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Filmtipp: Blick auf die schizophrene Rolle des Junglehrers – die preisgekrönte Dokumentation „Zwischen den Stühlen“ läuft ab sofort im Kino

BERLIN. In dem preisgekrönten Dokumentarfilm „Zwischen den Stühlen“ begleitet der Nachwuchsregisseur Jakob Schmidt drei Lehramtsanwärter auf ihrem Weg zum Examen. Im Blick hat er dabei besonders die paradoxe Position der angehenden Pädagogen: Sie unterrichten bereits Schüler, obwohl sie in gewissem Sinne selbst noch Schüler sind und ihren Beruf immer noch erlernen, sie benoten die Kinder und werden ihrerseits von ihren Dozenten und Professoren benotet. Seit dem 18. Mai kann man sich im Kino davon überzeugen, ob die Dokumentation der Realität nahe kommt.

„Zwischen den Stühlen“ – der preisgekrönte Dokumentarfilm über angehende Lehrer läuft seit dem 18. Mai im Kino. (Bild: Screenshot www.zwischendenstuehlen-film.de)

Der Regisseur Jakob Schmidt ist selbst ein Lehrerkind und hat sich als Schüler häufig über die Schule geärgert. Das Thema Schule und Lehrer fand er daher immer schon spannend, erzählt er in einem Interview auf der Webseite des Films: „Auf der Suche nach einem spannenden Zugang zum Thema hat mich die schizophrene Perspektive, mit der angehende Lehrer während des Referendariats auf dieses verworrene System blicken, extrem fasziniert. Komprimiert auf einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren sind sie Schüler und Lehrer zur selben Zeit. Auf der einen Seite sind sie von Beginn an Autoritätspersonen, geben Noten, rechtfertigen ihr Handeln auf Elternsprechtagen – sie tun das, was wir von Lehrern erwarten. Auf der anderen Seite aber sind sie selbst dem System ausgeliefert. In denselben Klassenzimmern, in denen sie gerade noch genervt um Ruhe bitten, werden sie wenig später selbst im Unterrichten unterrichtet. Werden ihrerseits ermahnt, wenn sie zu laut tuscheln, müssen sich in Unterrichtsbesuchen den strengen Blicken ihrer „Lehrerlehrer“ stellen, ärgern sich über hundsgemeine Ausbilder und deren ungerechte Noten – und zittern vor der großen Abschlussprüfung, deren Ausgang darüber entscheidet, ob man jemals im Beruf wird arbeiten dürfen.“

Im Film geht es aber nicht nur im persönliche Schicksale, sondern auch um den Zustand des Bildungssystems. Der Regisseur berichtet, das Grundschullehrerin Anna immer wieder gesagt hat, dass sie selbst eigentlich überhaupt nicht gern im Mittelpunkt stehe und sich selbst als eine Art Vehikel zur Verfügung stellen wolle, um hinter die Kulissen von Schule zu schauen. Für Katja habe auch eine Rolle gespielt, dass sie wusste, an was für eine schwierige Schule sie kommen würde. Und sie hätte große Angst gehabt, das nicht durchzustehen und vorzeitig abzubrechen. Mit dem Filmteam an ihrer Seite, so ihre Hoffnung, würde sie vielleicht länger durchhalten können, weil sie nicht vor Publikum scheitern wollte. Quasi eine Wette mit sich selbst. Für Ralf wiederum habe sich mit dem Referendariat ein besonderer Kreis geschlossen, weil er an die Institution zurückkam, an der er zuvor selbst als Schüler gescheitert war. Für ihn war sei es sicher auch eine Genugtuung, es jetzt, nach über zwanzig Jahre geschafft zu haben und als Vorbild zeigen zu können, dass so ein Weg möglich sei, vermutet Regisseur Schmidt.

Die Dreharbeiten dauerten mehrere Jahre und liefen nicht immer reibungslos. Schmidt berichtet von einer Protagonistin, die das Filmteam über ein Jahr begleitet hat. Sie wurde von ihrem Schulleiter wegen ihrer Teilnahme an unserem Filmprojekt offenbar gemobbt. Immer wieder habe er sie zu sich bestellt und erklärte ihr, er sei durch seine Vorgesetzten zwar angehalten, das Projekt offiziell zu unterstützen, sehe es selbst aber sehr kritisch. Er bewundere ihre Arroganz, sich zuzutrauen, neben den Herausforderungen des Referendariats auch noch in unserem Film mitzuwirken. „Obwohl ihre Leistungen überdurchschnittlich gut waren, fühlte sie sich und ihre Ausbildung dadurch gefährdet. Schließlich kommt ein Teil der Benotung im Referendariat ja durch die Schulleiter“, erzählt Schmidt. Obwohl der Schulleiter sie nie konkret zum Abbruch aufforderte, war klar, dass ihr die Mitwirkung schaden konnte. Deshalb habe das Filmteam und die Betroffene gemeinsam beschlossen, mit dem Drehen aufzuhören.

Für Schmidt ist der Film nicht nur eine gelungene Dokumentation, sondern lieferte ihm auch tiefere Einsichten in die Mechanismen der Schulverwaltung. „Insgesamt war ich überrascht, dass fast alle Vorbehalte dem Projekt gegenüber von denen kamen, die eigentlich am längeren Hebel saßen: So gab es gleich mehrere Seminarleiter, die nicht wollten, dass wir in ihren Seminaren und Unterrichtsbesuchen mit der Kamera dabei waren. Nicht aber, um unsere Protagonisten zu schützen, sondern aus einer großen eigenen Unsicherheit heraus. Sie machten sich Sorgen darum, zu stark von offiziellen Richtlinien für die Lehrerausbildung abzuweichen, Fehler zu machen, nicht den Erwartungen der Vorgesetzten zu entsprechen und sich damit Karrierechancen zu verbauen.“

Mehr Informationen auf der Webseite von Zwischen den Stühlen

2 Kommentare

  1. Studienseminare für Lehramtsreferendare – das sind nicht etwa romantische Ausbildungsstätten, wo väterliche, erfahrene Ausbilder engagierte Junglehrer an ihren Beruf heranführen, sondern des öfteren wahre Gruselkabinette mit tendenziell sadistisch veranlagten Fachleitern. Ein ganz spezielles Studienseminar im hessischen Offenbach trug wegen mehrerer Selbstmordfälle eine Zeitlang in Fachkreisen den Titel „Seminar des Todes“…

    • Anwärter sind lkeine Junglehrer. Letztere sind examinierte (2. StEx) Lehrkräfte auf ihrer ersten Plan- oder Vertretungsstelle. Im Regelfall sind sie Junglehrer bis zur Lebenszeitverbeamtung und verlieren danach ihren „Welpenschutz“.

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