Startseite ::: Thema des Tages ::: Inklusion schreitet voran – je nach Bundesland in unterschiedlichem Tempo: Bremen vorne, Hessen und Bayern hinten

Inklusion schreitet voran – je nach Bundesland in unterschiedlichem Tempo: Bremen vorne, Hessen und Bayern hinten

BERLIN. In Deutschland werden immer mehr Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet. Das geht aus einer Abfrage bei allen Bundesländern hervor, die die «Rheinische Post» ausgewertet hat. Demnach besuchten im zu Ende gehenden Schuljahr 2016/17 41,1 Prozent aller Schüler mit Förderbedarf eine Regelschule, im Schuljahr davor lag die Quote um 3,4 Prozentpunkte darunter bei 37,7 Prozent. Die Bundesregierung hatte sich 2009 mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention zur Inklusion verpflichtet.

Streitthema Inklusion: Der Druck auf die Lehrerschaft wächst. Foto: zeevveez / flickr (CC BY 2.0)

Streitthema Inklusion: Der Druck auf die Lehrerschaft wächst. Foto: zeevveez / flickr (CC BY 2.0)

In den Bundesländern gehen die Inklusionsanstrengungen indes weit auseinander. Spitzenreiter ist der Zeitung zufolge Bremen mit einer Quote von 88,9 Prozent, Schlusslicht ist Hessen. Dort besuchen lediglich 26,8 Prozent der Schüler mit Förderbedarf eine Regelschule. Besonders hoch ist die Inklusionsquote in sämtlichen Stadtstaaten (Berlin 74,4; Hamburg 64,2). Für Niedersachsen hatte Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) im Mai den Wert von 61,4 Prozent angegeben.

Eine erfolgreiche Inklusion messe sich nicht an Quoten, hieß es am Dienstag im CDU-geführten hessischen Kultusministerium in Wiesbaden. Man setze bei Kindern mit festgestelltem Förderbedarf auf die Wahlfreiheit von Eltern. Dies könnten je nach Bedarf vor Ort zwischen dem Angebot von Förderschulen und ‎inklusivem Unterricht an einer Regelschule wählen, sagte ein Ministeriumssprecher. Zugleich sei es wichtig, die Lehrer an den Regelschulen auf den inklusiven Unterricht vorzubereiten.

Scharfe Kritik an der schwarz-grünen Landesregierung kam hingegen von der Landtagsopposition. «Überall fehlen Förderstunden, Eltern fühlen sich als Bittsteller und werden unzumutbar lange im Unklaren darüber gelassen, wie es für ihr Kind weitergeht», klagte der SPD-Abgeordnete Christoph Degen. Das Land könne neue Stellen für inklusive Schulen gar nicht besetzen, weil es an entsprechender Aus- und Fortbildung für Lehrer fehle. Die Linke-Fraktion forderte eine bessere personelle und räumliche Ausstattung, um die Inklusion gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen.

“Auf einem guten Stand”

Im Osten liegt kein Flächenland oberhalb der 50-Prozent-Marke. In Thüringen sind im gerade zu Ende gegangenen Schuljahr knapp 3800 Schüler mit besonderem Förderbedarf gemeinsam mit Schülern ohne Handicap unterrichtet worden. Somit besuchten insgesamt 45,5 Prozent der Schüler mit körperlichen Beeinträchtigungen oder Lernbehinderungen eine allgemein bildende staatliche Schule, wie das Bildungsministerium am Dienstag auf Anfrage mitteilte. Im Schuljahr 2014/15 lag dieser Anteil noch bei 38,1 Prozent. Damit sei das Land bei der sogenannten Inklusion auf einem guten Stand, so ein Ministeriumssprecher.

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Besonders niedrig ist der Anteil an Schülern mit Förderbedarf an Regelschulen in Bundesländern mit konservativeren Regierungen, wie die Zeitung weiter berichtete. In Sachsen liegt die Quote bei 32,8 Prozent, in Bayern liegt bei 27,4 Prozent.

Das bayerische Kultusministerium betonte in einer Stellungnahme: «Zahlen allein, wie es die Rheinische Post angeht, sagen wenig über gelingende Inklusion aus.» Tatsächlich komme die Inklusion in Bayern gut voran. Förderschulen seien zudem Lernorte, die viele Eltern schätzten. Mit dem Gesetz zur Umsetzung der Konvention von 2011 habe der bayerische Landtag die Inklusion zu einem Kernanliegen des Schulwesens gemacht, so das Kultusministerium. «Der Freistaat stellt eigens für die Inklusion seit 2011 jedes Jahr 100 zusätzliche Lehrerstellen zur Verfügung, bisher sind dies insgesamt 600 zusätzliche Lehrerstellen.»

Aber auch in Rheinland-Pfalz (31,4) ist der Anteil verglichen mit dem Durchschnitt niedrig. Nordrhein-Westfalen liegt mit einer Inklusionsquote von 40,5 Prozent im Durchschnitt. dpa

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4 Kommentare

  1. Ist es Zufall oder Kausalität, dass die Bundesländer mit den höchsten Inklusionsquoten im Ländervergleich die schwächsten Schülerleistungen haben?

    • Für mich ist es klar Kausalität. In einer leistungsheterogenen großen Klasse, besetzt mit minimalem Personal kann man nicht so viele Erfolge erzielen. Es ist einfach nicht zu schaffen. Irgendjemand bleibt immer auf der Strecke. Wenn man Inklusion will, muss man die Schulen anders strukturieren und personell besetzen. Das was bisher geschehen ist, ist viel zu wenig.

    • Ich würde es nicht für Zufall halten, aber Kausalität geht mir zu weit.
      Die Inklusion in Nds. erreicht die Abschlussklasen der weiterführenden Schulen noch nicht, die Ergebnisse oder Auswirkungen der Inklusion werden also erst in 2 oder 3 Jahren ersichtlich oder noch später.

      Andererseits sind dies die Länder, die womöglich auch an anderen Stellen zu ständigem Wechsel der Richtung tendieren. Eine Änderung jagt die nächste und vieles wird umgesetzt, ohne klare Vorgaben zu erarbeiten oder die Lehrkräfte vorzubereiten.
      Wenn dies auch sonst im Bundesland üblich ist, kann es sich durchaus auch in Schülerleistungen zeigen.

      Interessant wäre, ob die Inklusionsquoten im Sinne Prozentsatz aller SuS in den BL unterschiedlich ist und wie diese Zahlen zu den o.g. Quoten passen.

      Außerdem wird z.B. BY als Land mit niedrigerer Inklusionsquote genannt, andererseits gibt es dort auch ohne Inklusion ja offenbar breite Unterstützungssysteme und erheblich mehr Personal für die Förderung als z.B. in Nds.
      Somit kann man die Kausalität auch dort finden, wo lieber auf Kosten der Schüler Lehrkräfte eingespart werden und die Umsetzung von Schulreformen dem Sparzwang dient.

  2. Die hohen Werte bei den “Top”-Ländern werden aber teuer erkauft: Ohne Planung und Konzept wurde alles zusammengeschmissen – die Werte heißen aber nicht, dass man von gelungener Inklusion sprechen darf. Das Gegenteil ist dr Fall, für das sich einige Leute in Grund und Boden schämen sollten. Bedenklich ist nur: Sie tun es nicht.
    Das HKM in Wiesbaden mag der Presse gegenüber verlautbaren lassen, was es will. Wenn die Damen und Herren am Luisenplatz nicht endlich begreifen, dass ohne eine Dienstaufsicht über die Schulämter, die bislang wie Königreiche regiert werden, die besten Ideen nichts bringen, wenn man nicht mit Interesse und Handlungen auf eine Umsetzung drängt, dann kann man das ruhig dicht machen.

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