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Wenn Kollegen und Schulleitung den Dienst „zur Hölle“ machen – wie verbreitet ist Mobbing unter Lehrkräften?

VILLINGEN-SCHWENNINGEN. Wie verbreitet ist Mobbing unter Lehrkräften? Die Dunkelziffer ist offenbar hoch – nur wenige Betroffene machen ihre Geschichte öffentlich. Der „Schwarzwälder Bote“ berichtet aktuell vom Fall einer Lehrerin, für den die Schule „zur Hölle“ geworden sei. Die Frau erhebe nicht nur gegen eine Kollegin, sondern auch gegen die Schulleitung schwere Vorwürfe. Sie ist dem Bericht zufolge bereits seit einem Jahr krankgeschrieben. Auch wenn in diesem Fall eine abschließende Klärung, ob es sich tatsächlich um Mobbing handelt, aussteht – es kommt tatsächlich nicht selten vor, dass Lehrkräfte sich krank melden, weil sie sich von Kollegen oder Schulleitungen schikaniert fühlen. Dies hat eine Umfrage der Universität Landau bereits vor fünf Jahren ergeben.

Mobbing betrifft überproportional oft Frauen - und im öffentlichen Dienst häufen sich die Fälle (Symbolfoto). Foto: Gisella Klein / flickr (CC BY-NC 2.0)

Mobbing betrifft überproportional oft Frauen – und im öffentlichen Dienst häufen sich die Fälle (Symbolfoto). Foto:
Gisella Klein / flickr (CC BY-NC 2.0)

Wer geglaubt hat, dass das Mobbing von Lehrkräften am stärksten durch Schülerinnen und Schüler erfolgt, der irrt. Eine umfangreiche Befragung von deutschsprachigen Lehrkräften durch das Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) der Universität in Landau ergab bereits Ende 2012: Im Empfinden der Lehrkräfte sind die direkten Mobbingattacken aus der Sicht der Betroffenen am stärksten seitens der Schulleiter und Schulleiterinnen, gefolgt von den Kolleginnen und Kollegen, den Eltern und den Schülerinnen und Schüler der eigenen Klasse.

Aus Neid auf den Deutschen Lehrerpreis von der Schulleitung gemobbt? Ausgezeichnete Lehrerin seit Monaten krankgeschreiben

Insgesamt 41 Prozent von 1500 befragten Lehrern gaben dabei an, schon einmal gemobbt worden zu sein. Jeder sechste Lehrer (17 Prozent) sagte, er werde mehr als viermal im Monat angegangen. Diese regelmäßigen Mobbing-Opfer sind nach eigenen Angaben überwiegend von direktem Mobbing betroffen – beispielsweise Beleidigungen, verbalen und körperlichen Attacken oder Ausschließen aus der Gruppe. Nur ein Bruchteil der Betroffenen berichtete von Cybermobbing.

Das Projektteam des zepf unter Leitung von Prof. Reinhold S. Jäger ermittelte bei der Auswertung der Befragung auch einige Faktoren, die das Mobbing von Lehrkräften beeinflussen:

  • Lehrerinnen und Lehrer in Schulen, die keinen Verhaltenskodex gegen Mobbing etabliert haben, besitzen ein zweifach höheres Risiko, Opfer von direktem Mobbing zu werden, als Lehrkräfte aus Schulen mit einem Verhaltenskodex.
  • Die Wahrscheinlichkeit, Opfer von direktem Mobbing zu werden, ist bei Lehrkräften mit oder ohne Fortbildungsmaßnahmen zur Thematik Mobbing annähernd gleich verteilt. Das Risiko besteht bei beiden Gruppen bei ca. 50:50.
  • Die Wahrscheinlichkeit, Opfer von direkten Mobbingattacken zu werden, ist in den Schulen ohne Maßnahmen gegen Mobbing, um das 2,17fache höher in denjenigen Schulen ist, in denen Maßnahmen gegen Mobbing realisiert werden.
  • Das Risiko, Opfer von direkten Mobbing zu werden, steigt mit der Anzahl der Berufsjahre, welche die betreffende als Person als Lehrkraft tätig ist an. Das Risiko ist für die mehr als 22 Jahre Tätigen ist um das 1,56fache höher als das der Anfänger (bis sieben Jahre im Dienst).
  • Das Risiko, in der Primarstufe Opfer von Mobbing zu werden, ist um das 1,28fache höher als in den anderen Schulstufen.

Die häufigsten Mobbingattacken sind danach: durch andere schlecht gemacht werden (54 Prozent), unter Druck gesetzt werden (54 Prozent), ignoriert werden (47 Prozent), von Anderen ausgegrenzt werden (47 Prozent). Das Risiko für Lehrerinnen ist um das 1,4 fache höher als das für Lehrer. Die Möglichkeiten, die Mobbingattacken zu bewältigen,  sind vielfältig, meist wird aber von den Betroffenen der jeweilige Vorfall mit dem Partner oder der Partnerin, mit Freunden, mit Kolleginnen oder Kollegen besprochen.

Jäger sieht die Notwendigkeit, das Mobbing bereits bei den Lehramtskandidaten zum Thema zu machen. „Hier greifen die Ausbildungsinhalte derzeit noch zu kurz“, sagte er seinerzeit. „Aber es gehört auch in die Verantwortung der Schulen selbst, das Thema aktiv anzugehen. Dazu müssen allerdings auch Schulleiterinnen und -leiter entsprechend qualifiziert werden. Es ist an der Zeit, die Voraussetzungen für eine qualifizierte Personal- und Organisationsentwicklung an den Schulen zu leisten.“ Denn letztendlich gelte: „Das Schulklima wird entscheidend durch das Klima im Kollegium und zwischen Leitung und Kollegium bestimmt, und dort, wo das Schulklima stimmt, sind beste Voraussetzungen dafür geschaffen, ein für die Schülerinnen und Schüler förderliches Klima zum Lernen und Erzielen von guten Leistungen bereit zu stellen.“

Befremdet ist Jäger allerdings nach dem Bericht des „Schwarzwälder Boten“ darüber, dass übergeordnete Stellen wie Schulämter oder Regierungspräsidien nicht selten untätig blieben. „Das wird häufig unter den Tisch gekehrt.” Hilfe bekämen seinen Erfahrungen nach nur wenige Betroffene. Mehr noch: Die Opfer würden mitunter selbst zu Störenfrieden erklärt – und ihnen signalisiert, „dass sie wohl im falschen Job gelandet sind und lieber etwas anderes machen sollten“. bibo/Agentur für Bildungsjournalismus

 

Hintergrund: der Mobbing-Report

DORTMUND. Der „Mobbing-Report“ der Sozialforschungsstelle Dortmund aus dem Jahr 2002 gilt nach wie vor als Grundlagenwerk zum Thema – erstmals wurde repräsentativ für ganz Deutschland und über alle wichtigen Branchen hinweg das Ausmaß von Mobbing erfasst. In der Studie heißt es:

„Ein zentrales Ergebnis der repräsentativen Studie zum Ausmaß von Mobbing ist, dass in der Bundesrepublik Deutschland aktuell 2,7 % der Erwerbstätigen von Mobbing betroffen sind. Wird diese zeitpunktbezogene Betrachtung auf den Zeitraum eines Jahres (2000) erweitert, summiert sich der Anteil der von Mobbing betroffenen Personen auf 5,5 %. Die Daten belegen des weiteren, dass 11,3 % – also mehr als jede/r neunte Erwerbstätige – im Laufe des Berufslebens bereits einmal von Mobbing  betroffen gewesen ist. Festgestellt wurde, dass es keinen Bereich gibt, der als „mobbingfreie“ Zone gelten könnte: Vielmehr zieht sich das Phänomen quer durch alle Berufsgruppen, Branchen und Betriebsgrößen sowie Hierarchiestufen und Tätigkeitsniveaus.“

„Es konnten bestimmte Merkmale identifiziert werden – die vor allem miteinander kombiniert – die Gefahr, von Mobbing betroffen zu werden, deutlich erhöhen. Hierzu zählen vor allem Geschlecht und Alter der Beschäftigten: Frauen sowie jüngere Mitarbeiter/innen bis zu 25 Jahren, vor allem Auszubildende, sind besonders gefährdete Gruppen. Weibliche Beschäftigte haben eine Betroffenheitsquote von 3,5 % gegenüber männlichen von 2,0 %, d. h. ihr Mobbingrisiko liegt um 75 % höher als das der Männer.“

„Als  mobbende  Personen  sind  sowohl  Vorgesetzte  als  auch  Kolleg/innen  identifiziert worden. In 38,2 % der Fälle sind Vorgesetzte die alleinigen Mobber, in 12,8 % mobben  sie  gemeinsam  mit  einem  oder  mehreren  Kolleg/innen.  Eine  Gruppe  von  Kolleg/innen hat sich in 20,1 % der Fälle als  Mobber herauskristallisiert. Kolleg/innen als Einzelpersonen sind in 22,3  % die Mobbingakteure. Ein  typischer  Mobber  ist  männlich,  Vorgesetzter,  zwischen  35  und 54 Jahre alt und zählt zu den langfristig Beschäftigten.“

„Bei  Beschäftigten,  die  zur  Zielscheibe  von  Schikanen,  Intrigen  und  Ausgrenzung werden, zeigen sich zu 98,7 % Auswirkungen auf das Arbeits- und Leistungsverhalten  (z.  B.  Demotivation,  Misstrauen,  Nervosität,  Verunsicherungen,  sozialer  Rückzug).  43,9  %  erkrankten  in  Folge  des  Mobbing,  davon  wiederum  fast  die  Hälfte  für mehr als  sechs Wochen. Arbeitsrechtliche Schritte in  Form von Versetzungen und Kündigungen von  Seiten des  Arbeitgebers treffen deutlich häufiger die  Betroffenen, als die Verursacher des Mobbing.“

Hier lässt sich der „Mobbing-Report“ herunterladen.

5 Kommentare

  1. Der Artikel packt ein heißes Eisen an. Dafür, dass die Redaktion von news4teachers ihn bringtt, möchte ich danken.
    Ich denke auch, dass so etwas Ähnliches wie Mobbing unter Lehrkräften durch die Konkurrenz um Anerkennung im Kollegium und bei den Eltern sowie Beliebtheit bei den Schülern sehr groß ist. Lehrer haben im Gegensatz zu anderen Berufen vor allem dieses schlechte, Unkollegialität fördernde Maßband für ihr Ansehen und ihre scheinbare Qualität. “Mobbing” würde ich das Ganze allerdings nicht nennen, obwohl die psychischen Belastungen und Auswirkungen wahrscheinlich ähnlich sind.
    Den Schulleitern spreche ich in Sachen Kollegialität und Sorge für ein gutes Miteinander große Einflussmöglichkeiten und eine hohe Verantwortung zu. Nur sehr gestandene Persönlichkeiten mit starkem Rückgrat und der Bereitschaft, sich in Konflikten vor das Kollegium zu stellen, Einzelne Lehrer unter 4 Augen aber auch zu kritisieren und sich nicht an Machtkämpfen zu beteiligen, können viel tun für eine kollegiale Arbeitsatmosphäre.
    Wenn Schulleiter schwache Persönlichkeiten sind und sich aus Unsicherheit oder Ängsten einer dominierenden und meist großmäuligen Gruppe des Kollegiums anschließen, sind sie der Sargnagel eines möglichst konfliktfreien Arbeitsklimas. Schulleiter sind für mich das Aund O in dieser Geschichte.
    Ihren Posten möchte ich allerdings nicht haben. Die Anforderungen nach außen und innen und die extrem hohe Verantwortung für alles Mögliche wären mir einfach zu groß.

  2. Ein “heißes” Eisen ist es aber auch deshalb, weil mit dem Vorwurf, ein “Mobbng”-Opfer zu sein, sich auch sehr egoistische Ziele erreichen lassen: EIn Versetzungsantrag, eine Wunschklasse usw.
    In der Tat spielt die Schulleitung bei einem guten Arbeitsklima die zentrale Rolle, wobei ein gutes Arbeitsklima meint, dass auch Konflikte ertragen werden können und ausgehalten werden können und anschließend wieder gemeinsam gearbeitet werden kann.
    Der Lehrerberuf, so wie er jetzt noch Realität im Alltag ist, fördert aber nur bedingt, dass Lehrkräfte und Schulleitungen ein notwendiges Maß an Selbstreflektion entwickeln, das notwendig wäre, zwischen “ich bin Mobbingopfer” und” ich trage gerade einen Teil zum Konflikt selbe bei” zu unterscheiden. Insofern ist die Idee der Befragung gut, sie geht aber methodisch eindutig nicht weit genug und einen nicht ausreichend untermauerten wissenscaftlichen Weg. Hier wäre noch einige Untersuchungen notwendig.

    • Es gibt hier zwei Aspekte: Einmal der Mobbing-Begriff, der oftmals schon bei blödem Trasch usw. verwendet wird, und echtem Mobbing.

      Zum anderen haben sie Recht mit dem Hinweis, dass oft Mobbingopfer in der Lehrerschaft auch Teil des Problems sind. Lehrer (und auch andere Berufsgruppen) sehen es erfahrungsgemäß ungerne, wenn sie Aufgaben zusätzlich erledigen müssen, weil ein Kollege es mal wieder nicht gebacken bekommt. Im Lehrerberuf ist das häufig der Fall, weil Schulleitungen dazu neigen, guten Lehrern Aufgaben von weniger guten Lehrern mit aufs Auge zu drücken, um den Ruf der Schule zu verbessern oder einfach nur weniger Ärger zu haben.
      Beispiel: Ein Kollege hat seit Jahren keine Klassenleitung mehr, weil er diese immer an die Wand gefahren hat (Elternbeschwerden, Druck der Schulaufsicht usw.). Also hat er weniger Arbeit, die andere mitmachen müssen. Das trägt nicht gerade zur Beliebtheit unter den Kollegen bei und im Extremfall wird auch Mobbing daraus. Ausgangspunkt ist aber die Unfähigkeit des gemobbten Kollegen.

  3. Das ist kein “heißes Eisen”, sondern traurige Realität!
    Ich bin Mobbingopfer seit dem Kindergarten durchgehend bis heute im Lehramt. Die hier nicht beleuchtete Opfergruppe sind behinderte Kollegen, und zwar nicht die klar abgrenzbar behinderten (Blinde, Rollis, Krebspatienten oder Amputierte), sondern die, mit denen man ständig reden müsste, um herauszufinden, was sie unterstützen würde und wo die Probleme liegen.

    Schade nur, dass der Beitrag vor Grammatikfehlern nur so wimmelt, sonst würde ich ihn direkt an meine Schulleitung schicken… Aber ich denke für ÖPR und ÖVP reicht es.

  4. “sondern die, mit denen man ständig reden müsste, um herauszufinden, was sie unterstützen würde und wo die Probleme liegen.”
    Sorry, aber die Frage sei erlaubt, ob die Berufswahl dann die richte war. Schule ist kein Therapieplatz, sondern der Alltag ist so, dass ich mich auf die Kollegen rechts und links von mir verlassen möchte und nicht immer fragen muss, was ich denn für den anderen noch schultern darf, damit der Teile seiner Arbeit macht.
    Die Arbeit als Lehrkraft ist fordernd und belastend, dass muss allen Beteiligten klar sein.
    Und alle Ansatzöe zu einem BEM verpuffen fast spurlos, da die Einzelschule – und weiter gehen die BEMs nichts – eben keine eierlegende Wollmichsau für alle Bedürftigkeiten sein können.

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