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Zehn Jahre nach Ende der Strukturdebatten droht “Aufsteigerland” Schleswig-Holstein neuer G8-Streit

KIEL. Vor zehn Jahren führte Schleswig-Holstein die ersten Gemeinschaftsschulen ein. Mittlerweile habe sich das zweigliedrige Schulsystem bewährt, sind sich im Wesentlichen alle Landtagsparteien einig. Noch im letzten Oktober konnte sich Bildungsministerin Britta Ernst über einen Top3-Platz im IQB-Vergleich freuen. Doch es drohen neue Strukturdebatten.

Der Start war holprig. Vor zehn Jahren beschloss der Landtag in Kiel mit den Stimmen der schwarz-roten Koalition ein Schulgesetz, das die Bildungslandschaft im nördlichsten Bundesland durcheinanderwirbelte. Der einstigen Strukturdebatten waren zuletzt alle müde – bis CDU-Spitzenkandidat Daniel Günther drei Monate vor der Landtagswahl mit der Forderung nach Rückkehr zum flächendeckenden Langsam-Abi an Gymnasien überraschend eine neue anzettelte.

Qualität spiele eine größere Rolle, seit die Schulstruktur mit Gymnasien und Gemeinschaftsschulen nicht mehr angetastet wurde. Bildungsministerin Britta Ernst, freut sich über gute Platzierungen Schleswig-Holsteins in jüngsten Vergleichstests. Foto: SPD Schleswig-Holstein / flickr (CC BY 2.0)

Qualität spiele eine größere Rolle, seit die Schulstruktur mit Gymnasien und Gemeinschaftsschulen nicht mehr angetastet wurde. Bildungsministerin Britta Ernst, freut sich über gute Platzierungen Schleswig-Holsteins in jüngsten Vergleichstests. Foto: SPD Schleswig-Holstein / flickr (CC BY 2.0)

Mit dem Gesetz von 2007 wurden Haupt- und Realschulen auf Initiative der CDU in Regionalschulen zusammengefasst. Diese erhielten eine gemeinsame Orientierungsstufe in den Klassen 5 und 6, danach getrennte Bildungsgänge für Hauptschüler bis Klasse 9 und Realschüler bis Klasse 10. Als weitere Schulform neben den Gymnasien kamen die von der SPD favorisierten Gemeinschaftsschulen hinzu. Hier lernen alle Kinder gemeinsam in einer Klasse – egal, ob sie eine Empfehlung für’s Gymnasium, die Haupt- oder Realschule erhalten haben.

Zum Schuljahr 2007/2008 gingen die ersten sieben Gemeinschaftschulen an den Start. Ruhe kehrte noch lange nicht ein. Es folgten ein (gescheitertes) Volksbegehren zum Erhalt der Realschulen, Vorwürfe, Gemeinschaftsschulen zu hohe Hürden in den Weg zu stellen und mehrmalige Gesetzesänderungen. 2013 gab es die bisher letzte größere Reform, die auch das Auslaufen der Regionalschule bis 2020 beinhaltete. Derzeit gibt es laut Bildungsministerium noch drei reine Regionalschulen mit 278 Schülern.

Die Gemeinschaftsschulen sind nach den Startschwierigkeiten indes akzeptiert. Auch ehemalige Kritiker eines Zwei-Säulen-Modells, wie die FDP-Bildungspolitikerin Anita Klahn sagt, «es hat sich etabliert». Die CDU sieht die Gemeinschaftsschule ebenfalls als «inzwischen festen Bestandteil unseres Bildungssystems». Eine Rückkehr zu einem dreigliedrigem System mache keinen Sinn, meint die CDU-Bildungsexpertin Heike Franzen. Derzeit gibt es nach Angaben des Bildungsministeriums 181 Gemeinschaftsschulen in Schleswig-Holstein. Im aktuellen Schuljahr werden sie von 91 500 Schülern besucht, die Gymnasien von 76 500 Jungen und Mädchen.

Das Ministerium erwähnt gern den jüngsten Ländervergleich, nach dem die Schüler im Land enorm aufgeholt haben und nunmehr zu den Besten in Deutschland gehören. Das sei eine Bestätigung für engagierte Arbeit der Lehrer und Schulleitungen, sagte Sprecher Thomas Schunck. «Es ist aber auch eine gute Bestätigung für die Bildungspolitik, das zweigliedrige System der weiterführenden Schulen und für die Verankerung der Gemeinschaftsschulen neben dem Gymnasium.»

In der Entstehung hatten die Gemeinschaftsschulen aber durchaus Schwierigkeiten, sagte die Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Astrid Henke. Auch jetzt seien die Bedingungen nicht optimal. Herausforderungen seien die Inklusion von Behinderten und die Integration von Flüchtlingskindern. «Das sind Aufgaben, die vor allem bei den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe landen.» Diese Schulen bräuchten viel mehr Unterstützung, damit sie allen Kindern beim gemeinsamen Lernen gerecht werden können.

Nach Ansicht von FDP-Frau Klahn sollten Schulen selbst entscheiden dürfen, wie sie differenzieren. «Die FDP würde abschlussbezogene Klassen wieder zulassen wollen», sagte sie mit Blick auf die Wahl am 7. Mai. Franzen meint auch, die Schulen bräuchten mehr pädagogische Freiheiten, auch in der Zusammensetzung der Klassen. «Die hohen Erwartungen an die Gemeinschaftsschulen, haben sich bisher nicht erfüllt.»

«Wir finden es richtig, dass es keine Außendifferenzierung gibt, sagte GEW-Landeschefin Henke. Nur müssten die Bedingungen für gemeinsamen Unterricht leistungsschwächerer und -stärkerer Kinder besser werden. «Wenn man jetzt wieder nach Bildungsgängen bezogen eine Differenzierung macht, hat man wieder eine Ausgrenzung.» Den Effekt, dass Schüler voneinander lernen, gäbe es dann nicht mehr. «Die Änderung des Schulsystems hin zu den Gemeinschaftsschulen ist absolut notwendig gewesen», beharrt Henke.

Obwohl dort nicht alles rund läuft, zurück zur Dreigliedrigkeit mit Haupt- und Realschule sowie Gymnasium scheint niemand zu wollen. Doch ganz ohne Schulstrukturdebatten kommt wohl kein Landtagswahlkampf im Norden aus: Die CDU will das Abitur nach neun Jahren wieder verbindlich an Gymnasien einführen. Bisher bieten Gymnasien seit 2011 in der Regel das Abitur nach acht Jahren (G8) an. Als Günther den Kampf um G9 einläutete, ging ein Aufstöhnen durchs Land. Sein Ziel, bekannter zu werden, wird er damit erreichen. Ob der Freund und Feind überraschende Vorstoß politisch den erhofften Erfolg bringt, kann nur die Landtagswahl zeigen. (Birgitta von Gyldenfeldt, dpa)

Analyse: Was macht Schleswig-Holstein richtig – und Baden-Württemberg falsch?

4 Kommentare

  1. Umfrage: 71 Prozent gegen Turbo-Abi
    Was im Großen funktioniert, klappt auch im Kleinen. Warum will die CDU in Schleswig-Holstein wieder zum Abitur nach neun Jahren zurückkehren? Weil sie eine Umfrage in Auftrag gegeben hat. Ergebnis: 71 Prozent der Befragten sind für G9, nur 25 Prozent für das Turbo-Abi G8.

    Auszug Hamburger Abendblatt, 07.02.2017

  2. Die böse böse Volkspartei CDU! Sie hört auf den Willen der großen Mehrheit der Wähler und wird jetzt verbal angegangen. Wieso eigentlich?

  3. „Die Gemeinschaftsschulen sind nach den Startschwierigkeiten indes akzeptiert.“ Genau, seitdem es keine Schulartempfehlung mehr gibt, übergeben viele Eltern ihre Kindern lieber dem G9-Modell, als dem G8-Modell. Die Gemeinschftsschulen wählen aus dem mittlerweile großen Schülerangebot die ihr pässlichen und bequemen SuS, alle anderen müssen gucken, wo sie unterkommen. Die Gymnasien verfallen zu Rudis-Resterampe und sind in manchen Städten die „echten“ Gemeinschaftsschulen geworden. Tolle Reform.

  4. Aber wie Schulsenator Ties Rabe wenden sich auch die anderen Fraktionen gegen eine neue Strukturreform, die viel Unruhe bringen würde. Und vor allem: Die längere Schulzeit gilt als Wettbewerbsvorteil der Stadtteilschulen, die durch leistungsbewusste Schüler gestärkt werden sollen. Gäbe es auch an Gymnasien wieder G9, würde man die Stadtteilschulen aber schwächen.

    Auszug Hamburger Abendblatt, 14.12.2013

    Niedersachsens Ministerpräsident Stefan Weil (SPD) / Im verkürzten Bildungsgang sieht er eine „Schlechterstellung“ der Gymnasien. Und er sieht nicht ein, warum er die Gymnasien „künstlich benachteiligen soll, nur um die Gesamtschulen zu fördern“.

    Auszug tagesspiegel.de, 04.05.2014

    Stoch sieht keinen Diskussionsbedarf, das neunjährige Gymnasium ist für ihn ein natürlicher Feind der ebenfalls neunjährigen Gemeinschaftsschule, dem Leuchtturmprojekt der sozialdemokratischen Bildungspolitik.

    Auszug swp.de, 11.07.2014

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