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Geschichte zum Anfassen: Forscher bauen mit Studenten Römerboot originalgetreu nach – Bootstour bis zum Schwarzen Meer geplant

ERLANGEN. Wie ruderten die Römer? Wie schnell waren ihre Boote auf den Flüssen unterwegs? Und wie gut war die Bauweise der Schiffe? Forscher aus Erlangen wollen diese Fragen ganz praktisch beantworten: Sie bauen ein antikes Schiff originalgetreu nach.

"Bunt bis zum geht nicht mehr": Römische Bireme, ein Ruderkriegsschiff mit zwei Reihen von Riemen übereinander. Illustration: Rama / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0 fr)

„Bunt bis zum geht nicht mehr“: Römische Bireme, ein Ruderkriegsschiff mit zwei Reihen von Riemen übereinander. Illustration: Rama / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0 fr)

Die Säge kreischt, die Holzspäne fliegen. Der Kiel aus Eiche ist schon fertig; bald wird mit den Planken begonnen. Seit kurzem wird in einem hallengroßen grauen Zelt auf einem Erlanger Sportgelände ein römisches Militärschiff nachgebaut. Es besteht fast komplett aus Holz. Von dem Römerboot erhoffen sich Forscher um den Althistoriker Boris Dreyer neue Erkenntnisse über den antiken Schiffsbau und die Einsatzmöglichkeiten solcher Boote innerhalb der römischen Flotte. Außerdem soll damit Geschichte erlebbar gemacht werden – abseits von staubigen Büchern und dunklen Hörsälen.

Etwa 45 Studenten, 16 Schüler und an die 90 freiwillige Helfer wollen an dem Boot mitbauen. Sie werden dabei von zwei erfahrenen Bootsbauern unterstützt. Der Geschichts- und Politikstudent Johannes Nagy mag vor allem das Ausgefallene daran: «Es ist etwas Besonderes für mich, an einem so seltenen Projekt mithelfen zu können», sagt der 19-Jährige. Er war von Anfang an dabei, hat schon alle möglichen Arbeiten übernommen. Neben der Idee sei die handwerkliche Arbeit für ihn als Stadtkind neu und spannend: «Es macht Spaß, ich lerne etwas Praktisches fürs Leben. Und es ist eine angenehme Abwechslung zum Unialltag, der bekanntlich vornehmlich den Kopf beansprucht.»

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Die Bootsbauer arbeiten nach antiken Vorgaben. «Wir können es nicht ganz genau so machen wie damals», gibt Dreyer zu. Ohne moderne Elektrogeräte würden sie die Bauzeit von einem Jahr wohl nie einhalten. Doch bei vielem halten sich die Handwerker genau an die historische Vorlage aus Oberstimm, einem Ortsteil von Manching bei Ingolstadt. Im Jahr 1986 entdeckten dort Archäologen nahe einem römischen Kastell zwei gut erhaltene Militärschiffe aus der Zeit um 100 nach Christus. Nur Bug und Heck fehlten. Die Schiffe seien vom römischen Militär als Patrouillenboote eingesetzt worden, aber auch für Erkundungsfahrten oder schnelle Truppenverlegungen, sagt Dreyer.

Einige Fragen, die die Forscher klären wollen: Mit welcher Technik ruderten die etwa 20 Römer auf dem Schiff? Wie viel Kraft mussten sie einsetzen, welche Geschwindigkeit konnte das Boot erreichen und welche Strecken zurücklegen? «Wir wollen dafür auf der Donau möglichst bis zum Schwarzen Meer fahren», sagt Dreyer. Das sei aber eine Kostenfrage. Die Wissenschaftler wollen auch unterschiedliche Segelarten testen und die Originalbemalung rekonstruieren. «Die Kriegsschiffe waren bunt bis zum Geht-nicht-mehr», so Dreyer. Die Römer hätten wohl «mit Glanz und Gloria untergehen» wollen.

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Forscher der Universität Regensburg hatten 2004 den ersten Nachbau eines antiken Flusskriegsschiffs zu Wasser gelassen. Auch die Universität Trier war an einem ähnlichen Schiffsbau beteiligt. Dieser Schiffs-Typus (navis lusoria) wurde von den Römern allerdings rund zwei Jahrhunderte später eingesetzt als das in Bayern entdeckte Vorbild. «Später ist nicht unbedingt besser», sagte Dreyer dazu. Viel Know-how der Schiffsbauer sei in der Zwischenzeit verloren gegangen.

Die mediterrane Bauart, nach der das Boot in Franken rekonstruiert wird, entspreche der modernen Holzbootbauweise und würde noch heute eingesetzt, wenn sie nicht so teuer wäre, sagt Dreyer. Bei dem Schiff in Regensburg sei viel mehr Metall verbaut worden, es sei deutlich schwerer. «Unser Boot ist leichter, flexibler und schneller.»

Auch Bootsbauer Falk Andraschko aus Heringsdorf auf Usedom sagt: «Es ist erstaunlich, wie weit die damals schon mit ihren Fertigkeiten waren.» Er hilft den Studenten, Schülern und Freiwilligen beim Bootsbau in Erlangen. Viele Fischerboote, die er heute baut, würden ähnlich gefertigt, sagt Andraschko. Spannend werde es hier vor allem, wenn die Planken befestigt werden – mit selbst angefertigten rund 700 Holznägeln, 2 Zentimeter dick und 30 Zentimeter lang. Nur vorne werden etwa 100 Eisennägel zur Stabilisierung benötigt.

Römerboot-Pionier Heinrich Konen von der Uni Regensburg berichtet: «Uns ging es um die Frage, ob das Boot überhaupt schwimmfähig ist und wie es sich im Wasser verhält.» Das damalige Projekt sei auf jeden Fall erfolgreich gewesen: «Die praktische Überprüfung hat die Forschung belebt und führte zu neuen Fakten und Ergebnissen.» Daher sei auch der Erlanger Bootsbau sinnvoll – etwa, um zu wissen, welche Fahrleistung mit diesen früheren Booten möglich war. «Außerdem ist so ein Bootsbau etwas Aktives. Die Stundenten sehen mal etwas anderes als den Hörsaal und lernen sich mit ihren Begabungen kennen.»

Der fränkische Nachbau soll wie das Original rund 16 Meter lang werden und knapp 3 Meter breit. Bei einem Tiefgang von nur 70 Zentimetern und ohne stabilisierendes Schwert könnte das im Wasser eine wackelige Angelegenheit werden. Zum 275. Geburtstag der Uni im nächsten Jahr soll das Boot seine Jungfernfahrt erleben. Bis zu 165.000 Euro soll das Ganze am Ende kosten. Doch der Aufwand sei die Mühe wert, sagt Dreyer – nicht nur wegen der Forschung, sondern auch als besonderes Erlebnis: «Davon kann man noch seinen Enkeln erzählen.» Von Catherine Simon, dpa

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