Startseite ::: Leben ::: Grünen-Chef Özdemir fordert auf dem Deutschen Schulleiterkongress: Brennpunkt-Schulen besser ausstatten!

Grünen-Chef Özdemir fordert auf dem Deutschen Schulleiterkongress: Brennpunkt-Schulen besser ausstatten!

DÜSSELDORF. Integration braucht Bildung! Dass dieser Grundsatz stimmt, streitet heute keiner mehr ab. Diskussionen gibt es jedoch um die Frage, wie eine erfolgreiche Integration von Flüchtlings- und Migrantenkindern durch Bildung gelingen kann. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen,  referiert über diese Frage auf dem Deutschen Schulleiterkongress in Düsseldorf. Wir sprachen mit ihm am Rande des Kongresses.

Hatte keinen guten Start in der Schule: Grünen-Bundeschef Cem Özdemir; Foto: gruenenrw/ flickr (CC BY-SA 2.0)

Referiert auf dem Deutschen Schulleiterkongress: Grünen-Bundeschef Cem Özdemir; Archivfoto: gruenenrw/ flickr (CC BY-SA 2.0)

Schulen spielen bei der Integration von Flüchtlingskindern eine wichtige Rolle. Was verstehen Sie unter einer gelungenen Integration?

Özdemir: Integration bedeutet für mich der Erwerb der deutschen Sprache, die Eingliederung in den Arbeitsmarkt, die Integration in die demokratische Wertegemeinschaft und perspektivisch der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit. Das ist für alle Beteiligten mit Anstrengungen verbunden, auch mit Zumutungen und Konflikten. Aber wenn dieser Prozess immer wieder von neuem gelingt, macht Integration eine Gesellschaft stark. Ob das klappt, entscheidet sich auch in Kitas und Schulen.

Sie sagten in einem Interview „Unsere Leitkultur ist das Grundgesetz“. Ist es auch die Aufgabe von Lehrerinnen und Lehrern den zugewanderten Kindern und Jugendlichen deutsche Grundwerte zu vermitteln?

Özdemir: Nach meinem Verständnis geht es in der Schule um die Vermittlung von Wissen und Werten. Niemand wird als Demokrat geboren, Demokratie muss erlernt werden. Es geht auch darum, dass Kinder und Jugendliche den Mut haben, Dinge anzuzweifeln und zu hinterfragen. Aber wir müssen die Schulen auch in die Lage versetzen, diesem Auftrag gerecht zu werden. Gerade dann, wenn sie es mit Kindern zu tun haben, die in einem Milieu mit Werten und Verhaltensweisen aufwachsen, die mit unseren demokratischen Grundwerten nicht vereinbar sind.

Petra Gerster im Interview: „Es ist menschenunmöglich, 25 Kinder unterschiedlichster Herkunft zur selben Zeit am selben Ort für dasselbe Thema zu interessieren“

Sollten sich Schulen Ihrer Meinung nach auch Hilfe von außen holen, zum Beispiel bei Islamverbänden und Imamen?

Özdemir: Es kommt auf den konkreten Fall und die konkreten Personen an. Grundsätzlich können islamische Verbände und Imame wichtige Partner sein, stehen sich mit ihren Strukturen und Abhängigkeiten jedoch oftmals selbst im Weg. Sie müssen klären, ob sie tatsächlich in der Lage sind, an die Lebenswelt der Jugendlichen anzuknüpfen und deren Integration zu fördern.

Sozialpädagogen, die die Sprache und den Alltag der Kinder und Jugendlichen kennen, sind in jedem Fall hilfreich. Sicher auch als Ansprechpartner für die Lehrerinnen und Lehrer. Diese Sozialpädagogen müssen aber nicht per se selbst einen religiösen Hintergrund haben.

Unabhängig davon bin ich der Meinung, dass muslimische Schüler sich in einem ordentlichen Schulfach mit ihrer Religion auseinandersetzen können sollten, um zu einem demokratischen Islamverständnis zu gelangen. Sie sollten die Möglichkeit haben, sich diese Lerninhalte in einem freien Diskurs anzueignen und kritisch zu hinterfragen.

Wie wichtig ist der Kontakt zu den Eltern eingewanderter Schüler?

Özdemir: Die Bedeutung der Elternarbeit ist gar nicht zu überschätzen. Im Idealfall unterstützen sich Schule und Eltern gegenseitig, um die Entwicklung der Kinder zu fördern. Ich denke aber, dass zu Anfang auch die Eltern Unterstützung brauchen, damit sie ihre Kinder in einem oftmals als unübersichtlich und fremd erlebten Bildungssystems Möglichkeiten bestmöglich begleiten und fördern zu können. Sie können auch irritiert sein vom Alltag in Deutschland. Warum auch nicht? Häufig haben sie in ihrer früheren Heimat eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, patriarchalische Erziehungsmethoden und eine Tabuisierung von Sexualität erlebt. Da sind die Voraussetzungen der Eltern sicher unterschiedlich. Aber gerade hier können kultursensible Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen wichtige Ansprechpartner für die Eltern sein.

Ein Instrument der Partnerschaft von Schule und Eltern kann beispielsweise der Abschluss von Erziehungs- und Bildungsvereinbarungen zwischen Schule und den Eltern sein. Diese können diverse Absprachen enthalten. Sie reichen von Sprachförder- bzw. Alphabetisierungsangebote für die Eltern über Maßnahmen zur Förderung der Sprachkompetenz bzw. des Leseverhaltens in den Familien bis hin zu Vorschlägen zur Förderung einer auf Gewaltfreiheit, Toleranz und Gleichberechtigung ausgerichteten Erziehung.

Trotz aller Bemühungen kommt es auch immer wieder zu Konflikten, vor allem mit Eltern muslimischen Schüler. Es gab zum Beispiel den Fall, dass eine muslimische Schülerin gerichtlich zu Teilnahme am Schwimmunterricht verpflichtet wurde – gegen den Willen ihrer Eltern. Was empfehlen Sie Schulleitern und Lehrern: Wie geht man mit solchen Konflikten um? Wann sucht man nach Kompromissen und wann gibt man nicht nach?

Wir müssen unseren Standpunkt gegenüber den Kindern und Eltern deutlich machen und begründen. Nach unserem Verständnis soll eine gute Schule allen Schülerinnen und Schülern gemeinsame Erfahrungen ermöglichen und sie in ihrer gesamten Persönlichkeit fördern. Alle sollten daher grundsätzlich am gesamten Unterrichtsangebot teilnehmen, also auch an Klassenfahrten sowie Sport-, Schwimm- und Sexualkundeunterricht. Der staatliche Bildungsauftrag setzt der Religionsfreiheit hier Grenzen, die dann auch für alle gelten. Die jüngsten Urteile des Bundesverwaltungsgerichts und des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte haben diese Linie bestätigt. Die beiden Urteile bejahten die Teilnahmepflicht am Schwimmunterricht unter der Maßgabe, dass das muslimische Mädchen einen sogenannten Burkini tragen kann. Diese Teilnahmepflicht gilt also nicht bedingungslos, sondern ist Ergebnis einer erfolgreichen Kompromisssuche. Auf die Geltung dieses Kompromisses müssen wir dann aber auch bestehen. Ähnliches gilt übrigens auch für strenggläubige Christen, denn auch da gibt es durchaus Konflikte, wenn bestimmte Unterrichtsinhalte nicht in deren religiöses Weltbild passt.

Deutscher Schulleiterkongress: Prof. Nida-Rümelin fordert endlich eine Leitidee für unsere Bildung

Noch immer sind die Aufstiegschancen in Deutschland ungerecht verteilt. Das gilt für Kinder mit Migrationshintergrund ebenso wie für Arbeiterkinder. Was kann dagegen getan werden – seitens der Politik, aber auch seitens der Schulen?

Özdemir: Menschen wollen vorankommen im Leben. Vielleicht will nicht jeder aufsteigen, aber stehen bleiben wollen nun wirklich die Wenigsten. Und wenn sie dabei blockiert werden, obwohl sie sich anstrengen, dann verlieren sie den Glauben an das Land. Wenn Kinder und Jugendliche hingegen merken, dass etwas möglich ist, wenn sie sich anstrengen, dann sagen sie gerne: Das ist mein Land, ich gehöre dazu! Und genau das wollen wir doch. Das betrifft alle Kinder, ob mit oder ohne Migrationshintergrund.

Ich plädiere dafür, dass wir Kitas, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen gerade in sogenannten sozialen Brennpunkten besonders gut ausstatten, sowohl finanziell als auch personell. Dazu müssen die Kommunen besser unterstützt werden. Auch deshalb hoffe ich, dass das Kooperationsverbot im Schulbereich bald fällt. Wir brauchen an solchen Orten weitgehend selbständig arbeitende Schulen mit ambitionierten Lehrerinnen und Lehrern. Nur so schaffen wir es, dass alle Kinder eine faire Chance bekommen und Mittelschichtsfamilien nicht wegziehen, sobald ihre Kinder das schulpflichtige Alter erreichen. Integration kann auch in den Wohnzimmern der deutschen Mittelschicht stattfinden, etwa wenn der eigene Sohn den türkischstämmigen Freund aus einer Arbeiterfamilie mit nach Hause bringt. Mir hat das geholfen.

Ich finde es grundsätzlich wichtig, dass wir unsere öffentliche Infrastruktur stärken und besser machen. Das sollte das Leitbild einer Sozialpolitik sein, die die Menschen tatsächlich zur Selbstbestimmung befähigen möchte. Es geht mir nicht darum, dass das Kindergeld um zwei Euro steigt. Mir sind die öffentlichen Räume wichtiger, auf die Benachteiligte besonders angewiesen sind. Kitas, Schulen, Jobcenter, Stadtbücherei, Jugendzentren: Dort werden Chancen geschaffen oder eben nicht. Und daran bemisst sich für mich auch, wie gerecht eine Gesellschaft ist.

Lehrer durch Inklusion und Integration in Not – Beckmann: Klassen müssen endlich kleiner werden

Sie haben erzählt, dass Ihr eigener Weg ebenfalls sehr steinig war, dass Sie zum Beispiel von Ihrem Lehrer ausgelacht wurden, als Sie Ihren Wunsch äußerten, aufs Gymnasium zu gehen. Doch immer wieder haben Sie auf ihrem Weg auch engagierte Menschen und Lehrer getroffen, die Sie unterstützt haben. Was macht einen guten Lehrer aus, der es schafft, die Lebenswege seiner Schüler zu prägen und zu verbessern?

Özdemir: Natürlich sollte er oder sie kompetent sein, was Fachwissen und Didaktik betrifft. Hingabe für den Job und gute Nerven sind auch wichtig. Aber wenn ich nur eine weitere Eigenschaft nennen dürfte, dann wäre es Empathie. Das ist für mich die Voraussetzung, um mit einer aufgeschlossenen Haltung das Beste aus den Schülerinnen und Schülern herauszuholen. Umgekehrt bedeutet das aber ebenso, dass Politik und Gesellschaft die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer auch angemessen wertschätzen müssen. Das bedingt sich gegenseitig. In so einem Umfeld kann schwieriges leichter und gut gelingen.

Der Deutsche Schulleiterkongress (DSLK) findet vom 23. bis 25. März 2017 zum mittlerweile sechsten Mal in Düsseldorf statt – und ist mit rund 2.500 Teilnehmern und 120 Referenten die größte Veranstaltung seiner Art in Deutschland.

 

12 Kommentare

  1. Wenn die deutsche Staatsbürgerschaft mit gelungener Integration gleichgesetzt wird, dann sind diese politisch korrekten kunstworte wie Migrationshintergrund wertlos und eignen sich erst recht nicht mehr als ausrede für das schlechte abschneiden der Schüler von so genannten sozialen Brennpunkten, die es im übrigen mit derselben Argumentation dann auch nicht mehr geben kann.

    Wo ist eigentlich die elitenförderung?

  2. ZITAT: “Ein Instrument der Partnerschaft von Schule und Eltern kann beispielsweise der Abschluss von Erziehungs- und Bildungsvereinbarungen zwischen Schule und den Eltern sein.”

    Wer so redet, hat einfach nie selbst machen müssen, was er da vorschlägt. Wir brauchen klare Sanktionsmöglichkeiten und Schulleitungen, Schulaufsichten, Gerichte, die Lehrern nicht noch in den Rücken fallen dabei !!!

  3. PS: In den allermeisten Fällen braucht man das nicht und da wo man das bräuchte (Zitat von mir vorher), nützt es nichts.

    Das ist am Ende genau so ein Papiertiger / Bürokratiemonster wie die glorreichen Eingliederungsvereinbarungen von Langzeitarbeitslosen mit dem Jobcenter. 🙁

  4. Integration beginnt mit Kenntnis der Sprache. Warum können manche Migrantenehefrauen, die 15 Jahre oder länger in Deutschland leben immer noch so schlecht deutsch, dass ein Elterngespräch ohne Hilfe nicht möglich ist?

  5. Der Vorschlag von Herrn Özdemir ist genauso weltfremd wie der Vorschlag von Herrn Weise (Chef der Arbeitsagentur), statt Hartz IV doch lieber Arbeit für Langzeitarbeitslose zu finanzieren (in Vereinen, sozialen Einrichtungen, im kommunalen Bereich u.dgl.). Das klingt genauso schön wie die Bildungsvereinbarung von Herrn Özdemir, aber es bringt gar nichts, WENN (!) die Leute es selbst nicht wollen und sie mehr oder weniger dazu gezwungen werden,.

    Da hat man gemäß dem Vorschlag in Vereinen, sozialen Einrichtungen und im sonstigen kommunalen Bereich überall Leute, die das gar nicht machen wollen. Die richten mehr Schaden an, als dass sie nützen – und melden sich ohnehin rasch krank und kommen dann gar nicht mehr.

  6. 🙂 Ja, stimmt.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*