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Empathiefähigkeit geht zurück – Jedes dritte Kind fühlt sich von den Eltern unbeachtet

LEVERKUSEN. Überforderte Eltern, die als überlastete Doppelverdiener keine Zeit mehr für ihre Kinder haben und die Erziehung ihrer Sprösslinge der Schule überlassen, sind, anders als vielfach angenommen, noch nicht der Normalfall in der deutschen Gesellschaft. Doch die basale, emotionale Eltern-Kind-Beziehung weist in vielen Familien Störungen auf, deren Auswirkungen gravierende gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen könnten. In einer aktuellen Studie der Universität Bielefeld hat der Sozialpädagoge Holger Ziegler untersucht, wie die Achtsamkeit der Eltern von Kindern und Jugendlichen empfunden wird.

Die familiären Beziehungen, die Kinder und Jugendliche erleben, sind eine entscheidende Grundlage für die Herausbildung von Selbstbewusstsein, Vertrauen, Empathiefähigkeit und Lebenszufriedenheit. Wertschätzung, Zuwendung und Geborgenheit in der Eltern-Kind-Beziehung gehen weit über einen Erziehungsbegriff hinaus, der das „Funktionieren“ von Kindern in den Mittelpunkt stellt.

Unbeachtete Kinder und Jugendliche weisen Defizite in ihrer Lebenszufriedenheit, Empathiefähigkeit und ihrem Selbstvertrauen auf. Foto: Bayer Vital GmbH (Bepanthen-Kinderförderung).

Unbeachtete Kinder und Jugendliche weisen Defizite in ihrer Lebenszufriedenheit, Empathiefähigkeit und ihrem Selbstvertrauen auf. Foto: Bayer Vital GmbH (Bepanthen-Kinderförderung).

Der emotionale Austausch erfordert von Eltern ein hohes Maß an Achtsamkeit gegenüber den eigenen Kindern, auch wenn dem im Alltag oft mangelnde Zeit und Stress entgegenstehen. Fühlen sich Kinder und Jugendliche in ihren Familien nicht genügend beachtet, kann dies gravierende Defizite erzeugen.

Wie Kinder und Jugendliche die Achtsamkeit in ihren Familien erleben, hat der Bielefelder Sozialpädagoge Holger Ziegler im Auftrag der zum Bayer-Konzern gehörenden Bepanthen-Kinderförderung untersucht. Insgesamt wurden 1083 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis elf bzw. 12 bis 16 Jahren befragt.

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Das Ergebnis bezeichnet der Forscher als „beunruhigend“: Fast jedes dritte Kind (31 Prozent) und jeder fünfte Jugendliche (17 Prozent) fühlten sich von ihren Eltern nicht beachtet. Das seien insgesamt 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland.

Ob die Befragten sich insgesamt unbeachtet oder beachtet fühlen, wurde in der Bewertung anhand verschiedener grundsätzlicher Aussagen zusammengefasst, zum Beispiel „Meine Eltern merken, ob es mir gut geht“, oder „Meine Eltern hören mir ganz genau zu, wenn ich etwas sage“. Weitere Fragen differenzierten die Ergebnisse.

Mehr als zwei Drittel (71 Prozent) der sich unbeachtet glaubenden Kinder verneinten etwa die Frage, ob ihre Eltern sich gerne mit ihnen beschäftigen. Eine Nachfrage, wie der Tag war, gemeinsame Unternehmungen und Zuneigungsbekundungen wie „Ich hab dich lieb“ scheinen keineswegs überall die Regel zu sein, so die Studie.

Auch die emotionale Verfassung ihrer Sprösslinge haben viele Eltern offenbar nicht im Blick. Lediglich die Hälfte der unbeachteten Kinder bejahte die Frage, ob ihre Eltern ihre Gemütslagen, wie zum Beispiel Kummer erkennen. Bei den Jugendlichen war es lediglich ein Viertel. Von den Kindern, die in der Familie grundsätzlich Beachtung für ihre Bedürfnisse empfinden stimmten dagegen mehr als drei Viertel (78 Prozent) der Frage zu, bei den entsprechenden Jugendlichen waren es noch knapp zwei Drittel (65 Prozent).

Hinsichtlich der Entwicklung des eigenen Selbstvertrauens erlebten 81 Prozent der beachteten Kinder Zutrauen ihrer Eltern in ihre Fähigkeiten. Ermutigung, dem eigenen Urteil zu folgen verspürten gut zwei Drittel. 78 Prozent der unbeachteten Kinder und Jugendlichen fehlt dagegen diese Hilfestellung.

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Bei der Frage nach dem Gefühl der Geborgenheit in der eigenen Familie und der eigenen Lebenszufriedenheit zeigten sich Ziegler zufolge alarmierende Ergebnisse: 11 Prozent der beachteten und fast die Hälfte (46 Prozent) der nicht beachteten Jugendlichen empfänden keine Geborgenheit bei ihren Eltern. Eine allgemeine Zufriedenheit mit sich selbst und ihrem Leben empfinden nur etwas mehr als die Hälfte (53 Prozent) aller Kinder.

Ein Ergebnis gibt den Bielefelder Forschern besonders zu denken: Nur 54 Prozent der befragten Kinder gaben an, dass sie sich in andere hineinversetzen könnten und mit ihnen mitfühlten. Bei den nicht beachteten Kindern waren es sogar nur 40 Prozent, bei den Jugendlichen 29.

Es zeige sich mithin eine auffällige Abnahme der Empathiefähigkeit, wobei Ziegler die Ursachen unter anderem in der gesellschaftlichen Entwicklung sieht: „Die Gesellschaft fühlt nicht mehr mit. Die Vermittlung von Solidaritätswerten nimmt ab – auch in der Erziehung.“

Werde diese Fähigkeit jedoch nicht in ausreichendem Maße entwickelt, könne dies unter anderem zu einer Bindungsstörung führen, die sich negativ auf den gesamten weiteren Lebensweg auswirken könne. Nicht vorhandene Achtsamkeit sei für die Entwicklung von Kindern so gravierend wie ein Leben in Armut.

Zugleich habe die Studie aber auch gezeigt, das Achtsamkeit weder ein Privileg wohlhabender Menschen noch der Familie im traditionellen Sinn sei. „Die Beziehungsqualität in Familien in ihren verschiedensten Formen, wie beispielsweise in Patchworkfamilien, ist einzigartig. Nur im Familienverbund gibt es die Form der bedingungslosen Liebesbeziehung, das kann keine Institution kompensieren“, so Ziegler. (zab, pm)

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