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KMK rührt die Werbetrommel für das duale System (zu spät?) – Eisenmann: Berufliche Bildung ist „keineswegs eine Nebenstraße“

STUTTGART. Die berufliche Bildung in Deutschland hat ein international gutes Image. Doch die Nachfrage nach Lehrstellen lässt nach, die Studienneigung nimmt zu. Die Kultusministerkonferenz will die Werbetrommel für die duale Bildung rühren. Ob das gelingt?

Bricht eine Lanze für das duale System: Susanne Eisenmann. Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg

Bricht eine Lanze für das duale System: Susanne Eisenmann. Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Susanne Eisenmann (CDU), plädiert dafür, berufliche Bildung als gleichwertig mit der akademischen Bildung zu sehen. «Sie ist ein breiter Königsweg und keineswegs eine Nebenstraße oder zweite Wahl», sagte Baden-Württembergs Kultusministerin am Mittwoch in Stuttgart vor rund 300 Teilnehmern eines Bildungskongresses. «Wir müssen schon in der Schule klar machen, dass auch eine Ausbildung im dualen System zu einer anspruchsvollen Karriere führen kann.»

Jugendliche müssten ihre Entscheidungen gut informiert treffen und verstehen, dass sich beruflicher Erfolg, Zufriedenheit und guter Verdienst nicht nur mit akademischer Bildung erreichen ließen. Wenn es gelinge, das Bewusstsein dafür zu schärfen, würden die Zugangsquoten in die Berufsbildung wieder steigen, sagte sie bei einer Veranstaltung im Rahmen ihrer KMK-Präsidentschaft.

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Der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe sagte, der Automatismus von Abitur und Studium müsse durch Berufsorientierung aufgebrochen werden. Eisenmann kündigte einen «Tag der beruflichen Bildung» an, an dem Schüler aller weiterbildenden Schulen sich vom kommenden Schuljahr an über Alternativen zum Studium informieren können.

Die SPD im Landtag mahnte, die Ministerin dürfe es nicht nur bei Lippenbekenntnissen belassen. «Bislang ging auf ihr Konto nur die Streichung von über 1000 Lehrerstellen, was auch die beruflichen Schulen enorm schwächt», sagte Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei. Die FDP im Landtag warnte vor der Schließung weiterer Kleinklassen an den Berufsschulen.

Die Expertin für Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft, Regina Flake, sieht bei der Berufsorientierung an den Schulen noch Luft nach oben. «Im Lehrplan muss man dafür Platz und Freiraum schaffen.» Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht Nachholbedarf. «Wir begrüßen, dass sich die KMK nach zwei Jahrzehnten auf die berufliche Bildung fokussiert», sagte GEW-Vorstandsmitglied Ansgar Klinger. Den beruflichen Schulen drohe ein massiver Lehrkräftemangel.

Eisenmann sieht die Schulen in Baden-Württemberg bereits auf einem gutem Weg. Sie arbeiteten eng mit der Berufsberatung der Arbeitsagenturen zusammen, in den Bildungsplänen sei die Leitperspektive «Berufliche Orientierung» verankert. Das neue Unterrichtsfach Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung werde ab dem kommenden Schuljahr eingeführt.

Der Verband Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) machte indes auf den Mangel an Facharbeitern aufmerksam. Viele Maschinenbauer stellten bewusst Realschüler ein, da diese Region und Unternehmen häufig langfristig verbunden blieben. Doch rund 40 Prozent davon strebten in weiterführende Schulen. Der VDMA betonte: «Hier sind Wirtschaft und Politik gemeinsam gefordert, gezielt diese Schüler über die Vorteile und Möglichkeiten einer dualen Ausbildung aufzuklären.»

Der Fokus auf berufliche Bildung solle aber keinen Schüler, der das Abitur oder ein Studium wünsche, davon abhalten, sagte Eisenmann. Der Trend zur Akademisierung lässt sich in der Entwicklung der Zahlen der Schulabgänger mit Hochschulzugangsberechtigung ablesen. Beispiel Baden-Württemberg: Hier stieg der Anteil der Schulabgänger  mit Abitur in den vergangenen Jahren kontinuierlich und lag 2015 bei 43,6 Prozent des entsprechenden Geburtsjahrganges. Im Jahr 2010 waren es noch 37,7 Prozent, im Jahr 2000 gut 30 Prozent.

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Dieter Euler, Direktor des Instituts für Wirtschaftspädagogik der Universität Sankt Gallen, bescheinigte dem dualen System in Deutschland Erfolg. Dieser könne aber auch träge machen. Als Feld mit Veränderungsbedarf sieht er den Umgang mit Vielfalt in der beruflichen Bildung. Das Spektrum vom Studienabbrecher über Jugendliche mit Behinderung bis hin zu jungen Flüchtlingen verlange individualisierte Ausbildungsprozesse, die auch mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet werden müssten.

Überdies brauche es Konzepte für junge Menschen, die Ausbildung und Studium kombinieren wollten, sagte Euler. So gibt es bereits das beliebte Duale Studium, das praktische und theoretische Phasen umfasst – das Zukunftsmodell? dpa

3 Kommentare

  1. Tja, leider merken es viele erst zu spät, wie wertvoll die berufliche Bildung ist. Selbst die OECD gab dies kleinlaut zu, die USA kopieren es usw.
    Will man heutzutage einen guten Handwerker engagieren, hat man Wartezeiten von 10 Wochen und mehr.

    • Stimmt, weil keiner den „schmutzigen“ Beruf mit luxuriöser Bezahlung und geringem Arbeitspensum erlernen will. Keiner hat bei der Akademisierungswelle daran gedacht, dass auch ein Akademiker unter Umständen nicht fähig ist ein Auto, das Dach, die Fenster zu repaieren oder gar Fliesen oder Teppiche zu legen. Malerarbeiten und der Bau eine Hauses erledigen sich von selbst.

      (Achtung! Könnte Spuren von Ironie und Sakrasmus enthalten.)

    • Immerhin brechen 29 % aller Bachelorstudenten ihr Studium ab. 43 % davon beginnen dann eine Berufsausbildung. Ein Hoch auf den Akademisierungswahn. Dieses Drittel hätte schon 4 Jahre früher mit dieser Ausbildung beginnen können, wenn man sie nicht zum Abitur getragen hätte.

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