Startseite ::: Nachrichten ::: Gratis-Kita als Wahlkampfschlager – SPD-Spitzenkandidat Schulz tischt Milliarden-Versprechen auf. Bleibt dann die Qualität auf der Strecke?

Gratis-Kita als Wahlkampfschlager – SPD-Spitzenkandidat Schulz tischt Milliarden-Versprechen auf. Bleibt dann die Qualität auf der Strecke?

BERLIN. «Bildung gebührenfrei» – dieses Wahlversprechen könnte SPD-Chef Schulz teuer zu stehen kommen, falls er Kanzler wird. Allein Gratis-Kitas würden Milliarden kosten. Experten warnen davor, für eine Wohltat die Qualität frühkindlicher Bildung zu vernachlässigen.

Will die Kita-Gebühren bundesweit kippen: Martin Schulz. Foto: Von Michael Weiss, /Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.5)

Will die Kita-Gebühren bundesweit kippen: Martin Schulz. Foto: Von Michael Weiss, /Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.5)

Es sind nur vier kurze Sätze im «Regierungsprogramm 2017», mit denen sich Kanzlerkandidat Martin Schulz und seine Partei weit aus dem Fenster lehnen. «Unsere Bildungspolitik schafft gleiche Chancen für alle», kündigt die SPD vollmundig an. «Denn noch entscheidet hier zu oft der Geldbeutel der Eltern. Deshalb machen wir die Bildung gebührenfrei. Und zwar von der Kita über die Ausbildung und das Erststudium bis zum Master und zur Meisterprüfung.» Ein Versprechen, das Risiken birgt.

Bisher werden Eltern für die Betreuung ihrer Kleinkinder fast überall zur Kasse gebeten. Die Beitragshöhe richtet sich nach Bundesland, Kommune, Kita-Träger und Kindesalter. Teilweise sind 600 bis 700 Euro pro Monat fällig. Es gibt auch nach Einkommen der Eltern gestaffelte Gebühren, oft müssen Bezieher niedriger Einkommen wenig oder kaum etwas zahlen. Berlin («Arm, aber sexy») hat die Beteiligung der Eltern als erstes Land komplett abgeschafft. Anderswo wünschen sich Politiker ähnliche Wohltaten – besonders intensiv, wenn sie nicht in Regierungsverantwortung und damit für die Kosten zuständig sind.

Für 2015 waren nach Angaben des Bundesfamilienministeriums Ausgaben von 26,9 Milliarden Euro für Kindertagesbetreuung veranschlagt. Davon entfielen 6,3 Milliarden Euro auf private Geldgeber, darunter die Eltern. Gut 10 Milliarden Euro hatten die Kommunen zu stemmen, fast die gleiche Summe die Länder. Der Bund entlastet Kommunen und Länder beim Ausbau der Kinderbetreuung – zuletzt wieder mit gut 1,1 Milliarden Euro für 100.000 zusätzliche Kita-Plätze.

Das reicht nach Studien der Bertelsmann-Stiftung aber noch lange nicht aus. Expertin Annette Stein sagt im Gespräch in Berlin: «Sowohl bei Quantität als auch bei Qualität gibt es weiterhin einen hohen Ausbaubedarf – trotz der bisher schon enormen Investitionen. Man kann noch längst nicht von kindgerechten Personalschlüsseln in den Kitas sprechen.»

Deswegen sieht die Stiftung die SPD-Forderung nach Gebührenfreiheit von Kitas «zum jetzigen Zeitpunkt» kritisch: «Langfristig ist das mit Sicherheit ein sinnvolles Ziel, erst recht in einem Land, wo man ohne Gebühren studieren kann», sagt Stein. «Aber wir haben im Moment keine ausreichende Qualität für die Kinder. Wenn wir die finanzieren wollen, brauchen wir weiterhin finanzielle Unterstützung der Eltern.» Diese sähen das übrigens meist genauso. «Wir waren letztes Jahr bei einer repräsentativen Befragung erstaunt, wie viele Eltern bereit wären, für bessere Kita-Qualität noch mehr zu bezahlen oder auf eine bereits erfolgte Beitragsbefreiung wieder zu verzichten.»

Anstatt allen Eltern die Gebühren zu erlassen und damit eine schlechtere Personalausstattung in Krippen und Kitas zu riskieren, sollten Beiträge künftig nach bundesweit einheitlichen Kriterien erhoben werden. «Und es muss eine einheitliche soziale Staffelung geben», fordert Stein. «Es ist nicht richtig, wenn Eltern, die wenig verdienen, überlegen müssen, ob sie ihr Kind früher oder später in die Kita geben.» Nach ihren Berechnungen benötigen einige Bundesländer «eine Verdoppelung der Etats, um kindgerechte Personalschlüssel zu erreichen». Daher solle der Bund finanziell mehr tun als bisher. «Dafür müssten die Länder im Gegenzug akzeptieren, dass der Bund mitgestaltet, wenn er Geld gibt», sagt Expertin Stein.

Flickenteppich

Eine Umfrage in den Bundesländern ergab, dass die Kita-Politik ein Flickenteppich mit den unterschiedlichsten Betreuungs- und Gebührenmodellen ist. Die CDU ahnt, dass Schulz’ Gratis-Versprechen im aufziehenden Bundestagswahlkampf populär werden könnte, und hält mit einem Siegertypen aus Schleswig-Holstein dagegen.

Die Idee der kostenfreien Kita-Plätze gehe doch «meilenweit an der Lebenswirklichkeit vorbei», sagt der designierte Kieler CDU-Ministerpräsident Daniel Günther im Gespräch. «Die SPD hat auch in Schleswig-Holstein genau damit Wahlkampf gemacht und verloren – weil sie selbst nach fast 30 Jahren Regierungsverantwortung für die höchsten Kita-Beiträge aller Zeiten verantwortlich ist.» Eltern sei hohe Qualität mit passgenauen Betreuungszeiten in Krippen und Kitas viel wichtiger als «populistische Umsonst-Wahlversprechen». Von Werner Herpell, dpa

24 Kommentare

  1. Kostenlose Kindergärten und Kinderkrippen finde ich gut und wichtig. Das ist für mich Investition an der richtigen Stelle. Es kommt direkt bei den Kindern an und entlastet alle Familien (mit Kindern). Das ist besser, als einfach nur mehr Geld auszuschütten (Kindergeld, mehr netto vom Brutto) und bei den Kindern kommt womöglich gar nichts an.

    Also auch an dieser Stelle bin ich gegen einfach nur mehr Geld, sondern zielgerichtete Entlastungen.

    • * gegen einfach nur mehr Geld für den Einzelnen, sondern zielgerichtete Entlastungen für die “Allgemeinheit”.

  2. Axel von Lintig

    Das sehe ich als Betroffener genau so. Schließlich wurde uns das Erziehungsgeld weggestrichen .

  3. Gut wäre ja auch, wenn endlich mal diese “unseligen Schließzeiten” in den Kindergärten und Schulhorten abgeschafft werden, die uns Eltern immer mehr oder weniger dazu zwingen, in genau dieser Zeit unseren Jahresurlaub zu nehmen und dann – weil ja meistens Saison und keine Ausweichmöglichkeit – Höchstpreise zu zahlen.

    Auch DAS entlastet Familien mit Kindern. Und ich glaube, die Erzieher freuen sich auch darüber, ihren Urlaub freier wählen zu können. (Auch eine Sache der Arbeitsbedingungen anstatt einfach nur mehr Geld.)

    • Ist wie mit Schulen. Warum werden Schulen an mindestens 60 Tagen im Jahr einfach geschlossen, ohne Rücksicht auf die Beschäftigungsverhältnisse der Erziehungsberechtigten zu nehmen? Also sollte jeder Schüler 40 Tage Urlaubsanspruch erhalten, über die er frei verfügen kann; bei gleichzeitiger Rückkehr zum Samstagsunterricht. Als Kompensation müssen die Stundenplaner dann eben einen freien Schultag je Woche für jeden Kollegen einplannen.

  4. Wenn man einmal nach “Ferienbetreuung” googelt, findet man doch so einige halb- oder ganztägige Betreuungsangebote. Die Anfänge sind gemacht.

  5. @ Grias Di, dicke bank,

    wenn ich mich nicht irre, brauchen Sie als Lehrer keinen Urlaub zu beantragen? Sie nehmen ihn einfach innerhalb der Ferien und haben die restliche Ferienzeit auch noch frei, oder? (Wie ich finde zurecht als Ausgleich für die Mehrarbeit in der Unterrichtszeit.) Ferien haben sie so zirka alle 6 – 8 Wochen oder – wie dicke bank schreibt – an mindestens 60 Tagen im Jahr (Urlaubsanspruch ca. 30 Tage?).

    In der Ferienzeit gibt es oft / immer (?) den Schulhort, wohin jüngere Kinder arbeitender Eltern gehen können – mit Ausnahme der Schließzeit. Da müssen Eltern entweder ihren Urlaub nehmen oder sich nach anderen (ggf. kostenpflichtigen) Möglichkeiten umsehen.

    Ihre zynischen Äußerungen oben finde ich von daher einfach nur blödsinnig (@ Redaktion, die Begründung steht davor, dann ist die Äußerung ja legitim, wie Sie neulich argumentierten) und vermittelt ein unglaublich arogantes Bild von Lehrern wie Grias Di und dicke bank gegenüber Nicht-Lehrern (Stichwort: Elfenbeinturm).

    • @sofawolf:
      ich habe nur auf den Vorschlag geantwortet nachdem Schüler 40 Tage Urlaub im Jahr haben und diesen nehmen können, wann sie wollen.
      Außerdem ist der Urlaubsanspruch mit den Ferien nicht abgegolten. Laut statistischem Bundesamt machen Lehrer im Jahr (abzüglich aller Ferien) 8,5 Wochen Überstunden pro Jahr.

    • Wenn ich in den Ferien nur frei hätte.

  6. @ Grias Di, dicke bank,

    es sollen sogar 75 freie Tage (Ferien) sein, innerhalb derer Sie als Lehrer Ihre rund 30 Tage Urlaub frei nehmen können. An (manchen) Privatschulen müssen Sie Ihren Urlaub beantragen und im Rest der Ferien zur Verfügung stehen, also im Ort bleiben bzw. an der Schule Ferienkinder betreuen und Vorbereitungen diverser Art ableisten. Wenn es Schließzeiten gibt, müssen Sie Ihren Urlaub in dieser Schließzeit nehmen.

    Mir scheint, ÖD-Lehrer jammern mal wieder auf hohem Niveau und wissen gar nicht, wie “die anderen” leben und arbeiten.

    Siehe: https://www.derwesten.de/politik/sind-75-freie-tage-zu-viel-politiker-diskutieren-ueber-laenge-der-schulferien-id7914463.html

    • Zitat:
      “Mir scheint, ÖD-Lehrer jammern mal wieder auf hohem Niveau und wissen gar nicht, wie „die anderen“ leben und arbeiten.”

      Ja glauben Sie ernsthaft das ÖD-Lehrer in den Ferien nicht arbeiten???
      Deswegen ist die reale Jahresarbeitszeit trotzdem zu hoch, auch wenn sie bei anderen vielleicht noch höher ist, wie gesagt: 8,5 Wochen Überstunden pro Jahr.

  7. @ GriasDi,

    erzählen Sie mir doch keine Märchen. Ich arbeite seit Jahrzehnten als Lehrer und kenne etliche.

    Sicher macht man das eine oder andere in Vorbereitung für das neue Schuljahr (meistens am Ende der Ferien), ansonsten machen die meisten meistens nichts – und das ist auch gerecht, wie ich schon sagte, als Ausgleich für die Mehrarbeit in der Unterrichtszeit !

    • Ich zitiere hier nur Ergebnisse des statistischen Bundesamtes. Außerdem kam der Erhebung der GEW in Niedersachsen oder NRW auf ähnliche Ergebnisse.

      • Es ging bei der Märchenstunde nicht um die “Überstunden”, es ging um das Arbeiten in den Ferien.

        • Seien sie doch glücklich, dass Sie Ihre Arbeit außerhalb der Ferien schaffen. Ich kenne sehr viele, die das nicht schaffen und die Ferien zum Arbeiten brauchen.

          • Stimmt. Gerade, wenn ein Schuljahr zuende ist, brauche ich ca. eine Woche, um die ganze schulmäßige Büroarbeit/Nacharbeit zu erledigen, was so liegen geblieben ist. Am Ende der Ferien bereitet man das Schuljahr vor, denn neben den alltäglichen Arbeiten sind gewisse Zusatzarbeiten während Unterrichtsbetrieb ist ein größeres Stresselement. In den kleineren Ferien stehen bei mir neben Aufräum- und Nacharbeiten oft Korrekturarbeiten und wie jetzt in den Pfingstferien die Zeugnisschreiberei an, damit während des Schuljahrs die Wochenenden etwas entlastet sind. Natürlich hat man auch Ferien, aber einen Teil muss man schon für Schulisches verwenden, so geht es zumindest mir und ich kenne wie die GriasDi genug KollegInnen, denen es genauso ergeht.

          • Sehen Sie, solche Leute wie Sie und tausende andere Lehrer bezeichnet sofawolf als Märchenerzähler.

        • Wer das schafft, arbeitet nach Statistischem Bundesamt 55,5 Stunden jede Woche, außerhalb der Ferien.

        • “Den Schulhort” mag es ja mancherorts geben, hier gibt es ihn nicht. Da müsste man vielleicht mal über den Tellerrand schauen, dass in anderen Regionen die Kinder weder am Nachmittag noch in den Ferien betreut werden, sondern Eltern selbst arrangieren müssen, wo und von wem ihre Kinder beaufsichtigt werden.

          Ebenso wie GriasDi habe auch ich in den Ferien genug Arbeit zu erledigen, selbst in den Sommerferien sind nicht mehrere Wochen frei, angefangen vom Ausräumen des Klassenraumes zur Grundreinigung, über Nachbereitung und Vorbereitung, Sichtung und Erstellung von Arbeitsmaterial, bis schlussendlich der Schuljahresanfangskonferenz und dem Einräumen des Klassenraumes nach erfolgter Grundreinigung. Dann beginnt das Schuljahr und der erste Sonnabend ist sofort mit der Einschulung belegt.

          Im Übrigen zeigt die Arbeitszeitstudie aus Niedersachsen, die ein komplettes Kalenderjahr die Arbeit erhoben hat, deutlich, dass Lehrkräfte in den Ferien zwar weniger arbeiten, die Ferien aber nicht komplett als Freizeit verbringen. Angesichts der wöchentlichen Arbeitsbelastung wäre es auch mir nicht möglich, diese Aufgaben zusätzlich in die Schulwochen zu stecken. Wer sich die Auswertung der Studie ansieht, wird erkennen, dass ein Großteil der Lehrkräfte in der Mitte der Sommerferien offenbar 3 Wochen den Schreibtisch meidet, die restliche Zeit des Jahres aber auch übermäßig viel Zeit dort verbringt.

          Wenn Sie die Sommerferienlager, die es früher in Ostdeutschland gab, so romantisch finden, oder aber Sehnsucht nach Kindern haben oder aber Langeweile in den großen Ferien entwickeln, können Sie ja aus eigenem Antrieb Freizeiten organisieren und Ihre Zeit auch in den Ferien mit anderer Leute Kinder verbringen. Ich kenne eine Menge Lehrkräfte, die das vor ihrem Berufsleben gerne gemacht haben, jetzt aber keine Zeit und Kraft mehr dazu finden.
          Und sollten in Ihrem Umkreis alle Kinder versorgt sein, können sie es gerne im norddeutschen Raum kostenlos anbieten, da wären sicherlich etliche Eltern sehr dankbar.

      • “Niedersächsische Gymnasiallehrkräfte arbeiten pro Woche durchschnittlich 3:05 Zeitstunden über den Sollwert, also die vergleichbare Arbeitszeit der Verwaltungsbeamten. Die Gymnasiallehrkräfte haben die höchste Arbeitszeit von allen Schulformen. Insgesamt summiert sich die unbezahlte Mehrarbeit aller Lehrkräfte an Gymnasien auf etwa 50.000 Stunden pro Woche. Der Durchschnittswert bezieht sich auf das statistische Konstrukt ‘Vollzeitlehreräquivalente’, in dem Vollzeit- und Teilzeitlehrkräfte zusammengefasst sind.

        Die Niedersächsische Arbeitszeitstudie 2015/16 hat die Tätigkeiten außerhalb des Unterrichts exakt empirisch ermittelt. Und zwar gerichtsfest nach den Kriterien, die das OVG Lüneburg aufgestellt hat. Der reine Unterricht macht an Gymnasien […] 28,5 Prozent der Arbeitszeit aus. Der tatsächliche Aufwand an vor- und nachgelagerter
        Arbeit pro Unterrichtsstunde beträgt 1:53 Stunden. […]

        An den Wochenenden der Schulzeitwochen arbeiten Gymnasiallehrkräfte durchschnittlich 5:39 Stunden, insgesamt gibt es eine 45-Stunden-Woche. Für Feiertage und Ferien weist die Studie ‘ein nicht unerhebliches Arbeitszeitaufkommen’ aus. Fast jede fünfte Vollzeit-Lehrkraft arbeitet mehr als 48 Stunden und überschreitet damit den arbeitsrechtlich erlaubten Maximalwert.”

        http://arbeitszeitstudie.gew-nds.de/index.php/schulformen/gymnasien/272-50-000-stunden-unbezahlte-mehrarbeit-pro-woche

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*