Startseite ::: Leben ::: Selbst für Grundschülerinnen ist das Äußere immer wichtiger: Lehrerverbands-Chefin sieht zunehmenden Magerwahn mit Sorge

Selbst für Grundschülerinnen ist das Äußere immer wichtiger: Lehrerverbands-Chefin sieht zunehmenden Magerwahn mit Sorge

MÜNCHEN. Ist das der Einfluss von Sendungen wie „Germanys Next Topmodel“? Viele Mädchen fühlen sich trotz Normalgewicht zu dick – selbst in Grundschulen, so beobachtet Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). „Hier läuft etwas gewaltig schief“, sagt sie.

Fast zwei Drittel der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren schauen sich Casting-Shows wie "Germany's Next Topmodel" im Fernsehen an. Foto: get noticed communications / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Fast zwei Drittel der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren schauen sich Casting-Shows wie „Germany’s Next Topmodel“ im Fernsehen an. Foto: get noticed communications / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Der Magerwahn hält sogar schon in den Grundschulen Einzug. „Zu den vielfältigen Aufgaben von Lehrkräften gehört es in zunehmendem Maße auch, Mädchen und Jungen ein gesundes Körperbewusstsein zu vermitteln“ sagte BLLV-Präsidentin Fleischmann. Viele Kinder verfolgten schon in der ersten Grundschulklasse ein Ziel: „Sie wollen gefallen und möglichst attraktiv sein – und das bedeutet für viele Mädchen nur eines: möglichst dünn zu sein.“

Fleischmann hält dies für eine gefährliche Entwicklung. Immer wieder führe der übertriebene Schlankheitswahn in die Essstörung. Auch Jungs seien davon betroffen, Mädchen allerdings viel häufiger. „Lehrerinnen und Lehrer behandeln das Thema immer wieder im Unterricht und versuchen, den Kindern eine gesunde Einstellung zu ihrem Körper zu vermitteln.“ Es sei aber naiv zu glauben, sie könnten dadurch den Einflüssen, denen Heranwachsende außerhalb der Schule ausgesetzt sind, Herr werden. Die BLLV-Präsidentin forderte ein Umdenken in der Gesellschaft, denn das Thema gehe jeden etwas an. Initiativen wie das vom bayerischen Kultusministerium angebotene Unterrichtskonzept „bauchgefühl“ zur Prävention von Essstörungen seien hilfreich, reichten aber allein nicht aus. Das Problem müsse von „allen Seiten“ angepackt werden.

Essstörungen nehmen zu

„Es sollte endlich damit Schluss sein, dass wir es zulassen, Generationen von Frauen heranwachsen zu sehen, die sich andauernd selbst perfektionieren und optimieren wollen – und die letztlich traurig wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes sind“, erklärte die BLLV-Präsidentin. Aus ihrer Zeit als Schulleiterin wisse sie, dass sich fast alle Mädchen „zu dick“ finden, egal, wie viel sie tatsächlich wiegen. „Das fängt bereits in der ersten Grundschulklasse an.“ Kinder hätten längst ihre Unbedarftheit und Sorglosigkeit verloren, denn sie beschäftigten sich wie Erwachsene sehr viel mit ihrem äußeren Erscheinungsbild und wollten es ständig optimieren. „Wer der Norm nicht entspricht, läuft zudem Gefahr zum Außenseiter oder gar gemobbt zu werden.“ Lehrkräfte greifen in solchen Fällen immer ein – allerdings können sie bei diesem Thema nur wenig ausrichten. Die Einflüsse fragwürdiger Fernsehsendungen und des Internets seien zu stark.

Eltern sind gefordert

Eine wichtige Rolle spielten die Elternhäuser. Eltern könnten beispielsweise den Medienkonsum zu Hause einschränken oder selektieren. „Sie können Fernsehsendungen offen reflektieren und sie können ihren Kindern eine kritische Haltung vermitteln“, erklärte Fleischmann. Auch das in den Familien gelebte Vorbild sei prägend. Manchmal seien es jedoch die Mütter selber, die Angst davor haben, ihre Tochter könnte als zu dick wahrgenommen werden. „Wohlmeinend setzen sie ihr Kind auf Diät und thematisieren ihr Essverhalten ständig. In vielen Fällen produziert dies aber spätere Probleme im Essverhalten.“

„Zu Hause“ sollte ein „geschützter Raum“ sein. Bewertungen von Äußerlichkeiten dürften dort keinen Platz haben, findet Fleischmann. „Eltern sollten sich außerdem immer bewusst machen, wie sie selbst über ihren Körper sprechen – und abfällige Äußerungen vermeiden. Wer ständig an seinem Körper herummäkelt, macht es seinen Kindern schwer, den eigenen Körper zu lieben.“ Viel besser sei es, Selbstbewusstsein zu vermitteln und sich in seiner Haut wohl zu fühlen. Ratsam sei es auch, vor den Kindern nicht über Defizite an ihren Körpern zu reden. Sie sollten nicht das Gefühl bekommen, dass sich der Wert eines Menschen an seinem Bodymaßindex bemisst.

„Schule und Elternhaus sollten immer an einem Strang ziehen – und in diesem Fall ganz besonders, schließlich geht es um die Gesundheit von Kindern“, betonte Fleischmann. Das Thema Gesundheit spiele im Unterricht immer wieder eine Rolle. Zentral sei das Wissen um ausgewogene und gesunde Ernährung. Vermittelt werden soll den Schülerinnen und Schülern aber auch, sich so anzunehmen, wie sie sind. N4t

 

 

5 Kommentare

  1. In dem einen Artikel „Mediziner fordern von Politikern stärkeren Kampf gegen Übergewicht – „In den Schulen müsste der Süßigkeiten-Verkauf gestoppt werden»“ wird gegen Kinder gehetzt, die etwas zu viel auf den Rippen haben und hier sind es die angeblichen magersüchtigen. Ja was denn nun? zu dick zu dünn? wahrscheinlich weder noch und ein paar Leute die sich wichtig machen müssten meinen: Zum Gewicht von Menschen müsste mal einer was sagen oder ein Buch schreiben, dazu gibt es ja auch noch nichts auf dem Markt.

    • Sehr geehrter Werner,

      in den Artikeln wird weder gegen Magersüchtige noch gegen Übergewichtige gehetzt. Es geht um krankhafte Auswüchse der Gewichtszu- oder -abnahme, von daher widersprechen sich die Artikel nicht, sondern ergänzen sich.

      Viele Grüße

      die Redaktion

      • Die Artikel ergänzen sich? Der eine Artikel sagt „alle werden immer dicker“ und der andere „alle werden immer dünner“. Also unter „Ergänzung“ verstehe ich etwas anderes. Das ist doch eher ein deutlicher Widerspruch. Nebenbei ist das ganze Gewicht-Thema seit Jahren und Jahrzehnten ziemlich ausgelutscht und den Leuten fällt nichts neues mehr ein…also müssen alte Überschriften neu und hip wieder aufgelegt werden.

        • Sorry, aber in keinem Beitrag steht „alle werden immer dicker“ oder „alle werden immer dünner“.

          Im ersten Beitrag steht: „Bei den Kindern und Jugendlichen waren zuletzt rund 16 Prozent übergewichtig und 6,3 Prozent adipös, 50 Prozent mehr als in den 80er und 90er Jahren.“

          Im zweiten Beitrag heißt es: „Viele Mädchen fühlen sich trotz Normalgewicht zu dick“.

          Wo ist denn da ein Widerspruch?

          Die Redaktion

  2. Axel von Lintig

    Die Grundlagen für Essstörungen werden bereits in der frühen Kindheit angelegt. Das fängt damit an, dass wir unsere Kinder in den ersten Lebensjahren durch die Ernährung in ihrem Geschmackssinn prägen. Ist der Zuckerkonsum in dieser Zeit hoch, etwa durch süße Getränke und Süßigkeiten, so kommt es in den folgenden Jahren durch die hochkalorische Ernährung zur Anlage von Fett speichernden Zellen.
    Diese Frühkindliche Prägung ist schwer abzutrainieren und ist einer der Faktoren für die Entwicklung eines Diabetes mellitus in den Erwachsenenjahren.
    In der Pubertät wird das Bewusstsein für den eigenen Körper weiter entwickelt und mit den äußeren Normen verstärkt abgeglichen.
    Der Ansatz sind die frühen Kinderjahre und dort müssen Kinderärzte und Kindergärten ansetzen.

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