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Ängstlich auf der Tribüne: Warum Helikopter-Eltern beim Schwimmkurs besonders stören

KASSEL. Schwimmen lernen ist für Kinder überlebenswichtig, keine Frage. Sie deshalb besonders früh in einen Schwimmkurs zu stecken, ist aber der falsche Schluss. Auch sonst sollten sich Väter und Mütter beim Unterricht eher im Hintergrund halten – für Helikopter-Eltern offenbar ein Problem.

Immer seltener lernen Kinder schwimmen. Foto: Shmeckles... / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Immer seltener lernen Kinder schwimmen. Foto: Shmeckles… / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Das Kind schon mit vier Jahren zum Schwimmkurs anmelden? Oder sogar mit drei? Sinnvoll ist das nicht, findet Beate Ludewig. Sie ist die Bundesjugendtrainerin beim Deutschen Schwimm-Verband. Zwar lernen kleine Kinder in diesem Alter, sich über Wasser zu halten – mehr aber auch nicht. «Hundepaddeln sagen wir dazu», erklärt die Schwimmlehrerin im Gespräch mit dem dpa-Themendienst. Mit fünf oder sechs Jahren seien Mädchen und Jungen dagegen im perfekten Lernalter. Vorher könnten sie nur schwer konzentriert für einen längeren Zeitraum zuhören.

Nur jedes zweite Kind kann schon vor der Grundschule schwimmen, danach mehr als jedes zehnte immer noch nicht

Doch worauf sollten Eltern bei der Wahl des Schwimmkurses achten? «Darauf, dass es sehr spielerisch abläuft, die Kinder zum Beispiel mit der Gießkanne nass gespritzt werden oder kleine Aufgaben im Wasser machen dürfen.» Skeptisch sollten Mütter oder Väter bei Angeboten sein, die mit Versprechen wie «In zehn Stunden kann Ihr Kind schwimmen» werben. «Das ist Quatsch», sagt Ludewig. Denn eine Garantie lässt sich nicht geben, dafür sind die Kinder zu verschieden. Manche seien mutiger, andere ängstlicher in Berührung mit Wasser. Letztere brauchen entsprechend länger.

Im Kurs sollten nicht mehr als acht Kinder auf einmal sein und von mindestens zwei Schwimmlehrern beaufsichtigt werden. Die Gruppendynamik könne viel bewirken: «Gerade bei den Kindern, die keine Wasserratten sind.»

Welchen Tipp hat Ludewig noch für Eltern? «Zurückhalten. Bloß nicht auf der Tribüne sitzen und zugucken.» Das gilt vor allem für ängstliche Mütter und Väter. «Die Angst überträgt sich auch durch die Scheibe.» In der Folge seien die Kinder gehemmt und verkrampft. Ohne die Eltern laufe es meist besser. Außerdem darf man die Fähigkeiten der Kinder nach einem Kurs nicht überschätzen: Das Seepferdchen-Abzeichen heißt noch lange nicht, dass sie sicher schwimmen können.

Doch was, wenn das Kind nach fünf Stunden immer noch vom Beckenrand aus zusieht, aber noch keinen Zeh ins Wasser getaucht hat? «Geduld haben, keinen Druck aufbauen», rät Ludewig. Ein guter Schwimmlehrer schaffe es, auch solche Kinder am Ende ins Wasser zu locken. Es dauere nur ein bisschen länger.

Einer Umfrage zufolge kann mindestens jeder zweite Grundschüler in Deutschland nicht richtig schwimmen. Nur 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen besitzen ein Schwimmabzeichen, fand Forsa im Auftrag der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft heraus. Von Julia Kirchner, dpa

8 Kommentare

  1. ZITAT: „Auch sonst sollten sich Väter und Mütter beim Unterricht eher im Hintergrund halten – für Hubschrauber-Eltern offenbar ein Problem.“

    Ja, natürlich sollen sie das. Ich sage (normalerweise) anderen Berufsgruppen auch nicht, wie sie ihre Arbeit machen sollen.

    • Ich würde jedem Arzt aus medikolegaler Sicht abraten eine Therapie ohne Absprachen mit dem Patienten oder seinem Betreuer durchzuführen.
      Was haben Lehrer eigentlich für ein Problem Abläufe abzusprechen, zu erläutern und zu koordinieren. Mit dieser Einstellung setzt man sich zu Recht einer Kritik aus.
      Und wer sich als Eltern für die Methoden und die Inhalte des Unterrichts interessiert, der ist noch lange kein Helikopter-Elternpaar.
      Das Beispieleines Schwimmkurses zeigt wie Lernen unter direkter Anweisung funktioniert.
      Andere Methoden sind eben sehr ineffektiv und enden möglicherweise auf der Intensivstation.

      • Es geht nicht darum Abläufe abzusprechen bzw. zu erläutern. Es geht zum Beispiel darum, dass Eltern auf einmal im Klassenzimmer stehen und den Unterricht stören, nur weil sie ihrem Kind etwas „ganz wichtiges“ mitzuteilen haben. Es geht darum, dass Eltern ihren Kindern die Büchertasche ins Klassenzimmer tragen usw.

        • Noch anders:
          Es geht darum, dass (ängstliche) Eltern durch ihre Anwesenheit ihr Kind beeinflussen und das Kind sich besser auf Aufgaben konzentrieren kann, wenn es auf sich gestellt und für sich selbst lernen darf.
          Die Eltern lösen sich ja nicht in Luft auf und das Kind wird sich immer bei den Eltern absichern, rückversichern, Aufmerksamkeit einfordern, Kontakt aufnehmen etc. Ist es auf sich gestellt, bleibt es auf die zu lernende Sache fokussiert und kann sich darum kümmern.

          Das ist ja auch nichts weltbewegend Neues, neu ist allerdings, dass es Eltern gibt, die meinen, sie müssen überall immer dabei sein.
          Abzugrenzen ist es von Eltern, die sich informieren, kümmern, nachfragen, mitdenken und ihre Kinder darin unterstützen, eigene Wege zu gehen und zu wachsen.

          • Ich weiß nicht, ob das immer ängstliche Helikoptereltern sind? Ich habe beim Schwimmkurs durch eine Glasscheibe gerne zugeschaut, das war aber nicht aus Ängstlichkeit, sondern aus Neugierde und außerdem musste ich ja meine Wartezeit irgendwie rumbringen. ; – )

  2. Elfenbeinturmpädagogik mit selber Lernen hat im normalen Leben nichts zu suchen und ein derartiges Vorgehen im späteren Berufsleben führt zu erheblichen Schwierigkeiten im beruflichen Umfeld.

  3. Zum Thema Schwimmen in der Grundschule:
    Ich finde es unverantwortlich, dass Schwimmen anscheinend mit Duldung der Schulämter so geplant wird, dass nicht immer gewährleistet ist, dass neben der Lehrkraft mit Schwimmschein eine 2. Begleitperson mit dem Rettungsschwimmschein anwesend ist, am besten eine Lehrkraft mit eben diesem Schein. Das muss bei der Stundenplangestaltung bzw. Lehrerzuweisung fest eingeplant sein, sonst muss eben das Schwimmen wegen Personalmangels ausfallen. Die Grauzone, dass eine Lehrkraft alleine mit einer Klasse Schwimmunterricht macht, dürfte gar nicht erlaubt sein und dennoch wird sie immer wieder praktiziert.

    Eltern sollten auf jeden Fall darauf achten, dass ihre Kinder einen außerschulischen Schwimmkurs so ca. ab 6/7 Jahren machen. Sie sollten da in einem allgemeinen Infobrief in der 1. Klasse oder im letzten Kindergartenjahr darauf hingewiesen werden. Wenn ich im 3. Schuljahr mit dem Schwimmen anfange, können auffallend viele Kinder mit ausländischen Wurzeln (türkische z.B.) nicht schwimmen, wissen auch nicht, wie man an einen Schwimmkurs kommt. Bei einem Schwimmkurs lernt man schwimmen in Kleinstgruppen, was in der Schule nicht möglich ist. Auch zum Zweck der Differenzierung sollte man in der Schule unbedingt zu zweit sein.

    Immer mehr Schulschwimmbecken machen zu, weil sich die Unterhaltung nicht mehr lohnt. Eine lange Busfahrt oder ein weiterer Marsch zu den öffentlichen Hallenbädern/Schwimmbädern nimmt viel Zeit weg. Dann sollte man eben wieder Lehrschwimmbecken bei Schulbauten mit einplanen.

    • Hier schließen auch die öffentlichen Bäder, da ist es schwierig, Schwimmen anzubieten – nicht nur aus personellen Gründen.

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