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Quantität statt Qualität? Tullner setzt auf Quereinsteiger und Referendare gegen Unterrichtsausfall

MAGDEBURG. Die angepeilte Unterrichtsversorgungsquote hat Sachsen-Anhalts Regierung bislang verfehlt und in den kommenden Jahren scheiden altersbedingt mehrere hundert Kollegen aus dem Dienst aus. Dieser Bedarf sei nur mit Quereinsteigern zu decken, erklärt Bildungsminister Marco Tullner und kündigt außerdem an, künftig weniger Lehrer in die Verwaltung abzuordnen. Applaus für seine Maßnahme erwarte er keinen, so Tullner – bekam er auch nicht, zumindest nicht von Opposition und Gewerkschaften.

Quereinsteiger sollen künftig eine größere Rolle an den Schulen in Sachsen-Anhalt spielen. Ein Konzept für deren Qualifizierung soll demnächst im Bildungsausschuss diskutiert werden, kündigte Bildungsminister Marco Tullner (CDU) im Magdeburger Landtag an. Nur so könne der Bedarf an den Schulen gedeckt werden. Aus Altersgründen scheiden in den nächsten Jahren Hunderte Pädagogen aus dem Schuldienst aus. Die neu ausgebildeten Referendare reichten nicht aus, um die Abgänge auszugleichen, sagte SPD-Bildungsexpertin Angela Kolb-Janssen. Die Sozialdemokraten fordern über die bisherigen Pläne hinaus in den nächsten beiden Jahren jeweils 250 neue Lehrer zusätzlich. Der Vorschlag ist in der Koalition zugleich weitere Maßnahmen gegen den Unterrichtsausfall an aber noch umstritten.

«In Zeiten des Lehrermangels brauchen wir den Lehrer vor der Klasse und nicht in der Amtsstube.» Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner. Foto: EvDa13 / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

«In Zeiten des Lehrermangels brauchen wir den Lehrer vor der Klasse und nicht in der Amtsstube.» Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner. Foto: EvDa13 / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Hintergrund ist die Diskussion um die Unterrichtsversorgung an den Schulen. Immer wieder fällt Unterricht aus, weil an manchen Schulen nicht genug Lehrer vor den Klassen stehen. Die schwarz-rot-grüne Regierung hat sich das Ziel von einer Unterrichtsversorgung von 103 Prozent gesetzt. Zum Stichtag 21. September 2016 lag der Wert an den allgemeinbildenden Schulen aber nur bei 99,5 Prozent.

Tullner will in diesem Jahr 500 bis 700 Pädagogen einstellen. Bis 2020 soll die Gesamtzahl der Vollzeitstellen um rund 500 auf 14 500 steigen. Die Lehrergewerkschaft GEW forderte dagegen mit Blick auf die Altersabgänge erneut mindestens 800 neue Lehrer pro Jahr. Die Regierung müsse dafür endlich das nötige Geld in die Hand nehmen. Die angekündigte Qualifizierung von Quereinsteigern müsse schnell umgesetzt werden.

In seiner Regierungserklärung kündigte Tullner weitere Maßnahmen an. Mehr Geld für neue Lehrer allein werde das Problem nicht lösen. «Dabei wird es natürlich auch Maßnahmen geben müssen, die nicht überall zu Applaus führen», sagte Tullner. Geplant sei, weniger Lehrer in die Verwaltung abzuordnen. «In Zeiten des Lehrermangels brauchen wir den Lehrer vor der Klasse und nicht in der Amtsstube.» Zudem sollen die Pädagogen von bürokratischen Aufgaben wie dem Schreiben von Berichten entlastet werden. Referendare will Tullner früher selbstständig im Unterricht einsetzen, zudem soll die Zahl der Referendariatsplätze auf 780 aufgestockt werden.

Mehr Wochenstunden unterrichten müssen sollen die Lehrer nicht. Kolb-Janssen kritisierte jedoch, dass manche Maßnahmen indirekt genau darauf hinausliefen. Als Beispiel nannte die SPD-Politikerin die Anrechnung von Zusatzaufgaben, etwa für Schulleiter. Tullner will diese Anrechnungszeiten überprüfen. Im Zweifel müsse die Priorität beim Lehrer vor der Klasse liegen.

Grundsätzliche Kritik kam von der Linken. «Die Unterrichtsversorgung ist so schlecht wie noch nie – und hier steht ein Minister, der sich die Welt schönredet», sagte Bildungsexperte Thomas Lippmann. Es gebe Schulen mit einer Unterrichtsversorgung von unter 90 Prozent, teilweise sogar unter 80 Prozent. Die bisher geplanten Neueinstellungen reichten bei weitem nicht aus. «Wenn wir Glück haben wird es nicht noch schlimmer, aber besser wird es auf keinen Fall.»

Die AfD äußerte Bedenken bei der geplanten Einstellung von Quereinsteigern. Es sei falsch, jetzt «die Schleusen zu öffnen und Bewerber mit fragwürdiger Qualifikation einzustellen», sagte Bildungspolitiker Hans-Thomas Tillschneider. Er forderte stattdessen, pensionierte Lehrer an die Schulen zurückzuholen. (dpa)

Seiteneinsteiger und DDR-Lehrer – Minister Tullners Kampf gegen den Lehrermangel

 

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