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Vier Lehrer schreiben bösen Brief an Minister – und lösen damit Grundsatz-Debatte aus: Was kann, was soll das Gymnasium heutzutage leisten?

MÜNCHEN. Vier Gymnasiallehrern aus Bayern ist jetzt der Kragen geplatzt – in einem namentlich unterzeichneten Brief an Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), veröffentlicht im „Münchner Merkur“, beklagen sie einen Wertverlust gymnasialer Bildung (wohl nicht nur) im Freistaat. Das ist mutig und ehrenwert, allerdings auch ein Stück weit entlarvend. Gefordert wird nämlich die Rückkehr in eine Bildungswelt mit einer durchweg heterogenen und leistungsbereiten Schülerschaft, die möglichst keine privaten Probleme wie die Scheidung der Eltern oder mediale Reizüberflutung in den Unterricht trägt. Aber wo gibt’s die denn noch?

Zur Gesamtschule "verkommmen"? Die Schulform Gymnasium. Foto: twicepix / flickr (CC BY-SA 2.0)

Zur Gesamtschule „verkommmen“? Die Schulform Gymnasium. Foto: twicepix / flickr (CC BY-SA 2.0)

Der Anlass des Schreibens erscheint unbedeutend – und doch ist er nach Aussage der vier Lehrkräfte „der Tropfen, der der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“. Das bayerische Kultusministerium hat nämlich verfügt, die Bekanntgabe der Ergebnisse der schriftlichen Abiturprüfungen vorzuverlegen, damit sich die Lernzeit für die Schüler für die daran anschließenden mündlichen Zusatzprüfungen verlängert. So weit, so schülerfreundlich. Und zum Ärger der Kollegen. „Nicht nur, dass insbesondere den Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern heuer der fast unmöglich erscheinende Zeitraum von nur drei Wochen und zwei Tagen zugestanden wird, die Hieroglyphen ihrer Schützlinge zu lesen, zu vergleichen, zu korrigieren und zu benoten. Nebenbei soll ein Zweitkorrektor immer noch in denselben drei Wochen und zwei Tagen dieselben etwa 300 Seiten geistiger Ergüsse eines typischen Deutsch-Kurses genau so sorgfältig und wohlwollend korrigieren und benoten wie der Erstkorrektor“, schimpfen die Unterzeichner des Protestbriefes.

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Für die vier Pädagogen ist die Entscheidung bezeichnend. „Die Korrekturzeiträume bleiben kurz und die eigentlich als Ausnahme konzipierte mündliche Zusatzprüfung wird zur weiteren, regulären Abiturprüfung standardmäßig etabliert. Und das nur, um einem geringen Prozentsatz ein ums andere Mal eine weitere ‚allervorletzte‘ Chance zu geben.“ Dann wird es grundsätzlich: „Es wird damit einmal mehr eine Bildungspolitik vorangetrieben, die das bayerische Gymnasium schleichend zur Gesamtschule verkommen lässt. Die Vermittlung der Freude an Wissenschaften und die Beschäftigung mit unterschiedlichsten Themengebieten muss dadurch leider aufgegeben werden zugunsten eines inflationären Abiturs.“ Das Gymnasium zur Gesamtschule – „verkommen“? Nicht nur an dieser Stelle des Briefes wird ein gymnasialer Dünkel erkennbar.

„Wir würden ja gerne kompetenzorientiert und differenziert unterrichten, aber die Zunahme der Heterogenität der Schülerschaft verhindert dies oft. Die immer größer werdende Zahl an ärztlich attestierten Nachteilsausgleichen wie Legasthenie, Lese-Rechtschreibschwäche oder AD(H)S lassen es in vielen Fällen nicht zu, einen einigermaßen einheitlichen und ruhigen Unterricht durchführen zu können“, so meinen die Studienräte. „Konzentriere ich mich auf die schwachen Schülerinnen und Schüler, langweilen sich die eigentlich gymnasial Befähigten. Verteile ich hingegen ein Arbeitsblatt mit einem Text, der sich über mehr als zehn Zeilen erstreckt und der auch Nebensätze beinhaltet, hänge ich einen nicht unwesentlichen Teil der Klasse ab, der selbst in der 10. Jahrgansstufe noch nicht in der Lage ist, längere Texte flüssig lesen und verstehen zu können.“

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Weiter heißt es: „Schon in der 5. Klasse bekommen wir Kinder aus der Grundschule, deren Deutschnote in einem krassen Gegensatz zu deren Lese- und Rechtschreibfähigkeiten steht. Auf der anderen Seite ist Schule heutzutage kein Ort mehr des Paukens. Hier werden Ehekriege ausgefochten, vornehmlich Schülerinnen hungern sich bis auf ein Mindestmaß an Körpermasse herab und ritzen sich die Unterarme, um dem Leistungsdruck ein Ventil geben zu können – denn heutzutage ist Abitur Pflicht!“ Spätestens hier stellt sich die Frage nach dem gymnasialen Selbstverständnis: Ist das Gymnasium eine Schulform für Kinder mit dem Potenzial, das Abitur zu schaffen (und einem pädagogischen Anspruch, die Schüler dann auch dorthin zu führen) – oder ist es eine Mini-Universität, die sich um die Befindlichkeiten der ihr anvertrauten Lernenden nicht zu kümmern braucht, weil Leistung allein deren Sache ist?

Chance vertan

Schade, hier haben die vier mutigen Lehrkräfte eine große Chance vertan. Denn natürlich haben Sie Recht, wenn Sie den „Akademisierungswahn“ von Eltern kritisch hinterfragen, der viele ungeeignete Schüler ans Gymnasium treibt, wenn Sie die zu knappen Personalressourcen etwa für Schulpsychologen beklagen oder ein Übermaß an fachfernen Inhalten wie „Ernährung“ oder „Drogenprävention“ feststellen. Diese Argumente verblassen leider hinter der allzu stark demonstrierten Unlust, sich um schwierige (aber begabte) Schüler zu kümmern.

Ein Verdienst allerdings bleibt: eine Diskussion um das moderne Gymnasium angestoßen zu haben. Was soll, was kann eine Schulform für eine Leistungselite in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts leisten – und welche Voraussetzungen braucht sie dafür? Eine solche Debatte ist in Deutschland, gerade auch in Zeiten der Inklusion, längst überfällig. Agentur für Bildungsjournalismus

Hier geht es zu dem offenen Brief der vier Lehrkräfte im „Münchener Merkur“.

 

77 Kommentare

  1. Dass die Argumente „hinter der allzu stark demonstrierten Unlust, sich um schwierige (aber begabte) Schüler zu kümmern“ verblassen, konnte ich dem, was die Lehrer sagen, nicht entnehmen.
    Ansonsten: Danke für den interessanten Artikel!

  2. Soll jeder Lehrer wohl jeweils 1 Unterrichtsstunde für die 30 Schüler einer Klasse vorbereiten, also bei einem 6-Stunden-Tag dann 180 Unterrichtsstunden?
    Wer das glaubt ist weltfremd, nicht derjenige, der sagt, dass das nicht geht!!!

    • Das ist das Totschlag-Argument gegen jegliche individuelle Förderung. Nein, nicht der einzelne Lehrer, sondern die Schule soll (sofern ein Mindestmaß an personellen Ressourcen dafür zur Verfügung steht) die Förderung organisieren – angefangen bei einem Turoren-System, bei dem sich ältere Schüler mit um jüngere kümmern, bis hin zu klassen- und stufenübergreifenden Förderkursen für bestimmte Förderziele. Ich persönlich kenne einige Gymnasien, die das auch im real existierenden Schulsystem so praktizieren. Ich kenne allerdings auch andere.

      • Nein, darum gehts nicht. Nur hat jede individuelle Förderung ihre Grenzen!!! All das, was Sie beschreiben, gibt es an den meisten Gymnasien. Trotzdem stoßen die Lehrer an ihre Grenzen!
        Arbeitszeiten von 2100 Stunden im Jahr sind einfach zu viel!

      • Und falls man keine 180 Stunden vorbereiten möchte, braucht man ein gewisses Maß an Homogenisierung, sodass vielleicht 3 – 4 verschiedene Leistungsniveaus ausreichen.

      • Übrigens ist Ihr Argument das Totschlag-Argument für Individuelle Förderung: Es klappt, wenn es nicht klappt sind die Lehrer nur zu faul oder zu doof.

        • Wie sagte der Leiter eines Gymnasiums (!) in einer Diskussionsrunde zur Inklusion im Deutschlandfunk vergangenen Freitag so schön: Wenn ich zwei Schüler habe, habe ich eine heterogene Lerngruppe.

          • Ich sprach von einem gewissen Maß an Homogenisierung.

          • Wenn ich nur zwei Schüler hätte, gäbs auch gar kein Problem. Da könnte ich individualisieren bis der Arzt kommt.

          • @ GriasDi 19:25
            Sie brauchen sich nicht so sehr zu relativieren. In den Zentralen Abschlussprüfungen (Abitur, MSA usw.) und den diversen Vergleichsarbeiten (VERA3, VERA8, ZP10 in NRW) wird auch alles homogenisiert. Der Umgang mit den Ergebnissen kann individueller erfolgen, besonders die VERA-Ergebnisse sind aber meist nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind.

    • @ Ich stimme GriasDi zu, es ist kein Totschlagargument. Ich soll Unterricht für alle vorbereiten, aber bereits bei den „leistungsnormalen Kindern“ individualisiert und dann noch die ganze Stunde speziell für das LRS-Kind und speziell für das Kind mit Förderschwerpunkt Lernen und dann noch speziell für das Kind mit dem sozialen Förderschwerpunkt und die kluge Antwort der „Ideengeber“ (aus Unis und Politik zumeist), ist, wenn die „leistungsnormalen“ arbeiten, könne ich mich ja den anderen widmen: erklären, helfen, vergleichen … Nur so funktioniert das nie, denn auch die Leistungsnormalen haben Fragen, verstehen nicht, machen Fehler, stören, sind früh fertig … sodass ich gar nicht dazu komme, „den anderen“ zu helfen, zu erklären, mit ihnen ihre anderen Aufgaben zu vergleichen.

  3. Übrigens: In Zeitungen standen auch andere Gründe für das Schülerbegehren zu lesen:
    1. Schüler wollen am Freitag vor Pfingsten feiern.
    2. Schüler bekommen Alpträume, wenn sie 2 Wochen auf ihre Noten warten müssen.

    Die Lernzeit für die betroffenen Schüler erhöht sich damit auf ca. 14 Tage. Im Vergleich zu den bisherigen Abiturjahrgängen eine Verlängerung von mehr als 10 Tage – Gerechtigkeit ist das nicht!

  4. Das ist die Realität (siehe mein Kommentar oben, sollte eigentlich hierhin).

  5. Eigentlich gefallen mir Zeitungstexte am besten, die entweder Nachricht (ohne deutliche Meinungs-Duftnote) oder Kommentar (mit Meinung und entsprechender Kennzeichnung) sind. Versteht sich der Beitrag oben als Meldung oder als Kommentar?

    • Gibt es da mittlerweile noch einen Unterschied? Heutzutage sind doch alle Qualitätsmedien Tendenziös.

    • Der Text versteht sich als einordnender, kommentierender Beitrag. Auf die Quelle, den Gastbeitrag im Münchener Merkur, ist deutlich mit Links oben und unten verwiesen.

      News4teachers versteht sich als Bildungsmagazin und als Diskussionsmedium, das auch eigene Haltung erkennen lässt – aber stets seine Quellen offenlegt. Unsere Leser können also immer nachvollziehen, wie wir zu unseren Analysen kommen und sind dann herzlich eingeladen, ihre Meinung dazu zu äußern.

      Die Redaktion

  6. Milch der frommen Denkungsart

    Zunächst bin ich gottfroh, daß dieser Appell verfasst worden ist von jungen Kollegen, denen man – wie jener vom hohen Ross der Theorie salbadernde Kommentator – nicht ernsthaft mangelndes Engagement oder die Resignation eines alten Haudegens unterstellen kann.

    Freilich offenbart sich an derartigen, sich jüngst häufenden Brandbriefen das Ergebnis der unheiligen Allianz
    von Gefälligkeits- wie Erleichterungspädagogik und einer Bildungspolitik, die sich einerseits nur mehr als nütz- licher Zulieferbetrieb der Wirtschaft versteht (G8) oder zum anderen der geneigten Elternschaft vorgaukelt, man könne jedes Kind zu allem begaben oder ihr das lügnerische Versprechen abgibt, in der heute immer
    noch systemischen Klassenstärke von dreißig Schülern sei individuelle Förderung möglich, von der wahnwitzi- gen Idee der Totalinklusion geistig und emotional gehandicapter Kinder ganz zu schweigen (diese Erkenntnis jenen jungen Kollegen als „Unlust“ auszulegen und obendrein die heimliche Gleichung aufzumachen, wonach schwierige Schüler selbstredend voller Stärken steckten, ist schlichtweg unverfroren).
    Daß Schule zudem inzwischen mit allerlei fragwürdigen Inhalten vollgepropft worden ist, die dort genuin nichts verloren haben, sondern zuvorderst dem Elternhaus obliegen, bedarf ebenso lediglich am Rande einer Erwähnung.
    Insofern entlarvt sich die Frage, ob das Gymnasium denn eine Schulform sei, die Jugendliche mit Potenzial
    zur Studienbefähigung führen solle, als rein rhetorisch, da zuletzt alles daran gesetzt wurde, ebendiesen Anspruch durch fortschreitende Niveaudeformation und Hürdensenkung im Gaukelgewand vorgeblicher „Bil- dungsgerechtigkeit“ zum Verschwinden zu bringen; Ausfluss dessen ist das Frankenstein’sche Monster der zwar verschulten, aber dennoch gehäuft über Studenten ohne basale Kenntnisse klagenden Universität.

    Gewiß bin ich mir bewußt, daß diese meine Äußerungen als Todesschrei altständisch-elitären Denkens ver- bellt werden dürften, gebe jedoch nochmals zu bedenken, daß hier vier Junglehrer mit zweifellos noch frischen Idealen im Herzen ihrer Frustration Luft gemacht haben – und darüber sollte man nicht einfach zur
    Tagesordnung übergehen.

    • Danke für den Kommentar. Ich ergänze noch, dass bei einer Beschränkung der Gymnasien auf die 30% Grundschulbesten alle Schulformen profitieren, weil die „schwächere“ Hälfte der heutigen Gymnasiasten eine leistungsstärkende und sozial stabilisierende Wirkung auf die Real-, Mittel-, Sekundar-, Regel-, sonst wie -schulen haben. Bei den Gymnasien könnte man sogar im G8-System wieder ein studierbefähigendes Niveau fahren. Die linksgrüne Fraktion hat mit Sicherheit aus den von Ihnen genannten Gründen eine Menge dagegen.

  7. Ich kritisiere die Behauptung, der beschriebene Brief der vier Lehrer sei „entlarvend“, denn das impliziert, sie trügen eine „Larve“ (altes Wort für Maske). Man könnte auch sagen, sie haben die Vision noch nicht aufgegeben, dass es in einer der reichsten Gesellschaften doch auch möglich sein müsste, dass Kinder gesund und darum auch leistungsfähig aufwachsen. Dazu müsste die Gesellschaft sich aber von einigen krankmachenden Strukturen verabschieden, z.B. ihre Kinder von Anfang an als Konsumenten auszubeuten. So ein mahnender Brief hält die Idee wach.

  8. Schreiben Grundschulen Brandbriefe dann ist das berechtigt, jeder kann es verstehen – oh die armen Grundschulen. Platzt dann Gymnasiallehrern der Kragen, weil auch an sie unerfüllbare Anforderungen gestellt werden dann ist es eine vetane Chance oder gymnasialer Dünkel. Viele weitere abwertende Formulierungen werden verwendet.
    Was ist es in NRW für ein Bio-Abitur, in dem 9. Klässler die Note 1 erreichen können? Wozu sind weitere 3 – 4 Jahre Schule nötig?
    Und ja, das Gymnasium ist ab einer gewissen Jahrgangsstufe eine Mini-Universität, wenn es die Schüler auf das spätere Leben vorbereiten will, was ja auch immer gefordert wird. Das wird aber dann im Artikel sofort wieder mit dem Beisatz: „die sich um die Befindlichkeiten der Schüler nicht zu kümmern braucht“ diffamiert. Es ist einfach QUATSCH. Auch das Gymnasium kümmert sich um die Befindlichkeiten seiner Schüler. Passt aber nicht zu den Vorurteilen, die gegenüber dem Gymnasium gepflegt werden.

    • Die Lehrer oben stammen aus Bayern, dem Bundesland also, in dem der Zugang zum Gymnasium allein von guten Noten in der Grundschule abhängt. Die Gymnasien haben faktisch nichts mit der Inklusion zu tun (im Gegensatz zu den Grundschulen), Kinder mit Migrationshintergrund sind genauso unterrepräsentiert wie Kinder aus sozial schwachen Familien. Wie viel soll denn noch sortiert werden, damit die Herren und Damen – die auch noch mehr verdienen als Grund- und Hauptschullehrkräfte – endlich zufrieden mit ihrer Schülerschaft sind?

      „Und ja, das Gymnasium ist ab einer gewissen Jahrgangsstufe eine Mini-Universität“ – gruselig. Sorry, da hat Ihnen beim Berufseinstieg jemand vergessen zu erzählen, dass Sie vor allem Kinder und Jugendliche, nicht Fächer zu unterrichten haben. Der fatale Eindruck, der sich hier aufdrängt, ist: Schule ohne Kinder wäre herrlich. Gut zu wissen, dass es viele GymnasiallehrerInnen mit einer anderen Einstellung gibt.

      • Da sich Paare tendenziell klassenintern finden, hängt die Schulart des Kindes mit der der Eltern und deren Eltern etc zusammen. Wenn also die Eltern aus kognitiven Gründen kein Abitur schaffen konnten, gilt dasselbe tendenziell auch für die Kinder. Genetik und Gleichmacherei passen nicht so gut zusammen …

        • … was ein schönes Argument für das indische Kastenwesen ist.

          Was das hier aussagen soll, verstehe ich aber nicht.

          Nur zur Richtigstellung: Die Intelligenzforschung ist sich heute einig, dass sowohl genetische Dispositionen wie auch die Sozialisation und die dabei herrschenden Lernbedingungen für die Ausbildung der Intelligenz entscheidend sind. Dazu kommt: Nicht alle sozial schwachen Eltern sind dumm.

          • Aber das Problem der ethnischen Bayern sind die vielen Zugereisten, deren Kinder eine Gymnasialempfehlung mitbringen bzw. die bereirs vor dem Umzug ein GY in einem anderen Bundesland besucht haben. die müssen ohne die bayrischen weihen erhalten zu haben, einen Platz an einem GY bekommen.

            Warum war noch die Übergangsquote nach der GY zum GY in Aschaffenburg und Umgebung höher als im Rest Bayerns?

          • @ Anna: Ich habe nicht behauptet, dass alle sozial schwache Eltern dumm sind. Viele der (im Fernsehen stattfindenden) Superreichen haben mehr Geld auf dem Konto als Gehirnzellen im Kopf.

            Ich habe aber behauptet, dass Sozialisation, Lebensstandard, Schulbesuch, kognitive Leistungsfähigkeit, Paarbildung miteinander korrelieren. Zugegebenermaßen haben es einfach gestrickte, aber hübsche Frauen leichter, „nach oben“ zu heiraten als einfach gestrickte Männer. Nur wenige Chefärztinnen angeln sich einen Krankenpfleger (dickebank, verzeihen Sie bitte, dass ich Sie kopiert habe) im Vergleich zu Chefärzten eine Krankenschwester.

            In Bayern ist das aufgrund seiner vergleichsweise geringen gymnasialen Quote noch extremer ausgebildet als in NRW, wo das Gymnasium mit seinem Anteil von 50% die neue Hauptschule geworden ist. Kein Wunder, dass sich die Gemeinschafts-, Real-, Sekundar- und Hauptschulen als eine Art Resterampe vorkommen müssen.

          • @ Anna: In welchen Kreisen verkehren Sie denn? So wie Sie schreiben, muss Ihr Bekannten-, Freundes- und Familienkreis eine repräsentative Auswahl aller sozialen und ethnischen Schichten in Deutschland sein. Wenn nicht, gehorchen Sie zumindest unbewusst genauso dem indischen Kastenwesen wie so viele andere Menschen auch.

      • @Anna
        Wer Kinder unterrichtet, ohne sein Fach zu lieben macht was falsch. Wer an der Schule unterrichtet, ohne Kinder zu mögen macht was falsch. Spielen Sie doch nicht das eine gegen das andere aus. Es gibt das eine ohne das andere nicht. Falls Sie doch der Meinung sind, wie wollen Sie dann die Schüler begeistern, wenn Sie sich nicht selbst für ihr Fach begeistern bzw. für das Fach, das Sie unterrichten?
        Übrigens, auf das Gymnasium gehen mehr als 50 % eines Jahrgangs. Damit haben alle anderen weiterführenden Schulformen weniger Heterogenität zu bewältigen als Gymnasien.
        Warum sollten Schüler in der Oberstufe nicht auf die Universität vorbereitet werden? Haben Sie meinen Kommentar zu diesem Satz nicht gelesen, wonach sich das Gymnasium sehr wohl um die Befindlichkeiten seiner Schüler kümmert?

    • Also füe mindestens A13 kann man ja wohl auch mehr verlangen als von Grundschullehrerinnen mit deutlich niedrigerer Besoldung und ohne Ratszulage. Oder ist hohe Fachlichkeit doch kein Kriterium, um heutigen Erfordernissen im Bereich Schule gerecht zu werden?

      • Ich finde es schade, dass auch Sie mit Ihrem Kommentar den mutigen Aufruf der vier jungen Gymnasiallehrer verhöhnen.
        Um Besoldungen zu streiten sollte auf einem anderen Blatt stehen und nicht die berechtigte Frage nach dem Wertverlust gymnasialer Bildung überlagern.

        @Anna
        Kommentare, bei denen mir nur noch der Wunsch nach Bildungssozialismus oder -kommunismus begegnet, kann ich nicht mehr ernst nehmen. In der Theorie klappt alles wunderbar, doch in der Praxis zerplatzen die Träume.
        Da schlägt dann die Wirklichkeit zu und alle werden zu Verlierern, auch die, denen Sie mit hehren Vorstellungen und Sprüchen helfen wollen. Sogar die angeblich Benachteiligten, Schwachen und Ausgegrenzten zahlen drauf und werden ihrer Bildungschancen beraubt.
        Aber vielleicht befriedigt auch das den Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit. Wenn alle draufzahlen, herrscht endlich Gleichheit und dem ach so humanen Neid geht die Luft aus.

  9. Au weia, Beate S. Wenn jeder, der auch dem Gymnasium eine Erziehungspflicht (wie jeder anderen Schulform) zuerkennt, ein Kommunist ist, dann ist Deutschland voll von Kommunisten – angefangen von sämlichen Landesregierungen bis hin zu den vielen Gymnasiallehrkräften in Deutschland, die ihre pädagogischen (!) Aufgaben voll anerkennen und gut wahrnehmen.

    Was soll aus dem Aufruf der Studienräte oben denn bildungspolitisch folgen? Es wird in Bayern doch schon nach Noten selektiert – plädieren die Herren und Damen dafür, künftig die Eins vor dem Komma zur Zugangsvoraussetzung zu machen? (Nur mal am Rande gefragt: Wie viele Akademiker braucht die bayerische Wirtschaft eigentlich – kommt sie mit so wenigen aus?) Oder soll der Leistungsdruck am Gymnasium verschärft werden, dass noch mehr Kinder abgeschult werden könnnen?

    Und wer soll die unbequem gewordenen und gescheiterten Kinder dann wieder aufrichten? Diese Aufräumarbeiten erledigen dann ja wohl die Lehrkräfte in den „verkommenen“ niederen Schulformen – für A12. Dankeschön, liebe Kollegen.

  10. Ich empfehle Anna die Lektüre der neuen Zeitschrift für Pädagogik („Erfassung von pädagogischem und psychologischem Wissen in der Lehramtsausbildung“), wo der Autor dieser Studie völlig verdattert feststellen muss, dass die pädagogischen und psychologischen Kompetenzen von Gymnasiallehrkräften denen anderer Schularten meilenweit überlegen sind, und dies trotz geringer Anteile an schulpädagogischen Studienanteilen.
    Also bevor man sich lustig macht über Lehrer, die angeblich nur Fächer unterrichten, mal die ideologischen Scheuklappen ablegen und die Realität zur Kenntnis nehmen!

    • Ich hab‘ doch gar nicht bestritten, dass auch KollegInnen vom Gymnasium über pädagogische Kompetenzen verfügen – im Gegenteil.

      Ich habe die PädagogInnen aus dem Bericht oben kritisiert und dazu geschrieben: „Gut zu wissen, dass es viele GymnasiallehrerInnen mit einer anderen Einstellung gibt.“

      Dass die pädagogischen und psychologischen Kompetenzen von Gymnasiallehrkräften allerdings „denen anderer Schularten meilenweit überlegen sind“, na ja, das halte ich für zumindest zweifelhaft – ohne allerdings die genannte Studie zu kennen. Wenn’s so wäre, könnten sich die o. g. Herren und Frauen StudienrätInnen ja mal verstärkt um Inklusions- und Flüchtlingskinder kümmern und bräuchten nicht über ihre wohlsortierte Schülerschaft zu jammern.

      • Die Gymnasiallehrer nehmen das (eigentlich vorrangige) Ziel des Gymnasiums ernst, nämlich die Befähigung zu einem Studium. Mit Wohlsortiertheit hat das nicht viel zu tun, eher mit einer Vorsortierung nach der Grundschule, wie sie auch in jedem Sportverein bei der Aufteilung in eine erste, zweite, dritte usw. Mannschaft passiert. Einen maximal zum Kneipensport fähigen Fußballversager packen Sie ja auch nicht in die erste Mannschaft, wenn Sie gewisse Ziele mit der Mannschaft verfolgen.

        • Das sehe ich anders.
          M.E. hat bei den Kollegen im Studium oder in der 1. Praxisphase (vielleicht auch schon viel früher bei der eigenen Berufsorientierung nach der eigenen Schulzeit?) etwas nicht richtig geklappt, da sie wohl ein realitätsfernes Berufsbild manifestiert haben. Wir kennen das ja aus der Psychologie, solche Prä- oder Misskonzepte sind äußerst stabil gegenüber äußeren (realen) Eindrücken/Einflüssen.
          Na ja, sie werden an einer bajuwarischen Uni studiert haben (Ziel des Gymn. ist die Befähigung zu einem Studium, also ist Gymn. voruniversitäre Ausbildung? Bitte, wie geht das denn, wenn diese Kollegen noch nicht einmal richtig in eine Universität mit Forschung und Lehre hineingeschnuppert haben. Das spreche ich den Vertretern dieser Position – s.o. – prinzipiell ab, die vielleicht für 5,6 Jahre an einer Uni ein LA-Studium „durchgezogen“ haben, aber kaum wissen, wo sie sich da aufgehalten haben.) – das sagt eigentlich alles, wenn man die bundesweite Hochschullandschaft im Bereich LA kennt. Da ist ihnen ihr Standesdünkel als Oberstudienrat (früher Gymnasialprof.) gut eingeprägt worden, und alles Pädagogische, Fachdidaktische (Wichtige) war zum belächeln.

          • Würde Ihnen eine Diplomarbeit in einem der beiden Lehrfächer als richtig in eine Universität hineinschnuppern ausreichen?

          • Nicht ganz, ich habe in NRW studiert, allerdings weitgehend zusammen mit den Diplomern. Das gilt für beide Fächer und auch für Pädagogik, was ich mit den Hauptfach-Magistern belegen musste. Was das mit schulischer Praxis zu tun hat, möge man die Dozenten fragen. Dasselbe gilt auch für die wenigen, ebenfalls kaum praxisrelevanten fachdidaktischen Veranstaltungen.

            Didaktisch besser waren die GHR-Studenten aufgestellt, dafür hatten sie — als Studenten !! — mit dem Oberstufenstoff ihrer eigenen Fächer noch Probleme, vom Hochschulstoff — obwohl fachlich im Vergleich, was ich lernen musste, massiv abgespeckt — ganz zu schweigen.

            Es kann meiner Meinung nach ruhig jeder das Gymnasium besuchen, aber bitte nicht alle und besonders nicht die, die dort die Sek I im Sinne von Zulassen zur Sek II von vorne herein nicht schaffen können. Mit Standesdünkel hat das nichts zu tun, ich möchte den eigentlich an der falschen Institution angemeldeten Kindern andauernde Frustration wegen Misserfolgs ersparen. Ich gebe allerdings zu, dass es die Bildungspolitik immer mehr Schülern trotz immer weniger dafür tun zu müssen zum Abitur verhilft. Dieser Umstand war ja auch der Grund für den Brandbrief.

    • @ Conny
      Danke für Ihren Lektüre-Tipp. Habs gelesen.

  11. „Akademisierungswahn“ ist ein treffendes Wort für das, was PISA uns eingebrockt hat.

    Will ich mir merken!

    Wenn alle Akademiker werden, wer stellt dann noch unsere Lebensmittel her?

    Wir alle können ohne Lehrer leben, aber niemand kann ohne die Landwirte leben!

    • Wieso hat uns das denn PISA eingebrockt? Das hat uns die Wirtschaft eingebrockt, die Hauptschülern faktisch keine Chance mehr gibt.

      Aber trösten Sie sich: Die vollautomatisierte Agarindustrie braucht auch bald keine Landwirte mehr – nur noch Ingenieure, die die Melk- und Ernteroboter warten.

    • Das mit der Landwirtschaft ist ein sehr schlechtes Argument, auch weil die Arbeitskräfte dafür ja da sind, sie kommen saisonweise aus Polen, Rumänien usw. Aber das Handwerk hat deutliche Probleme, und das merkt jeder, der ein Haus bauen oder etwas repariert haben will.

  12. Zitat: „Die immer größer werdende Zahl an ärztlich attestierten Nachteilsausgleichen wie Legasthenie, Lese-Rechtschreibschwäche oder AD(H)S lassen es in vielen Fällen nicht zu, einen einigermaßen einheitlichen und ruhigen Unterricht durchführen zu können […]“

    Genau !!! Das ist aus der Praxis gesprochen !

  13. Natürlich ist es anstrengender, sich um alle Kinder zu kümmern, als einen ruhigen und einheitlichen Unterricht durchführen zu können. Aber diejenigen, die überhaupt nicht passen, schaffen es doch sowieso nicht. Wer die Leistung nicht erbringt, fliegt doch, oder?

    • Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wer passt, fliegt nicht. Wer fliegt, hat von vorne herein nicht gepasst.
      Aber auch: Wer (eigentlich) nicht passt, muss noch lange nicht fliegen. Wer nicht geflogen ist, muss noch lange nicht gepasst haben. Die letzten beiden (logisch zueinander äquivalenten) Eigenschaften erfüllen heutzutage u.a. aufgrund des Akademiniserungswahns eine Menge Gymnasiasten.

      • Hach XXX, manchmal sind Sie echt sympatisch 🙂

      • Das Problem ist, wo früher ein Hauptschulabschluss reichte, werden lieber diejenigen mit einem mittleren Bildungsabschluss genommen. Wo früher Realschule reichte (z.B. Banklehre), hat man nur noch mit Abitur eine Chance.

        • Früher konnte man mit Hauptschulabschluss (neun Jahre) Hauptkassierer bei einer Bank werden.
          Wer heute als Bankkaufmann/-frau nach der ausbildung übernommen wird und nicht binnen kürzester Zeit die Qualifikation zum Finanzswirt (BA) – Sparkassenbetriebswirt oder dergl. – erreicht landet bei der Arbeitsagentur.

          Die Kasse selbst hat bei heutigen Baken/Sparkassen überhaupt nicht mehr die Bedeutung wie ehedem. Entsprechnd gering ist die wertschätzung gegnüber den „Kassierern“.

  14. @ Bernd,

    soweit ich mich erinnere, fing es nach PISA an, dass davon geredet bzw. danach gestrebt wurde, die Abitur- / Studierquote zu erhöhen, also die Anzahl jener, die zumindest studieren könnten. Das wurde als Wert an sich bzw. als Ausdruck eines erfolgreichen Bildungssystem ausgegeben.

    Seither galten alle anderen Abschlüsse immer weniger.

    • Das hat mit PISA nichts zu tun, kam aber tatsächlich aus derselben Quelle: von der OECD, die die Akademikerquote in Deutschland lange als zu niedrig kritisiert hat und heute Deutschland für sein duales System lobt.

      Andererseits: Die OECD hat ja durchaus Recht. Das Gerede vom „Nicht-jeder-braucht-ein-Abitur“ betrifft ja immer nur die Kinder der anderen. Was den eigenen Nachwuchs angeht, da weiß man sehr wohl, dass eine berufliche Karriere in Deutschland ohne Abi und Studium schon heute kaum mehr möglich ist – und künftig, im Zeitalter einer vollständig digitalisierten Wirtschaft, noch weniger möglich sein wird.

  15. Ich habe den Originalwortlaut im Merkur gelesen. Inhaltlich kann man vieles nachvollziehen und verstehen. Insgesamt finde ich den Brief ganz schön mutig, aber teilweise grenzwertig vom Wortlaut her. Ob jemand aus dem Grund- oder Hauptschulbereich jemand einen vom Stil ähnlichen Brief geschrieben hätte?
    Das ist natürlich eine sehr ideale Sichtweise in Bezug auf den Unterricht, die die 4 KollegInnen hier aufzeigen. Jeder Lehrer an jeder Schulart wünscht sich einen störungsfreien Unterricht um sich seiner eigentlichen Aufgabe, dem Unterrichten, zu widmen. Dem ist durch den Wandel in unserer Gesellschaft nicht mehr so. ADHS und Autismus und sonstige Störbilder ziehen sich durch alle Arten der Begabungen. Ich habe an der Grundschule immer wieder sehr begabte Schüler, die auffällig sind. Sollen sie deshalb nicht ans Gymnasium gehen, wenn sie gute Leistungen bringen? Um diese Schüler kommt man am Gymnasium nicht mehr drum herum. Hier bräuchten die Gymnasien mit Sicherheit mehr Unterstützung und Personal. Auch an die Realschulen und Gymnasien gehören Sozialarbeiter.
    Allerdings sollen die Schüler, denen der Stoff zu schwer ist, gleich auf die Realschule gehen. In Bayern haben wir für Spätzünder so viele Möglichkeiten „aufzusteigen“. Doch da kann man mit Engelszungen auf manche Eltern einreden, sie haben ihre eigenen Vorstellungen.
    Die bayerischen Gymnasien sieben dennoch gut aus. Mindestens 40 Prozent der übertretenden Schüler gehen im Laufe der Schuljahre vom Gymnasium ab und suchen sich Alternativen. Ich bin übrigens ganz althergebracht für eine Aufnahmeprüfung für alle Schüler. Dann hätten wir in der Grundschule diese Gymnasialhysterie los, die uns das Leben schwer macht. Wir prüfen ja nur noch ab und hetzen von einer Probe zur nächsten, weil wir eine gewisse Probeanzahl als Richtlinie annähernd erreichen sollten. Der Schnitt fürs Gymnasium in By ist aktuell D, M, HSU : 2,33. Also man darf eine 3 dabei haben und eine 3 ist eben eine mittelmäßige Note.
    Eltern werden in 2 Elternabenden zum Übertritt an die weiterführenden Schulen informiert. Im 3. Schuljahr wird über das Schulsystem informiert, im 4. Schuljahr kommen einzelne Lehrkräfte der 3 Schularten und informieren über ihre Schulart, die aber in letzter Zeit durch Powerpointpräsentationen eher an Werbung erinnerten, auch beim Gymnasium. Dann wird noch ein Tag der offenen Tür für die Schüler angeboten. Ich erinnere mich an meine letzte Klasse, da ging der eine oder andere Zweifelfall deshalb ans Gymnasium, weil ihnen nach dem Tag der offenen Tür plötzlich das Gymnasium besser gefallen hat.
    Das LRS/Legasthenie – Problem wird sich geben – in letzten Jahren hatten wir tatsächlich inflationär vor dem Übertritt solche Schüler, meistens durch Fachärzte „getestet“ – denn das Kumi hat da einen Riegel davorgeschoben, indem es ab diesem Schuljahr durch eine neue Verodrnung den Notenschutz bei Legasthenie wesentlich schwerer macht.

  16. Milch der frommen Denkungsart

    @ysnp:

    Es wäre sicherlich eine zeilenfüllende Angelegenheit zu eruieren, was denn den von Ihnen konstatierten „Wandel in unserer Gesellschaft“ herbeigeführt hat und worin er qualitativ besteht; ich jedenfalls denke, hinter derlei Floskeln – dasselbe gilt im Übrigen für den inflationären Gebrauch des Begriffs „Heterogenität“ – tarnen sich tatsächlich gesellschaftliche Verfallserscheinungen, als deren billiger Reparaturbetrieb die Schulen bzw. die Kollegien – und ich beziehe mich hier ausdrücklich nicht allein aufs Gymnasium ! – herhalten sollen.
    Diesbezüglich kann ja nur ein gutmütiger Träumer meinen, daß die von vielen Mitdiskutanten in diesem Fo- rum postulierten personell-finanziellen Auffangmaßnahmen jemals Realität werden, die nötig wären, um die Begabungen verhaltensgestörter Schüler wie eine Hebamme ans Licht zu bringen. Fakt ist freilich, daß de- ren Betreuung (denn „Unterricht“ ist nichts anderes als ein verbrämender Euphemismus) auf Kosten der normal sowie überdurchschnittlich leistungsfähigen Schüler geht, da sie die gesamte Aufmerksamkeit der Kollegen wie ein Schwarzes Loch in sich hineinschlürfen; Intelligenz braucht Beschulbarkeit (wobei kein se- riöser Lehrer wirklich leistungsfähige Kinder nur ihrer Auffälligkeit halber links liegen lassen wird).
    Zudem halte ich dafür, daß unser Schulsystem im Gegensatz zu den hier ebenso häufig aufgestellten Be- hauptungen sehr wohl vertikale Durchlässigkeit aufweist, da beispielsweise auch die Realschule die Option auf ein Studium offenhält; mithin verbietet sich jeder hanebüchene Vergleich etwa mit dem indischen Ka- stenwesen.

    • „personell-finanzielle Auffangmaßnahmen“ in dem Maße, wie sie immer wieder gefordert werden und letztlich utopisch (weil unbezahlbar) sind, stellen für mich den Beweis für missglückte Bildungspolitik dar.
      Wenn Schwierigkeiten in relativ wenigen Jahren dermaßen explodieren, dass alle nur nach mehr Personal rufen, um halbwegs über die Runden zu kommen, stimmt etwas nicht mit der politischen und behördlichen Schulgestaltung.
      Klar, auch in der Umwelt hat sich vieles geändert, was negative Einflüsse auf die Kinder hat. Aber immer nur dies und mangelndes Personal zu beklagen, ist Feigheit und Katzbuckeln vor dem wahren Übeltäter, der immer ideologisicher und zu wenig realpolitisch agierenden Obrigkeit.

      • Dann erklären Sie’s doch mal konkret, Milch und mestro: Was soll politisch Ihrer Meinung nach gemacht werden, um das Schulsystem auf Vordermann zu bringen?

        • Die wollen zur Dreigliedrigkeit exklsive Förderschuel zurück, sind also nicht zukunftsfähig.

          Die einzieg Alternative besteht in einem zweigliedrigen Schulsystem und einer Abkehr von noch mehr Zentralismus – also größerer Bildungsautonomie für die einzelnen Schulen. Ob die Schüler mehr oder weniger können als bisher, ist nicht entscheidend. wichtig wäre, dass sie das Wenige tatsächlich können. Und damit meine ich rechnen, schreiben, lesen. Das gesamte Fremtsprachen- und MINT-Geschrei ist absolut überflüssig.
          Wer einen naturwissenschaftlichen, musischen, fremdsprachlichen oder sonstigen Schwerpunkt belegen will, kann das nach Klasse 8 tun.

          • … aber die Dreigliedrigkeit exklusive Förderschulen gibt es doch de facto in Bayern noch – und trotzdem beschweren sich die Herren (sind doch Herren, oder?).

            Also wüsste ich schon ganz gerne, was die beiden tun würden, wenn sie Kultusminister werden würden – nur rummeckern über „gesellschaftliche Verfallserscheinungen“ ist ja eine leichte Übung.

            Nebenbei: Wenn die Gesellschaft heute verfällt, muss sie früher ja besser gewesen sein. Wann war sie denn besser, Milch? In den 50-er Jahren, als die Prügelstrafe noch in den Schulen exzerziert wurde? In den muffigen 60-er Jahren mit ihrer Doppelmoral und dem Kalten Krieg und dem Verbot für Frauen, ohne Erlaubnis ihres Ehemanns arbeiten zu dürfen? In den 70-er Jahren mit atomarer Überrüstung und der immer noch bestehenden gesetzlichen Diskriminierung von Homosexuellen? In den 80-er Jahren mit Endzeitstimmung, Massenarbeitslosigkeit und Kohls „geistig-moralischer Wende“ hin zum Neoliberalismus? In den 90-er Jahren mit Goldgräberstimmung in einer entfesselten Wirtschaft? In denn 00-er Jahren mit dem Aufkommen von Internet und Trash-TV?

            Oder ist es nicht einfach so, dass jede Zeit ihre Herausforderungen hat, auf die die Gesellschaft (und auch die Schulen) reagieren muss? Und dass es durchaus Gründe für eine konstruktiv-kritische Sicht auf bestimmte Entwicklungen, aber keinen Grund für einen allgemeinen Kulturpessimismus gibt?

            Übrigens, Milch, ich habe keineswegs das gegliederte Schulsystem mit dem indischen Kastenwesen verglichen – die Äußerung bezog sich auf die von XXX, wonach Intelligenz ohnehin allein von den Genen bestimmt sei und Angehörige sozialer Schichten am liebsten unter sich heiraten würden.

          • PS. dickebank – ich teile Ihren Lösungsansatz. Bis auf die Fremdsprachen; zumindest Basis-Englisch gehört heute schon zu den Grundkenntnissen.

          • 20% Übertrittsquote auf die staatlichen GY in BY, Abschaffung der kommunaleen GY in BY. Ausbau der beruflichen GY und Beschränkung des „Hochschulzugangs“ für Absolventen mit FHR (Ausschluss von Universitäten). Abschaffung der Mittelschulen, vertärkter Ausbau von Hauptschulen, damit diese wieder 60% der Schülerschaft aufnehmen können.

            So dürfte die Agenda wohl aussehen.

          • Dann bekämen wir allerdings eine Akademikerquote von 15 Prozent – und die bayerische Wirtschaft müsste eingen Großteil ihres Bedarfs an studierten Kräften durch Importe aus anderen Bundesländern decken, wo das Abitur bekanntlich verschenkt wird (tut sie ja eh‘ schon).

            Und was passiert dann mit den vielen Hauptschul-Absolventen, die alle keinen Job finden? Werden die dann in den bayerischen Staatsdienst aufgenommen?

          • Habe heute erst eine Statistik gesehen, nach der die Abiturientenquote in Bayern so hoch ist wie im Bundesdurchschnitt.

    • Nein, das ist nicht zeilenfüllend. Die Eltern aller Bevölkerungsschichten wollen das Beste für ihr Kind. Und das ist in ihren Augen ein gymnasialer Schulabschluss. Das können Sie auch in allen Bundesländrn sehen, die neben dem GY und den GeS noch andere Schulformen wie z.B. die Sekundarschule (NRW) anbieten. Die SekS floppt, weil sie keine GOSt hat. Alternativ – Voraussetzung ist, es gibt keine GeS in erreichbarer Nähe – steigen die Anmeldezahlen, dass die Behörden (Schulverwaltungsämter der Kommunen) gezwungen sind, diese Schulform dauerhaft in die 4-Zügigkeit zu überführen, um so die Voraussetzug zur Umwandlung in eine GeS zu schaffen.

      Dabei ist zu beobachten, dass bestimmte Schulen – egal welcher Schulform – deutlich gemieden werden. Der dafür ausschlaggebende Grund für dieses Anmeldeverhalten ist die Schülerzusammensetzung. Die biodeutschen Eltern und bildungsnahe Migranten wollen nicht, dass ihr Kind auf eine „Ausländerschule“ geht. Liegt der Anteil von Migranten über 40% (statistischer Durchschnitt in den schulpflichtigen Alterskohorten), hat die Schule ihren Ruf weg und wird ihn nicht los. Da Schulen aber die für die vorgegebene Zügigkeit erforderliche Schülerzahl benötigen, bietet sich hier ein Rieseneinfallstor für das Schulverwaltungsamt, Schüler zuzuweisen. – Und zwar die Schüler, die aufgrund ihres Notenbildes, ihrer Auffälligkeiten, ihrer speziellen Bedürfnisse etc. an anderen Schulen der gleichen Schulform abgelehnt worden sind. Brennpunktschulen sind hausgemachte Probleme. Das Problem besteht in der Zuweisung von Personal, das landesweit dem gleichen Schlüssel unterworfen ist.

  17. Milch der frommen Denkungsart

    Der von Gymnasialneid zerfressene dicke Kollege, der sich auf allen bildungspolitischen Feldern den Ranzen der Weisheit angefressen zu haben scheint, indem er sich als Universalgenie aufführt, präsentiert uns nun- mehr auch seine hellseherischen Fähigkeiten; im Übrigen sollte man ja inzwischen sensibel geworden sein, wenn irgendeine Ansicht als indiskutabel wie alternativlos dekretiert wird; wer hier aber von seiner Kanzel herab ernsthaft verkündet, außer den basalen Grundschulkenntnissen könne man die übrigen Fakultäten ruhig als gleichsam überflüssigen Ballast (in Sonderheit Frem „t“ sprachen !) vernachlässigen, schwört als Lehrer einen Offenbarungseid.

    In der Erkenntnis – die ich freilich nicht exclusiv gewonnen habe -, daß die diversen Schulreformen der letzten zwanzig Jahre – milde formuliert – überwiegend nur Verschlimmbesserungen nach sich zogen, plä-
    diere ich tatsächlich weiterhin für ein plurales System, in dem das Gymnasium als leistungsaffine Speerspitze seine mittels Eingangstests aufgenommenen Schüler in einem geschlossenen Bildungsgang zur Studienbe- fähigung führt, wobei auch vom Fundament anderer Abschlüsse aus der Weg zu weiterführender Bildung offensteht. Mithin darf auch nicht die Axt an die Förderschulen gelegt werden, wenn auch das Gymnasium selbstredend in die Inklusionsverantwortung genommen werden muß, wo dies aufgrund der kognitiven wie emotionalen Voraussetzungen der betreffenden Schüler sinnhaft ist.
    Im Übrigen – dies ist jedoch ein soziopolitisches Problem – muß der allgegenwärtigen „Verhochschulung“ der
    Gesellschaft begegnet werden, wie sie durch die heillose Propaganda von Bildungspolitik wie Wirtschaft (ob- wohl letztere jüngst im Lichte unübersehbaren Niveauverlusts peu a peu altes Terrain zu räumen scheint)
    der verständlicherweise verunsicherten Elternschaft gehirnwäschenartig propagiert wird.

    Allerdings maße ich mir nicht an, hiermit das Allheilmittel für sämtliche schulischen Gebrechen gefunden zu haben; diese utopische Skizze erachte ich jedoch als erfolgversprechender als die Lehren der vermeintlich progressiven Nivellierungs- und Laissez-faire-Apostel, deren Versagen immer offenkundiger wird.

    • Ok. Bei einem Eignungstest als Zugangsvoraussetzung fürs Gymnasium wäre ich bei Ihnen – das würde gehörig Druck von den Grundschulkolleginnen und -kollegen nehmen. Allerdings könnten Sie sich als Kultusminister dann schon mal auf einen sehr kurzen Verbleib im Amt einstellen, weil Ihnen die bürgerlichen Wählinnen und Wähler, die ihren Nachwuchs unbedingt auf dem Gymnasium sehen wollen, in Scharen davonlaufen (siehe G8).

      Förderschulen erhalten? Auch nichts gegen einzuwenden – solange der Besuch freiwillig ist. Das alte Zwangssystem mit staatlich verordneten Überweisungen lässt sich mit der UN-Behindertenrechtskonvention und damit mit deutschem (Menschen-)Recht nicht mehr in Einklang bringen. Ist zwar ein extrem teurer Spaß, eine kompette Schulform nur für den Fall zu unterhalten, dass sich manche Eltern dafür entscheiden, aber bitteschön …

      Wie Sie allerdings „der allgegenwärtigen „Verhochschulung“ der Gesellschaft“ entgegenwirken wollen, ist mir schleierhaft. Wir leben nun mal in einer historischen Phase, in der einfache Tätigkeiten durch Maschinenarbeit ersetzt werden. Wollen Sie die Unternehmen zwingen, ihre Roboter und Automaten wegzuschmeißen und wieder mehr Menschen zu beschäftigen? Aber das hieße auch: Die Preise dieser Unternehmen steigen – und sie könnten weniger verkaufen, und diese Beschäftigten stünden am Ende doch wieder auf der Straße, weil die Konkurrenz aus Fernost deutlich billiger anbieten kann.

      Sorry, aber an der Realität einer technologisch sich rasant entwickelnden Wirtschaft und Gesellschaft kommen selbst Sie nicht vorbei, Milch. Und eine solche Wirtschaft und Gesellschaft hat nun mal einen Bedarf an möglichst hoch qualifizierten Kräften, den Sie als verantwortlicher Politiker auch nicht ignorieren könnten. Was machen Sie mit Ihrer schönen, alten Bildungswelt, wenn sie am Bedarf einer am Weltmarkt ausgerichteten Ökonomie, die wir ja nun mal sind, vorbei ausbildet?

      So ganz blöd können die Bildungsreformen der letzten Jahrzehnte dann doch nicht gewesen sein, wenn man sich den beispiellosen Erfolg der deutschen Unternehmen auf dem Weltmarkt so anschaut – spiegelt durchaus auch das Qualifikationsniveau der Beschäftigten in Deutschland. Auch die historisch einmalig niedrige Arbeitslosenquote spricht nicht dafür, dass hier so viele Fehler gemacht wurden. Irgendwie wird aus den Leuten ja dann doch was.

    • Also nach mir die Sintflut – oder was? Die Handverlesenen auf’s GY und der Rest auf die Resterampe.

      Solange das Handwerk und die IHK-gebundenen Betriebe nicht ihre Gesellen und Facharbeiter entsprechend bezahlen, so lange werden sie halt über Facharbeitermangel klagen müssen. Wenn ein Ungelernter oder Teilqualifizierter beim Daimler oder VW mehr Knete abschleppt als der servicetechniker beim Heizungsinstallateur, ist die Frage, warum so viele ans GY streben unredlich.

      Viele Ausbildungsvergütungen reichen ja nicht einmal für die Monatskarte zur Berufsschule, geschweige denn für Fachbücher.

      • Falls Sie sich auf meinen Beitrag beziehen, dickebank, dann muss ich ergänzen: Einen Eignungstest fürs Gymnasium kann’s natürlich nur geben, wenn auch die andere(n) Schulform(en) das Abitur anbieten. Sonst gäb’s Krieg am Ende der 4. Klasse.

        • Das schrieb ich ja schon an anderer Stelle, dass z.B. die SekS in NRW floppen, da diese „GeS light“ keine gymnasialen Oberstufen haben.

          Mit FOR ist der weg über das BK zum „Fachabi“ – zur Fachhochschulreife – kein Problem. das sind allenfalls zwei Jahre in einer Fachoberschulklasse. Aber die FOR erreicht man nur nach mindest 10 Vollzeitschuljahren und durch Erfüülen der Bedingungen für den MSA. Um den MSA an einer HS machen zu können, muss die groß genug sein, damit sie eine Klasse des Profiltyp B überhaupt anbieten kann. Was viele hier geflissentlich übersehen, ist, dass ein Großteil des Schülerklientels einen Migrationshintergrund hat und die Eltern aus eigener Erfahrung nur einen Schultyp nach der Grundschule kennen.

  18. Milch der frommen Denkungsart

    @Anna:

    Was die Totalinklusion anlangt, so wird es unter uns eben beim Dissens bleiben, was freilich auch per se kein Schade ist.

    In Sachen „Verhochschulung“ wiederhole ich, daß rein technische Qualifikationen in den Beritt der Real- und berufsbildenden Schulen fallen sollten; diese Differenzierung zwischen Praxis und Theorie täte auf akademi- schem Feld meines Erachtens nach auch für die klassischen Universitäten bzw. Fachhochschulen not. Andernfalls wird der zurecht viel belächelte „Bachelor of Hairdressing“ auch in Deutschland Wirklichkeit werden.

    Daß es Deutschland ökonomisch wie arbeitsmarktbezogen weitenteils gut geht, räume ich Ihnen gern ein;
    Grund dafür aber sind meines Erachtens nach nicht die angeblich ach so gut gelungenen Bildungsreformen der Vergangenheit, sondern vielmehr die Arbeitsmarktpolitik, die eine derartige Welle von Freisetzungen,
    wie es sie etwa im krisengebeutelten Südeuropa gegeben hat, eindämmen konnte; und wo Stellen weiter- hin vorgehalten werden, profitieren gerade die jungen Berufsanfänger davon.
    Zudem leistet gerade das deutsche duale System einen nicht zu unterschätzenden Beitrag, schulische Lük- ken zu schließen, weswegen die Unternehmen hernach ihre Auszubildenden nahezu vollständig überneh- men, um aus betriebswirtschaftlich sinnvoller Überlegung das Belegschaftsfundament zu zementieren.

    • So landen wir langsam, aber sicher bei einer Frage der Bezeichnung: Nennen wir die weiterführenden Schulen doch allesamt Gymnasium, vielleicht mit den Zusätzen „Premium“, „Business“ und „Economy“ – dann könnten sich die Alt-Philologen im „Premium“-Bereich austoben, und der Rest verteilt sich auf „Business“ und „Economy“. Und alle wären glücklich … 🙂

  19. Milch der frommen Denkungsart

    @Anna:

    Der gewiß provokant verwendete Terminus „Premium“ würde selbst einem Klassischen Philologen sauer auf- stoßen, da diese ja nicht per se einen besseren Menschenschlag bilden bzw. ausbilden; ansonsten stößt Ihr Vorschlag durchaus auf meine Sympathie ;).

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