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Türkisches Präsidialreferendum heizt Debatte um muttersprachlichen Unterricht an

MAINZ. Rund 4,8 Millionen Euro lässt sich die rheinland-pfälzische Landesregierung jährlich den muttersprachlichen Unterricht für Migrantenkinder kosten. CDU und AfD wollen das Geld lieber in zusätzlichen Deutschunterricht investieren.

Sollen Schüler mit ausländischen Wurzeln auch ihre Muttersprache besser lernen? 14 262 Migrantenkinder in Rheinland-Pfalz bekommen auf Kosten der Steuerzahler zusätzlich Herkunftssprachenunterricht. Die rot-gelb-grüne Landesregierung hat dieses Angebot ausgebaut, CDU und AfD sind dagegen. «Die Kosten dafür belaufen sich jährlich auf etwa 4,8 Millionen Euro», teilt das Bildungsministerium mit. In der Debatte geht es auch um die Frage, wie sich Migrantenkinder besser integrieren. Das Türkei-Referendum vom 16. April und die Flüchtlinge heizen diese Diskussion weiter an.

Mit dem freiwilligen muttersprachlichen Unterricht in drei bis fünf Wochenstunden können Schüler der ersten bis zehnten Klasse in Rheinland-Pfalz lernen, sich in ihrer Heimatsprache, die sie oft nur in der Familie sprechen und hören, auch schriftlich gut auszudrücken. Das kann künftig ihre Chancen bei Bewerbungen um einen Job erhöhen, beispielsweise im Tourismus oder Außenhandel. Landesweit unterrichten 161 Lehrer insgesamt 15 Sprachen in 1011 Lerngruppen.

Die Regierung von Rheinland-Pfalz hält am muttersprachlichen Unterricht fest. Die Opposition will die Millionen lieber für mehr Deutschkurse ausgeben. Foto: Jens Rötzsch / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Die Regierung von Rheinland-Pfalz hält am muttersprachlichen Unterricht fest. Die Opposition will die Millionen lieber für mehr Deutschkurse ausgeben. Foto: Jens Rötzsch / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Das Bildungsministerium spricht von einem «wichtigen Baustein bei der Förderung von Mehrsprachenkompetenz». Die CDU-Opposition im Landtag fordert dagegen, das hierfür verwendete Steuergeld für zusätzliche Lehrer und insbesondere mehr Deutschunterricht für Migrantenkinder zu verwenden. Ähnlich argumentiert die oppositionelle AfD. Das Bildungsministerium entgegnet, beides dürfe nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es gehe auch um die Anerkennung der lange hier lebenden Migranten und ihrer Muttersprachen – und damit indirekt um ihre Integration.

Der Ausbau des muttersprachlichen Unterrichts zeigt sich zum Beispiel beim Projekt telc, einer Kooperation mit den Volkshochschulen. Dabei können inzwischen nicht nur gute Kenntnisse in Türkisch, sondern auch in Polnisch und Spanisch mit einem international anerkannten Zertifikat bescheinigt werden. 2016 war dies laut Bildungsministerium 176 Mal in Türkisch, 20 Mal in Polnisch und 18 Mal in Spanisch der Fall.

«In Rheinland-Pfalz liegt der Herkunftssprachenunterricht in staatlicher Verantwortung und wird von staatlichen Lehrern erteilt», erklärte Bildungsstaatssekretär Hans Beckmann (SPD) kürzlich in einem Schreiben an den Bildungsausschuss des Landtags. Das ist nicht in jedem Bundesland so. Beckmann ergänzte mit Blick auch auf die Türkei: «Das macht die Landesregierung unabhängig von Konsulatsunterricht und politischen Erwartungen der Herkunftsländer.»

Studien zufolge kann Zweisprachigkeit das Erlernen weiterer Sprachen erleichtern. Die Bildungsgewerkschaft GEW in Rheinland-Pfalz spricht sich angesichts der fortschreitenden Globalisierung ebenfalls für einen Ausbau des muttersprachlichen Unterrichts aus.

Die Sprecherin der CDU-Fraktion, Marion Buchheit, verweist dagegen mit Blick auf junge Einwanderer auf die Notwendigkeit, «erst einmal den Deutschunterricht zu stärken. Das erhöht ihre Chancen auf den Arbeitsmarkt.»

Auch AfD-Fraktionsvize Joachim Paul, ein ausgebildeter Gymnasiallehrer, sagt: «Wir sind nicht generell gegen Herkunftssprachenunterricht, aber angesichts der gravierenden Defizite bei der Integration und der hohen Schulabbrecherquote brauchen wir erst mal ein Notfallprogramm für mehr Deutschunterricht.» Dafür müssten die begrenzten Steuermittel zuerst verwendet werden. (Jens Albes, dpa)

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