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Medizingeschichte: Der „Lange Anton“ geht auf Reisen – das 400 Jahre alte Skelett eines 2,44-Meter-Mannes ist bald in Nürnberg zu sehen

MARBURG. Rund 2,40 Meter misst der «Lange Anton». Das Prunkstück eines Marburger Museums ist bald in Nürnberg zu sehen. Anton war zu Lebzeiten eine Berühmtheit – und «Bodyguard».

Der "Lange Anton" in einer zeitgenössischen Darstellung - er war eine Berühmtheit. Illustration: Wikimedia Commons

Der „Lange Anton“ in einer zeitgenössischen Darstellung – er war eine Berühmtheit. Illustration: Wikimedia Commons

Zu Lebzeiten hätte sich der «Lange Anton» wohl gefreut, auf Vakuumkissen gebettet zu werden. Das mehr als 400 Jahre alte Skelett eines rund 2,40 Meter großen Mannes wird am Montag vorsichtig in eine gepolsterte Transportkiste gelegt. Verpackt und festgezurrt hat es die anstehende Reise von Marburg nach Nürnberg ohne Knochenbrüche überstehen. Die blieben Anton damals, Ende des 16. Jahrhunderts, nicht erspart. Krankheitsbedingt wuchs er auf 2,44 Meter heran. Eine Größe, die Schmerzen mit sich brachte – und eine gewisse Berühmtheit über den Tod hinaus.

Das Skelett gehört zu den bedeutendsten Exponaten des medizinhistorischen Museums «Anatomicum» der Universität Marburg. In den nächsten Monaten wird es als Leihgabe in der Ausstellung «Luther, Kolumbus und die Folgen» des Germanischen Nationalmuseums (GNM) in Nürnberg zu sehen ein. Es ist keine unbekannte Station für Anton: Ein historischer Holzschnitt zeigt, dass der zwischen 1544 und 1561 in Geldern am Niederrhein geborene Hüne 1575 Nürnberg besuchte. Er starb 1596.

«Durch die außergewöhnliche Größe, die er hatte, ist er durch Deutschland gezogen und hat sich ausgestellt», erzählt die Marburger Medizinhistorikerin und Kuratorin Nina Ulrich. Anton – damals Anton de Franchepoinct genannt – sei deswegen durchaus bekannt gewesen. Allerdings dürften die Reisen für ihn zumindest in späteren Jahren beschwerlich gewesen sein. Davon zeugen seine etwa 1,70 große Krücke sowie durch den Riesenwuchs bedingte degenerative Veränderungen an Gelenken und Wirbelsäule. Zudem hatte Anton zwei Oberschenkelhalsbrüche. «Er wird sicherlich Bewegungseinschränkungen und auch Schmerzen gehabt haben», sagt Ulrich.

Vor dem Abtransport des Skeletts am Montag bereitet den Mitarbeitern einer Spezialfirma das enge Treppenhaus hinauf zum Museum kurzes Kopfzerbrechen. Denn der «Lange Anton» muss im Ganzen hinuntergeschleppt werden. Ein falscher Handgriff könnte den fragilen Knochen schweren Schaden zufügen. Eine «heikle Sache», sagt Ulrich.

Zu dritt und mit Fingerspitzengefühl hieven die Arbeiter («Das war ja ein Riese! Ich dachte, die Menschen waren damals klein!») das Skelett aus seiner Vitrine. Dann ein Schreckmoment: Ihnen purzelt Antons rechter Fuß entgegen. Kuratorin Ulrich kann aber beruhigen, denn es handelt sich nur um eine Nachbildung aus Kork, die wieder montiert wird. Nicht alle Knochen sind über die Jahrhunderte erhalten geblieben. Schließlich liegt der «Lange Anton» sicher in seiner Spezialkiste und ist bereit für die Fahrt nach Nürnberg.

Die erste Etappe ist geschafft, und Anatomie-Professor Gerhard Aumüller ist die Erleichterung anzusehen. Bevor er in den Ruhestand wechselte, kümmerte er sich jahrelang um die Marburger Sammlung. Es geht nicht allein darum, die etwa 3000 Präparate des Museums zu verwahren, wie er betont. «Unser Ziel ist, dass wir das historische Material mit modernen Methoden untersuchen.» Dabei spielen nicht nur medizinische Fragestellungen eine Rolle, sondern auch die nach der Geschichte hinter den Präparaten. «Jedes Exponat ist ein Mensch mit eigener Lebensgeschichte und eigenem Schicksal gewesen.»

Daher hat auch das GNM eine Weile überlegt, ob es den «Langen Anton» zeigen will, wie Sammlungsleiter Thomas Eser sagt. Es sei eine «Pietätsfrage». Schließlich entschieden sich die Nürnberger dafür: «Er selbst hat sich ja zu Lebzeiten auch zur Schau gestellt.» In der Ausstellung steht das Skelett sowohl für die großen Fortschritte in Wissenschaft, Medizin und Anatomie als auch für die damalige Faszination für das Abnorme. Das Skelett ist eine von etwa 80 Leihgaben für die Ausstellung. Laut Aumüller war es erst Antons zweite Reise als Leihgabe – nach einer Schau Mitte der 1990er Jahre in Lemgo.

Nachdem Anton heil angekommen ist, hieven ihn die Mitarbeiter am Nachmittag in Nürnberg auf seinem Transportlaken aus der Kiste und hängen ihn an einen Nagel in seine Nische. Thomas Eser ist die Erleichterung deutlich anzusehen: «Ich bin froh, dass er hängt», sagt er.

Zur Vita des «Langen Anton» gehört, dass ihm seine enorme Größe zu einem Posten bei Herzog Heinrich Julius (1564-1613) von Braunschweig-Wolfenbüttel verhalf. «Er hat ihn als Leibwächter begleitet, er war ein richtiger Bodyguard», berichtet Aumüller, der nach eigenen Angaben in Archiven Antons Leben erforscht hat.

Die Forscher gehen davon aus, dass der «Lange Anton» wegen eines Tumors in der Hypophyse, die im Schädel liegt, so groß geworden ist. «In der Hypophyse werden unter anderem Wachstumshormone produziert», erläutert Medizinhistorikerin Ulrich. Der Tumor könnte eine unkontrollierte Ausschüttung von Wachstumshormonen verursacht haben. Die Wissenschaftler wollen es aber ganz genau wissen: Belgische Forscher haben eine DNA-Probe genommen und untersuchen sie nun. Von Carolin Eckenfels, dpa

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