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Partnerschaften von Unternehmen schon mit Kitas: Wie Ministerpräsident Ramelow die Duale Ausbildung retten will – ein Interview

ERURT. Deutschland gehen die Azubis aus. In Thüringen etwa ist rund die Hälfte der Stellen noch unbesetzt – dabei startet die Ausbildung in der Regel im August oder September. Nach Meinung von Ministerpräsident Ramelow wurden Fehler in der Vergangenheit gemacht.

"Wir haben eine zu hohe Abbrecherquote": Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow. Foto: DiG / TRIALON / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

„Wir haben eine zu hohe Abbrecherquote“: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow. Foto: DiG / TRIALON / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Sollten Firmen ihre Azubis bereits im Kindergarten anwerben? Wenn es nach Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) geht, können sie nicht früh genug den Kontakt zum Nachwuchs suchen. Ausbildungsstellen müssten auch in der Bezahlung attraktiver werden, sagte Ramelow im Interview. Doch viele Fachkräftestellen würden langfristig nur mit Zuwanderern zu füllen sein. Thüringen könne es sich nicht leisten, als ausländerfeindlich wahrgenommen zu werden. «Wir müssen Zuwanderung systematisch organisieren.»

Was kann man tun, um die klaffende Lücke zwischen Bewerberzahl und Lehrstellen-Angebot zu schließen?

Ramelow: Über lange Jahre hat man in Thüringen aus dem Vollen geschöpft und in einigen Branchen an Ausbildungsvergütung so gut wie nichts bezahlt. Das wirkt sich jetzt langfristig aus. Zur Attraktivität des dualen Ausbildungsbereiches gehört zum Beispiel die Ausbildungsvergütung. Dafür sind die Tarifpartner und Firmen selber verantwortlich. Wenn ich höre, dass in der Gastronomie kaum einer mehr eine Ausbildung machen will, dann sollte man auch vielleicht mal fragen, wie die Arbeitsbedingungen dort sind. Wenn man teilweise zwölf Stunden am Stück eingesetzt wird, wenn die Aussage «Lehrjahre sind keine Herrenjahre» über allem schwebt, dann darf man sich nicht wundern, dass am Ende solche Betriebe keine Auszubildenden mehr kriegen. Am Ende kommt es auch drauf an, wie mit den jungen Menschen umgegangen wird.

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Welchen Part kann die Landesregierung übernehmen?

Ramelow: Es gibt ja auch das Problem, dass berufspraktische Fertigkeiten von jungen Leuten völlig falsch eingeschätzt werden. Wir haben eine zu hohe Abbrecherquote, und zwar im Studium und in der dualen Ausbildung. Ich hoffe, dass unser neuer Bildungsminister einen Schwerpunkt darauf legt, dass man Berufspraktika und Schnuppertage in der Wirtschaft viel früher anlegt. Ich würde mir auch mehr Unternehmen wünschen, die Partnerschaften mit Kindergärten übernehmen. Es wäre besser, wir würden früher Menschen neugierig machen und klarmachen, dass ein Brot, wenn es ordentlich ist, vom Bäcker kommt und dass ein Bäcker morgens um 4.00 Uhr aufsteht, damit man morgens sein frisches Brot essen kann. Dann wird auch deutlich, dass Bäcker ein ehrbares Handwerk ist.

Kann Thüringen mittelfristig mit den Auswirkungen der fehlenden Fachkräfte umgehen?

Ramelow: Wir stehen möglicherweise vor dem größten industriellen Bruch, den unser Land seit 27 Jahren hatte. Das gilt nicht nur für die Automobilindustrie mit dem Trend zur Elektromobilität, sondern auch durch die Digitalisierung wirtschaftlicher Prozesse. Es ist unsere Chance, dass die fehlende Anzahl von Fachkräften zumindest teilweise kompensiert wird durch den technischen Fortschritt und durch steigende Produktivität.

Und abseits der Industrie?

Ramelow: Die Frage der Alterspyramide und der Pflegekräfte ist noch etwas ganz anderes. Dafür brauchen wir engagierte Menschen und die müssen wir anwerben und die werden wir auch ordentlich bezahlen müssen.

Das heißt, Thüringen braucht Zuwanderung aus dem Ausland?

Ramelow: In einem großen Betrieb mit Elektroberufen ist es so, dass Rumänien und Bulgarien zum Anwerbungsgebiet geworden sind. Mit unserem Sozialverband Parität haben wir über Programme geredet, wie vietnamesische Pflegekräfte ausgebildet werden können. Das Universitätsklinikum Jena wirbt direkt und gezielt in Italien an. Wir müssen Zuwanderung systematisch organisieren.

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Aber es gibt kein Zuwanderungsgesetz.

Ramelow: Wir sind als Bundesland nicht der Rechtsgeber für Einwanderungsrecht, aber wir müssen aktiv anwerben. Also wird es auch von der Frage abhängig sein, wie attraktiv machen wir den Standort Thüringen, wie weltoffen ist er und wie ausländerfreundlich stellt sich ein Land dar. Auch diejenigen, die sich an den letzten Wochenenden in Themar versammelt haben und fordern, Deutschland muss schön deutsch bleiben, werden irgendwann das Problem haben, dass sie das Braune vom Hintern abgeputzt bekommen müssen. Auch sie werden Fachkräfte in der Pflege oder in Krankenhäusern schmerzlich vermissen, wenn wir nicht allen ein offenes, neues Zuhause bieten. Wir müssen Zuwanderungsland sein wollen. Das geht nur weltoffen. Interview: Christina Peters, dpa

 

Zur Person

Bodo Ramelow (61) ist seit Dezember 2014 Ministerpräsident Thüringens. Der gebürtige Niedersachse begann nach einem Hauptschulabschluss eine Lehre als Kaufmann im Einzelhandel und machte seine Fachhochschulreife später an einer kaufmännischen Schule. Bis Ende der 1990er war Ramelow als Gewerkschaftsfunktionär aktiv. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. 

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