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Willkommenskultur in Kita und Schule – Expertin: „Wir sind uns oft nicht bewusst, welche Vorurteile wir in uns tragen“

DÜSSELDORF. Integration ist keine Einbahnstraße – sagt die Prozess- und Organisationsbegleiterin, Sozialfachwirtin sowie Erzieherin Ursula Günster-Schöning. Wer Menschen einbeziehen wolle, müsse auf sie zugehen. Am Rande des Deutschen Kitaleitungskongresses, der in dieser Woche in Düsseldorf stattfand, sprachen wir mit ihr über das Thema Flüchtlingskinder. Sie referierte dort über die Willkommenskultur von Einrichtungen wie Kitas und Schulen.

Referierte auf dem Deutschen Kitaleitungskongress: Ursula Günster-Schöning. Foto: privat

Referierte auf dem Deutschen Kitaleitungskongress: Ursula Günster-Schöning. Foto: privat

Frau Günster-Schöning, vor dem Hintergrund der Flüchtlingsströme, gibt es Kitas, wo das Thema Willkommenskultur noch keines ist?

Günster-Schöning: Ich denke in fast jeder Kita sind heute Flüchtlingskinder aufgenommen worden. Mir geht es beim Thema Willkommenskultur aber darum, dass es nicht nur Menschen mit Fluchterfahrung betrifft. Es geht mir allgemein darum sich bewusst zu machen: Was bedeutet es überhaupt, eine Willkommenskultur in meiner Einrichtung zu etablieren?

Was sind in diesem Zusammenhang für Kitas die größten Themen und Herausforderungen?

Günster-Schöning: Ein großes Thema ist es, sich mit Vorurteilen auseinanderzusetzen. Ich höre häufig in der Praxis: „Wir machen alles vorurteilsfrei!“ Der Punkt ist aber: Wir sind uns oft nicht bewusst, welche Vorurteile wir in uns tragen, daher müssen wir uns mit unseren eigenen Erfahrungen und Denkmustern auseinandersetzen. Eine vorurteilsbewusste Haltung wäre ein erster Schritt.  Oder beispielsweise der Umgang mit anderen Werten und Prinzipien, wenn Eltern beispielsweise immer unpünktlich kommen. In einigen Kulturen ist das völlig normal. In so einem Fall stellt sich dann konkret die Frage: Kann ich das aushalten, wie diese Eltern sich verhalten? Was kann ich tolerieren? Und wann spreche ich sie wie an, um einen Kompromiss zu finden.

Was raten Sie den Einrichtungen?

Günster-Schöning: Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, Fragen zu stellen wie: „Was braucht ein Mensch, um sich willkommen zu fühlen?“ Noch einmal: Ich denke nicht ausschließlich an Familien mit Flucht-Hintergrund, sondern auch an Personen allgemein aus anderen Kulturen oder mit Inklusions- oder geschlechterspezifischen Themen. Die Aufgabe der Kitaleitung sollte es sein, Grundlagenwissen zu vermitteln, beispielsweise über die Ausgangssituation von Flüchtlingen oder, wie in dem oben genannten Beispiel, über die kulturell unterschiedlichen pädagogischen Wertvorstellungen in fremden Kulturen.

Sie sprechen davon, dass dies Mut erfordert. Wie meinen Sie das?

Günster-Schöning: Wenn Sie andere Menschen willkommen heißen wollen, dann bedeutet das auch, dass Sie auf Fremde zugehen. Es erfordert von Ihnen, dass sie sich immer wieder neu einlassen können, ihre Haltung reflektieren und sich kritisch hinterfragen: „Was läuft gut, was läuft schlecht?“ Mut beinhaltet vor allem aber auch, dass ich es zulassen kann, möglicherweise zu scheitern. Natürlich sind wir schnell gekränkt, wenn wir nicht die Reaktion erhalten, die wir erwarten. Eben das sollte aber angestrebt werden: Die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass wir stolpern, Umwege gehen müssen und eventuell immer wieder neu starten müssen. Als Leiterin ist es die Aufgabe, hier das ganze Team mitzunehmen und zu vermitteln: Wir können Misserfolge aushalten.

Welche Unterstützung gibt es von Seiten der Städte bei dem Thema?

Günster-Schöning: Es gibt Integrations- und Migrationsbüros und in einigen Kommunen Sensibilisierungsweiterbildungen, um interkulturelle Kompetenzen zu vermitteln. Besonders wichtig sind in der Praxis jedoch die Menschen, die an Schnittstellen sitzen und direkte Hilfe vermitteln können, beispielsweise Dolmetscher.

Welche Möglichkeiten und Chancen bieten sich für Kitas durch eine Willkommenskultur?

Günster-Schöning: Es entwickeln sich neue Prozesse. Diskussionen und Dialoge werden entstehen. Beispielsweise darüber: „Wieviel Toleranz zeigen wir? Wo setzen wir Grenzen, was geht für uns, was nicht?“ – bezogen zum Beispiel auf Erziehungsthemen wie Strafen, Sauberkeit oder Pünktlichkeit. Die Einrichtungen werden exemplarische Beispiele finden und Leitfäden für sich und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickeln. Sie werden ihre eigene Haltung überdenken, um Lösungen zu finden, im Alltag effektiv, reflektiert und emphatisch zu handeln.

 

Deutscher Kitaleitungskongress - VBE beklagt Unterversorgung der Kitas

Der VBE hat aus Anlass des Deutschen Kitaleitungskongresses in Düsseldorf eine Pressemitteilung herausgegeben. Darin heißt es: „Die Unterversorgung der Kitas ist ein seit Jahren schwelendes Problem. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) als gewerkschaftliche Interessenvertretung setzt sich auf der politischen Ebene dafür ein, dass die Mängel beseitigt werden.

Einige Beispiele dafür, was in den Kitas in NRW schiefläuft:

  • Immer noch acht Prozent aller Kindertageseinrichtungen haben in NRW keine vertraglich festgelegte Zeit für Verwaltung und Leitung, meldete unlängst die Bertelsmann-Stiftung. ‚Auch wenn NRW damit besser als der Bundesdurchschnitt ist, ist diese Situation nicht akzeptabel. Fehlende Leitungszeit führt dazu, dass die Verwaltungsarbeit zu Lasten der Kinder-Betreuungszeiten oder der Freizeit der Kita-Leitung geht‘, so Udo Beckmann, Vorsitzender des VBE.
  • Welche Bildungsqualität in der Kita ein Kind bekommt, hänge immer noch zu stark vom Wohnort ab. Denn wie viel Zeit eine Leitung zur Verfügung gestellt bekommt, liegt im Verantwortungsbereich der Träger. Um landesweit gleiche Bedingungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Kinder zu gewährleisten, fordert der VBE daher, sich auf landesweite, verbindliche Standards für den Einsatz der Kitaleitungen zu einigen.
  • Das System der Kindpauschalen gehört auf den Prüfstand. Es war von Anfang an nicht an die tatsächlichen Personalkosten angeglichen‘, erklärt Beckmann. Mit der gesetzlich vorgesehen jährlichen Steigerung der Pauschalen von 1,5 Prozent auf 3 Prozent könnten nun zwar einige Defizite abgebaut werden, eine Qualitätssteigerung kann so aber nicht bezahlt werden.
  • ‚Die Altersstufen U3 und Ü3 werden ungleich behandelt. Bisher wird der U3-Bereich überdimensional gefördert und der Ü3-Bereich vernachlässigt. Dafür fehlen unseres Erachtens nachvollziehbare Gründe. Alle Altersstufen sollten bei der Finanzierung gleichbehandelt werden‘, fordert Beckmann weiter.

Vor dem Hintergrund, dass Kindertageseinrichtungen in der Gesellschaft insbesondere als Orte frühkindlicher Bildung stetig größere Bedeutung gewinnen, sei diese Unterversorgung unverständlich.

Beckmann abschließend: ‚Der VBE findet: Qualität zu versprechen und die Gelingensbedingungen zu verweigern, führt zu Frustration bei Beschäftigen und Eltern. Die Politik muss Kita und ihre Leitungen entsprechend ausstatten, damit diese ihre wichtige Arbeit leisten können.‘

Der Deutsche Kitaleitungskongress wird veranstaltet vom Informationsdienstleister Wolters Kluwer Deutschland (WKD) und dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) NRW. ‚Die Herausforderungen, die die Kitas vor dem Hintergrund von Integration, Inklusion und digitalem Wandel zu bewältigen haben, sind enorm. Der DKLK bietet für die Kitaleitungen die Möglichkeit, sich zu all diesen Bereichen einen qualifizierten Input zu holen und über den sog. Tellerrand zu gucken. Aber auch das Netzwerken untereinander ist wichtig und hilfreich für die tägliche Arbeit, d. h. Ideen aufnehmen und weitergeben, wie man für die Bildung und Erzie-hung von Kindern trotz unzureichender Rahmenbedingungen, möglichst viel erreichen kann.‘, sagt Udo Beckmann.“

Der VBE ist Mitveranstalter des Deutschen Kitaleitungskongresses.

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