Startseite ::: Thema des Tages ::: Klimagegner, Evolutionsleugner, Impfverweigerer: Wissenschaft hat im „postfaktischen Zeitalter“ einen zunehmend schweren Stand

Klimagegner, Evolutionsleugner, Impfverweigerer: Wissenschaft hat im „postfaktischen Zeitalter“ einen zunehmend schweren Stand

WIESBADEN. Menschen überleben Krankheiten wie Krebs und Aids, die noch vor wenigen Jahren als unheilbar galten. Wir kommunizieren über Kontinente, als stünden die Gesprächspartner neben uns. Noch nie konnten so große Entfernungen in so kurzen Zeiträumen sicher bewältigt werden. Das Wissen der Welt ist über das Internet zunehmend zugänglich. Die Lebenserwartung steigt in den Industrieländern stetig. All dieser Fortschritt, der uns in Form von Hochtechnologie jeden Tag gegenübertritt, basiert auf der Wissenschaft – und trotzdem gibt es auch hierzulande immer mehr Menschen, die Erkenntnissen von Forschern skeptisch gegenüberstehen. In Hessen soll jetzt eine Straßenkampagne die Wissenschaft bekannter und greifbarer machen.

Auch Schüler gingen beim "march for science" mit. Foto: Science March Frankfurt

Auch Schüler gingen beim „march for science“ mit. Foto: Science March Frankfurt

„Panikmache“ sei die wissenschaftliche Erkenntnis, dass der vom Menschen verursachte CO2-Ausstoß zur Erderwärmung führt. Mehr noch: Der Befund, der von weltweit allen seriösen Klimaforschern geteilt wird, sei „geballter Unfug“, meinte der Abgeordnete Ralf Borschke im  Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Borschke zeigte sich überzeugt, dass die zunehmende Konzentration von Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre sogar durchweg positiv zu bewerten sei, weil es der Vegetation nutze. „Wir kommen aus einer Kälteperiode und nähern uns einem Klimaoptimum, wie es auch im Mittelalter herrschte“, weiß der AfD-Politiker, Rohrschlosser von Beruf – blieb allerdings Quellen seiner Erkenntnis schuldig.

Verschwörung der Chinesen

Borschke befindet sich in guter Gesellschaft. US-Präsident Donald Trump kündigte vergangenen Donnerstag den Ausstieg der Vereinigten Staaten aus dem Klimaschutz-Abkommen von Paris an. Auch Trump hält die wissenschaftliche Erkenntnis eines von Menschen verursachten Klimawandels für falsch. Er wittert sogar eine Verschwörung dahinter. So twitterte er vor vier Jahren, die Idee des Klimawandels sei „von den und für die Chinesen erfunden, um der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in den USA zu schaden“.

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Die Debatte um den Klimawandel ist tatsächlich nur ein Themengebiet, mit dem sich das neue „postfaktische Zeitalter“ illustrieren lässt. Immer mehr Menschen ignorieren Fakten, Expertenwissen und wissenschaftliche Erkenntnisse oder tun sie als Gängelungsinstrumente einer Strippen ziehenden Elite ab (wobei Wissenschaftler zunehmend mit Journalisten, Politikern und Wirtschaftsvertretern in einen Topf geworfen werden). Ob Impfgegner,  Evolutionsleugner oder Verschwörungstheoretiker: Komplexe Zusammenhänge und Befunde werden durch selbstgestrickte schlichte Eindrücke ersetzt, bis nur noch eine Karikatur von Wissenschaft übrig bleibt  – und das kalte Wetter draußen als Beleg für den ausbleibenden Klimawandel gilt. Diese Entwicklung lässt sich in den USA genauso wie in Deutschland verfolgen. Selbst ein Forum wie News4teachers bleibt davon frei:

Politisch lässt sich solche Dummheit nutzen. „Hinter all dem steckt eine gefährliche Strategie: Wissenschaft selbst soll instrumentalisiert und politisiert werden. Passen die Ergebnisse nicht, werden Wissenschaftler zur neuen ‚Lügenpresse‘ deklariert, die mit den Mächtigen konspirieren“, so kommentiert die „Süddeutsche Zeitung“ die Versuche von Rechtspopulisten, gegen Forscher mobil zu machen. In vielen Städten weltweit demonstrierten unlängst Wissenschaftler unter dem Motto „March for Science“ gegen solche Stimmungsmache – allein in Berlin 11.000. Auf ihren Transparenten und Schildern hieß es unter anderem: „Es gibt keinen Planet B“ oder „Im OP ist kein Platz für Alternative Fakten“.

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In Hessen soll jetzt eine groß angelegte Straßenkampagne helfen. Unter dem Motto „Wir forschen für Ihren Nutzen“ geht es beispielhaft um Cybersicherheit, neue Medikamente und die Krebsforschung. Geplant sind unter anderem Plakate an 550 Stellen in rund 30 Orten, wie Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) am Freitag in Wiesbaden ankündigte. Auch mehrere Straßenbahnen in Frankfurt und Kassel werden für ein Jahr zu Werbeträgern für die Forschung. Die Kampagne kostet 840.000 Euro. „Wir wollen, dass die Wissenschaft mehr in den Dialog mit der Gesellschaft tritt“, sagte Rhein. Häufig werde die teils sehr komplexe Arbeit der Forscher nicht verstanden. Dies sei allerdings angesichts der massenhaften Verbreitung falscher und pseudo-wissenschaftlicher Tatsachen über soziale Netzwerke wichtiger denn je.

Das Ziel ist sicher ehrenwert. Ob aber eine Plakatkampagne gegen Wissenschaftsfeindlichkeit hilft? Wahrscheinlich wäre es sinnvoller, einfach mehr Geld in die Schulen zu stecken. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

 

 

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