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Verfälscht der Unterricht mit Zeitzeugen das Geschichtsbild von Schülern?

TÜBINGEN. Kaum eine Methode kann Schülern historische Zusammenhänge so plastisch nahe bringen wie Berichte von Menschen, die die betreffende Zeit selbst erlebt haben. Doch genau daraus ergeben sich auch Risiken, haben Wissenschaftler der Uni Tübingen herausgefunden. Es komme auf den Lehrer an, denn Schüler, die Zeitzeugenberichte im Unterricht erlebt haben, neigen dazu, ihr Wissen zu überschätzen.

Die Arbeit mit Zeitzeugen im Geschichtsunterricht ist in den Bildungsplänen aller Bundesländer fest verankert. Zeitzeugen können authentisch über Ereignisse aus ihrem Leben berichten, die die Schülerinnen und Schüler mehr berühren als bloße Texte im Schulbuch. Wissenschaftliche Studien über die Effekte der Arbeit mit Zeitzeugen sind allerdings bislang selten.

Zeitzeugenberichte bilden eine wichtige Quelle für den Geschichtsunterricht, doch der Lehrer ist gefordert. (Protest in Plauen 1989.) Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1106-405 / Wikimedia Commons (CC-BY-SA 3.0)

Zeitzeugenberichte bilden eine wichtige Quelle für den Geschichtsunterricht, doch der Lehrer ist gefordert. (Protest in Plauen 1989.) Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1106-405 / Wikimedia Commons (CC-BY-SA 3.0)

Es gibt auch Kritik an der Methode, denn Erinnerung ist ein Prozess, der durch viele Faktoren beeinflusst wird. So können individuelle Erinnerungen durch das soziale Umfeld und nachträgliche Informationen verzerrt und verklärt werden. Zum anderen kann die Aura und Authentizität der Zeitzeugen dazu führen, dass ihre Aussagen nicht hinterfragt werden.

Forscher der Universität Tübingen haben nun in einer Studie herausgefunden, dass das Lernen mit lebendigen Zeitzeugen im Vergleich zur Arbeit mit einem Video oder einer Transkription eines Zeitzeugeninterviews den Schülerinnen und Schülern zwar deutlich mehr Spaß macht, aber die Gefahr besteht, dass sie weniger dabei lernen.

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Für die Studie arbeiteten 900 Schülerinnen und Schüler aus 30 Klassen in einer Unterrichtseinheit zum Thema „Friedliche Revolution in der DDR“ mit Zeitzeugen. Ein Teil der Klassen arbeitete dabei mit Zeitzeugen, die im Unterricht anwesend waren und befragt wurden, ein Teil mit einer Videoaufzeichnung und ein weiterer Teil der Klassen mit der Transkription eines Zeitzeugeninterviews. Zusätzlich gab es fünf Kontrollklassen, die ihren „normalen“ Geschichtsunterricht zu einem anderen Thema erhielten.

Im Vergleich zur Kontrollgruppe schnitten alle Klassen, die in verschiedener Form mit Zeitzeugen arbeiteten, besser ab: Sie zeigten eine höhere historische Kompetenz und verfügten über mehr Faktenwissen. Jedoch gab es Unterschiede hinsichtlich der Art, mit den Zeitzeugen zu arbeiten.

Diejenigen Schülerinnen und Schüler, die den Zeitzeugen live erlebt hatten, schätzten ihren Lernerfolg wie auch ihr Interesse an der Unterrichtseinheit deutlich höher ein als diejenigen, die mit den Video- und Text-Zeitzeugenberichten gearbeitet hatten. Tatsächlich hatten sie das Ziel des Unterrichts jedoch weniger gut erreicht: Im Hinblick auf ihre Einsicht in die Grundlagen der historischen Erkenntnis schnitten sie schlechter ab. Die Perspektivität des Zeitzeugen wie auch die Notwendigkeit eines kritischen Umgangs mit Erzählungen über die Vergangenheit hatten sie weniger gut verstanden als die Video- und die Textgruppe.

Das Ergebnis der Studie könnte auf die in der wissenschaftlichen Literatur häufig diskutierte ‚Aura der Authentizität‘ zurückzuführen sein. „Dass die Zeitzeugen die Vergangenheit leibhaftig miterlebt haben, macht sie so glaubwürdig, dass es den Schülerinnen und Schülern, die sie live erleben, schwerer fällt, die für einen kritischen Umgang notwendige Distanz zu ihren Erzählungen aufzubauen“, erklärt Christiane Bertram, Erstautorin der Studie. Sie seien vielleicht so beeindruckt von den Personen und den mündlichen Erzählungen, dass sie deshalb auch ihren Lernerfolg überschätzen.

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Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrern empfiehlt sie, die Motivationspotenziale von Zeitzeugenbefragungen zu nutzen und der Gefahr der möglichen „Überwältigung“ durch gründliche Vor- und Nachbereitung des Unterrichts zu begegnen.

Die Studie sei, so Ulrich Trautwein, Leiter des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung ,„ein gutes Beispiel dafür, dass innovative und interessante Unterrichtsangebote wissenschaftlich auf Herz und Nieren geprüft werden sollten, um ihr Potenzial besser zu verstehen und gegebenenfalls ihre Wirkung zu erhöhen“. Das Zusammenspiel von Chancen und Risiken von Zeitzeugenbefragungen im Geschichtsunterricht sollte in weiteren Studien untersucht werden. (Antje Karbe, Universität Tübingen)

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Ein Kommentar

  1. Es gibt auch Studien, die zeigen: Je besser der Unterricht, desto besser schätzen sich Schüler bzw. Studenten ein, obwohl sie es nicht sind.

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