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Psychologische Studie: Lehrkräfte sind offener und empathischer als die meisten anderen Menschen

BERLIN. Lehrer weisen im Schnitt Persönlichkeitsmerkmale auf, die den Anforderungen des Berufes tatsächlich entsprechen – sie sind weit offener für neue Erfahrungen und sie sind (zumindest in Grundschulen) deutlich empathischer als Angehörige der meisten anderen Berufsgruppen, Dies sind Ergebnisse einer aktuellen Auswertung des sozio-ökonomischen Panels, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vorgenommen hat. Der Befund ist nicht ganz überraschend: Schon vor Jahren hatte eine Studie von Bildungsforschern ergeben, dass Lehramtsstudierende viele Eigenschaften mitbringen, die von guten Lehrern erwartet werden.

Der Lehrerberuf scheint Menschen mit den richtigen Persönlichkeitsmerkmalen anzuziehen. Foto: Jeremy Hiebert / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Der Lehrerberuf scheint Menschen mit den richtigen Persönlichkeitsmerkmalen anzuziehen. Foto: Jeremy Hiebert / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Welche Eigenschaften muss eine Lehrkraft aufweisen, um erfolgreich im Beruf bestehen zu können? „Zunächst einmal müssen Lehrkräfte Kinder und Jugendliche mögen – und sich selbst auch“, sagt eine (gegenüber dem „Spiegel“), die es wissen muss: Marlies Tepe, Chefin der Lehrergewerkschaft GEW. Sie betont: „Selbstbewusstsein, Interesse an anderen Menschen, Zugewandtheit und Einfühlungsvermögen sind Grundvoraussetzungen. Pädagogisches und fachliches Wissen müssen im Studium erworben und ein Berufsleben lang in Theorie und Praxis weiterentwickelt werden.“ Ähnliche Aussagen veröffentlichte die Uni Münster mit Blick auf Interessenten für ein Lehramtsstudium. Ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten („gern viel reden, aber bitte im Dialog“) und soziale Kompetenzen wie Empathie und Selbstvertrauen, darüber hinaus gerne auch eine große fachliche Neugier und die Flexibilität, sich auf ändernde Situationen schnell einstellen zu können, würden von Bewerbern erwartet, so heißt es.

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Tatsächlich scheinen viele Lehrkräfte diesen Idealen zu entsprechen. Im sozio-ökonomischen Panel, einer repräsentativen Wiederholungsbefragung, die bereits seit 30 Jahren läuft, werden 20.000 Deutschen im Jahr auch Fragen gestellt, die ihr Naturell erfassen sollen – insbesondere fünf Facetten der Persönlichkeit stehen dabei im Fokus: von Extraversion (Geselligkeit) über Offenheit, Sozialverträglichkeit, Gewissenhaftigkeit bis hin zum Neurotizismus, also emotionale Labilität und Ängstlichkeit. In zwei der Kategorien ragen Lehrkräfte deutlich aus dem Bevölkerungsschnitt heraus: Bei der „Offenheit für neue Erfahrungen“ liegen sie mit vorne, ebenso (Grundschullehrkräfte jedenfalls) in Sachen „Sozialverträglichkeit und Empathie“.

„Lebhafte Phantasie“

„Leute mit einer großen Offenheit für Erfahrungen beschreiben sich selbst als originell und intellektuell, sie sind experimentierfreudig, neugierig, künstlerisch interessiert und besitzen eine lebhafte Phantasie. Sie sind eher bereit, bestehende Normen kritisch zu hinterfragen und auf neue soziale, politische und ethische Wertvorstellungen einzugehen“, so heißt es in der Studie. „Und so finden sich unter den Berufen mit großer Offenheit vor allem Professionen, für die ausgeprägte intellektuelle Fähigkeiten, eine große Kreativität und höhere Bildungsabschlüsse nötig sind.“ Die exponiertesten Vertreter dieser Gattung sind: Darstellende Künstler und Unterhalter (mit einem Durchschnittswert von 5,63 auf einer Skala von 1, gering ausgeprägt, bis 7, stark ausgeprägt), Journalisten (5,46) – und eben Lehrer (5,26)

Ähnlich ist das Bild bei der Sozialverträglichkeit. „Sozial verträgliche Menschen zeichnen sich durch ihren Altruismus, ihr Wohlwollen gegenüber anderen und ihre Empathie aus. Sie möchten durch ihr Handeln anderen helfen, kooperieren gern mit ihren Mitmenschen und neigen dazu, bei Konflikten eher nachzugeben“, so heißt es in der Studie. Weit vorne liegen dabei: Friseure (5,74), Altenpfleger (5,69), Grundschullehrkräfte (5,68) und Erzieher (5,6). Dass es dabei in der Regel um von Frauen ausgeübte Berufe handelt, ist laut Untersuchung kein Zufall. „Da Frauen in den Tests im Durchschnitt verträglicher abschneiden als Männer, sind auch die Verträglichkeitswerte für die meist von Frauen ausgeübten Berufe höher.“

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Zu vergleichbaren Ergebnissen war vor zehn Jahren eine psychologische Studie der Bildungsforscher Jörg Dieterich und Michael Dieterich gekommen, die Persönlichkeitsmerkmale von Lehramtsstudierenden untersucht hatte. „Sie sind eher an abstraktes Denken gewöhnt und können sich gut durchsetzen. Sie beschreiben sich begeisterungsfähig und sind sicher in ihren Überzeugungen. Gleichzeitig können sie auch sensibel wahrnehmen und sich in andere Menschen einfühlen. Sie gehen unkonventionelle Wege und beschreiben sich unkompliziert und unbefangen. Gerne arbeiten und entscheiden sie in der Gruppe“, so heißt es darin. Das Fazit der Forscher: „Würde man die Eltern der Schüler nach den gewünschten Wesenszügen der Lehrer fragen, dann könnte man sicherlich mit einer hohen Übereinstimmung mit unseren Ergebnissen rechnen: Klug, begeisterungsfähig und durchsetzungsfähig und dabei sehr sensibel auf die Schüler eingehend – so wünscht man sich die zukünftigen Lehrer!“

Problematischer Befund

Darüber hinaus gab es allerdings auch einen problematischen Befund – in Sachen „psychischer Stabilität“ konnten die Wissenschaftler unter den angehenden Lehrern zwei Gruppen ausmachen, die sich extrem unterschieden. Die erste zeigte sich überaus selbstbewusst. „Ihre Stimmung ist ausgeglichen, sie machen sich wenig Sorgen und sind auch wenig empfindlich“, so heißt es. Die zweite (kleinere) Gruppe hingegen „beschreibt sich als leicht reizbar und erregt, die Stimmung schwankt. Sie denken viel über das Leben nach und grübeln über die Hintergründe. Oftmals fühlen sie sich auch missverstanden.“

Die aktuelle DIW/FAZ-Studie hat jedoch auch für Menschen, die möglicherweise nicht mit den besten psychischen Voraussetzungen in den Lehrerberuf starten, Hoffnung parat: „Wer (..) lange in einem Beruf bleibt, der hohe Extraversion, Offenheit und Verträglichkeit verlangt, der macht dieses Jobprofil über die Jahre immer mehr zu einem Teil seiner Persönlichkeit.“ Heißt: Der Beruf formt den Charakter. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Ein Kommentar

  1. ZITAT: “ In zwei der Kategorien ragen Lehrkräfte deutlich aus dem Bevölkerungsschnitt heraus: Bei der „Offenheit für neue Erfahrungen“ liegen sie mit vorne, ebenso (Grundschullehrkräfte jedenfalls) in Sachen „Sozialverträglichkeit und Empathie.“

    Schön, freut mich, diesen Artikel zu lesen – auch wenn ich nur eine Stelle beispielhaft herausgegriffen habe. Es macht Hoffnung! Es bestärkt mich darin, dass manches, was man hier so von „Lehrern“ liest, eben NICHT „lehrertypisch“ ist. Die meisten von uns sind anders. 😉

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