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Mit Kunst, Musik und Co. die Integration fördern: Kreativcamp zeigt das Potenzial kultureller Bildung

ESSEN. Zwei Frauen stehen sich gegenüber, ihre Handflächen berühren sich. Die linke hat ihr rechtes Bein angewinkelt und balanciert eine Banane in der Kniekehle, die rechte hält mit ihren Oberschenkeln vorsichtig einen Granatapfel. Eine Minute verharren sie in der Skulptur „Fruchtbalance“. Derweil wackeln im Raum nebenan Pappbecher mit Gesichtern über die Tische, angetrieben von einem Motor. Und vor dem Gebäude musizieren Kleingruppen mit Steinen, Stöcken und Kies. Es sind kurze Einblicke ins Kreativcamp, das das Team von MUTIK, einer Partnergesellschaft der Stiftung Mercator, zwei Tage lang im PACT Zollverein aufgeschlagen hatte. Das Ziel: den Austausch zwischen Menschen aus dem Bildungsbereich und Künstlern zu fördern und dabei aufzudecken, wie etwa Kunst, Musik, Technik und Spiel Schulen bei der Integration unterstützen können.

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Zwei Workshop-Teilnehmerinnen experimentieren: Wie klingt es, wenn ein Ast auf Metall trifft? Foto: Tina Umlauf

„Vielfalt in Schule gestalten“ so lautete das Motto des Kreativcamps, an dem Schüler, Lehrer, Schulleiter, Ministeriumsmitarbeiter und Künstler aus sieben Bundesländern teilnahmen. In sieben Workshops – drei zweitägigen und vier eintägigen – testeten sie selbst Kulturprojekte, die bereits erfolgreich zum Einsatz kommen, um Integration zu fördern. Dabei standen ihnen ganz unterschiedliche Ansätze zur Verfügung. Unter dem Titel „Gestaltungsspielräume“ erfuhren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwa, wie sie eine Ausstellung mit Kindern und Jugendlichen erarbeiten können. Im Workshop „Parallelwelten“ waren sie aufgefordert, in Gruppen ein Spiel zu entwickeln, im Projekt „Querklang“, ein eigenes, experimentelles Musikstück mit alltäglichen Gegenständen zu komponieren. „Mensch – Maschine – Android“ verband Naturwissenschaft und Kunst, indem die Teilnehmer aus einfachen Materialien Roboter erschaffen sollten, solche wie Walter.

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Workshop-Leiter Wolfgang Wild hilft Maik (v.l.) und Marvin beim Bau ihres Roboters. Foto: Tina Umlauf

Walter besteht aus zwei Wäscheklammern, die ein V bilden, einem Motor als Kopf auf der Spitze des Vs, einer Batterie am anderen Ende, sechs Sprungfedern unterhalb der Wäscheklammern als Beinen und einigen Kabeln. Einmal eingeschaltet, hüpft er hin und her und erinnert dabei sehr an einen aufgeregten kleinen Hund. Seine Schöpferin heißt Elena Arbter. Sie arbeitet als Projektleiterin für die Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg, die als Schnittstelle Schul- und Kulturakteure zusammenbringt. Von daher seien ihr die theoretischen Vorteile kultureller Bildung bereits bekannt gewesen, wie Förderung von Teamfähigkeit, Frustrationstoleranz und Selbstständigkeit. „Jetzt habe ich einmal selbst erfahren, wie weit kulturelle Bildung gehen und was sie bewirken kann. Dieser Workshop hat einen ganz anderen Zugang zum Thema ‚Mensch und Technik‘ ermöglicht. Ich bin nun noch motivierter, kulturelle Bildung in die Schulen zu bringen.“ Viel Lob fanden auch die beiden Siebtklässler, Maik (13) und Marvin (13), der Carl-Schomburg-Gesamtschule Kassel. Zurück in der Schule will Maik seine daheim gebliebenen Mitschüler vom Roboterbau überzeugen: „Wir haben an der Schule eine AG Technik, da will ich zeigen, was ich hier gelernt habe.“

Selbsterleben als verbindendes Element
Viel praktische Arbeit erwartete auch die Teilnehmer des Projekts „Selbstgewürzt – Eat Art“ von Sara Schwienbacher, Performancekünstlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg. Im Mittelpunkt stand die Kunst aus beziehungsweise mit Obst, wie etwa selbst entwickelte One-Minute-Sculptures. „Das Herz aus Obst“ formten Andrea Zipfel, Lehrerin aus Rheinland-Pfalz, und Claudia Schurmann, Lehrerin aus Brandenburg, mit ihren Armen, indem sie an den Verbindungspunkten oben und unten jeweils gemeinsam ein Stück Obst festhielten. Ihr erster Eindruck? „Ich begleite eigentlich nur eine Kollegin und bin positiv überrascht“, so Andrea Zipfel. Ihre Teampartnerin Schurmann ergänzte: „Dass wir gleich praktisch arbeiten, das gefällt mir gut. Und über die Herkunft von Obstsorten oder ihre unterschiedlichen Namen haben wir direkt eine Verbindung zu unterschiedlichen Kulturen gehabt.“ Gerade das Selbsterleben, betonte Workshop-Leiterin Schwienbacher, ermögliche Integration: „Es schlägt eine Brücke, weil man nicht viele Worte braucht.“

Umfrage: Lehrer für Kunst und Co. beklagen geringe Motivation der Schüler – Fleischmann fordert Aufwertung der sogenannten Nebenfächer

Enormes Integrationspotenzial attestierten die Teilnehmer auch dem Projekt „Querklang“. „Die gemeinsame Sprache der Musik verbindet Schüler aus verschiedenen Kulturen, ohne jemanden bloßzustellen“, schwärmte Stela Korljan, Künstlerin und Kulturvermittlerin in Schleswig-Holstein. Sie schaffe eine wertfreie Zone, in der sich Lernende zum Beispiel unabhängig ihrer Sprachkompetenzen ausdrücken könnten. Dieses Potenzial entfaltet das Projekt anscheinend auch außerhalb von Schulen: „In den Reflexionsrunden hat man zwar schon gemerkt, dass der Lehrer immer wieder auf die Frage abzielte, wie man das ins Schulsystem bringen könne, aber im Prozess selbst waren kaum soziale Unterschiede festzustellen“, sagte Henry Utech, Mitarbeiter der Universität Potsdam an der Professur für Erwachsenenbildung/Weiterbildung und Medienpädagogik. Genau das mache den Reiz kultureller Bildung aus, dass Milieu-Strukturen und Herrschaftsverhältnisse aufgebrochen werden. „Das hat mir gut gefallen, das ist geglückt.“

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Im Eat-Art-Workshop mussten die Teilnehmer One-Minute-Sculptures entwickeln und präsentieren. Foto: Tina Umlauf

Ein gemeinsamer Nenner: Freiraum
Das Motto „Vielfalt in Schule gestalten“ kam nicht nur in einzelnen, sondern allen Workshops zum Tragen. Die Reflektoren, die darauf achten sollten, dass im Eifer der Projekte das eigentliche Thema nicht untergeht, zeigten sich mehr als zufrieden und vom Austausch unter den Professionen begeistert. Teilnehmer seien unter anderem auf Anmerkungen von Lehrkräften eingegangen, wenn Ideen im Schulalltag nicht umsetzbar waren. „Ein solcher Einwurf hat auch dazu geführt, dass wir praktisch reflektiert haben: Wen schließen wir gerade in der Diskussion aus?“, sagte Reflektorin Vildan Aytekin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Reflektorin Nicola Großebrahm, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Duisburg/Essen, zeigte sich begeistert vom Einsatz der Schüler im Roboter-Workshop: „Ich wollte dann wissen, wie sich das Projekt vom Unterricht unterscheidet und sie haben mir gesagt: ‚Hier haben wir Freiraum, etwas auszuprobieren. In der Schule bekomme wir nur Aufgaben, hier können wir arbeiten.‘“ Damit hatten die Schüler den gemeinsamen Nenner aller Workshops erkannt: den Freiraum, kreativ sein zu dürfen.

In der Zukunftswerkstatt „House Of Rights Academy“ nutzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diesen Freiraum, um auf dem Grundgesetz aufbauend ihre Vision von Schule aus Ton zu gestalten. Die Gruppe um Förderschullehrerin Stefanie Luther aus Rheinland-Pfalz orientierte sich an Artikel 13 des Grundgesetzes, umformuliert zu „Jeder Mensch darf sich zurückziehen“. Mit Blick auf die Architektur hatten die drei Teilnehmerinnen eine offene Schule konzipiert, die sowohl Rückzugsmöglichkeiten als auch Freiheiten bot – auch auf das Lernen bezogen. Teil ihres Konzeptes war daher der Wunsch, dass Lehrkräfte jedes Kind dort abholen, wo es in dem Moment gerade steht, und zwar bezogen auf seine Kompetenzen und seine Lernbereitschaft. Ein Vorgehen, das sich auch ein Neuntklässler während der Abschlussrunde am Ende des ersten Camp-Tags wünschte. Auf die Frage „Was soll sich an Schule ändern?“, erwiderte er: „Dass Lehrer mehr auf die Schüler im Einzelnen eingehen und sie nicht nur als Gruppe ansehen.“

Voraussetzungen zur Umsetzung
Wie das aussehen kann, zeigten die Workshop-Leiter im Zuge des Kreativcamps, die es den Teilnehmern ermöglichten, sich selbst entlang einer groben Aufgabenstellung zu entfalten. Doch wie können Schulen solche Projekte umsetzen? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Abschlussrunde am Ende der zweitägigen Veranstaltung. Schnell zeichnete sich dabei ab: Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht, stattdessen viele Voraussetzungen, die gegeben sein müssen, wie unterstützende Strukturen, ausreichende Ressourcen, aufgeschlossene Lehrkräfte und Schulleitungen. Doch ein Teilnehmer wollte sich mit diesem Ergebnis nicht zufrieden geben: „Das Simpelste ist zu sagen, was alles nicht geht. Ich darf mich daran aber nicht hindern lassen loszugehen.“ Lehrkräfte, die etwas verändern wollten, sollten daher als Gestalter aktiv werden, die Ressourcen nutzen, die ihnen zur Verfügung stehen und nicht warten, dass sich die Bedingungen von selbst ändern. Dabei will das Team von MUTIK unterstützen, indem es den länderübergreifenden Wissensaustausch fördert, 2018 etwa mit der zweiten Runde des Kreativcamps. Anna Hückelheim, Agentur für Bildungsjournalismus

Weitere Integrationsansätze
Am zweiten Tag des Kreativcamps ergänzte die „Wanderroute durch die Bildungslandschaft“ das Workshop-Programm. Dort präsentierten sich mögliche Partner, um künstlerische Integrationsansätze umzusetzen, sowie Organisationen und Schulen, die Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt haben.

  • Die Fontane Oberschule Neuruppin, eine „Kulturschule“ aus Brandenburg, präsentierte etwa, was die dreijährige finanzielle Förderung, die mit diesem Status einhergeht, alles ermöglicht hat. Die Schule verfügt nun unter anderem über eine Musik- und Theater-AG, eine Schülerzeitung sowie das spezielle Integrationsprojekt „Meine Stadt“, in der Schüler zusammen mit geflüchteten Mitschülern ihren Wohnort entdecken.
  • Kinder und Jugendliche ihre Stadt erkunden zu lassen, ist auch ein Ziel der kostenlosen App „Stadtsache“. Mit ihr können sie Eindrücke in Form von Fotos und Geräuschen sammeln, sie anonym teilen oder Aufgaben erfüllen, zum Beispiel Gullideckel in der eigenen Straße zählen. Die App soll selbst ohne Sprachkompetenzen nutzbar sein, da Kinder und Jugendliche auch mithilfe von Soundaufnahmen kommentieren können.
  • Ebenfalls einen spielerischen Integrationsansatz verfolgt das Projekt „PlayGround“. Die Grundlage bilden 350 sechseckige Holzplatten in drei Größen, die ineinandergesteckt Strukturen bilden. Die gesamte Schulgemeinschaft soll im Zuge des Projekts gleichberechtigt miteinander bauen und jeder sich einbringen können. „Unsere Vision ist es, dass mithilfe dieses Projekts, neue Verbindungen in Schulen entstehen und Grenzen, die etwa durch Klassen und Hierarchien bestehen, aufgebrochen werden“, sagt Gert-Jan Stam vom niederländischen Künstlerkollektiv TAAT, das zusammen mit der Londoner Stiftung „Bow Art“ das Projekt entwickelt hat.
  • Das Stichwort „Beteiligung“ stand auch im Mittelpunkt des Ausstellungsprojekts „Über Sinne“: In Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern der Martin-Bartels-Schule in Dortmund für sehbehinderte Schüler entwickelten die Agentur „Kontextmedien“, die medienpädagogische Projekte durchführt, der Fachbereich „Rehabilitation und Pädagogik bei Blindheit und Beeinträchtigungen des Sehens“ der Technischen Universität Dortmund und die UZWEI, die zweite Etage im Kulturzentrum „Dortmunder U“, über ein Jahr lang eine Ausstellung, die alle Sinne anspricht und sich für Sehende, Sehbeeinträchtigte und Blinde eignet.
  • Mit dem Ziel, die heterogene Gesellschaft im Lehrerzimmer abzubilden, stellte im Zuge der Wanderroute das nordrhein-westfälische Projekt „Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte“ seine Arbeit vor. Mit unterschiedlichen Aktionen auf drei Handlungsfeldern – Nachwuchsgewinnung unter Schülern, Unterstützung während des Studiums und Qualifizierungsmaßnahmen für im Schuldienst Tätige – versucht das Projekt, den Anteil der Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte zu steigern. Derzeit haben nur sechs Prozent der Lehrkräfte in NRW einen Migrationshintergrund, aber 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler.

Also doch: Kulturelle Bildung wirkt – gleich sechs Studien belegen: Musik, Kunst und Co. stärken Schüler in ihrer Entwicklung

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