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„Angst vor Erdogans langem Arm“: Schulen der Gülen-Bewegung stehen auch in Deutschland unter Druck

KÖLN. Der türkische Staatschef Erdogan geht rigoros gegen Gülen-Anhänger in seinem Land vor. Das hat Folgen bis in den Bildungsbereich in Deutschland hinein. Zwei Gülen-nahe Schulen sind dicht. Zu Nachhilfe-Einrichtungen kommen weniger Schüler.

Fethullah Gülen ist das geistliche Oberhaupt der islamischen Hizmet-Bewegung. Foto: Diyar se / flickr

Fethullah Gülen ist das geistliche Oberhaupt der islamischen Hizmet-Bewegung. Foto: Diyar se / flickr

Es waren 37 türkischstämmige Schüler in Köln, die vor zehn Jahren am Privatgymnasium «Dialog» unter großem öffentlichen Interesse den Anfang machten. Integration und Mehrsprachigkeit wurden als Ziele ausgegeben, Türkisch als Fremdsprache und Ethik standen auf ihrem Stundenplan. Eine Realschule kam hinzu. Die Schülerzahl kletterte auf mehrere hundert, stieg und stieg. Seit dem Putschversuch in der Türkei vor einem Jahr ist das anders.

Ähnlich sieht es bei den anderen Privatschulen in Deutschland aus, die als Gülen-nah gelten. «Eltern fühlten sich einer Hexenjagd ausgesetzt und haben ihre Kinder abgemeldet», schildert Ercan Karakoyun, Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung. Hauptgrund für den Rückzug sei «die Angst vor Erdogans langem Arm», glaubt Karakoyun, der hierzulande Ansprechpartner für die Gülen-Bewegung ist.

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Eine Berufsschule in Würzburg machte Ende 2016 als erste dicht. Nun hat gerade Ende Juli ein Standort in Ludwigsburg mit Gymnasial- und Realschulzweig den Schulbetrieb eingestellt. Rund 30 staatlich genehmigte Ersatzschulen, die der Gülen-Bewegung zugerechnet werden, gibt es in Berlin, Hamburg, Hannover, Wuppertal, im westfälischen Geseke, in Stuttgart, Mannheim, Böblingen oder bei Frankfurt.

„Terroristenheim“

«Aus den einzelnen Einrichtungen sind uns nach dem Putschversuch Verluste von 10 bis 15 Prozent bei den Schülerzahlen genannt worden», sagt Kakakoyun. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hält den im US-Exil lebenden Islam-Prediger Fethullah Gülen verantwortlich für den Umsturzversuch, was dieser bestreitet. Der Kölner Schulkomplex war im Internet als «Terroristenheim» diffamiert worden. Auch in Stuttgart gab es kurzzeitig Polizeischutz für die Gülen-Schule.

Es sei eine «unerträgliche Situation», wenn türkischstämmige Eltern sich aus Angst vor Repressalien genötigt sehen, ihre Kinder abzumelden, meint Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos). Die neue NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer betont: «Schulen sind Orte, an denen Kinder und Jugendliche frei und unbeschwert lernen sollen. Schulen sind zu politischer Neutralität verpflichtet.» Die freie Schulwahl sei ein hohes Gut, unterstreicht die FDP-Politikerin. «Wenn sich Eltern in unzulässiger Weise unter Druck gesetzt oder sogar bedroht fühlen, sollten sie nicht zögern, sich an die Sicherheitsbehörden zu wenden.»

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Massive Einschüchterungen von Erdogan-Kritikern zeigen Wirkung, beobachtet die türkischstämmige Islamkennerin Lale Akgün. «Es gibt im Moment nichts Schlimmeres, als wenn man als Gülen-nah eingestuft wird.» Gülen-Anhänger würden wie «Aussätzige» behandelt. Es gebe Aufrufe, sie zu denunzieren, weiß die frühere Kölner SPD-Bundestagsabgeordnete. «Es ist bekannt in der türkischen Community, dass Eltern von den Generalkonsulaten und regierungsnahen Institutionen aufgefordert werden, ihr Kind von der Schule zu nehmen, sonst werde es Schwierigkeiten geben.» Einige Eltern hätten sich aber wohl auch von den Schulen abgewendet, weil ihnen die Gülen-Nähe vorher nicht klar gewesen sei.

«Wir haben seitdem viele Engagierte verloren», bedauert Karakoyun, der nach eigenen Angaben Morddrohungen und Beleidigungen ausgesetzt ist. Während sich die Lage in den Schulen allmählich dank Neuanmeldungen von Aleviten, Kurden, säkularen Türken und Deutschen wieder stabilisiere, sehe es bei der Nachhilfe traurig aus. Von einst 6500 Jugendlichen kommen nur noch 40 Prozent. Ein Drittel der früher 150 Einrichtungen – vor allem in sozialen Brennpunkten etwa im Ruhrgebiet oder in Berlin – sei nun geschlossen.

Allerdings: Die islamisch-konservative Gülen-Bewegung ist nicht unumstritten in Deutschland. Einige Bildungseinrichtungen werden von den Schulaufsichtsbehörden kritisch beobachtet. Akgün sagt: «Es geht gar nicht, wie man gegen die Gülen-Bewegung vorgeht. Aber man muss auch sehen, dass es sich um eine islamistische Bewegung handelt.» Und: «Sie sind für Bildung, ja, aber sie sind nicht unpolitisch und sie nutzen die Schulen auch missionarisch.»

Die Sicherheitsbehörden stufen die Bewegung nicht als suspekt ein. Bruno Kahl, Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), sprach jüngst von «einer zivilen Vereinigung zur religiösen und säkularen Weiterbildung». Als muslimischer Akteur sei man oft dem Vorurteil ausgesetzt, «wir hätten den Koran in der Tasche», sagt Karakoyun und beteuert: «Religion spielt bei uns im Schulalltag keine Rolle.» Von Yuriko Wahl-Immel, dpa

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4 Kommentare

  1. Gülen hat in einem seiner Predigten im Jahr 1999 zugegeben, dass der türkische Staat unterwandert werden muss. Man muss diese zwielichtige Person nicht noch verteidigen. Wer diese Ideologie und Gemeinschaft schon länger kennt, weiß wie gefährlich sie sind. Es geht ihnen darum soviele Kinder und Jugendliche zu indoktrinieren wie nur möglich. Zuerst werden sie in ihrer Bildung mit allem was dazugehört unterstützt, die Eltern freuen sich, sodass ihre Kinder am besten Akademiker werden. Danach wird eine 100 Prozentige Loyalität zu Gülen und der Community verlangt, d.h. die Befehle kommen nicht vorrangig vom Staat oder Vorgesetzten, sondern von Gülen. Wenn die Eltern nicht selbst in der Community sind, gehen schonmal Familien kaputt. Je nach Position des Mitglieds, werden wie in der Türkei, Aufnahmeprüfungen systematisch den eigenen Leuten zugeschustert. Andere Menschen werden immer benachteiligt. Mit Lug und Betrug, versuchen sie sich so in jedes Gebiet des Staates und der Gesellschaft vorzudringen. Sie sind strikt hierarchisch wie eine Pyramide geordnet.

    Wer türkisch kann, hier das Video aus 1999:

    https://www.youtube.com/watch?v=7Y_cLmsmOuY

    Artikel des Spiegels aus 2013:

    http://www.spiegel.de/kultur/tv/wdr-doku-ueber-den-tuerkischen-prediger-fethullah-guelen-a-894466.html

    und

    http://www.spiegel.de/spiegel/islam-das-treiben-des-tuerkischen-predigers-fethullah-guelen-a-850649.html

    WDR Doku:

    https://www.youtube.com/watch?v=zr1LWuxVLYs

  2. Wenn Gülen das 1999 „zugegeben“ hat – warum war er dann noch bis 2013 so dicke mit Erdogan?

    Und die willkürlichen Verhaftungen und Entlassungen in der Türkei rechtfertigt das auch nicht. In einem Rechtsstaat bedarf es dazu konkreter Gründe, die von einem unabhängigen Gericht festgestellt bzw. überprüft werden. Nur mal eben jemandem das Etikett „Terrorist“ aufkleben, weil er angeblich ein Gülen-Anhänger ist, und ihn dann in die Arbeitslosigkeit zu schicken oder, noch schlimmer, ins Gefängnis zu stecken – das ist die Praxis in einer Diktatur.

  3. Ihre genannte Kritik unterstütze ich in jedem Punkt, jedoch sollte wir uns lieber um Deutschland kümmern. Diese Sekte sollte meiner Meinung nach der Verfassungsschutz 24/7 im Auge behalten.

    • Die Zerrissenheit der türkischen Gesellschaft strahlt in unsere Gesellschaft hinein.
      Schüler und Eltern,die keine systemtreuen türkischen Schulen in Deutschland besuchen, werden eingeschüchtert und deren Lehrer diffamiert. Ist ein derartiges Verhalten in einer Demokratie hinnehmbar ?
      Fallen wir jetzt auf diese Rhetorik eines Herrn Erdogan herein, in dem auch wir zwischen guten und schlechten Türken nach seinem Willen unterteilen ? Was ist hier los ?
      Es darf nicht sein,dass Dossiers über deutsche Lehrer und andere kritisch denkende ,deutsche Bürger angelegt werden,die sich negativ über Erdogan und seine Bewegung äußern. Der Einfluss Erdogans auf türkischstämmige Bürger muss zurückgedrängt werden.
      Und man muss diesen politischen Führern auch sehr deutlich zu verstehen geben, dass wir reagieren werden.
      Wir verbitten uns eine direkte Einmischung der türkischen Regierung in unsere Gesellschaft, eine Einschüchterung und die Verfolgung anders denkender Menschen in unserem Land. Alternativ steht die Ausweisung derartiger Personen im Raum , die sich an Bespitzelungen beteiligen. Und von einer derartigen Androhung müssen wir Gebrauch machen.
      Unerträglich sind auch die hiesigen Auftritte mit den ewig gestrigen Appellen an das eigene Blut, die „türkische Ehre“, die Überbetonung der Herkunft und der übertiebene Nationalstolz einer sich in den wirtschaftlichen und politischen Abgrund bewegenden Gesellschaft.
      Diese autokratischen,nationalistischen Denkweisen stammen schließlich von einem politischen Emporkömmling,welcher selbst Gülen nahestand, mit diesem paktierte und der sich durch die Umwandlung der von ihm besuchten Schulen akademische Grade ergaunert hat.

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