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Aus dem Ashram ins „Philosophische Quartett“: Denker Peter Sloterdijk wird 70 – und mischt sich weiter ein

KARLSRUHE. Als Denker ist er so populär wie umstritten – doch seine Sprachgewalt fasziniert auch seine Gegner: Peter Sloterdijk wird 70. Und mischt sich noch immer gerne ein. Selbst bei eher unerwarteten Themen.

So populär wie umstritten: Peter Sloterdijk wird 70. Foto: Rainer Lück / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

So populär wie umstritten: Peter Sloterdijk wird 70. Foto: Rainer Lück / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Philosoph, Schriftsteller, Provokateur: Peter Sloterdijk ist einer der bekanntesten und produktivsten zeitgenössischen Gesellschaftsphilosophen – sprachmächtig, debattentauglich und umstritten. Anstelle der reinen Lehre im Elfenbeinturm sucht er den politischen Diskurs. Und die Provokation: als streitbarer Hochschulrektor, TV-Mann oder als Denker mit schlagzeilenträchtigen Thesen zur Menschenzüchtung, zum Islamismus oder Konsumterror. Der Badener aus Karlsruhe mit holländischen Wurzeln wird am 26. Juni 70 Jahre alt.

Sloterdijk studierte in München und Hamburg Philosophie, Germanistik und Geschichte. 1976 promovierte er in Sprachwissenschaften. Prägend war seine Zeit Ende der 1970er Jahre beim Ashram des Bhagwan von Poona. Er ist Verfasser unzähliger Aufsätze und Bücher zu den unterschiedlichsten Themen. So war der Philosoph im vergangenen Jahr mit dem «Schelling-Projekt» sogar dem weiblichen Orgasmus auf der Spur. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er unter anderem als Moderator der Sendung «Das Philosophische Quartett» im ZDF bekannt.

Seine 1983 erschienene tausendseitige «Kritik der zynischen Vernunft» gehört zu den meistverkauften philosophischen Werken des 20. Jahrhunderts. Sie handelt vom Zynismus als gesellschaftlichem Phänomen der europäischen Geschichte und zeichnet selbst ein überwiegend düsteres Bild der modernen Konsum- und Informationsgesellschaft: «Moderne Gesellschaften sind große Neidkraftwerke.» Formal wie inhaltlich sucht Sloterdijk darin Anschluss an Immanuel Kant.

Seine auf drei Bände angelegte «Geschichte der Menschheit» brachte ihm 1998 auch Spott ein: Angelehnt an den ersten Band «Sphären I. Blasen» verhöhnte das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» den Philosophen als «Herr der Blasen», der durch «abstruse Äußerungen über Terror, Gentechnik und Popkultur immer mehr zum Felix Krull der intellektuellen Szene» werde.

Mit seinen «Regeln für den Menschenpark» verstörte der Philosoph 1999 selbst seine Fans: In schwer verständlichen Wort- und Satzkonstruktionen kam er darin auf Gentechnik, «Selektion» und «Züchtung» von Menschen zu sprechen. Der Text löste eine öffentliche Debatte und einen großen Streit mit dem Sozialphilosophen Jürgen Habermas aus.

Auch sonst liebt der frühere Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (von 2001 bis Mitte 2015) die Provokation: Vom Aufruf zum Wahlboykott wie 2013, weil für einen «gefahrenbewussten Beobachter» schlechthin keine Partei wählbar sei, bis hin zur Kritik an der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin oder einem Schlagabtausch mit SPD-Chef Sigmar Gabriel um die AfD – Sloterdijk mischt sich gerne ein und hat dafür viele Bewunderer.

So wie Peter Weibel, den Chef des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM). Für ihn ist der Philosoph schlicht ein «Denk- und Sprachereignis», den er in eine Reihe mit Nietzsche und Heidegger stellt. Unter dem Titel «Von Morgenröten, die noch nicht geleuchtet haben» beschäftigt sich am ZKM zu Ehren Sloterdijks ein Symposion mit diversen Aspekten seines Werkes. Gemeinsam mit seinem Verlag Suhrkamp, der Sloterdijks Werke seit 35 Jahren verlegt, wird dort auch eine Geburtstagsfeier ausgerichtet.

Der Philosoph aus Karlsruhe erklärt gerne auch mal die Verrücktheiten unserer Zeit: Trump oder Brexit – auf die Frage, wieso derzeit Dinge geschehen, die bisher als unmöglich galten, meinte er kürzlich in einem Interview der Schweizer Zeitung «Blick»: «Man sollte nie etwas für unmöglich halten. Weder große Männer noch Strukturen schreiben Geschichte, sondern Zufälle. Und diese sind derzeit so bizarr, zahlreich und dumm wie seit je.» Von Susanne Kupke, dpa

Ein Kommentar

  1. Jürgen Günther

    Gut erkannt und nicht unbedingt als Lob zu werten: „in eine(r) Reihe mit Nietzsche und Heidegger“

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