiert Siegmon abschließend.

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