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OECD-Studie: Gleichberechtigung? Na ja. Viele Mütter in Deutschland gehen der Kinder zuliebe in Teilzeit (und kommen dann nicht mehr heraus)

BERLIN. Frauen mit Kindern in Deutschland sind weniger berufstätig als in vielen anderen Ländern und überdurchschnittlich mit Haushalt und Betreuung beschäftigt. Ein Grund dafür ist der hohe Anteil von Teilzeitarbeit, stellt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fest, die am Montag veröffentlicht wurde.

Mütter sind heutzutage meist gezwungen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Foto: collusor / pixabay (CC0 Public Domain)

Mütter sind heutzutage meist gezwungen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Foto: collusor / pixabay (CC0 Public Domain)

Demnach waren 2014 zwar rund 70 Prozent der Mütter in Deutschland erwerbstätig. Der Wert entspricht etwa dem OECD-Durchschnitt, fällt aber deutlich hinter Länder wie Dänemark oder Schweden zurück, wo rund 82 Prozent der Mütter einem Beruf nachgehen. Mit 39 Prozent arbeiten überdurchschnittlich viele Mütter in Deutschland in Teilzeit, und ihre Wochenarbeitszeit ist mit durchschnittlich 20 Stunden relativ kurz. Dem stehen 30 Prozent Vollzeit-Beschäftigte gegenüber. Nur in den Niederlanden und in Österreich ist die Teilzeitquote unter Müttern noch höher.

In keinem OECD-Land tragen Frauen mit Kindern so wenig zum Haushaltseinkommen bei wie in Deutschland. Der durchschnittliche Anteil bei Paaren mit Kindern betrage in Deutschland 22,6 Prozent, in Dänemark beispielsweise 42 Prozent. Gleichzeitig übernehmen Frauen in Deutschland fast zwei Drittel der Hausarbeit sowie der Betreuung von Kindern und anderen Angehörigen. In Ländern, in denen mehr Frauen arbeiten und es eine gut ausgebaute und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung wie etwa in Finnland oder Norwegen gibt, teilen Eltern unbezahlte Arbeit dagegen ausgewogener auf.

Eine Stunde und 20 Minuten widmen Eltern im Schnitt ihren Kindern täglich – Mütter mehr, Väter weniger

Deutschland habe mit dem Ausbau der Kinderbetreuung sowie mit der Ausgestaltung des Elterngeldes wichtige Voraussetzungen für einegleichmäßigere Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen beiden Eltern geschaffen, heißt es in dem Bericht. Eine gezielte Weiterentwicklung bestehender Instrumente sowie bei Steuern und Transferleistungen sei aber notwendig.

Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) sieht sich durch den Bericht ermutigt, ihre Projekte für Familienarbeit und ein Familiengeld voranzutreiben. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall sieht sich dagegen in seiner Kritik an der Bundesregierung bestätigt. Mütter fühlten sich vor allem durch starre Öffnungszeiten von Schulen, Kindergärten und Kitas gezwungen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren.

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Hintergrund: Deutschland hängt immer noch am traditionellen Familienbild
Hintergrund: Deutschland hängt immer noch am traditionellen Familienbild

BERLIN. Der Vater verdient das Geld, die Mutter kümmert sich ums Kind: Was sich anhört wie ein altmodisches und längst überholtes Familienbild, ist hierzulande noch nicht Vergangenheit. «Das Modell des männlichen Allein- bzw. Hauptverdieners ist in Deutschland weiterhin vorherrschend», stellt die OECD-Studie «Dare to Share» fest. Allerdings: Es gibt auch große Fortschritte bei der partnerschaftlichen Aufteilung.

Was sagen die Zahlen?

Zwar sind in Deutschland 70 Prozent der Mütter erwerbstätig, aber nur 30 Prozent arbeiten Vollzeit. Und mit rund 20 Stunden ist die Arbeitszeit der Teilzeitbeschäftigten relativ kurz. Die Konsequenz: Bei Paaren mit mindestens einem Kind steuern die Frauen nur 22,6 Prozent zum Familieneinkommen bei. Das ist der schlechteste Wert von 15 ausgewählten Ländern.

Warum läuft das in anderen Ländern besser?

Entscheidend sind Betreuungsangebote für Kinder. Mütter fühlen sich vor allem durch starre Öffnungszeiten von Schulen, Kindergärten und Kitas gezwungen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Im Gegenzug müssen sie den größten Teil der unbezahlten Hausarbeit erledigen. In der OECD-Studie heißt es: «In Ländern, in denen Frauen in größerem Umfang arbeiten und es eine gut ausgebaute und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung wie etwa in Finnland oder Norwegen gibt, teilen Eltern unbezahlte Arbeit ausgewogener auf.»

Was ist mit dem Begriff «Teilzeitfalle» gemeint?

Dahinter steckt die weit verbreitete Erfahrung, dass Frauen zunächst zeitweise ihre Arbeitszeit reduzieren wollen, um sich um ihre kleinen Kinder zu kümmern. Später gelingt ihnen aber nicht mehr der Sprung zurück in einen Vollzeitjob. Ein Rückkehrrecht, wie es viele fordern, gibt es nicht. Allerdings hat Arbeitsministerin Andrea Nahles zum Jahresbeginn einen Gesetzentwurf vorgelegt, der eine Befristung von Teilzeitverträgen vorsieht. Es sind aber eine Reihe von Einschränkungen geplant, und die Union befürchtet zu viel Bürokratie.

Wie steht es mit den Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland?

Das unterschiedliche Frauenbild in Ost und West spiegelt sich immer noch in den Umfragen, aber die Differenzen schwinden. In Westdeutschland waren 2012 etwa 20 Prozent der Auffassung, Mütter mit einem noch nicht schulpflichtigen Kind sollten überhaupt nicht arbeiten. 2002 waren es noch 50 Prozent. In den neuen Bundesländern ist diese Zahl von 17 Prozent 2002 auf unter zehn Prozent 2012 gesunken.

Wie unterschiedlich ist die Bezahlung zwischen Männern und Frauen?

Nach offiziellen Angaben beträgt die Lohnlücke in Deutschland 21 Prozent. Der größte Teil davon ist darauf zurückzuführen, dass Frauen entweder in Teilzeit oder in schlechter bezahlten Branchen, etwa in Pflegeberufen arbeiten. Rechnet man das heraus, beträgt der Unterschied noch 7 Prozent.

Wie soll das Lohngefälle geändert werden?

Familienministerin Manuela Schwesig will zunächst mehr Transparenz schaffen. Frauen sollen Anspruch auf Auskunft darüber haben, wie viel andere Gruppen von Beschäftigten in ihrem Unternehmen verdienen. Das soll aber nur in Betrieben ab 200 Beschäftigten gelten. Um den Konflikt zwischen Familie und Beruf weiter zu entschärfen, verfolgt Schwesig das Konzept der «Familienarbeitszeit». Wenn Eltern, also Väter und Mütter, ihre Arbeitszeit auf 28 bis 36 Stunden reduzieren, können sie bis zu 300 Euro aus der Staatskasse bekommen. Von Thomas Lanig, dpa

 

4 Kommentare

  1. Es ist nachvollziehbar, dass eine Wirtschaftsorganisation wie die OECD alle Frauen zu 100% in die Produktion mobilisieren will. Aber offenbar wollen viele Frauen nicht nur schuften, sondern auch ihre Kinder großziehen und Zeit für den nichtökonomischen Teil des Lebens haben. Glücklicherweise ist Deutschland reich genug, dass viele Frauen die Freiheit dazu haben und nicht, wie z.B. in vielen östlichen Ländern, zum Vollzeiterwerb gezwungen sind.

  2. Inwiefern schadet es der Gleich-Berechtigung, wenn Frauen auch Teilzeit arbeiten dürfen?
    Dürfen Männer nicht Teilzeit arbeiten? Was ist falsch an der freien Wahl?

  3. Kann es nicht auch sein, dass der Elternteil mit dem geringeren Einkommen und / oder den geringeren Aufstiegsmöglichkeiten in Teilzeit geht? Vielleicht sollte man diesen Umstand mal aus den Daten herausrechnen. Dann dürfte nach wie vor der Anteil Frauen höher sein als der der Männer, aber nicht mehr so eklatant.

    Pälzer von 22:15 hat durchaus recht: Die biologisch vererbte Erziehungszeit der Kinder durch die Mutter lässt sich nicht vollständig wegökonomisieren, auch wenn die OECD und andere Verbände alles in ihrer Macht stehende versuchen.

    • Kommt noch etwas hinzu, wie viele Chefärztinnen sind mit einem Pfleger verheiratet? Wie viele Geschäftsführerinnen haben iheren sekretär geehelicht? Wie viele Handwersmeisterinnen sind mit einem Mann verheiratet, der im Netrieb als Familienangehöriger arbeitet?

      Generell steht die Frage im Raum, in wie vielen Haushalten verdienen denn die Frauen mehr Geld als ihre Männer? Frauen heiraten “nach oben”, um wirtschaftlich abgesichert zu sein. Vielleicht kann man die Grundaussage der OECD-Studie auch so subsumiren? Dass der Teil einer häuslichen Wirtschaftsgemeinschaft eher in Elternzeit geht oder Teilzeit arbeitet als der “Hauptverdiener”, zeugt doch von wirtschaftlichem Sachverstand, der bei Individuen höher zu sein schein als bei der OECD.

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