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PISA-Report: Deutsche Schüler sind relativ wenig ehrgeizig – Schleicher: Eltern müssen hinsehen

BERLIN. In Deutschland fühlen sich junge Menschen nach einer neuen PISA-Studie an ihrer Schule überwiegend wohl und empfinden relativ wenig Stress durch Hausaufgaben oder Prüfungen. Interesse und Hilfestellung von Eltern für den Unterricht ihrer Kinder sind sehr ausgeprägt. «Teenager, die sich als Teil einer Schulgemeinschaft fühlen und gute Beziehungen mit ihren Eltern und Lehrern pflegen, werden mit größerer Wahrscheinlichkeit bessere schulische Leistungen erbringen und insgesamt glücklicher sein», schreibt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Leitet PISA von der ersten Erhebungsrund 2000 an: Andreas Schleicher. Foto: TED Conference / flickr (CC BY-NC 2.0)

Leitet PISA von der ersten Erhebungsrund 2000 an: Andreas Schleicher. Foto: TED Conference / flickr (CC BY-NC 2.0)

Wichtige Ergebnisse der am Mittwoch veröffentlichten Sonderauswertung «Wohlbefinden» mit gut einer halben Million Teilnehmer, darunter etwa 10.000 aus Deutschland:

DAZUGEHÖREN IST WICHTIG: Drei von vier Jugendlichen (75 Prozent) empfinden ein überdurchschnittlich starkes Zugehörigkeitsgefühl für ihre Schule und die Mitschüler (OECD: 73 Prozent). Und gut 85 Prozent schließen aus, im Schulalltag Außenseiter zu sein oder «geschnitten» zu werden (OECD: 82,8 Prozent). Allerdings ist das Gemeinschafts- und Zufriedenheitsgefühl bei Schülern aus ärmeren Familien oft weniger ausgeprägt. Die Wertschätzung der eigenen Lebenssituation insgesamt liegt unter deutschen 15-Jährigen bei guten 7,4 auf einer Skala von 0 bis 10 (OECD: 7,3).

SORGEN IM SCHULALLTAG: Deutsche Schüler haben weniger Furcht vor Hausaufgaben oder Tests als im OECD-Durchschnitt. Jeder fünfte der befragten 15-Jährigen (22 Prozent) reagiert nach eigener Aussage sehr nervös auf solchen Stress (OECD: 37 Prozent). 42 Prozent haben Angst bei der Vorbereitung von Prüfungen (OECD: 55 Prozent). Mädchen schleppen deutlich häufiger Schulsorgen mit sich herum als Jungen. Vergleichsweise wenig Schüler (59 Prozent) sind hierzulande zufrieden mit der Unterstützung und dem Interesse ihres Lehrers (OECD: 77 Prozent). Extreme Arbeitsbelastung ist bei deutschen Schülern eher selten: Nur 4 Prozent gaben an, dass sie mehr als 60 Wochenstunden in der oder für die Schule aktiv sind (OECD: 13 Prozent).

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ELTERN SEHR GEFRAGT: Schüler in Deutschland erfahren zuhause viel Unterstützung. 96 Prozent gaben an, dass sich ihre Väter und/oder Mütter für Schulaktivitäten interessieren. 91 Prozent verrieten, dass ihre Eltern bei Schwierigkeiten in der Schule helfen. Das bedeutet häufig Einflussnahme auf Lehrer: Mit ihnen sprechen 64 Prozent der Eltern über das Verhalten der Kinder, 54 Prozent über schulische Fortschritte. Schüler mit stark interessierten und anteilnehmenden Eltern sind häufiger mit ihrer Lebenssituation zufrieden als weniger beachtete – und zeigen bessere Leistungen. Der OECD-Bildungsforscher Andreas Schleicher sagte, wenn Eltern ihren Kindern zeigten, dass das Thema Schule für sie wichtig ist, «hat das großen Einfluss. Es gibt eigentlich keine Entschuldigung, dies als Eltern nicht zu leisten.»

BLICK ÜBER DEN TELLERRAND: Deutschland liegt alles in allem – wie schon bei den PISA-Kompetenztests für Naturwissenschaften, Mathematik und Lese-/Textverständnis im Dezember – beim Wohlbefinden der Schüler international im vorderen Bereich. Die Zufriedenheit der 15-Jährigen mit ihrer Lebenssituation ist in mehreren europäischen Ländern aber deutlich ausgeprägter – die Unzufriedenheit vorrangig in asiatischen PISA-Musterländern allerdings auch. Den Spagat zwischen großer Leistungsfähigkeit des Bildungssystems und einem hohen Wohlfühlfaktor bekommen in Europa einige Staaten besser hin als Deutschland. «Insbesondere in Finnland oder Estland haben die Lehrer deutlich mehr Zeit, sich für Dinge einzusetzen, die auf emotionale und sozialen Bedürfnisse der Schüler abzielen», sagte Schleicher. Auch die Niederlande und die Schweiz seien insgesamt relativ vorbildlich.

GERINGER EHRGEIZ. Dass sich die 15-Jährigen in Deutschland vergleichsweise wohlfühlen, dürfte auch daran liegen, dass sie sich vergleichsweise wenig Druck machen. In allen Fragen zur Leistungsmotivation  liegen die deutschen Schüler unter dem OECD-Durchschnitt: Während international zum Beispiel sechs von zehn Schülern zu den Klassenbesten gehören wollen, haben in Deutschland nur vier diesen Anspruch an sich selbst. “Das deckt sich mit unserer Beobachtung, dass Streber in Deutschland ein Schimpfwort ist”, sagt laut “Süddeutscher Zeitung” Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands. Vor allem in der Mittelstufe gelte es als uncool, sich im Unterricht zu engagieren. “Während besonders gute Schüler in anderen Ländern auch ein gutes Image haben, halten sich gute Schüler in Deutschland aus Angst vor Ausgrenzung oft sogar zurück”, sagt Meidinger dem Blatt zufolge. dpa

 

 

4 Kommentare

  1. Wenig stress durch prüfungen und Hausaufgaben sowie fehlender Ehrgeiz widersprechen aus meiner Sicht den Aussagen der g9-verfechter hinsichtlich der ach so großen Belastungen durch g8.

    • Der Test unterscheidet anscheinend nicht nach Schularten. Es könnte also durchaus sein, dass die stressanfälligen Schüler vor allem in Gymnasien, wo vergleichsweise der größte Leistungsdruck herrscht, zu finden sind.

      • Durch falsche schulformwahl der eltern, dadurch Nachhilfe und verplanung des Nachmittags mit Ballett, reiten, Fußball, Klavier etc. entsteht zwangsläufig druck.

  2. Zitat:
    “In allen Fragen zur Leistungsmotivation liegen die deutschen Schüler unter dem OECD-Durchschnitt”

    umso höher sind die Pisa-Ergebnisse dann doch einzuschätzen 🙂

    An alle Lehrer: ihr macht nen tollen Job!!!

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