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Wie politische Bildung in Zeiten von sozialen Medien gelingen kann: Akademiechefin Ursula Münch im Interview

TUTZING. Stärkung der politischen Urteilskraft – darin sieht Ursula Münch, Chefin der Akademie für Politische Bildung Tutzing, die Hauptaufgabe von politischer Bildung. Die sozialen Netzwerke sind dabei immer mehr Gegenstand der Seminare. Nun feiert die Akademie 60. Geburtstag.

Die Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing, Ursula Münch, hält politische Urteilsfähigkeit für den besten Faktencheck. Zunehmend beschäftige sich die Bildungseinrichtung aber mit der Frage, welche Auswirkungen es auf die politische Urteilskraft hat, wenn immer Menschen sich durch die sozialen Medien informieren. «Wir analysieren in den Tagungen, wie sich diese Netzwerke auf das Informationsverhalten der Bürger und auf die klassischen Medien auswirken», sagte Münch im Interview. Die Akademie feiert in diesen Tagen ihr 60-jähriges Bestehen.

"Politische Urteilsfähigkeit ist der beste Faktencheck": Akademie-Chefin Münch. Foto: Akademie für Politische Bildung Tutzing

„Politische Urteilsfähigkeit ist der beste Faktencheck“: Akademie-Chefin Münch. Foto: Akademie für Politische Bildung Tutzing

Wie sehen Sie die Aufgabe von politischer Bildung?

Münch: Die Hauptaufgabe politischer Bildung ist die Stärkung der politischen Urteilskraft, also die Herstellung eines Grundverständnisses für politische Zusammenhänge und die Ausprägungen unserer demokratischen Ordnung. Dieses Grundverständnis stellt zum einen die Leitplanken für die eigene Orientierung in der globalisierten, digitalen Gesellschaft her. Es befähigt aber auch zur eigenen politischen Teilhabe. Dazu gehört natürlich Wissensvermittlung, aber vor allem auch die Vermittlung eines Verständnisses dafür, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit eine Einheit bilden.

Welche Aufgabe hat politische Bildung in Zeiten einer kaum noch überschaubaren Informationsflut – Stichwort «fake news»?

Münch: Politische Bildung muss durch ihre vielfältigen Formate vermitteln, dass die eigene Wahrnehmung und die eigene Meinung nicht der Nabel der Welt sind, sondern immer in Konkurrenz mit anderen, ebenfalls legitimen Interessen stehen. Politische Bildung vermittelt demnach auch, warum Politik aufwendig ist und dass dies aber nicht der Nachteil, sondern der Vorzug rechtsstaatlicher und demokratischer Prozesse ist. Schließlich ist Gewaltenteilung der beste Schutz vor Machtmissbrauch.

Beziehen Sie in Ihre Aufgabe der politischen Bildung die sozialen Netzwerke stärker mit ein?

Münch: Die Akademie für Politische Bildung ist zum einen selbst aktiv in den sozialen Netzwerken. Die sozialen Netzwerke sind aber auch Gegenstand unserer Veranstaltungen: Wir analysieren in den Tagungen, wie sich diese Netzwerke auf das Informationsverhalten der Bürger und auf die klassischen Medien auswirken. Dabei beschäftigt uns natürlich auch die Frage, welche Auswirkungen es auf die politische Urteilskraft und die politische Teilhabe hat, wenn sich ein Teil der Bevölkerung vor allem durch soziale Netzwerke informiert und zunehmend darauf verzichtet, journalistische Angebote wie zum Beispiel sorgfältige Recherche, Faktenprüfung, redaktionelle Betreuung und Hintergrundberichterstattung in Anspruch zu nehmen.

Ist ein Wochenendseminar mit Vorträgen, Diskussionen usw. zu einem gesellschaftspolitischen Thema noch zeitgemäß?

Münch: Die Digitalisierung macht unseres Erachtens Orte des direkten Austauschs sogar noch wichtiger. Aber natürlich ändert sich hier einiges: Unsere Tagungen enden jetzt häufiger bereits am Samstagnachmittag, und wir legen noch mehr wert als früher darauf, dass unsere Tagungsgäste nicht nur informative Vorträge hören und spannende Diskussionen erleben, sondern diese Veranstaltungen als Gelegenheit nutzen können, sich selbst zu vernetzen: Man lernt also nicht nur etwas, sondern trifft eben auch viele interessante und interessierte Leute.

Übernimmt die Akademie für Politische Bildung künftig auch die Aufgabe des Faktenchecks?

Münch: Politische Urteilsfähigkeit ist der beste Faktencheck. Wir wollen unsere Tagungsgäste befähigen, sich selbst ein ausgewogenes Urteil zu bilden. Interview: Paul Winterer, dpa

 

Zur Person

Ursula Münch ist seit 1999 Professorin für Politikwissenschaft an der Universität der Bundeswehr München. Von 2009 bis 2011 war sie dort auch Dekanin der Fakultät für Staats- und Sozialwissenschaften. Seit 2015 gehört sie dem Wissenschaftsrat an. Die 56-Jährige ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.

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