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Ex-Kultusminister Stoch kritisiert Lehrer-Entlassungen vor den Ferien – die er früher selbst praktiziert hat

STUTTGART. Der SPD-Fraktionschef im baden-württembergischen Landtag, Andreas Stoch – selbst ehemaliger Kultusminister des Landes – pocht auf eine Weiterbeschäftigung von befristet angestellten Lehrern in den Ferien. Er kritisierte die Praxis, einen Teil der Lehrer während der Sommerferien zu entlassen, um sie danach wieder einzustellen. Das gab es zwar auch in seiner Amtszeit. Die finanzielle Situation des Landeshaushalts sei aber damals «nicht so rosig» gewesen, wie sie es heute sei, meinte Stoch. Die Jungen Philologen reagieren genervt. Auf eine besondere Konsequenz der Entlassungspraxis weist der VBE hin.

Kritisiert Grün-Schwarz: Baden-Württembergs Ex-Kultusminister Andreas Stoch. Foto: Ra Boe / Wikipedia / Lizenz: Creative Commons CC-by-sa-3.0 de

Kritisiert Grün-Schwarz: Baden-Württembergs Ex-Kultusminister Andreas Stoch. Foto: Ra Boe / Wikipedia / Lizenz: Creative Commons CC-by-sa-3.0 de

Nach Schätzungen der GEW wurden allein in Baden-Württemberg 9.000 Lehrkräfte über die Sommerferien in die Arbeitslosigkeit geschickt. Dabei handelt es sich um befristet eingestellte Lehrkräfte sowie Referendare. Zur der Situation sagte Stoch: „Auf der einen Seite beklagt das Land den Lehrermangel und die Schwierigkeit, Lehrkräfte zu bekommen, auf der anderen Seite hat das Land fünf Milliarden in der Rücklage.“

Bayern schickt fast 2.000 Lehrer über die Ferien in die Arbeitslosigkeit – und klagt im September (wetten?) wieder über Lehrermangel

Nach Angaben von Stoch kostet die Weiterbezahlung der befristet beschäftigten Lehrkräfte rund fünf bis zehn Millionen Euro. «Da ist es eben dann auch eine Frage, ob ich das politisch will.» Offenbar beiße die CDU-Kultusministerin bei der grünen Finanzministerin auf Granit. «Ich halte das gerade für einen Fehler in einer Situation, in der wir dringend jede Lehrkraft brauchen, um Unterrichtsausfall zu vermeiden», sagte der frühere SPD-Kultusminister.

„Skandal erster Klasse“

„Egal, welcher Couleur die jeweilige Landesregierung war und ist, alle haben in der Opposition diese Praxis kritisiert und dann als Regierung anders gehandelt und alles beim Alten belassen“, meint nun Jörg Sobora, Vorsitzender der Jungen Philologen Baden-Württemberg. Hätten in der Vergangenheit noch Haushaltsengpässe als Entschuldigung für diese mangelnde Wertschätzung dienen können, so halten die Jungen Philologen die Beibehaltung „dieser unsäglichen Praxis mittlerweile für einen Skandal erster Klasse“: „In Zeiten überquellender Steuereinnahmen (rund eine Milliarde pro Jahr prognostizierte Mehreinnahmen für den Landeshaushalt) ist es niemandem zu vermitteln, dass eines der reichsten Bundesländer bei dieser Praxis bundesweit weit vorn liegt, was die Zahlen angeht“, betont Sobora. „Es handelt sich also um einen Betrag, der zu schultern wäre, wenn man denn nur wollte“. Dies gelte umso mehr, wenn die Rechnung von Stoch zuträfe, dass „das Land 5 Milliarden in der Rücklage“ hat.

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Die Jungen Philologen halten es „für entwürdigend, wenn junge, motivierte Lehrkräfte am Ende des Schuljahres jedes Jahr aufs Neue das Gefühl vermittelt bekommen, nur Lückenbüßer, ein lästiger Kostenfaktor und eigentlich nicht gewollt zu sein“. Sobora: „Besonders in Zeiten des Lehrkräftemangels, in denen wir ja heute leben, ist es nicht nachvollziehbar, wie das Kultusministerium einerseits ein Lehrergewinnungskonzept auflegt, gleichzeitig aber sehenden Auges zulässt, dass viele hier ausgebildete und befristet beschäftigte Lehrkräfte und bestens ausgebildete Referendare in andere Bundesländer oder gar andere Berufe abwandern.“

Christoph Wolk vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) Südbaden erinnert derweil in einem Gastbeitrag für „Baden online“ daran, dass das Kultusministerium angesichts des krassen Lehrermangels in einem mühsamen Verfahren pensionierte Lehrkräfte angeschrieben hat, um sie für den Schuldienst zurückzugewinnen – und die 400, die sich dazu bereit erklärt hätten, seien mit Beginn der Sommerferien entlassen worden. Wolk: „Jeder muss nun neu gefragt werden, ob er/sie weitermacht.“ Wertschätzung sehe anders aus. Agentur für Bildungsjournalismus / mit Material der dpa

 

 

5 Kommentare

  1. Opposition ist ja so einfach …

  2. Wenn man es noch vor einem Jahr genau so gemacht hat, verliert seine (berechtigte) Kritik ganz klar an Glaubwürdigkeit.

    • Wodurch kommen befristete Lehrerstellen – Vertretungsstellen – überhaupt zustande?

      Zum einen ist da die Verkürzung des Vorbereitungsdienstes in einigen Bundesländern zu nennen. Der Vorbereitungsdienst endet entweder im Mai oder im November, also zu Zeitpunkten, an denen es keine Einstellungen gibt. Durch die Vielzahl von Bedarfen, die durch die Sozialgesetzgebung (Mutterschutz, Kindererziehung, Pflegezeiten und dergl. mehr) werden Vakanzen auf bestehenden Planstellen verursacht.

      Eine Lehrkraft, die in die Erziehungszeit wechselt, hat eine „sichere“ Palnstelle inne, auf die sie nach der erziehungszeit zurückwechselt. In der zwischenzeit muss eine zeitlich befristete Vertrtung gefunden werden. Die vertretungskraft hat Glück, wenn zum Auslaufen ihres Vertrages, ein neuer Vertretungsbedarf entsteht. Dann erhält sie ggf. einen neuen Vertrag. Blöderweise kriegen es die jüngeren Kolleginnen nicht hin, sich wegen ihres Mutterschutzes und des Erziehunsgzeitraumes untereinander abzusprechen. Das würde nämlich die Personalplanunmg erleichtern.

      Und noch etwas, das die meisten Außenstehenden übersehen:
      Lehrkräfte sind nicht an „ihrer“ Schule beschäftigt. Sie sind Bedienstete der Schulabteilung der zuständigen Behörde – Bezirksregierung/(Regional-)Schullamt – und werden von der personalführenden Stelle lediglich den Schulen zugewiesen. Die können aber auch nichts für die amngelverwaltung. Die zahl der Lehrerstellen wird von der jeweiligen Regierung durch das Schulministerium zugewiesen. Schulen mit 100%-iger Stellenzuweisung sind in D leider die Ausnahme, über 100% bleibt daher ein unerfüllter Wunschtraum.
      In der Realität sind Schulen froh, wenn sie zwischen 90% und 93% der erforderlichen Stellen überhaupt besetzen können. Die resultierenden Fehlstellen müssen mit hausinternen Mittel kompensiert werden. Das sind Mehrarbeit, Dauervertrtungen, Streichungen der Sollstundenzahlen, Zusammenlegung von Kursenl etc.

      Es hat Gründe, warum Schulen – Schulleitungen und lehrkräfte – nicht in der Öffentlichkeit über die Abweichungen zwischen Soll- und Istzahlen der Unterrichtsversorgung sprechen dürfen. Der Verrat dieses „Amts-/Betriebsgeheimnisses führt ganz schnell zu weitreichenden disziplinatischen bzw. arbeitsrechtlichen Konsequenzen.

      • Viele Dinge, die sie anführen, sind von Bundesland zu Bundesland verschieden (z.B. der Zeitpunkt für das Ende des Vorbereitungsdienstes).

        Das Lehrer und Schulleitungen nicht öffentlich über den Mangel sprechen dürfen, halte ich für weniger schlimm, weil man es leicht umgehen kann. Man gebe dem Elternbeiratsvorsitzenden einen Tipp und konkrete Zahlen, ganz inoffiziell natürlich, oder man setze – falls möglich – einfach einen anderen Hut auf, z.B. den eines Schulgruppenvorsitzenden (oder wie immer das jeweils heißt) eines Verbands, und schon darf man reden.

        • Das passiert ganz offiziell an weiterführenden Schulen, da ja Eltern- und Schülervertreter in der Schulkonferenz sitzen und dort über die aktuelloe Stellensituation informiert werden. – Nur hebt das nicht deren Verschwiegenheitspflicht auf, da Schulkonferenzen nicht öffentlich tagen.

          Bezüglich der Dauer des Vorbereitungsdienstes schrieb ich ja ausdrücklich in einigen Bundesländern. Die Zahl der Befristungen und den Grund derselben infolge der Sozialgesetzgebung habe ich darüher hinaus ja erwähnt. – Und die ist bundeseinheitlich.

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