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Späte Konsequenz: Uni Gießen entzieht Euthanasie-verstricktem Hirnforscher posthum die Ehrung

GIEßEN. Die Justus-Liebig-Universität entzieht dem renommierten Hirnforscher Hugo Spatz (1888–1969) die Ehrensenatorwürde wegen seiner Verstrickungen in das Euthanasie-Programm der Nazis. Die Erkenntnisse dazu stammen allerdings bereits aus den 1980er-Jahren. Schon vor 18 Jahren hatte die deutsche Gesellschaft für Neurologie den nach dem ehemaligen Leiter des Max-Plank-Instituts für Hirnforschung benannten Forschungspreis umbenannt.

Die Uni Gießen hat einem weiteren historisch belasteten Hirnforscher posthum eine Ehrung entzogen. Konkret verliert Hugo Spatz die ihm 1969 verliehene Ehrensenatorenwürde. Spatz sei in das «Euthanasie»-Programm der Nationalsozialisten eingebunden gewesen, teilte die Justus-Liebig-Universität (JLU) mit. «Er hat mit seiner medizinischen Forschung die ethischen Prinzipien der Wissenschaft verletzt und mit seinen Untersuchungen billigend in Kauf genommen, dass Menschen an Leib und Seele Schaden zugefügt wird», hieß es zur Begründung.

Gedenkstein für die Opfer des NS-Euthanasie-Programms auf dem Münchener Waldfriedhof. Foto: Cholo Aleman / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Gedenkstein für die Opfer des NS-Euthanasie-Programms auf dem Münchener Waldfriedhof. Foto: Cholo Aleman / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Vor zwei Monaten hatte die JLU bereits dem verstorbenen Hirnforscher Julius Hallervorden aus dem gleichen Grund die Ehrendoktorwürde entzogen. Die beiden Männer waren Weggefährten gewesen. Hallervorden hatte seine Ehrung sieben Jahre vor Spatz erhalten. Sie hatten während des Zweiten Weltkrieges an einem Berliner Institut das «Euthanasie»-Programm genutzt, um bei der Obduktion der Opfer Gehirne zu entnehmen und damit zu forschen. Später hatten sie mindestens 700 dieser Proben mit ans Gießener Max-Planck-Institut für Hirnforschung gebracht und enge Kontakte zur Uni gepflegt.

Mit dem Entzug der Ehrung schließt sich die JLU recht spät anderen Institutionen an. Nachdem der Historiker Götz Aly in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die Herkunft der Sammlung Hallervorden aufgedeckt hatte, wurden etwa 1990 alle Hirnschnitte aus der Zeit von 1933 bis 1945 auf dem Münchener Waldfriedhof bestattet. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie hatte 1999 den nach Hugo Satz benannten Preis für herausragende Erkenntnisse auf dem Gebiet des Hirnstoffwechsels in Adolf-Wallenberg-Preis umgewidmet. Hinter dem «Euthanasie»-Programm der Nazis verbarg sich der organisierte Massenmord an seelisch leidenden, körperlich oder geistig behinderten Menschen und an chronisch Kranken. (dpa)

Ein Kommentar

  1. Axel von Lintig

    Das ist eine späte, aber dennoch eine gute Nachricht.
    Erschreckend ist allerdings die große Zahl an verantwortlichen,führenden Arztfunktioären der Nachkriegszeit,die nie für ihre Verbrechen belangt wurden und dennoch in ihren Positionen blieben, weil kaum ein deutscher Staatsanwalt gegen diese ermittelte.

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