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Wenn die Familie versagt: Jugendheime spiegeln die Nöte der Gesellschaft

MAINZ. Sie sind da, wenn Eltern nicht mehr da sind, einem Kind sogar schaden oder selbst Hilfe brauchen: die Kinder und Jugendheime in Deutschland. Der bundesweit einmalige Fall eines 13-jährigen Terrorverdächtigen aus Ludwigshafen (Bericht unten) hat die vorhandenen Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe offenbar an ihre Grenzen geführt. Wie aber sieht der Alltag der „stationären Hilfen zur Erziehung“ aus, wie die Heime im Verwaltungsdeutsch genannt werden?

Die Jugendhelfer bemühen sich zunächst vorrangig um eine ambulante Unterstützung der Familien, bevor ein Kind herausgenommen wird. Foto: Lauri Heikkinen / flickr (CC BY 2.0)

Die Jugendhelfer bemühen sich zunächst vorrangig um eine ambulante Unterstützung der Familien, bevor ein Kind herausgenommen wird. Foto: Lauri Heikkinen / flickr (CC BY 2.0)

Der Alltag sei so vielfältig wie die Gründe, die einen Jugendlichen aus dem Elternhaus in ein Heim führten, antwortet die Leiterin des Jugendhilfezentrums Don Bosco Helenenberg, Sieglinde Schmitz. «Es sind nicht immer nur die „bösen“ Eltern. Oft kommen die Störfaktoren von außen.»

Don Bosco Helenenberg, zwischen Trier und Bitburg gelegen, ist mit 140 jungen Menschen in 16 Wohngruppen eine der größten Einrichtungen in Rheinland-Pfalz – andere bieten sehr viel weniger Plätze. In der Jugendhilfe werden möglichst kleine Einheiten eingerichtet. Das ist auch eine Konsequenz aus schlimmen Erfahrungen in der Heimerziehung früherer Jahrzehnte. Bis 1982 kamen Jungen, die von Heimen kirchlicher oder privater Träger als «schwerst erziehbar» abgewiesen wurden, in staatliche Heime. Das dort von Jugendlichen erlittene Leid hat eine im vergangenen Jahr unter dem Titel «Verwaltet und vergessen» vorgelegte Dokumentation dargestellt.

Zahl der Schützlinge gestiegen

Heute sind rund 5500 Kinder und Jugendliche allein in Rheinland-Pfalz mit ganz unterschiedlichen Werdegängen in den Heimen untergebracht. Unter ihnen sind auch mehr als 1400 minderjährige Flüchtlinge in der Obhut der Jugendämter. Die Zahl der Schützlinge in der stationären Hilfe ist seit 2002 um 13,9 Prozent gestiegen; Höhepunkt war das Jahr 2012 mit 6088 Kindern und Jugendlichen. Etwa 45 Prozent sind Mädchen.

Sehr viel stärker gestiegen sind die ambulanten Hilfen zur Erziehung, seit 2002 um 168 Prozent auf mehr als 13.800 Einsätze. Die Jugendhelfer bemühen sich zunächst vorrangig um eine ambulante Unterstützung wie regelmäßige Beratung und individuelle Begleitung. Die stationäre Unterbringung wird nur beschlossen, wenn keine andere Möglichkeit mehr gesehen wird.

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Wie in einem Brennglas kommen in den Heimen gesellschaftliche Probleme zum Vorschein – etwa früher Leistungsdruck, Schulstress oder die Auswirkungen von Hartz IV und sozialer Ungleichheit. «Die Kinder- und Jugendhilfe umfasst aber nicht nur Hilfen zur Erziehung, sondern auch Kindertagesbetreuung und Jugendarbeit», sagt der zuständige Abteilungsleiter im Familienministerium, Klaus Peter Lohest. «Sie ist deshalb alles in allem nicht die Schmuddelecke der Republik, sie ist ihr Zentrum.» Hinweise auf eine mögliche Gefährdung des Kindeswohls würden allerdings auch häufiger gemeldet. Und Jugendämter würden eher aktiv als früher.

Auch Gewalt ist in den Jugendheimen ein Thema. «Die allermeisten unserer Betreuten haben wenig soziale Fähigkeiten, um ihren Stress und ihren Frust verbal zu kommunizieren», erklärt Helenenberg-Leiterin Schmitz. Daher gehöre die Pädagogik zur Deeskalation zu den wichtigsten Aufgaben der Betreuung. Die Jugendlichen könnten so lernen, emotionale Verletzungen mit Worten und nicht mit der Faust zum Ausdruck zu bringen. Insgesamt mehr als 200 Menschen gibt das Jugendzentrum Helenenberg einen Arbeitsplatz, auch Schulunterricht und Berufsausbildung gehören dazu.

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Die Anfrage für eine Unterbringung geht in der Regel vom Jugendamt aus. Die Einrichtung prüft dann, ob die Anfrage zum eigenen Angebot passt. Bei einem anschließenden Vorstellungsgespräch werden die Bedürfnisse abgeklärt, auch der Jugendliche und seine Eltern oder der Vormund sind mit dabei. Wenn alles passt, wird der Jugendliche aufgenommen. «Es braucht Übereinstimmung in allen Bereichen», erklärt Schmitz. «Wir können viel, aber wir können nicht alles.» Die Situation ist für Eltern oft nicht einfach, manche erfahren es als Scheitern, wenn sie ihr Kind in fremde Hände geben. In der Hilfe zur Erziehung gibt es aber andere Möglichkeiten, um Ressourcen der persönlichen Entwicklung zu stärken, Defizite zu erkennen und auszugleichen.

Pädagogische Begleitung gibt es auch in der offenen Jugendarbeit, wie sie etwa Pater Aloys Hülskamp im Trierer Westen betreibt. Mit seinen in ehemaligen Kasernen entstandenen Sozialwohnungen gilt der Stadtteil als sozialer Brennpunkt. Die Jugendlichen können hier spielen, Sport treiben oder Unterstützung für Hausaufgaben finden. Der Ordensmann wohnt selbst im Jugendzentrum. «Der Bedarf ist da», sagt der Pfarrer. «Ich glaube schon, dass soziales Engagement in allen Bereichen Früchte trägt.»

Am anderen Ende der Jugendarbeit stehen geschlossene Einrichtungen, von denen es in Rheinland-Pfalz zwei gibt, eine für Mädchen und eine für Jungen. Im Jugendheim Mühlkopf in Rodalben (Kreis Südwestpfalz) leben insgesamt 30 Jungen in vier Wohngruppen, von denen zwei geschlossen sind. «Bei der geschlossenen Unterbringung handelt es sich nicht um Jugendarrest», betont die Leiterin Petra Ziegler. «Wir wollen die Jugendlichen nicht abschotten oder ghettoisieren, sondern ins normale Leben führen.»

Im geschlossenen Bereich bleiben die Jugendlichen durchschnittlich sieben bis acht Monate. Dann können sie in eine offene Gruppe verlegt werden. Aber es gibt auch Jungen, die schon das fünfte Jahr in Rodalben sind. Beständigkeit in der Betreuung, mit einer festen Bezugsperson, gilt als wichtige Voraussetzung, um den Erziehungsauftrag in der Jugendhilfe zu einem guten Ende zu führen. Dies gilt genauso auch für den 13-Jährigen aus Ludwigshafen, wie der fachliche Leiter des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF), Thomas Meysen, betont: «Häufige Wechsel sind nicht förderlich.» Von Peter Zschunke, dpa

 

Hintergrund: Der Fall aus Ludwigshafen

Ein 13-jähriger Deutsch-Iraker hatte Mitte Dezember vergangenen Jahres versucht, eine Bombe am Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen abzulegen. Nachdem dies aufgedeckt worden war, wurde ein freier Jugendhilfeträger mit der pädagogischen Rund-um-die-Uhr-Betreuung des Jungen beauftragt.

Dabei ist es nach Informationen der SWR-Sendung „Report Mainz“ zu einer Panne gekommen: Einer der Mitarbeiter soll demnach der islamistischen Szene angehören. Bei einer Sicherheits- und Zuverlässigkeitsüberprüfung der Betreuer habe das Landeskriminalamt Erkenntnisse erhalten, „die den Verdacht begründeten, dass eine Nähe zu islamistischen Kreisen bestehen könnte“, heißt es in einer Antwort des rheinland-pfälzischen Jugendministeriums. „Das Jugendministerium veranlasste umgehend, dass der Mann noch am gleichen Tag aus der Betreuung abgezogen wurde.“ Zuständig für die Betreuung ist die Stadt Ludwigshafen.

 

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