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Gastkommentar: Wir brauchen einen Bundestrainer für die Bildungspolitik

Ein Kommentar von Michael Kohlstadt/WAZ

ESSEN. In Deutschland gibt es 80 Millionen Fußball-Bundestrainer und manchmal auch 80 Millionen Schulexperten. Letzteres liegt in der Natur unserer Biografie. Weil jeder selbst Schüler war und lange genug die Schulbank gedrückt hat, stellt sich bei vielen automatisch das Gefühl ein, sich in Schuldingen bestens auszukennen. Hinzu kommt der Eifer der direkt Beteiligten: Eltern, die nur das Beste für ihren Nachwuchs wollen; Lehrer, die sich nicht selten als Opfer eines überforderten Systems sehen; Schüler, die ein Recht auf Mitsprache fordern.

Beim Thema Schule mischt also irgendwie jeder mit. Und ist die Unzufriedenheit erst einmal da, wächst sie sich schnell zum millionenstimmigen Meinungschor aus. Für Politiker ist das ein gefundenes Fressen. Denn die Erfahrung zeigt: Mit Bildungspolitik lassen sich Wahlen gewinnen. Gerade erst wurde die rot-grüne NRW-Landesregierung auch wegen ihrer unentschlossenen Schulpolitik vom Wähler abgestraft. Bittere Ironie: Dass SPD und Grüne die verkürzte Gymnasialzeit mitsamt ihren Webfehlern als Erblast von der schwarz-gelben Vorgängerregierung übernommen und sich um des lieben Schulfriedens willen in Sachen G8 vom Bock zum Gärtner gemacht hatten, fiel dabei unter den Tisch.

Dass ausgerechnet Schulen immer wieder zu Spielbällen kurzlebiger Tagespolitik werden, ist ein Drama. Schule braucht Ruhe und Beständigkeit. Das sagen Schulpraktiker und Bildungsforscher gleichermaßen. Nicht von Ungefähr warnen selbst einst glühende G9-Verfechter jetzt vor einer übereilten Abkehr vom Turbo-Abi. Der deutsche Schul-Wirrwarr liegt freilich auch am System. Schulpolitik ist Ländersache. Die 16 Bundesländer agieren im Bildungsbereich fast wie souveräne Staaten. Sicher: Der Bildungsföderalismus ist eine heilige Kuh, die man nicht unbedenklich schlachten kann. Eine Art bildungspolitischer Bundestrainer würde unseren Schulen aber dennoch guttun.

19 Kommentare

  1. „Schule braucht Ruhe und Beständigkeit. Das sagen Schulpraktiker und Bildungsforscher gleichermaßen.“
    Das ist ganz wichtig! Was diese Ruhe ebenso stört, ist, dass alle naselang irgendwelche Experten auftauchen und ihre nicht in der breiten Masse erprobten Ideen in die Bildungspolitik hineintragen. Seit Jahren wird versucht, Industriekonzepte auf die Schule zu übertragen. Angefangen hat es damit, dass man Schulprofile erstellen musste. Und was tat man? Man hat von anderen abgeschrieben, Hauptsache, es klingt gut.
    Die Schulen werden immer mehr in Betriebe umfunktioniert, die Ideen in ihrer Gesamtfunktion umsetzen müssen. Doch wenn man mit Leuten aus der Industrie spricht, stellt sich heraus, dass gewisse Konzepte sich in der Industrie nicht bewährt haben und schon längst out sind. Schulen werden aber damit unnötig belastet. Ich denke da z.B. an Neurungen in den letzten Jahren wie an Konzepte, die sich auf dem Papier ganz toll anhören, Evaluation, Profile erstellen, professionelle Internetauftritte und Mitarbeitergespräche. Und wenn Lehrer einmal dabei sind, machen sie alles hundertprozentig. Es sollte einmal abgeklärt werden, ob sich dies auf den Unterricht, das Kerngeschäft des Lehrers, weiterentwickelnd auswirkt.
    Ja, und die ständige Aufforderung zur Weiterentwicklung, geradezu der Zwang dazu. Müssen wir wie die Industrie neue Märkte erschließen? Ist es denn so schlecht, was bisher gemacht wurde? Warum Erfolgskonzepte aufgeben? Man kann sich im Schulbereich auch negativ weiterentwickeln.
    Es sollte wirklich einmal mehr Ruhe einkehren und mit Behutsamkeit agiert werden. Die Kunst wird sein, zu erkennen, dort wo Handlungsbedarf besteht, in Ruhe und Überlegtheit etwas zu tun.

    • Der „Bundestrainer“ heißt m.E. KMK,
      dort wird gemeinsam eine Entwicklungstendenz beschlossen und vorgegeben.
      Wie sonst käme es dazu, dass es innerhalb kürzester Zeit in allen Bundesländern G8, Sprachförderung vor der Einschulung, Zusammenlegung von HS+RS, Kompetenzorientierung gibt?

      Die Ruhe in den Bundesländern würde einkehren, wenn man
      GEMEINSAM den Schulfrieden beschließt,
      GEMEINSAM größere Änderungen angeht,
      GEMEINSAM Nachbesserungen abspricht
      und nicht nach einer Legislaturperiode den Nebel des Vergessens über alles Vorherige deckt.

      Dann würde es auch helfen, wenn man GEMEINSAM Konzepte erstellt, statt in jedem Bundesland oder in jeder Schule einzeln Medienkonzepte, Absentismuskonzepte, Sicherheitskonzepte etc. erarbeiten zu lassen. In welchem Unternehmen leistet man sich wohl an jedem Standort Entwicklungsgruppen, die unabhängig von den anderen und ohne Austausch für sich selbst arbeiten?

      Dazu frage ich mich, in welchem Unternehmen wohl der Arbeiter selbst sehen muss, wo er Material hernimmt und wie er es zusammenstellen soll, um das Produkt, von dem es nicht einmal eine grobe Skizze gibt, zusammenzubauen. Das gilt für sämtliche Konzepte und Bürokratie. Wenn es dann fertig ist, sagt irgendjemand: so doch nicht, das machen Sie besser noch einmal. Und wenn es dann fertig ist, hat der Chef gewechselt und sagt: nun habe ich es mir anders überlegt, machen Sie das noch einmal anders. (Hauptsache anders!)

      • Schulfrieden – der hat S. Löhrmann u.a. den Job gekostet.

        • Axel von Lintig

          Wieso den Job, die ist doch Lehrerin und wird nun noch einmal wieder als Lehrerin tätig werden, oder halten Sie es für besser, dass sie dieser Berufung nicht nachkommt.
          Ein politisches Mandat ist eben kein Erbhof.
          Sie hat die Quittung für eine desolate und gescheiterte Schulpolitik erhalten,die sie nicht geändert hat und weil sie eben keine akzeptablen Entscheidungen traf. Aber warum überlassen die Sozialdemokraten den Grünen überall das so wichtige Kultusministerium.

          • Wenn zwei einen Frieden vereinbaren, an den sich einer nicht hält, ist der Frieden hinfällig.
            In NRW scheint es so zu sein, dass die CDU die Vereinbarung zum Schulfrieden aufgekündigt hat und die Bildungspolitik wahlentscheidend wurde.
            Wir blicken gespannt auf die Bildungspolitik der CDU, die ohne weiteres Geld und mit erheblichem Lehrermangel sicherlich herausragende Lösungen finden wird, Inklusion, Integration, G8/9 u.a. umzusetzen.

            Sollten das wiederum andere nicht akzeptabel finden, können Sie ja in NRW in den nachfolgenden Jahren weiterhin das Wechselspiel in der Bildung durchführen und nach jeder Wahl die Richtung ändern.

          • Axel von Lintig

            Das Selbe steht Niedersachsen noch bevor.Besser zurück auf bekannten Pfaden, als weiter ins Ungewisse.
            Wann kommt denn endlich der Aufbau West. Unsere verschuldeten Kommunen nehmen die meisten Migranten auf,nehmen _Kredite für den Aufbau Ost auf und ansonsten verfallen hier die Straßen und Schulen.

          • Warten wir es ab.
            Schön wäre ja, wenn die CDU in NRW schon mal deutlich sagt, wie sie es denn schaffen wollen. Das Bildungsprogramm in Nds. lässt sich ja bereits lesen.
            Ähnlich wie in NRW setzt die SPD um, was unter CDU-Regierung beschlossen wurde und, ebenfalls auf damaligen Beschluss, 2018 evaluiert werden soll – also erst nach der nächsten Wahl.

            Wie Sie es wohl finden werden, wenn Ihr Kind nun erst wieder auf die FöS wechselt, zum Ende der Schulzeit aber wieder regelbeschult wird?
            Wie Sie es wohl finden, wenn Ihr Kind eine lange Fahrzeit auf sich nimmt, dann in einem Förderzentrum mit sämtlichen Beeinträchtigten in einer größeren Klasse sitzt und dort auch nur eine Lehrkraft hat, die nicht den Schwerpunkt Sprache haben muss?

            Von „zurück auf bekannte Pfade“ ist in Nds. nicht die Rede, nicht einmal im CDU-Papier. Da spricht man von Aufschieben, Abwarten und von großen Förderzentren mit sämtlichen Schwerpunkten.

          • Lehrerin ist deren Beruf, der Job, den sie derzeit kommissarisch erledigt, ist der der Schulministerin in NRW, der ihr infolge des Landtagsmandates in der letzten Legislatur zugefallen ist.
            Alös Mandatsträgerin ruht ihr Dienstverhältnis als Lehrerin zum Land NRW.

          • @palim – der Witz ist, dass die CDU den Schulfrieden nicht gebrochen hat. Es ist der Schwenk der Landeselternschaft an GY, die in erster Linie das angestrebte Referendum zur Rückkehr zum G8 gestützt hat.

            Die CDU will ja deshalb auch, das die einzelnen Schulen sich für G8 oder G9 entscheiden müssen. G9 sol zwar lt. Koalitionsverhandlung zum Regelfall werden, Schulen, die aber gute Erfahrungen mit G8 haben, können es weiterführen.

            G8 war übrigens auch schon vor Einführung von G8 in NRW möglich. Das von Schwarz-Gelb unter Rüttgers geänderte Schulgesetz sah die Möglichkeit zum Überspringen einzelner Jahrgangsstufen oder das Springen vom ersten Halbjahr der Jahrgangsstufe n in das zweite der Jahrgangsstufe n+1 für einzelne Schüler oder Gruppen von Schülern (Klassen) explizit vor. An diese regelung soll vermutlich wieder angeknüpft werden.

      • Gemeinsam vergleichende und validierte Studien zum Nachweis der Effektivität der Lernmethoden durchführt.
        Aber mit ideologisch denkenden Grünen kann man keine evidenten Studien durchführen.
        Konstrukte , wie die Laborschule eines Hartmut von Hentig wären schon lange geschlossen worden, weil das Geld ausgegangen wäre.

    • Sie haben vollkommen recht. Die Firmen, Bildungsforscher und -politiker denken allerdings in erheblich kürzeren Zeiträumen wie das System Schule, nämlich respektive bis zum nächsten Quartalsabschluss, dem Auslaufen des Vertrages bzw. bis zur nächsten Wahl. Schule braucht allerdings mindestens 10 Jahre. In NRW z.B. wurde etwa 10 Jahre nach einer viel zu überhastet und im Prinzip nicht vorbereiten Einführung von G8 selbiges wieder einkassiert.

  2. Warum ändert ein Bundestrainer nicht die Regeln des Spiels, gerade so, wie er es gut findet?

    Warum kann man nicht rückwärts-laufend spielen?
    Warum ist das Feld nicht hügelig?
    Warum ist der Ball nicht unterschiedlich groß und schwer?
    Warum spielen die Mannschaften nicht mit 12-32 Spielern, gerade so, wie es passt?
    Warum pflegen die Spieler nicht selbst den Rasen, die Anlagen, die Ausstattung?
    Warum findet nicht zur gleichen Zeit auf gleichem Feld ein Hockey-Turnier statt?

    … schon merkwürdig, dass sich so viele Leute um Fußball kümmern, der Sport sich aber gar nicht weiterentwickelt.

    • Die Regeln haben sich beim Fußball sehr wohl geändert (Torlinientechnik, Abseits, Einwechselungen), die Technik und das Training auch. Die Weltmeistermannschaft von 1990 hätte in der damaligen Form keine Chance gegen die Weltmeistermannschaft von 2014 in der damaligen Form. Beispielsweise ist das Spiel wesentlich schneller geworden, der Torhüter spielt mit, der Stürmer rennt auch zurück.

      Was bleibt ist allerdings, dass beim Fußball normalerweise nur die besten 11 Spieler in der ersten Mannschaft mitmachen dürfen. In der aktuellen Bildungspolitik soll die bessere Hälfte des Jahrgangs in der ersten Mannschaft mitmachen, was — bezogen auf die 165000 Mannschaften in ganz Deutschland — einer ersten Bundesliga mit um die 80000 Mannschaften entspräche. Neuerdings sollen aber die Blinden, Rollstuhlfahrer und sonstige Sportinvaliden auch noch vorrangig in der Bundesliga zusammen mit den Profis eingesetzt werden. Dass das nicht funktionieren kann, sollte jeder einsehen können. Beim Thema Sport wird die Bestenauslese auch allgemein anerkannt, beim Thema Schule sollen alle gleich sein.

      • „Wer in der einen Partei Mitglied ist oder einer bestimmten Konfession angehört, ist dadurch von der anderen ausgeschlossen. Die ganze Gesellschaft setzt sich aus Millionen partieller Gruppierungen und Korporationen zusammen, seien es politische, religiöse, künstlerische, sportliche oder sonstige. Sie heben sich jeweils voneinander ab, ohne damit als schlechthin ausgeschlossen zu gelten. So beansprucht zum Beispiel das Prinzip der geschlechtlichen Koedukation keine absolute Geltung, und der Frauensport gilt nicht als Exklusion des Männersports und umgekehrt. Niemand kommt auf die Idee, die Paralympics für Behinderte in die üblichen Olympischen Spiele zu inkludieren.“

        http://www.sueddeutsche.de/bildung/inklusions-debatte-inklusive-missverstaendnisse-1.2182484

        • Ich frage Sie mal direkt: Wieso sollen dann so viele Schüler das Abitur machen, auch wenn sie es bei den Anforderungen, die deren Eltern gestellt wurden bzw. worden wären, niemals geschafft hätten?

          • Es geht aber nicht um das Abitur, es geht um die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung, da die fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung als minderwertig angesehen wird.

            Zwar ist die AHR inzwischen bis auf die Bindung an eine zweite Fremdsprache vollkommen entkernt, dennoch wird die FHR, die nach Jahrgang 12 sowohl von GY/GeS als vor allem auch von berufsbildenden Schulen vergeben wird und den Zugang zu einem Fachstudium zulässt, nicht als vollwertige Hochschulzugangsberechtigung von Bildungspolitikern und vielen Eltern angesehen.

            In BY machen die meisten späteren Studienanfänger ein „Abitur“ an einem kaufmännischen oder technischen Gymnasium. Der Weg von der Mittelschule mit FAchoberschulreife über ein berufliches GY an die Hochschulen für angewandte Wissenschaften ist dort in der Gesellschaft wesentlich anerkannter.

          • Zur Verdeutlichung eine Info zu den Fachoberschulen in Bayern, die dickebank als technisches bzw. kaufmännisches Gymnasium bezeichnet hat, in By aber nicht so genannt wird:
            https://www.km.bayern.de/schueler/schularten/fachoberschule.html
            Die Fachoberschule, in Bayern als FOS bezeichnet, schließt man normalerweise mit einer Fachhochschulreife ab, man kann aber noch ein Jahr bei entsprechender Qualifikation anschließen und damit zur allgemeinen Hochschulreife kommen.

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