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SOS – Schwimmunterricht in Not! Fallen so viele Stunden (auch) deshalb aus, weil Lehrkräfte zunehmend Angst vor Unfällen haben?

MÜNCHEN. Zu wenige Lehrkräfte, zu wenige Schwimmbäder: Beim Schwimmunterricht an Grundschulen gibt es zunehmend Probleme. Im Lehrplan ist er fest verankert – und trotzdem fällt er oft buchstäblich ins Wasser, wie das Beispiel Bayern zeigt. Der bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband führt noch einen Grund dafür an, dass der Schwimmunterricht so oft ausfällt: Viele Lehrkräfte scheuen offenbar die Verantwortung.

Viele Eltern führen ihre Kinder nicht ans Schwimmen heran - die Schulen sollen es richten. Foto: Jeremy Page / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Viele Eltern führen ihre Kinder nicht ans Schwimmen heran – die Schulen sollen es richten. Foto: Jeremy Page / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Schwimmen sollte jedes Kind nach der Grundschule können – der Unterricht ist deutschlandweit im Lehrplan vorgeschrieben. Trotzdem fallen in Bayern viele Stunden aus oder sie können von vornherein gar nicht stattfinden. «Ich weiß, dass es ganze Grundschulen gibt, die nicht schwimmen gehen», sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen und Lehrerverbands (BLLV). Oft müssten sich zu viele Schulen ein Bad teilen. Der Schwimmunterricht finde dann zu selten statt. Und «manche können gar nicht rein».

Schulen sind überfordert: Nach der 4. Klasse können (zu) viele Kinder nicht schwimmen

Neben Zugang zu Bädern brauche es mehr ausgebildete Schwimmlehrer und Fortbildungen, sagt Fleischmann. Sie sieht hier Kommunen und Staatsregierung in der Pflicht.

Anfang Juni sorgten Zahlen der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) zur Schwimmfähigkeit von Kindern für Aufsehen: Eine Forsa-Umfrage ergab, dass 59 Prozent der Zehnjährigen in Deutschland «keine sicheren Schwimmer sind». Nach DLRG-Richtlinie gilt als sicherer Schwimmer, wer die Prüfung des Jugendschwimmabzeichens in Bronze erfolgreich abgelegt hat. Im Schnitt besitzen 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen diesen «Freischwimmer».

Es gebe aber keine wissenschaftliche Definition, sagt Andreas Ofenbeck, Sprecher des bayerischen Kultusministeriums. Er verweist auf eine Studie des Robert-Koch-Instituts: Demnach können 85,5 Prozent der 5- bis 17-Jährigen schwimmen und haben es im Schnitt mit etwas mehr als sechs Jahren gelernt. Die Zahl für die 7- bis 10-Jährigen liegt um 0,4 Prozentpunkte darunter. Indikator für die Datenerhebung von 2009 bis 2012 war kein Schwimmabzeichen, sondern waren die Angaben der Jugendlichen selbst. Bei den jüngeren Kindern beantworteten die Eltern die Fragen.

Auch beim DLRG-Landesverband Bayern ist bekannt, dass Schwimmstunden häufig ausfallen. «Die Klage hören wir öfter von Lehrern», sagt Sprecher Horst Auer. Es sei daher wichtig, «dass die Kommunen die Bäder erhalten». Den Schulen empfiehlt er, auf die Schulämter zuzugehen – und sich für den Unterricht auch bei der DLRG Hilfe zu holen. Sie bietet Unterstützung in Theorie und Praxis.

Nur jedes zweite Kind kann schon vor der Grundschule schwimmen, danach mehr als jedes zehnte immer noch nicht

«Die Schulen sind dafür verantwortlich, dass der Lehrplan umgesetzt wird», erklärt Ministeriumssprecher Ofenbeck. Aufgabe der Kommunen sei, die Bäder zu erhalten. Doch keine Kommune habe bisher verlangt, mehr Geld dafür zu fordern, sagt der Sprecher des Bayerischen Gemeindetags, Wilfried Schober. Man sei daher davon ausgegangen, dass ausreichend Bäder vorhanden und in einem für den Schwimmunterricht akzeptablen Zustand sind. Wenn mehr oder modernere Bäder gefordert seien, müsse der Freistaat mehr investieren, sagt Schober.

In München gibt es 134 Grundschulen mit knapp 42.000 Schülern; zudem 46 Bäder, in denen Schulschwimmunterricht stattfindet – 34 davon an Schulen. Im Schnitt kommen auf ein Schwimmbad also mehr als 900 Grundschüler. Die Stadt hatte im November eine Schwimmoffensive gestartet, mit der zusätzliche Schwimmkurse vor allem für Kindergarten- und Grundschulkinder unterstützt werden.

Laut Lehrerverbands-Chefin Fleischmann gibt es noch ein Problem: die Angst vieler Lehrer und gerade junger Kollegen wegen «Horrormeldungen» über Schwimmunfälle. Auch mit entsprechender Ausbildung trauten sich viele Lehrer den Unterricht nicht zu. Zudem hätten viele Kinder keine Lust oder kämen nicht, weil sie nicht schwimmen könnten, erzählt Fleischmann. Und auch das Elternhaus spiele eine Rolle – gerade bei Mädchen mit ausländischen Wurzeln müsse man Aufklärungsarbeit leisten. Dass jedes Kind schwimmen lernt – «auch das ist Bildungsgerechtigkeit», sagt Fleischmann. Von Antonia Hofmann, dpa

4 Kommentare

  1. Susanne Glotzbach

    Die Anzahl der Schüler pro Gruppe und Lehrkraft ist max. 12. Der Schwimmunterricht findet meist in der 3. Klasse statt. Die andere Klassenhälfte hat anderen Unterricht, oder es gehen zwei Lehrer mit Schwimmschein mit. IdR lernen Kinder, die mit 9 Jahren zum ersten Mal im Schwimmbad sind: Überhaupt in tiefes Wasser gehen, maximal Seepferdchen- Abzeichen. Kinder mit Seepferdchen können danach Bronze machen usw.
    Der Schwimmunterricht ist personalintensiv/ doppelte Lehrerstunden und kostenintensiv/Bus zum Schwimmbad und nervenintensiv, dennoch unbedingt notwendig um noch größeren Schaden durch Badeundfälle zu verhindern. Schwimmen können ist wie Fahrradfahren können eine gesellschaftliche Grundvoraussetzung.

    • Darüber hinaus ist ein Schwimmbad für die Kommune ein Geldgrab. Aus diesem Grund werden auch so viele Schwimmbäder (besonders auf dem Land) geschlossen. Man kann also den Schülern noch nicht einmal einen Vorwurf machen, wenn sie mit 9 das erste Mal ein Schwimmbad von innen sehen.

  2. Mich ärgert sei JAHREN, dass die Schulgesetze und Lehrpläne den Schwimmunterricht verbindlich vorschreiben, sich aber die Länder und die verantwortlichen KMK´s -sorry- „einen Dreck darum scheren“ wie die Schulen das hinkriegen. WIESO müssen die Komunen die Gelder dafür ANFORDERN? Es wäre doch wohl selbstverständlich, dass das Geld automatisch zur Verfügung gestellt wird. Ja, ich weiß, das Land gibt „was dazu“ … dabei scheint es sich aber nur um eine Art „Taschengeld“ zu handeln, denn sonst müssten nicht so viele Bäder schließen.
    Aber laut schreien können alle. Hauptsache es kostet nichts!

    • Irrtum – die Kommunen sind Schulträger. Sie müssen entweder jeder Schule ein Schwimmbad zur Verfügungstellen, genauso wie si für die Sporthallen und Sportanlagen zuständig sind.
      Das Land muss für diese Pflichtaufgabe – hier in NRW – überhaupt nichts zahlen.

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