Startseite ::: Leben ::: Vermeintlicher Unfalltod einer Gaststudentin in Cottbus entpuppt sich womöglich als fremdenfeindlicher Mord – Uni-Präsident sorgt sich ums Image seiner Hochschule

Vermeintlicher Unfalltod einer Gaststudentin in Cottbus entpuppt sich womöglich als fremdenfeindlicher Mord – Uni-Präsident sorgt sich ums Image seiner Hochschule

COTTBUS. Eine ägyptische Studentin wird in Cottbus von einem Auto angefahren und getötet – nach neuesten Erkenntnissen möglicherweise eine Tat mit fremdenfeindlichem Hintergrund. Die ägyptische Partneruniversität zieht daraufhin ihre Studenten aus Cottbus ab. Der Präsident der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU), Jörg Steinbach, spricht laut rbb von einem “unglaublichen Ereignis” – meint damit aber offenbar nicht den möglichen Anschlag, sondern die Reaktion der Ägypter.

Die Austauschstudentin Shaden M. (22) gehörte zur der Gruppe von Studenten der German University in Kairo, die an der BTU in Cottbus einen Teil ihres Studiums absolvieren. Screenshot: Facebook

Die Austauschstudentin Shaden M. (22) gehörte zur der Gruppe von Studenten der German University in Kairo, die an der BTU in Cottbus einen Teil ihres Studiums absolvieren. Screenshot: Facebook

Wenn es stimmt, was Medien berichten, dann könnte sich ein vermeintlicher tragischer Verkehrsunfall möglicherweise als Mordanschlag entpuppen:  Die 22-jährige ägyptische Gaststudentin Shaden M. (22) wurde in der Nacht zum 15. April an einer Cottbusser Straßenbahn-Haltestelle in einer Tempo-30-Zone auf der Straße von einem Auto erfasst. Sie starb wenige Tage später im Krankenhaus. Am Steuer des Wagens: ein 20-Jähriger aus Dresden.

Zeugen zufolge, so berichtete nun der Sender rbb, habe der Wagen vor dem Aufprall beschleunigt – er sei dann mit hoher Geschwindigkeit auf die Studentin zugefahren. Eine Augenzeugin berichtete gegenüber der „Bild“-Zeitung, dass die Insassen des Wagens ausgestiegen seien und unter Gelächter Sätze gesagt hätten wie: „Ja, mir ist klar, dass es bei euch keine Straßen gibt. Aber in Deutschland muss man eben auf die Straße gucken!“  Und: ‚Verpisst euch doch einfach wieder in euer Land, dann werdet ihr auch nicht angefahren – scheiß Asylanten!‘“ Die Polizei, die dann zum vermeintlichen Unfallort kam, habe diese Aussagen ignoriert.

Fremder als andernorts: Ausländische Wissenschaftler in der Pegida-Hochburg Dresden

Die German Universitäy in Kairo habe aus dieser Kombination von Unfall und Verhöhnung des Opfers geschlussfolgert, dass Cottbus für Ausländer ein unsicherer Ort zum Leben sei, sagte nun Uni-Präsident Steinbach gegenüber dem rbb. Deshalb seien die elf betroffenen ägyptischen Studenten unter Druck gesetzt worden, nach Berlin umzuziehen.

Durch diese Entscheidung,  erklärte Steinbach allen Ernstes gegenüber dem Sender, werde der Studienerfolg infrage gestellt. Die Studenten könnten nicht mehr in dem Maße betreut werden und seien ohnehin durch den Tod ihrer Kommilitonin einer hohen psychischen Belastung ausgesetzt. Um einen „Imageschaden von der BTU“  abzuwenden, habe die Uni mit allen anderen Partnereinrichtungen, vor allem in Ägypten, Kontakt aufgenommen und die Situation erklärt. Laut Steinbach haben die angeschriebenen Universitäten der Cottbuser BTU vollständig ihr Vertrauen ausgesprochen. Man habe die German University, die ihre Studenten aus Cottbus abgezogen hat, „soweit isoliert“, sagte Steinbach, „dass es keinen weiteren Schaden für die BTU Cottbus Senftenberg“ geben werde.

Keinen „weiteren Schaden“ für die BTU Cottbus? Dafür sollte sich Steinbach vielleicht an die örtliche Polizei wenden. Immer wieder steht Cottbus wegen rechtsradikaler Umtriebe im Fokus. Erst im Januar seien rund 140 Neonazis mit Fackeln und Hass-Parolen durch die Innenstadt gezogen, berichtet „Bild“ – „unbehelligt von der überraschten Polizei“. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

5 Kommentare

  1. Bernhard Färber

    Schrecklicher Vorfall! Man kann nur hoffen, dass der Sachverhalt schnell aufgeklärt wird.

    Ich wäre aber nicht so vorschnell, wie in dem Artikel unter Bezug auf die Bildzeitung geschehen, der örtlichen Polizei gleich zu unterstellen, sie sei auf dem rechten Auge blind und ignoriere Zeugenaussagen.
    Dazu müsste man schon mehr Informationsquellen haben und auswerten.
    Wer Fakenews zu Recht bekämpft, muss auch an seine eigene Berichterstattung hohe Maßstäbe anlegen.

    • Sehr geehrter Herr Färber,

      wir unterstellen nicht – wir werfen Fragen auf. Zum Verhalten der Polizei im aktuellen Fall gibt es, wie korrekt geschildert, einen Medienbericht unter Berufung auf Augenzeugen. Den Aufmarsch im Januar zum Beispiel hat es unbestreitbar gegeben, ohne dass die Sicherheitsbehörden eingegriffen hätten. Hier ein Bericht aus dem Tagesspiegel dazu: http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/1148120/

      Wir haben mit keiner Zeile geschrieben, dass die Polizei auf dem “rechten Auge blind” sei – kann ja auch sein, dass sie unterbesetzt ist. Oder dass es sich um eine einmalige Panne gehandelt hat. Was uns als Bildungsmagazin allerdings thematisch näherliegt, ist die Frage, wieso ein Uni-Präsident sich offenbar nicht so sehr um rechtsradikale Umtriebe in seiner Stadt und die Folgen für seine Uni sorgt als über nachvollziehbare Reaktionen aus dem Ausland. Würde er sein Kind in einer ausländischen Stadt studieren lassen, in der augenscheinlich gewaltbereite Fremdenfeinde – wenn auch nur zeitweilig – das Regiment übernehmen? Wohl kaum.

      Insofern entsteht durch solche Umtriebe und den aktuellen Verdachtsfall ein massiver Schaden für den Wissenschafts- und Hochschulstandort (Ost-)Deutschland. Das ist unser Thema.

      Mit freundlichem Gruß
      Die Redaktion

      • Bernhard Färber

        Soeben hat die BZ in Berlin über die Stellungnahme der zuständigen Staatsanwaltschaft berichtet:

        “Die Staatsanwaltschaft Cottbus kennt den Zeugen, der angab, dass das Auto schnell gefahren sei, nicht. „Wir wurden von diesen Aussagen überrascht und sind sehr interessiert, mit diesem Zeugen zu sprechen“, sagt Oberstaatsanwalt Horst Nothbaum der B.Z. Die Staatsanwaltschaft will den RBB nun bitten, ihnen diesen Zeugen zu benennen.
        30 Zeugen seien bisher vernommen worden, die den Sachverhalt in ihren Aussagen nicht so darstellen, sagt Nothbaum. Keiner habe ausgesagt, dass der Wagen so schnell gefahren sei. „Ein DEKRA-Gutachten hat außerdem ergeben, dass der Fahrer etwa 50km/h gefahren ist“, sagt der Oberstaatsanwalt.

        Keine Beweise für Absicht

        Das ist immer noch zu schnell, denn an der Unfallstelle ist ein Tempolimit von 30 km/h. Laut des Gutachtens sei der Unfall nur vermeidbar gewesen, wenn der Autofahrer 18km/h gefahren wäre. Selbst bei 30km/h, wäre es zu dem Zusammenstoß gekommen, so Nothbaum.
        Mit Hilfe eines Rechtsmedizinischen Gutachtens werde jetzt geprüft, ob der Unfall bei einer Geschwindigkeit von 30 km/h auch zum Tod der Frau geführt hätte. „Bisher gibt es keine Anhaltspunkte, dass der Fahrer bewusst auf das Opfer zugefahren ist“, sagt der Oberstaatsanwalt.

        Keine fremdenfeindlichen Parolen?

        Des Weiteren hätten die meisten Zeugen auch keine fremdenfeindlichen Äußerungen gehört. Wenn sie etwa gehört haben, seien diese Aussagen nicht zuzuordnen gewesen oder die Äußerungen waren nicht strafbar.”

        Ich weiß natürlich auch nicht, wie der Vorfall abgelaufen ist, aber wenn 30 Zeugen etwas anders darstellen als einer, dann relativiert das den BILD-Artikel und den RBB-Bericht, denen News4teachers weitgehend gefolgt ist.

        • Sehr geehrter Herr Färber,

          Sie sind kein Richter und wir sind auch keine – und an keiner Stelle des Berichtes heißt es: Es war so. Wir schreiben von “möglicherweise” und von Zeugen, die entsprechendes laut Medienberichten angeben. Die Sachverhalte sind korrekt wiedergegeben.

          Für die Reaktion des Uni-Präsidenten haben wir unabhängig vom Ausgang der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen (über deren Ergebnis wir natürlich berichten werden) kein Verständnis.

          Mit freundlichem Gruß
          Die Redaktion

  2. “nach neuesten Erkenntnissen möglicherweise eine Tat mit fremdenfeindlichem Hintergrund”

    Nein, diese Vermutungen gab es bereits im April (siehe RBB u.a.).

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