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Erziehungswissenschafler und Uni-Präsident Lenzen hält die Abkehr von G8 für falsch – lieber Orientierungsjahr an der Hochschule

HAMBURG. Viele Bundesländer haben sich von einer verkürzten Schulzeit mit «Turbo-Abitur» abgewendet. Der Vorsitzende des Aktionsrates Bildung, Prof. Dieter Lenzen, hält das für einen Irrweg. Der Hamburger Uni-Präsident hat eine andere Forderung an die Bildungspolitik.

Der Hamburger Uni Präsident und Erziehungswissenschaftler Prof. Dieter Lenzen ist einer der renommiertesten Bildungsforscher in Deutschland. Foto: Matthias Rojahn / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Der Hamburger Uni Präsident und Erziehungswissenschaftler Prof. Dieter Lenzen ist einer der renommiertesten Bildungsforscher in Deutschland. Foto: Matthias Rojahn / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Die Abkehr vieler Bundesländer vom «Turbo-Abitur» nach nur zwölf Schuljahren wieder hin zum neunjährigen Gymnasium (G9) ist nach Ansicht des Vorsitzenden des Aktionsrates Bildung, Dieter Lenzen, der falsche Weg. «Ich würde der Bildungspolitik empfehlen, nun nicht nach so kurzer Zeit wieder zurückzukehren zu G9, sondern dem G8-Modell eine Chance zu geben», sagte der Präsident der Universität Hamburg der Deutschen Presse-Agentur. Seine Forderung: Das durch die Verkürzung der Schulzeit gewonnene Jahr sollte für eine Verlängerung des Bachelor-Studiums von sechs auf acht Semester genutzt werden, so dass es eine einjährige Orientierungsphase für die Studienwahl enthalte und zur Persönlichkeitsbildung beitrage. In Bremen und Niedersachsen beginnt am Donnerstag das neue Schuljahr.

Schwenk zurück

Das «Turbo-Abitur» nach nur zwölf Schuljahren ist in Deutschland umstritten. Erst hatten sich fast alle Bundesländer dem internationalen Standard von acht Jahren Gymnasium (G8) angeschlossen, inzwischen gab es in einigen einen teilweisen oder völligen Schwenk zurück zur alten Form.

Explosive Expertise: Rückkehr zu G9 bringt nichts – außer hohe Kosten. Und die Abiturienten werden wieder älter

Warum hat G8 in Deutschland so ein Imageproblem? «Das ist die Unterstellung der Politik, dass Eltern – und das sind ja die Wähler – es bevorzugen, wenn die Kinder länger in einer abhängigen Lernphase sind», kritisierte der 69 Jahre alte Erziehungswissenschaftler. «Wir haben in Deutschland – das ist eine lange reformpädagogische Tradition, die in das 19. Jahrhundert zurückreicht – die Idee von dem Schonraum Kindheit.» Eltern neigten dazu, diesen möglichst groß zu machen.

Lenzen plädiert für ein dem Studium vorgeschaltetes Jahr, das allgemeinbildende Inhalte bieten soll. Das sei auch wichtig, weil die Studierenden heutzutage sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. «Beispielsweise ein Nord-Süd-Gefälle bei schulischen Ergebnissen, viele internationale Studierende oder Berufstätige ohne Abitur», berichtete Lenzen. In dem Orientierungsjahr könnten die Studierenden zudem herausfinden, welchen Beruf sie einmal ergreifen möchten und was sie am besten dafür studieren sollten.

Beckmann: Bei Abwicklung von G8 bloß nichts überstürzen – sonst droht schon wieder Chaos

Vorbild könnte laut Lenzen dabei etwa die USA sein. Bei der Einführung der Bachelor-Studiengänge habe Europa – insbesondere Deutschland – das Modell nicht richtig kopiert, monierte der Professor. «Diese Orientierung auf das Studium hin fehlt komplett. Das Gymnasium kann das nicht leisten.» Da helfe auch G9 – also ein Abitur nach 13 Schuljahren – nicht weiter. «Die Universität weiß am besten, welche Voraussetzungen sie in den einzelnen Studiengängen formuliert.»

Die Sorge, dass man in einem G8-Gymnasium zu wenig lernen könnte, ist nach Lenzens Meinung unbegründet. «Bei dem alten G9 wurden im Wesentlichen die Inhalte des elften Schuljahres gestrichen, weil sie sehr stark Wiederholung der Sekundarstufe I waren», sagte er. «Deshalb ist auch nicht so viel weggefallen.» Der Aktionsrat Bildung ist ein Gremium renommierter Bildungsforscher, das von der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) 2005 gegründet wurde. Von Stephanie Lettgen, dpa

 

G8 oder G9 - was gilt denn jetzt wo? Eine Übersicht

Das «Turbo-Abitur» nach nur zwölf Schuljahren ist umstritten. Nachdem sich zunächst fast alle Bundesländer dem internationalen Standard von acht Jahren Gymnasium (G8) angeschlossen hatten, gab es in einigen einen teilweisen oder völligen Schwenk zurück zum neunjährigen Gymnasium (G9).

BAYERN: Kehrt zum G9 zurück. Das beschlossen CSU-Landtagsfraktion und Staatsregierung im April dieses Jahres. Start der Reform soll zum Schuljahr 2018/19 sein, für die Klassenstufen fünf und sechs. Schüler sollen aber die Möglichkeit haben, die elfte Klasse auszulassen und weiterhin in acht Jahren zum Abitur zu kommen.

BADEN-WÜRTTEMBERG: Bleibt auch unter grün-schwarzer Landesregierung grundsätzlich bei G8 und bei 44 Schulversuchen mit G9.

BERLIN/HAMBURG: Eltern, die 13 Schuljahre bis zum Abitur bevorzugen, können ihre Kinder an integrierten Schulformen wie Stadtteilschulen anmelden. An Gymnasien wird das Abitur nach 12
Jahren abgelegt.

BREMEN: An den Gymnasien wird in der Regel der G8-Bildungsgang angeboten. An den Oberschulen mit gymnasialen Oberstufen besteht die Möglichkeit, das Abitur nach 12 oder 13 Jahren zu erlangen.

HESSEN: Seit dem Schuljahr 2013/14 können alle Gymnasien und kooperativen Gesamtschulen frei zwischen G8 und G9 und einem schulinternen Parallelangebot G8/G9 wählen. Die meisten Schulen haben sich für neun Jahre bis zum Abitur entschieden. Von den rund 16.000 Schülern, die im kommenden Schuljahr 2017/18 auf ein Gymnasium wechseln, besuchen rund 76,5 Prozent eine G9-Klasse.

NIEDERSACHSEN: Kehrte nach den Sommerferien 2015 als erstes Bundesland komplett zum Abitur nach 13 Schuljahren zurück. Leistungsstärkeren Schülern soll aber weiter die Möglichkeit eingeräumt werden, schon nach 12 Jahren das Abitur zu machen.

NORDRHEIN-WESTFALEN: Bietet beide Optionen: Neben 612 Gymnasien mit 12 Schuljahren gibt es Alternativen an über 500 weiteren Schulen – Gesamtschulen, Berufskollegs, Gymnasien im Modellversuch – für das Abitur nach 13 Jahren. Die neue schwarz-gelbe Landesregierung will das Abitur nach neun Jahren wieder zum Regelfall machen. Ziel ist es, G9 vom Schuljahr 2019/2020 prinzipiell einzuführen, den Schulen aber eine Wahlfreiheit zugunsten von G8 einzuräumen.

RHEINLAND-PFALZ: War als einziges West-Bundesland nicht auf den Zug aufgesprungen, G8 flächendeckend als einzige Gymnasialform einzuführen. Es gibt dort G8-Ganztagsgymnasien. Für gute Schüler war es zudem schon immer möglich, das Abitur nach 8 Gymnasialjahren an einem 9-jährigen Gymnasium abzulegen. Die Regel sind aber 9 Jahre.

SAARLAND: Hat ein Zwei-Säulen-Modell: Am Gymnasium gibt es das Abitur nach 12 Schuljahren, an der Gemeinschaftsschule nach 13 Jahren.

SCHLESWIG-HOLSTEIN: Will unter der neuen Regierung von CDU, Grünen und FDP flächendeckend zu G9 zurückkehren. G8-Gymnasien können einmalig entscheiden, ob sie beim Turbo-Abi bleiben wollen. Dafür wird aber in der Schulkonferenz eine Dreiviertelmehrheit benötigt.

NEUE BUNDESLÄNDER: Hier wird das Abitur an den Gymnasien in der Regel nach 12 Schuljahren abgelegt. dpa

 

5 Kommentare

  1. Es gibt eher ein Süd-Nord- als ein Nord-Süd-Gefälle in der schulischen Leistung …

    Aber im Ernst: Schüler mit einer Allgemeinen Hochschulreife sollen in einem allgemeinbildenden Vorbereitungsjahr an Hochschule studierfähig gemacht werden ?!?!? Das ist so ähnlich wie nach einer bestandenen Führerscheinprüfung in der Fahrschule fahren zu lernen. Man könnte die Sek II an den Schulen auch wieder als Vorbereitung auf das Hochschulstudium umbauen. Die 50%-Quote bei den Abiturienten lässt sich so zwar nicht mehr halten, aber der Ausbildungsmarkt braucht auch nicht nur Abiturzeugnisse.

    Seinen Äußerungen zu G8 stimme ich zu. In der Tat wurde oft im Wesentlichen an der ehemaligen 11 gekürzt, die an sich schon eher inhaltsarm war.*) Weil darüber hinaus durch die Kompetenzorientierung noch viel mehr Inhalte gekürzt wurden, ist das Abitur zwar eine Studierberechtigung, aber keine Studierbefähigung mehr.

    *) Ausnahme NRW, wo aus parteipolitischen Gründen Teile des Sek I-Stoffes in die nach wie vor eher inhaltsarme Einführungsphase geschoben, und dafür die Sek I extrem verdichtet wurde.

    • na, da hatten die Mitglieder von Rüttgers-Club die Befürchtung, dass die Absolventen von RS und HS im Profiltyp B den Gymmis zeigen könnten, was ne Harke ist.

      Die Verdichtung in der SekI des GY auf fünf Jahre hat dem Konzept des G8 ja auch den Garaus beschert.

      • Eher Abgrenzung von der verhassten Gesamtschule.

        Andererseits können Sie aber auch recht haben, weil halbwegs klevere, aber faule Schüler am Gymnasium, Sek I bequem mitkommen. Die zwangsläufig fleißigen MSA mit Quali könnten diese Gymnasiasten überholen. Allerdings müsste man deren Eltern fragen, weshalb sie ihre Kinder auf die Real- oder Hauptschule geschickt und damit ein Jahr verschenkt haben.

        • War beabsichtigt – nur da hatte man sich verspekuliert, da die RS- und HS-Abgänger mit dem FOR-Q das 10. Schuljahr nicht wiederholen wollten. Die bezeichnung EF brachte da auch nicht viel weiter. Die mehrzahl der Aufsteiger in die GOSt, die nicht ursprünglich an einem GY gestartet sind, wechseln eher in die GOSten der GeS.

  2. Der Vorschlag eines „Orientierungsjahrs“ an der Uni ist – beschönigend ausgedrückt – nicht durchdacht und sozial höchst ungerecht. Ein Jahr Studium ist nicht gerade billig, also was soll dieser Unsinn?

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