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Lese-, Schreib- und Rechenschwäche: Forscher fordern frühere Hilfe – und zwar schon in der ersten Klasse

MÜNCHEN. Ein Kind liest langsam, stockt, verliert die Zeile. Klingt normal für einen ABC-Schützen. Wenn aber noch das Vertauschen von Wörtern, Silben oder Buchstaben hinzukommt, kann es aber ein erstes Anzeichen für Legasthenie sein. Forscher in München befassen sich mit dem Thema.

Je früher Kindern mit Lese-, Schreib- oder Rechenschwäche geholfen wird, desto besser. Foto: Marius Neethling / flickr (CC BY-NC 2.0)

Je früher Kindern mit Lese-, Schreib- oder Rechenschwäche geholfen wird, desto besser. Foto:
Marius Neethling / flickr (CC BY-NC 2.0)

Schon in den ersten Schulmonaten wollen Ärzte und Pädagogen Kindern mit Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwäche helfen. Es gebe Modelle in den USA, die direkt mit dem Schulbeginn ansetzten, sagte der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München, Gerd Schulte-Körne. «Je früher, desto besser.» An dem Münchner Klinikum treffen sich am Mittwoch und Donnerstag rund 60 Wissenschaftler aus aller Welt zu einem Symposium.

Zwei Studien in Hessen und in Bayern mit mehreren Tausend Kindern zeigten, dass jeweils etwa vier Prozent der Grundschulkinder eine Lese-, eine Rechtschreib- oder einerkombinierte Lese-Rechtschreibschwäche hätten. Während die einen beim Lesen stocken, Wörter, Silben und Buchstaben vertauschen, machen die anderen beim Schreiben viele Fehler. Sie schreiben teils ein Wort im selben Text mehrfach unterschiedlich falsch. Und sie werden dafür nicht selten von Mitschülern gehänselt.

Hirn-Scan zeigt Lese-Rechtschreibschwäche bei Kindern vor Schulbeginn

Die unterschiedlichen Schwächen werden unter Legasthenie subsumiert – und seien früher gar nicht unterschieden worden, sagte Schulte-Körne. «Das hat dazu geführt, dass den Kindern nicht gezielt geholfen wurde.» Relativ unbekannt, jedoch mit vier Prozent Betroffenenanteil ebenso verbreitet, sei die Rechenstörung Dyskalkulie.

Diagnostische Leitlinien

Bei der Unterscheidung all dieser Störungen sei man genauer geworden. Seit dem vergangenen Jahr gebe es von über 30 Fachverbänden entwickelte diagnostische Leitlinien. Außerdem setze Hilfe früher an. «Man wartet nicht mehr, bis das Kind scheitert.» Vorbild für die Betreuung sei ein gestuftes Modell aus den USA, sagte Schulte-Körne. Dabei werde vom Eintritt in die Schule an die Entwicklung beobachtet und zunächst einfache Unterstützung in der Gruppe angeboten. Für Kinder, bei denen das nicht ausreiche, gebe es ein intensiveres Förderangebot – das notfalls noch mit einer außerschulischen Förderung kombiniert werde. In Deutschland werde diese Strategie bisher nur vereinzelt praktiziert.

Da viele Betroffene bis ins Erwachsenenalter mit erheblichen Schwierigkeiten und meist auch psychischen Problemen kämpften, müsse die Forschung herausfinden, wie den Kindern möglichst effizient geholfen werden könne. Das sei auch von gesellschaftlicher Bedeutung, da die Beeinträchtigungen häufig zu Schulversagen und zu enormen Kosten führten. dpa

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18 Kommentare

  1. “ «Man wartet nicht mehr, bis das Kind scheitert.» Vorbild für die Betreuung sei ein gestuftes Modell aus den USA, sagte Schulte-Körne. Dabei werde vom Eintritt in die Schule an die Entwicklung beobachtet und zunächst einfache Unterstützung in der Gruppe angeboten. Für Kinder, bei denen das nicht ausreiche, gebe es ein intensiveres Förderangebot – das notfalls noch mit einer außerschulischen Förderung kombiniert werde. In Deutschland werde diese Strategie bisher nur vereinzelt praktiziert.“

    Mein reden: Nicht abwarten, bis es in Klasse 3 schlechte Noten gibt, sondern sofort handeln.
    Warum man dafür einen Anstoß aus den USA brauchte, weiß ich nicht.
    Warum diese Strategie in Deutschland nur vereinzelt praktiziert wird: es gibt keine Lehrerstunden dafür, selbst wenn Erlasse sie vorsehen. Die Kinder sollen unterrichtsimmanent gefördert werden in Leistungen, die genaues Hinhören, für diese Kinder sehr schwierige Wahrnehmungsleistungen oder sofortige Korrektur beim Erlesen erfordern.
    Den Kindern wurde nicht „schlecht“ geholfen, weil man Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben (und Rechnen) über einen Kamm schert oder unwissend ist. Lehrkräfte gucken sehr genau hin und diagnostizieren trennscharf, sie dokumentieren und verfassen Förderpläne. Lehrkräfte, die sich mit dem Schreib- und Leselernprozess auseinandersetzen, kommen um die Schwierigkeiten dabei und um Störungsbilder nicht herum, sie sind methodisch geschult und durchaus in der Lage, Kinder zu fördern – so, wie sie es in vielen weiteren Bereichen ebenso machen müssen.
    Aber sie sollen dann auch noch in der Lage sein, sich im inklusiven Unterricht zu vervielfachen und Berge zu versetzen – von Kleingruppen mit Lehrkraft oder intensiver Förderung oder Verbindung mit außerschulischer Unterstützung wurde bisher nichts umgesetzt – m.E. aus rein finanziellen Gründen.

    • Richtig, Palim, die finanziellen Aspekte spielen eine entscheidende Rolle. Ich sehe aber auch bildungsideologische Gründe wie Leistungsverachtung bzw. Geringschätzung.
      In der Schule richtig lesen, schreiben und rechnen zu lernen, ist unwichtig bis sogar verdächtig. Dieser angebliche „Drill“ wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend schlechtgeredet und als Teil rückwärtsgewandten, rechtslastigen Denkens dargestellt.

      • Was für ein Quatsch. Für wen, bitteschön, soll denn Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen, „verdächtig“ sein? Wer betreibt denn „Leistungsverachtung“? Kein Mittelstufenschüler käme mit einer solch billigen Polemik im Politikunterricht heute durch.

        Der Drill der 50er und 60er Jahre wird nicht nur schlechtgeredet, er war auch schlecht. Und wer den Druck und das sinnlose Gebimse von früher zurückhaben will, der wird nicht nur als rückwärtsgewandt und rechtlastig dargestellt – er ist es.

        • PS. Ihr Kommentar steht unter einem Beitrag über Schüler, die mit Lernstörungen zu kämpfen haben. Früher hätte das zwangsläufig bedeutet, in der Schule zu scheitern.

          Heute versuchen Lehrer wenigstens (auch wenn die Ressourcen dafür fraglos zu knapp sind), die Potenziale solcher Kinder zu fördern – nicht selten mit bemerkenswertem Erfolg. Ist es für Sie „Leistungsverachtung“, sich auch um Schwächere zu kümmern?

          • Axel von Lintig

            Bernd
            Mittel der gezielten Förderung dieser Kinder beim Lese-Erwerb sind der Kieler Lese-Aufbau und das Intra-Akt-Plus-Konzept, mit dem auch Gerd Schulte-Körne und andere erfolgreich arbeiten.

            Palim
            Nicht alle Grundschullehrer arbeiten nicht so, wie Sie es beschreiben.
            Die oben aufgefuhrten Materialien sind zum Teil nur vom Hören-Sagen bekannt, so erlebe ich das ständig. Ein gezielter,strukturierter und unterstützender Zugang zum Lese- und Schrifterwerb wird nicht angestrebt.
            Es überwiegt der eigen initiative und selbst gesteuerte Zugang der Schüler ohne Feedback und Instruktion durch die Lehrerin.
            Diese Mischung macht es sehr schwer, Kinder mit einer Legasthenie von einer anderen Form der Rechtschreib- und Leseschwäche zu unterscheiden.die als Folge mangelnden strukturierten Trainings und einer unterlassenen Hilfeleistung zur Konstruktion von Wortruinen führt, sowie falschen Betonungen der Endsilben beim Lesen, welches ohne eine Automatisierung abläuft und das eigenständige Lesen Lernen verhindert.

          • „Diese Mischung macht es sehr schwer, Kinder mit einer Legasthenie von einer anderen Form der Rechtschreib- und Leseschwäche zu unterscheiden“

            … der Artikel unterstellt,
            … dass LRS nicht richtig gefördert würde, weil Lehrkräfte sich nicht auskennen würden.
            … das Dyskalkulie wenig bekannt sei.
            Das ist schlichtweg falsch, aber die 40 Experten, die sich da treffen wollen, können sich ja gerne mal in der Hinsicht bilden.

            Kindern in den ersten Wochen der Schule zu unterstellen, sie hätten mangelnde L-R-Kenntnisse, weil ihnen strukturiertes Training fehle, ist ebenso unsinnig.
            Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass die 1000 Kinder in HE und BY, die im Artikel genannt werden, alle mit ausgesprochen offenen Methoden das Lesen und Schreiben erlernt haben sollen.

            Ansonsten bin ich nach wie vor der Meinung, dass die Kinder, die schon in den ersten Wochen auffallen, Schwierigkeiten in vielfältigen und unterschiedilchen Bereichen aufweisen, die sich dann in Problemen beim Lesen und Schreibenlernen zeigen oder manifestieren können, gleich welche Methode eingesetzt wird.
            Diese Kinder benötigen gezielte Hilfe, die man nicht allein durch die Feststellung erreichen wird, dass es Kinder gibt, die Probleme im Lesen haben und andere, die Probleme im Schreiben haben. Das ist alles erheblich vielschichtiger und bei jedem Kind muss genau beobachtet werden, worum es denn eigentlich geht.

            Wer das erbringen möchte, braucht Zeit, Raum und Personal dafür.

        • Die „Grüne Jugend“ meint über Sie hinaus noch: „Das Leistungsprinzip macht krank“.
          Fassen wir also zusammen: Es ist rückwärtsgewandt, rechtslastig und krankmachend.
          Ihre abschließende Frage im zweiten Kommentar erlaube ich mir als reine Provokation anzusehen.
          Sie haben aber auch ein gutes Stück weit recht: Wenn die Lehrer sich nicht so viel Mühe gäben, die Potenziale der Kinder trotz aller bildungspolitischen Hindernisse zu fördern, sähe es noch schlechter aus.
          Es genügt allerdings nicht, sie nur zu loben und sich dadurch bei ihnen lieb Kind zu machen. Sie brauchen mehr Unterstützung und weniger linke Bildungsideologie.

  2. Ich empfehle eine andere Methodik und Didaktik des Erlernens von Lesen, Schreiben und Rechnen an den Grundschulen. Die gegenwärtigen scheinen ja doch versagt zu haben.

    Ich denke dabei z.B. an das IntraActPlus-Konzept beim Lesen- und Sprachenlernen. Ich höre viel Gutes darüber.

    • Woran machen Sie es aus, dass die gegenwärtigen Methoden und Didaktiken in den Grundschulen versagt haben? Bei TIMSS und IGLU liegen die deutschen Grundschulen, auch wenn es zuletzt einen Knick gegeben hat, seit dem Jahrtausendwechsel international in der Spitzengruppe. Diagnostizierte Probleme gibt es dann erst bei einem (zu großen)Teil der 15-Jährigen, aber die fallen meines Wissens in die Verantwortung der weiterführenden Schulen.

    • @sofawolf: „Versagen“ ist ein großes Wort und Sie müssen sich Ihrer Sache ja (erneut) sehr sicher sein…zudem: In dem Beitrag geht es um Kinder mit einer Lese-Rechtschreibschwäche, die diese auch hätten, wenn die gewählte Methodik eine andere wäre.

      zu Intra Act Plus: Kann man machen, muss man aber nicht. Ich möchte meinen SchülerInnen nicht zumuten, dass sie Tag für Tag stumpfsinnig und inhaltsleer Buchstaben/Silben trainieren. Wie würden Sie denn von Beginn an die Lesemotivation fördern, wenn IAP zum Einsatz käme?

  3. @ Bernd,

    na, da beruft sich wohl jeder auf die Studie, die ihm am besten gefällt? 😉

    Auszug: „Beim Vera-3-Test im Schuljahr 2014/2015 waren die Ergebnisse für die Berliner Grundschüler verheerend. Die Hälfte der Drittklässler erfüllte nicht die Mindestanforderungen an die Rechtschreibung, wie sie die Kultusministerkonferenz (KMK) festgelegt hatte.
    […]
    Es verblüfft einen immer wieder, wenn man Briefe von Menschen liest, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts zur Schule gegangen sind. Sie schreiben in einem nahezu fehlerfreien Deutsch. Dabei haben sie oft nur die achtklassige „Volksschule“ besucht. Ihr korrektes Deutsch haben sie gelernt, weil das Üben der Rechtschreibung mit einer Beharrlichkeit durchgeführt wurde, die „schülerzugewandte“ Pädagogen heute als unmenschlichen Drill stigmatisieren. “

    http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/rechtschreibung-di-foirwer-retete-eine-oile-aus-dem-stal-14958787.html

    • Wie hoch ist nochmal heutzutage der Migrantenanteil an den Berliner Grundschulen – also der Anteil der Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen? 50 Prozent? 60 Prozent? Und wie hoch war er Anfang des 20. Jahrhunderts? Null Prozent?

      Und wie hoch war wohl die Analphabetenquote im 20. Jahrhundert?

      Aus einer Arbeit zum Thema Analphabetismus: „Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde das Problem in der Bundesrepublik Deutschland wieder zum Thema. Es gab Erwachsene mit sehr geringen Kenntnissen in Lesen und Schreiben und das waren bei weitem keine Einzelfälle. Der Grund für das Auftauchen des Problems lag in der Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Analphabeten gab es auch in den Jahren vorher, diese hatten jedoch keine Probleme in der Bewältigung ihres Alltags und am Arbeitsplatz. Sie konnten ihren Mangel gut verbergen und hatten somit keinen zwingenden Bedarf als Erwachsene, diese Fähigkeiten zu erlernen.“

      Quelle: http://www.schwarz-auf-weiss.org/uploads/media/analphabetismus-neu.pdf

      Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass die Pädagogik von anno dazumal mit Stock und ewigem Heruntergeleier von Geschriebenem im Chor heutigen Lehrmethoden überlegen sei?

      • Ich glaube tatsächlich, dass die sog. Volksschule vor Jahrzehnten, die meine Eltern noch besucht haben und nicht „mit Stock und ewigem Heruntergeleier von Geschriebenem im Chor“ kennen, tatsächlich dem heutigen Bildungsgewurstel überlegen waren.
        Sie, Bernd, können alles schlechtreden und verzerrt darstellen, wenn es nicht Ihren (bildungs)politischen Vorstellungen entspricht.
        Dagegen steht allerdings die sich immer stärker durchsetzende Überzeugung: Sowohl in den Kulturtechniken wie in anderen Lerndisziplinen haben viele Schüler heute Defizite, die in ihrer Massivität und Fülle erst in den letzten Jahrzehnten aufgetreten sind. Hinzu kommt, dass sie auch noch enorme und zunehmende Schwächen im Sozialverhalten aufweisen, obwohl gerade dessen Stärkung und Pflege der revolutionäre und durchaus gutzuheißende Anspruch rotgrüner Bildungspolitik ist.
        Doch keinem Bundesland hat bisher eine sog „linke“ Bildungspolitik gutgetan, egal in welcher Hinsicht. Daran, dass Bremen in Leistungstests regelmäßig die rote Laterne trägt, hat sich jeder schon gewöhnt. Dass aber Baden-Württemberg, ein ehemaliger Schulleistungs-Leuchtturm (ohne „Stock und Heruntergeleier von Geschriebenem im Chor“) in nur wenigen Jahren leistungsmäßig abgestürzt ist, spricht Bände.
        Ihr „Migrantenanteil“ sticht als Erklärung nicht, denn die unselige Entwicklung gibt es nicht erst seit der sog. Flüchtlingswelle.
        Außerdem stößt mich ab, dass Sie einerseits für möglichst viel Zuwanderung sind, diese dann aber verantwortlich machen für schon länger existierende rotgrüne Politikfehler.
        Einerseits willkommen heißen und andererseits zum Sündenbock machen ist nicht korrekt.

        • Bernd hat den Unterschied zwischen „gut“ und „Spitzengruppe“ nicht verstanden. Ersteres ist eine objektiv messbare Tatsache, letzteres nur ein relativer Vergleich zu einer anderen Gruppe. Deutschland muss nur genauso oder weniger stark schlechter werden als die Vergleichsgruppe, um insgesamt die Position in der Welt halten oder sogar verbessern zu können.

          • Ohne auf Ihren alberen Anwurf einzugehen, xxx, ob ich den Unterschied zwischen relativ und absolut kenne – die TIMSS- und IGLU-Ergebnisse waren seit der Jahrtausendwende natürlich auch objektiv gut, Tendenz steigend, den aktuellen Knick (womöglich aufgrund der Inklusion) mal ausgenommen. Sie kennen offenbar die Studien nicht. Sind ja auch „nur“ die nach PISA relevantesten internationalen Bildungsstudien …

            Was Sie „glauben“, anonymus, fällt in den Bereich der Religion – es stimmt schlicht nicht, dass die heutigen Schüler grundsätzlich schlechter wären als die vor Jahrzehnten. In den Fremdsprachen zum Beispiel sind die heutigen um Klassen besser. Und in der Breite war’s mit den angeblich so tollen Kenntnissen von früher auch nicht allzu weit her – was im Übrigen wissenschaftlich untersucht ist (und deshalb nicht „geglaubt“ werden muss). Können Sie auf News4teachers nachlesen:

            http://www.news4teachers.de/2016/09/frueher-war-die-bildung-besser-von-wegen-deutsche-schueler-waren-schon-immer-nur-mittelmaessig/

            Sie imaginieren sich eine Vergangenheit zusammen, die es so nie gegeben hat, und vergleichen Sie mit einem Zerrbild der Gegenwart – heraus kommt billigste Schwarz-Weiß-Malerei, die nicht im Mindesten den Herausforderungen, und, ja, Problemen gerecht wird, vor denen die Bildungspolitik und die Schulen heute stehen. Ich mache auch niemandem zum Sündenbock – spreche nur an, dass die Schülerschaft von heute eine ganz andere ist als die vor 30, 40 Jahren und schon deshalb die Rezepte von 1950 nichts mehr taugen.

            Übrigens sind die Bildungsziele mittlerweile auch andere: Ungelernte Arbeiter, die in Ihrer ach so tollen Vergangenheit einen Großteil der Arbeitnehmer ausmachten und nur formalen Bildungszielen wie „Gehorsam“ und „Pünktlichkeit“ zu genügen hatten, haben heute auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr.

  4. Zitat: „Wie hoch ist nochmal heutzutage der Migrantenanteil an den Berliner Grundschulen – also der Anteil der Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen? 50 Prozent? 60 Prozent? Und wie hoch war er Anfang des 20. Jahrhunderts? Null Prozent?“

    Genausogut könnte man darauf verweisen, dass vor 100 Jahren viele Kinder zu Hause und im Alltag noch Dialekt gesprochen haben und Hochdeutsch in der Schule wie eine Fremdsprache lernten.

    Ich denke, Sie legen sich die Dinge so zurecht, dass Sie zu der Meinung passen, die Sie nunmal haben. Aber letztendlich tun wir das ja alle. 😉

    • Wie praktisch, dass es in Deutschland vor 100 Jahren keine Leistungstests gab, die einen wissenschaftlich haltbaren Vergleich zu heute erlauben würden.

      Hier aber mal eine Schilderung, wie’s vor 100 Jahren in der Schule zuging:

      „Die Volksschulklassen waren damals sehr groß und oft wurden auch – besonders in Dorfschulen – mehrere Jahrgänge in einem Raum unterrichtet. Der Stundenplan beschränkte sich auf die Fächer Religion, Schreiben, Lesen und Rechnen. Die wichtigsten Unterrichtsziele waren Gehorsam, Fleiß, Ordnung und Sauberkeit. Die Schüler mussten auf jedes Zeichen des Lehrers gehorchen und seine Befehle möglichst auch noch geräuschlos ausführen. Auch wurden die Kinder damals dazu erzogen, im Takt zu arbeiten und sich im Takt zu bewegen. So musste das Aufstehen, das Hinsetzen, das Auspacken der Tafel, das Schönschreiben von Buchstaben, das Betreten und Verlassen der Schule immer nach bestimmten Zeichen des Lehrers gleichzeitig und im Takt ablaufen. Alles lief also mehr oder weniger nach dem Kommando des Lehrers ab und hatte viel Ähnlichkeit mit militärischem Drill. Auch wurde streng darauf geachtet, dass die Schüler gerade und angelehnt in den Bänken saßen. Beide Hände mussten auf dem Tisch liegen und die Füße mussten parallel nebeneinander auf dem Boden stehen. Die Lehrer achteten sehr streng auf das Befolgen dieser Regeln und bei Ungehorsam gab es für die Schüler Ruten oder Stockschläge. Manchmal mussten die Schüler auch zur Strafe in der Ecke stehen oder am Nachmittag nachsitzen.“

      Quelle: http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=2237

      Was hat denn davon wohl zu dem von Ihnen vermuteten Lernerfolg geführt? Das Nachplappern im Takt? Das endlose Abschreiben von Buchstaben? Die starre Sitzhaltung? Die beschämenden Strafen? Die Prügel? Oder die vorrangig formalen Unterrichtsziele Gehorsam, Fleiß, Ordnung und Sauberkeit? Interessanterweise gab es vor 100 Jahren eine große reformpädagogische Welle, die genau mit dieser schwarzen Pädagogik brechen wollte – warum wohl?

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