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Das Mini-Deutschland-Abi ist von einem zentralen Bundesabitur weit entfernt: Gemeinsamer Aufgabenpool bestimmt nur fünf Prozent der Note

BERLIN. Für Hunderttausende Schüler geht das Unternehmen «Abi 2017» von dieser Woche an in die heiße Phase. Mit einem gemeinsamen Aufgabenpool wollen die Bildungsminister Kritik an der zersplitterten deutschen Reifeprüfung abfedern. Ob eine Mini-Reform ausreicht?

Ein Staat - aber jedes Bundesland backt sich sein eigenes Abitur. Foto: Tim Reckmann / flickr (Karte: Stiefel Eurocart GmbH), (CC BY-NC-SA 2.0)

Ein Staat – aber jedes Bundesland backt sich sein eigenes Abitur. Foto:
Tim Reckmann / flickr (Karte: Stiefel Eurocart GmbH), (CC BY-NC-SA 2.0)

Zu unterschiedlich und daher kaum vergleichbar, in manchen Bundesländern viel zu lasch, in anderen viel zu schwierig, alles in allem ziemlich ungerecht: Das Abitur steht seit langem in der Kritik. Nun soll ein gemeinsamer Aufgabenpool die Anforderungen in vier Fächern auf ein gemeinsames Level bringen. Dies könnte erst ein Anfang sein, um den Flickenteppich übersichtlicher zu gestalten. Doch den ganz großen Wurf wird es wohl auch auf Dauer nicht geben – ein Zentralabitur wollen die Länder nämlich auf gar keinen Fall.

Schon die Termin-Übersicht der Kultusministerkonferenz (KMK) zum «Abi 2017» zeigt, wie kompliziert die Sache ist. An diesem Donnerstag (16.) geht es in Hessen mit schriftlichen Arbeiten los. Zehn Länder haben ihr schriftliches Abitur in den April gelegt, die Bayern sind erst im Mai dran. Unterdessen müssen viele Schüler in Rheinland-Pfalz – ein Sonderfall – Mitte März bereits «ins Mündliche». Ansonsten laufen diese Prüfungen teilweise bis weit in den Juli hinein. Wer erst dann – also mitten im Hochsommer – weiß, ob er das Abi in der Tasche hat, muss sich für den Start in ein Hochschulstudium oder in eine Ausbildung schon mächtig sputen.

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Ein gemeinsamer Aufgabenfundus für Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch soll nun immerhin sicherstellen, dass sich die Abi-Niveaus bundesweit etwas annähern. Mindestens zwei, maximal 20 bundesweit abrufbare Aufgaben stehen je nach Fach und Teilbereich zur Auswahl. Grundlage sind die 2012 verabschiedeten «Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife». Die Anlaufzeit der KMK war also nicht gerade knapp bemessen. Fachlich begleitet wird das Projekt vom Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB).

«Mit dem Abitur 2017 gehen wir einen weiteren Schritt in Richtung einer besseren Vergleichbarkeit», verbreitet KMK-Präsidentin Susanne Eisenmann (CDU) Aufbruchstimmung. «Dafür haben alle Länder Aufgaben für einen Pool entwickelt, und daraus, ergänzt durch länderspezifische Aufgaben, ergibt sich die einheitliche Basis für das Abitur 2017.» Ob die von Land zu Land hinzugefügten Abi-Aufgaben die gewünschte «bessere Vergleichbarkeit» der Prüfungen und Noten sogleich wieder verwässern, das dürfte eine der spannenden Fragen dieser vorsichtigen Bildungsreform sein.

Eisenmann gibt sich im Gespräch mit unserer Redaktion «erst einmal optimistisch», dass die Länder auf dem richtigen Weg sind. Eine von manchen Fachleuten befürchtete «Nivellierung nach unten» bei den Abi-Anforderungen erwartet sie nicht. Für zukünftige Reformschritte weiterhelfen soll die rasche Evaluation durch das renommierte IQB, möglichst schon im Herbst 2017. «Ganz wichtig ist, dass wir dieses Abitur zügig auswerten lassen», betont die baden-württembergische Ressortchefin. Denn es laufen bereits Vorbereitungen für die Aufgabenpools 2018 und 2019, einheitliche Standards für Biologie, Physik und Chemie könnten folgen.

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Experten wie der Chef des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, kritisieren die Zurückhaltung der Kultusminister bei ihrer Abi-Reform. «Wenn man sich die rechnerische Bedeutung dieses gemeinsamen Prüfungsteils anschaut, dann ist die nur minimal. Es geht hier am Ende vielleicht um fünf Prozent Anteil am Abi, die davon berührt werden. Das muss ausgebaut werden.»

Der deutsche Bildungsföderalismus dürfte aber auch künftig große Reformschritte erschweren. Und schon gar nicht wird es bald zentrale Abiturprüfungen an gemeinsamen Terminen und mit gleichen Aufgaben für alle Schüler geben. «Ich halte die Bildungshoheit der Länder für absolut richtig. Deshalb denke ich, dass das länderspezifische Abitur besser ist als ein Zentralabitur», sagt KMK-Präsidentin Eisenmann. «Bildungspolitik muss auf örtliche Gegebenheiten reagieren können.»

Als Beispiel nennt sie ihr eigenes Land Baden-Württemberg: «Ein großes Flächenland mit starken ländlichen Strukturen – da muss man schon im Land selbst auf unterschiedliche Bedarfe variabel eingehen. Das wäre bundesweit als Aufgabenstellung um einiges komplizierter. Baden-Württemberg hat 4500 Schulen, für die ich verantwortlich bin, der Bund hätte 41 000 Schulen – da wäre es viel schwieriger, regionale Besonderheiten in der Bildungspolitik zu berücksichtigen.»

Eine radikale Vereinheitlichung des Abiturs wäre für Eisenmann «der falsche Weg». Sie sieht sich da auf einer Linie mit den anderen 15 KMK-Kollegen. Die Bildungsressortchefs nehmen daher auch in Kauf, dass es Jahr für Jahr weit verbreitetes Kopfschütteln über das Länder-Ranking nach Notenschnitt und Einser-Prüfungen gibt.

Demnach bleibt die Abi-Ungleichheit von Bundesland zu Bundesland wohl insgesamt bestehen: Während in Thüringen vier von zehn Abiturienten am Ende eine Eins vor dem Komma haben (mit entsprechend besseren Chancen im Wettbewerb um begehrte NC-Studienplätze), sind es in Niedersachsen kaum 20 Prozent. «Es ist nicht gerecht, wenn Schüler mit ähnlichen Leistungen je nach Bundesland sehr unterschiedliche Abiturnoten erhalten», kritisiert IQB-Direktorin Petra Stanat. Von Werner Herpell, dpa

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