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Opferberatung zählt immer mehr rassistische Übergriffe – und immer öfter trifft es Kinder auf dem Schulweg

ERFURT. Schon für 2015 hatten die Berater von ezra so viele rechtsmotivierte Angriffe in Thüringen wie seit Beginn der 2000er Jahre nicht mehr gezählt. Für das Jahr 2016 ist die Zahl noch einmal gestiegen. Betroffen sind davon häufig auch sehr junge Menschen.

In Thüringen werden nach Erkenntnis der Opferberatungsorganisation ezra mehr Kinder und Jugendliche Opfer rechter Gewalt. Hätten die Berater 2015 noch 14 rechtsmotivierte Angriffe auf diese Altersgruppe gezählt, seien es 2016 insgesamt 31 Fälle gewesen, sagte die ezra-Projektkoordinatorin Christina Büttner in Erfurt. Dabei müsse gerade auch bei diesen Angriffen von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden.

Täter bei solchen Angriffen seien sowohl Gleichaltrige als auch deutlich Ältere. Häufig würden die Kinder und Jugendlichen in der Schule oder auf dem Schulweg angegriffen. Viel zu oft würden solche Vorkommnisse auch von Lehrern nicht ernst genug genommen. Wenn sich Betroffene an Hilfsorganisationen wie ezra wendeten, sei es deshalb in der Regel «schon sehr schlimm».

Mangelnde Sensibilität beklagt

Ein Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums sagte, die Schulverwaltung unternehme bereits zahlreiche Anstrengungen, um Pädagogen für solche Fälle zu sensibilisieren, unter anderem bei Fortbildungen. Würden rechtsmotivierte Übergriffe an Schulen bekannt, würden wo immer möglich die Betroffenen zudem auf Hilfsangebote wie die von ezra hingewiesen. Unbestreitbar sei allerdings, dass in vielen Schulen die Sensibilität für solche Übergriffe noch nicht so groß sei, wie das Ministerium es sich wünsche.

Insgesamt hat ezra 2016 nach Angaben von Büttner 160 rechtsmotivierte Übergriffe im Freistaat gezählt. 2015 waren es 121. Damals hieß es, damit seien so viele rechtsmotivierte Taten wie seit Anfang der 2000er Jahre nicht mehr gezählt worden. Von den Angriffen aus dem Jahr 2016 seien mit 103 so viele rassistisch motiviert gewesen wie nie zuvor, sagte Büttner. Häufig würden bei solchen Übergriffen die Betroffenen während des Angriffs rassistisch beleidigt, so dass eine solche Motivation relativ einfach nachzuvollziehen sei.

Das 2011 geschaffene Hilfsangebot von ezra richtet sich ausdrücklich an Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Die ezra-Daten unterscheiden sich seit Jahren von den Zahlen der Polizei zu rechten Übergriffen, die in den kommenden Wochen vorgestellt werden sollen. Ein Grund dafür liegt daran, dass nicht alle Opfer rechter Angriffe, die sich ezra anvertrauen, auch Anzeige bei den Behörden erstatten. Selbst die ezra-Zahlen allerdings bilden nach Einschätzung der Hilfsorganisation «nur die Spitze des Eisberges ab».

AfD zieht Zahlen in Zweifel

Als Konsequenz aus der hohen Zahl rassistisch motivierter Übergriffe forderten Vertreter von Linke, SPD und Grünen einen Abschiebestopp für die Opfer solcher Gewalttaten. In Brandenburg gebe es solche Regelungen bereits. Sie signalisierten potenziellen Tätern auch, dass es ihnen nicht gelingen werde, Menschen aus Deutschland zu vertreiben, indem sie sie angriffen. Von der AfD hieß es, die ezra-Zahlen seien “mit großer Vorsicht” zu bewerten. Die Organisation habe ein eigenes Interesse daran, möglichst viele Taten als rassistisch motiviert darzustellen. Welches Interesse das sein soll, bleibt allerdings unklar: Die evangelische Kirche ist Trägerin von ezra.

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Der Leiter des in Jena ansässigen Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft, Matthias Quent, warnte anlässlich der Vorstellung der ezra-Zahlen vor der Bildung einer neuen rechten Terrorzelle in Deutschland. Die Geschichte sowohl des Nationalsozialistischen Untergrunds wie auch der Roten Armee Fraktion habe gezeigt, dass diese aus gesellschaftlichen Kontexten hervorgegangenen seien, die mit der aktuellen Lage gerade auch in Thüringen vergleichbar sei. Die Politik nehme diese Gefahr derzeit nicht ernst genug, kritisierte er. dpa

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