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Erfurter Glockenguss ist gescheitert

ERFURT. Es sollte ein besonderes Zeichen sein: Mit einer eigenen, eigens gegossenen Glocke sollte erstmals zum 15. Jahrestag des Amoklaufs am Erfurter Gutenberg-Gymnasium der Opfer gedacht werden. Doch der Guss muss wohl wiederholt werden.

Es ist dunkel in Erfurt, als sich vor dem Gutenberg-Gymnasium ein Schwall glühender Bronze in eine in Erde gepresste Glockenform aus Lehm ergießt. Flammen schießen empor, rote Glutklümpchen zischen. Nach wenigen Augenblicken brandet Beifall auf. Zur Erinnerung an den Amoklauf vom 26. April 2002 in der Erfurter Schule soll die Glocke zum 15. Jahrestag der Tragödie erstmals geläutet werden. Was in diesem Moment am Freitagabend nur die Fachleute wissen: Der Guss ist fehlgeschlagen.

Das ein Glockenguss scheitert ist nichts Ungewöhnliches. Glockengiesser Flier will nun den Versuch wiederholen. Foto: Jörg Bachmann / flickr (CC BY 2.0)

Das ein Glockenguss scheitert ist nichts Ungewöhnliches. Glockengiesser Flier will nun den Versuch wiederholen. Foto: Jörg Bachmann / flickr (CC BY 2.0)

Flüssige Bronze sei aus der Form gelaufen, die Ursache dafür sei noch unklar, erklärte der Karlsruher Glockengießer Josef Flier hörbar enttäuscht am Samstag nach entsprechenden Medienberichten. Er hatte noch am Abend Schuldirektorin Christine Alt über das Gießerpech informiert und will den Guss wiederholen. Der Termin dafür ist noch unklar. Dass ein Glockenguss schiefgeht, ist nicht ungewöhnlich. Auch bei Kirchenglocken ist dies schon passiert.

Etwa einen halben Meter hoch und 50 Kilogramm schwer sollte die Glocke sein. Auf deren Mantel sollten die Namensinitialen der Todesopfer, das Schullogo und der Text «Der 26. April 2002 war ein trauriger Tag» stehen. Damals hatte der mit Pistole und Pumpgun bewaffnete Amokschütze in knapp einer Viertelstunde elf Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizisten und anschließend sich selbst erschossen. (Katrin Zeiß, dpa)

Wie – meist freitags - Glocken gegossen werden

Da jede Glocke in der Regel einzeln angefertigt wird, gleicht keine der anderen. Für die Anforderungen an Tonlage, Durchmesser und Gewicht erstellt ein Gießer zunächst ein Profil. Nach dieser Vorlage werden große und schwere Glocken meist nach einem viele Jahrhunderte alten Verfahren aus einer dreiteiligen Lehmform gefertigt: Zuerst wird der Glockeninnenraum gemauert und geformt. An diesen Kern wird eine Modellglocke mit den gewünschten Verzierungen gesetzt. Darauf wiederum kommt der Mantel, der das Negativ zur späteren Glockenaußenseite ist.
Wenn alle Teile ausgebrannt und getrocknet sind, wird die Modellglocke zerschlagen und die restliche Konstruktion in der Erde vergraben. Über Löcher wird der Hohlraum zwischen Kern und Mantel mit flüssigem Eisen, Stahl oder Glockenbronze – einem Gemisch aus Zinn und überwiegend Kupfer – ausgegossen. Die Flüssigkeit ist mehr als 1100 Grad heiß. In der Erde hält der Glockenmantel dem ungeheueren Innendruck stand. Nach tagelangem Abkühlen wird der Mantel zerstört. Nachdem die Glocke gereinigt, geschliffen und poliert ist, kann der Gießer herausfinden, ob sie den gewünschten Ton anschlägt.
Traditionell liegt der Gusstermin an einem Freitag 15 Uhr – zumindest wenn es sich um eine Kirchenglocke handelt. Nach christlichem Glauben ist zu diesem Zeitpunkt am Karfreitag Jesus am Kreuz gestorben. In der Regel ist auch ein Geistlicher für eine Andacht anwesend. (dpa)

„Die Geschichte verbindet“ – Glockenguss in Erfurt soll ein besonderes Zeichen setzen

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