Startseite ::: Nachrichten ::: Ein Prozess, der betroffen macht. Mutter ließ ihren Sohn verhungern – und beteuert vor Gericht: Habe meine Kinder geliebt

Ein Prozess, der betroffen macht. Mutter ließ ihren Sohn verhungern – und beteuert vor Gericht: Habe meine Kinder geliebt

ARNSBERG. Als der zwei Jahre alte Anakin verhungerte, wog er nur noch gut sechs Kilogramm. Seine kleine Schwester war lebensgefährlich abgemagert. Die zehnfache Mutter will die Zeichen nicht erkannt haben. Auch das Jugendamt schaute nicht hin.

Eine zehnfache Mutter ließ eines ihrer Kinder verhungern. War sie überfordert? Foto: Florentine / pixelio.de

Eine zehnfache Mutter ließ eines ihrer Kinder verhungern. War sie überfordert? Foto: Florentine / pixelio.de

Die Mutter spricht mit tränenerstickter Stimme, als sie sich in ihrer Aussage vor Gericht an den Tod ihres kleinen Sohnes Anakin erinnert. Der Zweijährige wog am Ende nur noch wenig über sechs Kilogramm. Er war völlig unterernährt, abgemagert bis auf die Knochen und dehydriert. Seine neun Monate alte Schwester hatte noch Glück. Als die Mutter sie einen Tag vorher im Februar 2014 zum Arzt brachte, rief der Mediziner einen Krankenwagen und schickte sie direkt in die Kinderklinik.

Die neun Monate alte Tochter konnte gerettet werden. Für Anakin kam die Hilfe zu spät, als ihn die Mutter am nächsten Tag ins Krankenhaus brachte, weil der Junge nörgelig war und sein Essen ausspuckte.

Im Prozess am Landgericht Arnsberg weist die Mutter von neun noch lebenden Kindern am Mittwoch den Vorwurf des Vorsatzes zurück. Ihr sei zu keinem Zeitpunkt bewusst gewesen, dass etwas passieren könne, sagt die 40-Jährige beim Prozessauftakt. «Ich liebe meine Kinder», fügt sie hinzu. Als sie später die Bilder von ihren beiden kleinen Kindern gesehen habe, habe sie sich selbst erschrocken. «Ich hätte niemals meinen Kindern etwas angetan. Ich werde mir mein Leben lang Vorwürfe machen deswegen», sagt die schmale Frau mit gesenktem Kopf im Prozess.

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Anakin sei schon immer ein zierliches Kind gewesen. Er habe aber gegessen, keine Riesenportionen, aber auch nicht wenig, beteuert die Mutter. Sie zählt zunächst alles auf, was seit ihrer Jugend passiert ist. Gymnasium und Lehre abgebrochen, schwanger geworden in ihrer Heimat Niedersachsen, mit dem Vater des Kindes zusammengeblieben. Er habe sich später geändert, sei aggressiv und gewalttätig geworden, vor allem gegenüber den Kindern, sagt sie. Nach dem Umzug nach Sachsen sei der Älteste zum Jugendamt gelaufen und habe erklärt, er werde nicht zurück in die Wohnung mit dem Papa gehen. Er kam in eine Wohngruppe.

Die Mutter trennte sich vom neunfachen Vater und zog nach Winterberg im Hochsauerland. Das Jugendamt in Sachsen gab noch einen Hinweis an die Kollegen in Richtung Unterernährung. Die älteren Kinder gingen in die Schule. Für die Mittleren gab es keine Kitaplätze. Sie wurden zeitweise bei einer Tagesmutter betreut. Anakin und die Jüngste blieben zuhause.

Die Kinder hätten alle normal gegessen, sagt die Mutter. «Es gab Brei, Obst, Gemüse oder Brote. Mittags hätten die Kleinen auch richtiges Mittagessen bekommen, bei Anakin püriert, weil er Stücke ausspuckte.»

Am letzten Tag im Februar 2014 hatte er alles ausgespuckt, wollte nichts mehr essen und war nörgelig. Nörgelig wie schon am Tag zuvor. «Am Samstag hatte er noch gespielt. Er hatte kein Fieber», rechtfertigt sich die Mutter. Am Montag habe sie aber vor dem Hintergrund der Tochter Angst bekommen und sei mit Anakin ins Krankenhaus gefahren. Da war es aber zu spät.

Die Tochter war sogar noch zwei Monate vorher beim Kinderarzt, wie die Mutter sagt. Sie habe einen wunden Po gehabt und schlecht gegessen. Der Arzt habe nichts besonderes am Körperbau gesehen, sagt die 40-Jährige.

Im Frühjahr war noch eine Mitarbeiterin des Jugendamtes wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Das Gericht gab ihr eine Mitschuld, weil sie bei den Kindern nicht genau genug hingeschaut habe. In dem Fall kommt es noch zu einer Berufungsverhandlung.

Im Fall der Mutter wies das Gericht zum Verhandlungsbeginn sogar darauf hin, dass auch noch andere Straftatbestände in Betracht kämen: unter anderem Misshandlung von Schutzbefohlenen, gefährliche Körperverletzung oder Quälen durch Unterlassen.

Die kleine Tochter lebt inzwischen in einer Pflegefamilie. Die Mutter hat inzwischen mit einem anderen Mann ein weiteres Kind bekommen. Von Wolfgang Dahlmann, dpa

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